Druckversion/PDF

Andreas Urban


Wider die Sterilisierung des Lebens
Corona-Kritik von links



Besprechung von:
Der Erreger #2, Juni 2022, magazinredaktion.tk

 



Zu den merkwürdigsten und traurigsten (wenn auch rückblickend betrachtet nur bedingt überraschenden) Phänomenen im Zusammenhang mit der sogenannten Corona-Krise gehört der praktische Totalausfall der Linken als einer gesellschaftskritischen Kraft. „Anstatt die Pandemie“, so fasste Gerd Bedszent (2021) das Verhalten des größten Teils der Linken während der Corona-Krise prägnant zusammen, „samt den wirren und zunehmend autoritären Restriktionen einer überforderten Bürokratie sowie die zum Teil abstrusen Reaktionen von Teilen der Bevölkerung als Erscheinungsformen der gesamtkapitalistischen Krise zu begreifen, werden die Vorgänge als Bedrohung demokratischer Verhältnisse gedeutet. Ein Verkriechen unter die Fittiche eines sich immer autoritärer gebärdenden Apparates ist die logische Folge. Von diesem Teil dieser Linken werden daher in geradezu absurder Ergebenheit auch die unsinnigsten Weisungen des bürokratischen Apparates wortgetreu umgesetzt.“


Die Unterwerfung unter den autoritären Maßnahmenstaat trieb sodann auch unter den Linken, gleich dem Mainstream, zutiefst autoritäre Züge hervor, die in der pauschalen Denunziation jeglicher Kritik am Maßnahmenregime als „rechts“ und „Verschwörungstheorie“ Gestalt annahmen, bis hin zur offenen Hetze gegen Personen, die von ihrem guten Recht Gebrauch machten, von einer Impfung mit den neuartigen, in kürzester Zeit auf den Markt geworfenen genetischen Impfstoffen Abstand zu nehmen. Die ans Faschistoide grenzenden Umtriebe der Antifa, die Maßnahmenkritiker/innen und „Impfverweigerern“ damit drohte, sie zu internieren und „durchzuimpfen“, bildeten hier nur die Spitze des Eisbergs. Die Tabuisierung und Diffamierung von Kritik reichte sogar – und das war vielleicht eher überraschend, auf seine Art aber freilich noch bezeichnender als der autoritäre Konformismus der „Rest-Linken“ – bis weit in wertkritische Kontexte hinein (siehe hierzu meine Aufarbeitung der wert-abspaltungskritischen Corona-Debatte, Urban 2022a).


Soweit sich von linker Seite Kritik regte, beschränkte sich diese zumeist darauf, die seit Jahrzehnten betriebene neoliberale Zerschlagung des Gesundheitswesens als wesentliche Ursache für die während der Pandemie ständig beschworene und als Legitimation für die Verhängung restriktiver Maßnahmen herangezogene Überlastung von Krankenhäusern und Intensivstationen zu problematisieren, auf soziale Ungleichheiten in der Betroffenheit durch die Folgen der Lockdown-Politik hinzuweisen oder eine global ungerechte Verteilung der Corona-Impfstoffe zu beanstanden.[1] Dass einige dieser Kritikpunkte alles andere als unzutreffend und, ganz im Gegenteil, notwendiger Bestandteil einer gesellschaftskritischen (linken) Perspektive auf die Corona-Krise und ihre Folgen sind, ist nicht zu bestreiten. Eine grundsätzliche und radikale Kritik am Corona-Regime sowie ein Versuch, die Ereignisse seit März 2020 in größere gesellschaftliche Zusammenhänge einzuordnen, ist damit allerdings noch nicht geleistet. Und derartige Versuche blieben bis heute auch eine rare Ausnahme.


Eine dieser Ausnahmen stellt die inzwischen in zwei Ausgaben vorliegende Broschüre mit dem Titel Der Erreger dar. Dabei handelt es sich um das Organ eines – laut Selbstbeschreibung – „buntscheckigen Haufens“ (S. 2), der sich im Zuge der Corona-bedingten Zerwürfnisse und Spaltungstendenzen innerhalb der Linken zu einem losen Diskussions- und Publikationszusammenhang gefunden hat. (Eine Erfahrung, die auch vielen anderen nicht ganz fremd sein dürfte.[2]) Dieser Buntscheckigkeit entspricht auch eine relative Vielfalt an Perspektiven, die anarchistische Positionen ebenso umfasst wie solche aus dem antideutschen Spektrum. Divers sind die zusammengetragenen Texte auch in formaler Hinsicht: Neben analytischen Beiträgen mit mehr oder weniger explizitem theoretischen Anspruch stehen Texte mit eher agitatorischen Intentionen. Inhaltlich reichen die Beiträge von einer Analyse und Kritik des Corona-Maßnahmenstaates über thesenhafte Überlegungen zu den gesellschaftlichen und politisch-ökonomischen Voraussetzungen, Ursachen und Hintergründen der Corona-Krise bis hin zu allgemeineren wissenschafts- und medizinkritischen Erörterungen. Was alle Beiträge eint, ist die radikale Kritik nicht nur der Corona-Politik, sondern bereits der „Pandemie“ als solcher. So wird bereits im Editorial unmissverständlich festgehalten:


„Will man überhaupt etwas von der Welt verstehen, die einen umgibt, muss man die weltweit erfolgreich fingierte Pandemie in aller Deutlichkeit sehen, wie man es von Minute eins bereits konnte. Dies ist zweifellos die erste tödliche Epidemie, von deren Existenz die Leute überzeugt werden müssen. Jedes Ausweichen vor dieser grundlegenden Einsicht, jedes ‚Die Pandemie ist real, der Staat hat bloß überreagiert‘ verdrängt, mit welcher brutalen Systematik sich der weltweite Schlag bis heute geltend macht. Das kompromisslose Zurückweisen jeder ‚Rest-Rationalität‘ des ‚Pandemie-Narrativs‘ ist aber nur das Nadelöhr, durch das eine jede politische Analyse heute gehen muss. […] ‚Covid-Kritik‘ betreiben wir nur, wenn damit gemeint ist, sich nicht der dumpfen Illusion hinzugeben, in der Verfasstheit der gesellschaftlichen Verhältnisse würde sich gerade nichts fundamental verschieben.“ (S. 1, Herv. im Orig.)


Die meisten Linken (vom Mainstream ganz zu schweigen) schreien bei solchen Sätzen heute reflexhaft „Verschwörungstheorie!“ – und in der Tat ließe sich darüber streiten, ob und wieviel des konkreten Verlaufs der „Pandemie“ auf ein planmäßiges Vorgehen bestimmter gesellschaftlicher Akteure zurückzuführen ist, und ob z.B. eine gesellschaftliche bzw. staatliche „Überreaktion“ auf ein tatsächlich existierendes, aber in seiner Gefährlichkeit maßlos überschätztes Virus kategorisch auszuschließen ist. Dass das „Pandemie-Narrativ“ auf fragwürdigen und zum Teil wohl auch vorsätzlich manipulierten (Daten-)Grundlagen beruht und sich im Kontext von Corona nicht zuletzt politische und ökonomische Kalküle und Interessen geltend machen (z.B. Digitalisierung, technologische Aufrüstung von Systemen der Bevölkerungskontrolle und -überwachung im Rahmen der kapitalistischen Krisenverwaltung, Verwertungsinteressen der Pharmaindustrie etc.), ist kaum von der Hand zu weisen. Ebenso wenig zu übersehen waren in verschiedenen Stadien der „Pandemie“ aber auch vielfältige Erscheinungsformen von Irrationalität und Inkompetenz – in Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Medien ebenso wie in der durch eine Panik verbreitende mediale und politische Kommunikation verängstigten Bevölkerung insgesamt (siehe dazu die auf dieser Website versammelten Thesen in Urban/Uhnrast 2022a & 2022b). Einiges spricht dafür, dass wir es durchaus nicht mit einer in jeder Hinsicht kalkulierten und „fingierten“ Pandemie zu tun haben, sondern mit einer recht „widersprüchlichen Gemengelage, die bewirkte, dass ein zunächst als unverhältnismäßige Reaktion auf ein grippeähnliches Atemwegsvirus beginnendes Pandemiemanagement eine unheilvolle Eigendynamik annehmen“ und in weiterer Folge „eine Reihe von parasitären politökonomischen sowie sozialpsychologischen Sekundärprozessen auslösen konnte – Prozesse, die heute in einer drastischen Verschärfung der kapitalistischen Krisendynamik und deren Verwaltung durch ein zunehmend autoritär und totalitär agierendes Geflecht von Staatsapparaten, NGOs und Massenmedien kulminieren“ (Urban & Uhnrast 2022a).


Der radikale, das vorherrschende „Pandemie-Narrativ“ grundsätzlich hinterfragende Zugang des Erregers, der sich, wie gesagt, auch von den eher kritischeren Teilen der linken Corona-Publizistik abhebt, legt es nahe, sich mit der Publikation etwas genauer zu befassen. Zur Besprechung gelangt dabei ausschließlich das aktuelle, im Juni 2022 erschienene zweite Heft. Besprochen werden soll auch nicht der Band in seiner Gesamtheit, sondern lediglich einige ausgewählte Beiträge aus dem sowohl inhaltlich als auch formal sehr breiten Spektrum der Publikation, wobei der Fokus auf solche Beiträge gelegt wird, die nicht zuletzt vor dem Hintergrund der auf dieser Website betriebenen Diskussion und Theoriebildung zum Thema besonders relevant und/oder anschlussfähig erscheinen[3] oder zum Teil auch Aspekte in den Fokus rücken, die dabei bisher nicht oder nur peripher behandelt wurden und einer näheren Betrachtung würdig sind. Dies betrifft vor allem sozial- und massenpsychologische Dimensionen, die sich während der Corona-Krise unübersehbar entfaltenden totalitären Tendenzen, das Aufgehen der Linken im autoritären Corona-Staat, aber auch manche Parallelen zwischen Corona und dem sich aktuell weiter zuspitzenden Ukraine-Krieg, insbesondere im Hinblick auf die zunehmend grotesken und autodestruktiven Reaktionen im Westen.


Nicht systematisch diskutiert werden durchaus bestehende grundsätzliche Differenzen zur wertkritischen Theoriebildung an sich. Denn – so viel sei an dieser Stelle festgehalten – beim Erreger handelt es sich freilich um keine wertkritische Publikation. Die Beiträge erreichen daher häufig nicht das Abstraktionsniveau, das aus wertkritischer Perspektive geltend zu machen wäre, etwa was die gesellschaftstheoretische Einordnung der Corona-Krise in den Kontext der finalen Krise des warenproduzierenden Systems betrifft. Zu einem großen Teil verbleiben die Erklärungsversuche auf dem ausgetretenen Terrain einer traditionsmarxistisch grundierten Neoliberalismuskritik (so ist etwa in dem noch zu besprechenden Beitrag von Elena Louisa Lange von einer „Restauration neoliberaler Eliten“ [S. 10] die Rede). Sofern auch im weiteren Sinne krisentheoretische Dimensionen eine Rolle spielen, bleiben die entsprechenden Bezüge zumeist eher oberflächlich, ohne systematische Berücksichtigung von Krise der Arbeit und Entwertung des Werts. Das mindert aber nicht zwangsläufig die Triftigkeit der Kritik am staatlichen Corona-Regime und ebenso wenig die Qualität der Analyse diverser gesellschaftlicher Vorgänge während der Corona-Krise auf phänomenologischer Ebene. Und nicht zuletzt – daran sei hier nochmals erinnert – wird in vielen Beiträgen immerhin der Versuch unternommen, sich auf die Geschehnisse der vergangenen zweieinhalb Jahre einen Reim zu machen und das Corona-Regime teilweise auch auf kritisch-gesellschaftstheoretische Begriffe zu bringen – ein Bemühen, das man dem größten Teil der Wert- bzw. Wert-Abspaltungskritik während der „Pandemie“ nicht gerade attestieren konnte.



Masse, Wahn, Corona


Die gesellschaftliche und politische Reaktion auf Corona hat speziell in den westlichen Industriestaaten Formen angenommen, die sich im Grunde nur mit Begriffen wie „Massenhysterie“, wenn nicht sogar „Massenpsychose“ zureichend beschreiben lassen. Bis heute halten sich, gegen alle wissenschaftliche Evidenz, Vorstellungen von Corona als einem „Killervirus“[4] und einer „Jahrhundertseuche“. Und die sogenannten „Maßnahmen“, von Lockdowns über Masken bis hin zum Impfen, scheinen – so hier nicht überhaupt Vergleiche mit Ritualen und Zwangshandlungen von Neurotikern geboten sind – eher einer magischen Sphäre anzugehören, insofern sie offenbar die Funktion von Kultgegenständen oder Talismanen erfüllen, von denen eine besondere, metaphysische Schutzwirkung ausgeht: Geht das Infektionsgeschehen zurück, waren es die Lockdowns (bzw. umgekehrt: sinkt es nicht, waren die Lockdowns nicht restriktiv genug), und verläuft ein „Impfdurchbruch“ einigermaßen milde, muss das trotzdem der hohen Wirksamkeit der Impfung geschuldet sein. Logik ist abgelöst durch Glauben, beruhend auf einem psychotischen Wahnsystem, das ungeachtet aller „Kollateralschäden“ des eigenen Handelns die Verhinderung jeder einzelnen Infektion selbst dann noch als oberste Priorität setzt, wenn sich dieses Ziel als unerreichbar erweist und darüber hinaus die Pathogenität des Erregers sich längst nur noch im Bereich eines banalen grippalen Infekts bewegt.


Auch der „Volkskörper“ erlebte während der „Pandemie“ eine eindrucksvolle Renaissance, die nicht zuletzt mit einer entsprechenden Militarisierung der Sprache einherging: Macron sprach vom „Krieg gegen das Virus“[5], die mRNA-Impfstoffe wurden als „Wunderwaffe“ im Kampf gegen Corona gerahmt[6] und Medien berichteten regelmäßig von der „Impffront“, wenn es um den Fortschritt der Impfkampagnen ging.[7]


Diesen massenpsychologischen Dimensionen des „Coronismus“ und der quasi-militärischen „Mobilmachung“ der Bevölkerung für den „Krieg gegen Corona“ widmet sich der Beitrag Masse, Wahn, Corona von Leo Krovich. Er stellt dabei u.a. Bezüge zu Ernst Jüngers Essay über die „totale Mobilmachung“ her, um die militärische Logik zu dechiffrieren, die sich im Kampf gegen das Virus entfaltete:


„Die Staatsbürger hatten sich als Soldaten zu verhalten, denen Durchhalteparolen zum gemeinsamen Darben den Korpsgeist stärkte, denn dekadente Schwächlinge kann der Staat im Viruskampf nicht gebrauchen.[8] Um den alles durchdringenden Existenzkrieg gegen das Unsichtbare loszubrechen, ist die gut bewährte ‚Rüstung bis ins innerste Mark, bis in den feinsten Lebensnerv erforderlich. Sie zu verwirklichen, ist die Aufgabe der totalen Mobilmachung, eines Aktes, durch den das weit verzweigte und vielfach geäderte Stromnetz des modernen Lebens durch einen einzigen Griff am Schaltbrett dem großen Strom der kriegerischen Energie zugeleitet wird.‘“ (S. 16)


Die „Architektur des Ausnahmezustandes“ (ebd.) werde im Krieg gegen Corona durch politisch und medial inszenierte Angstkampagnen gebildet. In Deutschland ist in diesem Zusammenhang vor allem das sogenannte „Panikpapier“ aus dem Bundesinnenministerium von März 2020 (BMI 2020) bekannt geworden, das auf der Grundlage abenteuerlicher Modellierungen ein Katastrophenszenario entwirft und ausdrücklich den Einsatz von Angst als Strategie zur Kontrolle und Steuerung der Bevölkerung empfiehlt:


„Abseits aller Wahrscheinlichkeit ist ein Worst-Case-Szenario (eine Million Tote in Deutschland allein 2020) als neue Wirklichkeit zu implementierten, die durch Massentests, Social Distancing und Masken erschaffen und gestützt wird. Indem sie das Unsichtbare lesbar macht, soll eine mit ‚allen Bürgern geteilte Beobachtung‘ entstehen. ‚Wir brauchen ein Zusammenkommen und Wirken von allen Kräften in der Gesellschaft. Dann werden wir die Gefahr noch abwenden.‘ Die Seuchenpolitik rüstete sich in dem Papier bekanntlich mit den perfidesten Paniknarrativen, wonach Kindern erzählt werden sollte, sie seien potenziell dafür verantwortlich, wenn ihre Eltern [und Großeltern, A.U.] qualvoll vor ihren Augen erstickend dahinsiechen[.] (S. 16f.)


Auch die berühmten „Bilder aus Bergamo“, die zur Chiffre für die Corona-Pandemie avancierten – und von denen inzwischen bekannt ist, wie irreführend diese angesichts der Umstände ihres Zustandekommens waren[9] – stellten ein bevorzugtes Mittel dar, um das Pandemienarrativ zu etablieren und eine Atmosphäre der Angst zu erzeugen, die dazu diente, die Reihen im Kampf gegen den unsichtbaren äußeren Feind zu schließen.


Allerdings, so Krovich, beruhte der Corona-Ausnahmezustand, entgegen dem ersten Augenschein, mitnichten auf Panik, zumindest nicht auf einer Panik im herkömmlichen Sinne. Er argumentiert massenpsychologisch mit Freud, für den Panik gerade „die Zersetzung der Masse bedeutet, sie hat das Aufhören aller Rücksichten zur Folge, welche sonst die einzelnen der Masse füreinander zeigen“ (Freud, zit. nach Krovich,
S. 17). In der Tat war von Panik, abgesehen vielleicht von Klopapier- und Nudel-Hamsterkäufen unmittelbar vor den ersten Lockdowns, selbst in der Anfangszeit der „Pandemie“ recht wenig zu sehen. Eher im Gegenteil:


„Parzelliert saß man mit vielen mittelmäßigen Plänen zum Füllen der Schließzeit zuhause und wartete auf neue Befehle. Mögen einige seitdem nicht mehr ans Tageslicht getreten sein, hat sich der Rest mit Masken und Distanz schnell im Alltag gegen den tödlichen Feind eingerichtet. Die Panik musste ausfallen, denn die Menschen waren keine Zeugen einer Katastrophe geworden, die man in der Presse mit dem Wirbel der Graphen und sich überschlagenden Zahlen virtuell formen wollte. Nirgends stapelten sich die Massen der Virusopfer – außer in den ständig herumgereichten Bildern aus Bergamo. […] Unter die Menschen sprang das Virus somit nicht wie Pan unter die arkadischen Hirten und ihre Herden, denn wenn blanke Todesfurcht regiert, gehorcht niemand mehr der Autorität. Die Coronamasse formierte sich in Umkehrung zu Freuds Heeresmasse gerade durch die Panik, aber eben einer bestimmten, eher abstrakten Panik, die nicht ausschlagen durfte, die nicht komplett blind losbrechen durfte; Panik, die paradoxerweise hörig macht. […] Sie ist vielmehr eine subtile Angst, aber nur oberflächlich vor Ansteckung und Krankheit, an die sie sich vorübergehend kettet, bis ein neues Objekt sich anbietet. Die Bindungen in der Coronamasse sind gelöst von den leiblichen Bindungen und zugleich bilden sich neue über das Angstnarrativ. Es dient als virtueller Gemeinplatz, während die realen verschwinden.“ (S. 17f.)


Es ist also nicht Panik, noch nicht einmal unmittelbar die Angst vor Corona, die die Corona-Masse zusammenschweißt, sondern ein viel allgemeinerer, tiefsitzender, diffuser Angstzustand, der mit Corona lediglich ein Objekt bekommt, auf das diese Ängste projiziert werden können. Krovich bezieht sich im Weiteren auf den belgischen Psychologen Mattias Desmet, der im Corona-Ausnahmezustand „die Vorhut eines totalitären Systems [sieht], dessen Kern sich als Massenpsychose formiere, aber ohne, dass jeder einzelne davon affiziert sein muss, vielmehr genüge eine schlagkräftige Wahngemeinschaft von einem Drittel der Gesellschaft“ (S. 18). Desmet spricht in diesem Zusammenhang von „mass formation“[10], für die er mit Blick auf den Corona-Wahn vier Grundvoraussetzungen ausmacht: 1) Verlust sozialer Bindungen, 2) fehlender Sinn im Leben, 3) frei flottierende Angst (die sich dann an ein Objekt wie das Coronavirus heften kann) sowie 4) eine daran geknüpfte latente Frustration und Aggression.


An dieser Stelle bestehen deutliche Überschneidungen zu den auf dieser Homepage entwickelten Thesen zur Corona-Krise: Wir haben argumentiert, dass die gesellschaftliche und politische Reaktion auf Corona insbesondere im Kontext der finalen Krise des Kapitalismus zu sehen ist, die nicht zuletzt eine Krise der modernen Subjektform impliziert. Corona trifft dabei auf psychisch weitgehend destabilisierte Subjekte, deren Nerven vor dem Hintergrund der immer drängenderen Krisenprozesse (Finanz- und Wirtschaftskrisen, Massenarbeitslosigkeit, Klimawandel etc.) inzwischen blank liegen. Die „Pandemie” fungiert vor diesem Hintergrund gewissermaßen als Projektionsfläche für krisenbedingte Abstiegs- und Zukunftsängste – dies vor allem in den Mittelschichten sowie in linksliberalen Milieus. Diese Zukunftsängste amalgamieren sich wiederum mit einem fortschreitenden, u.a. durch postmodernes Denken verstärkten Realitätsverlust sowie identitären Bedürfnissen der durch und durch individualisierten, völlig auf sich selbst zurückgeworfenen und entsprechend bindungslosen Krisensubjekte, denen Corona ebenfalls ein geeignetes Gefäß bietet und die sich nicht zufällig besonders an die „Maßnahmen” und deren Einhaltung heften. „Endlich sind ‚wir’ ein (pseudo)solidarisches Kollektiv, das gemeinsam gegen eine globale Bedrohung kämpft, und die Teilhabe am Kollektiv kann darüber hinaus sehr leicht nach außen hin demonstriert, quasi veräußerlicht werden, etwa durch das Maskentragen oder mittlerweile durch das Impfen.” (Urban & Uhnrast 2022b) Die eigene Angst und existentielle Verunsicherung soll durch Einhaltung klarer und strenger Corona-Regeln abgewehrt werden, stellvertretend für die vielen anderen Krisen, bei denen dies nicht möglich ist. Anders als z.B. gegen den Klimawandel, der systemimmanent nicht zu bewältigen ist, kann man bei Corona „endlich etwas tun”. Die Unverhältnismäßig- und Nutzlosigkeit, oftmals auch Schwachsinnigkeit und nicht selten Schädlichkeit der Maßnahmen ficht die mobilisierten „Corona-Krieger” schon deshalb nicht an, weil der Nutzen der Maßnahmen gar nicht primär auf der Ebene der effektiven Virusbekämpfung liegt, sondern in der identitätsstiftenden Kraft, die das Kollektiv als solches bietet. Das Corona-Kollektiv erlaubt es den Einzelnen, „sich endlich als genau das zu beweisen, was sie nicht sind: kontrolliert, handlungsfähig und ‚solidarisch’“ (ebd.).


Ganz in diesem Sinne hält auch Krovich fest:


„Seit zwei Jahren bietet das Virusnarrativ die Entladung aggressiver Triebe durch Enthemmung, partielle Linderung von Angstsymptomen und neue soziale Bindungen an, auf die sich eine spontan bildende Masse stützen kann. Die Massenmobilisation des Staates und die dabei verwendeten Instrumente kamen dieser weit verbreiteten psychischen Konstitution und ihren Bedürfnissen entgegen, ja befeuerte sie. Sie gab der freischwebenden inneren Konstitution der postidiologischen [sic] Subjekte eine neue Struktur, die aber nicht unbedingt stabiler ist.“ (S. 19)


Die postmoderne Vereinzelung scheint dabei paradoxerweise der Mobilisierung der Corona-Masse sogar noch in die Hände zu spielen bzw. ein wesentlicher Transmissionsriemen für ihre Massenformierung zu sein.[11] Jedenfalls aber vollzieht sich der Modus der permanenten Mobilmachung „als am Punkt ihres Zerfalls gehaltenen Masse“ (ebd.):


„Die Einzelnen dieser Masse sind aufgescheucht, im Begriff ohne Rücksicht auf Verluste auseinander zu stieben, werden aber gleichzeitig vom Staatspersonal durch das Solidaritätsgebot zurückgehalten und moralisch auf Asozialität verpflichtet, die es Rücksicht nennt. Der Terror des Maßnahmenregimes braucht die Einzelnen zugleich allein und vereint: ähnlich wie in einem Verhör isoliert und auf eine eingeengte, verdrehte Realität gebracht, ist der Einzelne bis zur Negierung seiner Erinnerungen den peinigenden Widersprüchen der Seuchenpropaganda ausgeliefert und sucht fluchtartig den vorgegebenen Ausgang.“


Logik ist in der Corona-Masse praktisch vollständig getilgt und ersetzt durch „kultische Hygieneprozeduren“ (S. 20), die umso besinnungsloser exekutiert und umso aggressiver gegen Kritiker verteidigt werden, je mehr sich das Pandemienarrativ an der Realität blamiert und der identitätsstiftende Wahn als Wahn kenntlich zu werden droht. Was Krovich im folgenden Zitat über die Wissenschaft schreibt, unter deren „Knute“ die Realität im Ausnahmezustande stehe, ist dabei nur teilweise richtig. Denn mit dieser Verwilderung von Logik wird auch das, was die bürgerliche Gesellschaft „Wissenschaft“ nennt, de facto radikal geschleift und in sein Gegenteil verkehrt, was zwar für an der Dialektik der Aufklärung geschulte Gesellschaftskritiker keine allzu große Überraschung sein mag, aber immerhin auf eine Erosion des modernen Wissenschaftsbetriebs und des für ihn konstitutiven positivistischen Denkens verweist:


„Wer dem Corona-Spektakel Logik abgewinnen will, wird sich nur in seinen Paradoxien verstricken und stummer Teil davon werden. Die Realität steht im Ausnahmezustand unter der Knute der Wissenschaft, das Abgleichen mit subjektiven Erfahrungen ist moralisch verpönt, auf den klaffenden Hiatus hinweisen bedeutet Fahnenflucht. Die sich dadurch vertiefende Ohnmacht verhindert die eigene Urteilsfähigkeit bis zur Dummheit und es stellt sich eine allgemeine Regression ein, die das mühsam erworbene Über-Ich für kultische Hygieneprozeduren abstreift.“ (S. 20)


Das Kultische und Quasi-Religiöse, das vielen der Maßnahmen und insbesondere dem missionarischen Eifer, mit dem diese propagiert und umgesetzt werden, eigen ist – und das sich übrigens bereits in diffamierenden Zuschreibungen wie jener des „Coronaleugners“ ausdrückt[12] –, ist gerade der Kitt, der die atomisierte Masse zusammenhält. Daraus erklärt sich wiederum der aggressive und konformistische Moralismus, mit dem die „Gläubigen“ gegen die „Häretiker“ zu Felde ziehen: „Die Pflicht zur Gesundheit ist ein moralisches Gebot und wird zum ‚Kreuzzug der Vernunft‘ gegen jeden Abweichler, der sich dem als Selbsterhaltung ausgegebenen Dahinsiechen im Hygienestaat nicht hingibt.“ (ebd.)


Den Gipfel der „Unvernunft“ verkörpern aus dieser Perspektive an erster Stelle die „Ungeimpften“, die sich nicht nur selbst gefährden, sondern eine Gefahr für den „Volkskörper“ insgesamt darstellen und daher, unter dem Beifall eines nicht geringen Teils der Bevölkerung und einer in ihrem autoritären Moralismus zur Höchstform auflaufenden Journaille, mittels 1G- und 2G-Regeln aus der Gesellschaft ausgesperrt sowie durch direkte und indirekte Impfpflichten gegen ihren Willen zur „Impfung“ genötigt werden sollten:


„Die ungeimpften Zweifler, Zauderer und Verweigerer haben die ‚Denkpest‘[13]; sind also körperlich verkommen, weil sie geistig verkommen sind und sie sind geistig verkommen, weil sie körperlich verkommen sind. Gegen sie richtet sich der kulturrevolutionäre Teil der Mobilmachung, denn sie wollen nicht in den Gleichklang der moralischen Marschmusik einstimmen.“ (S. 21)


Und eben dies, so Krovich, sei letztlich „das durchschlagende Bindeglied zwischen Panik und Masse: In beiden Zuständen ist der einzelne dazu bereit, Dinge zu tun, die er sonst nicht tun würde“ (ebd.). In der mobilisierten „Corona-Masse“ würden sich nun Panik und Masse synthetisieren, und erst dadurch könne „der Reflex zur Flucht, der das Überleben sichert, umgeleitet werden zu einem Reflex gegen den Feind. Die revoltierende innere Natur wird auf ein feindliches Außen projiziert, was der darauf lauernden Triebstruktur erlaubt, mehr zurück gehaltene Aggressionen auf kürzerem Weg abzureagieren. Das macht die kleinen Piekse zu Stichen der hypermoralischen Bajonette gegen die inneren Feinde.“ (ebd.)



Die Rückkehr des Doublethink (aber nicht als Fiktion)


Einige der Beiträge im Erreger beschäftigen sich mit den kaum zu übersehenden totalitären Tendenzen in der Corona-Krise. Der totalitäre Charakter des Corona-Staats wird bereits daran ersichtlich, dass die „Gesundheit“ seit März 2020 zum obersten gesellschaftlichen Ordnungsprinzip erhoben wurde, dem alles andere untergeordnet wurde (wenngleich das Maßnahmenregime gerade unter dem Kriterium der „Gesundheit“ freilich eine Reihe gegenläufiger und extrem schädlicher Effekte entfaltete – „Gesundheit“ war gleichgesetzt mit „Schutz vor Corona“, unter Vernachlässigung anderer Gesundheitsbereiche, insbesondere der psychischen). Die Konturen eines „Gesundheitstotalitarismus“ zeichneten sich schon vor Corona seit vielen Jahren ab, etwa in staatlichen Programmen der „Prävention“ und der „Gesundheitsförderung“, die strukturell schon immer die Zumutung an den Einzelnen implizierten, sich durch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen und einen gesundheitsförderlichen Lebensstil als „gesundes“ und „vernünftiges“ und so der „Volksgesundheit“ nicht schadendes Individuum auszuweisen. Die Corona-Maßnahmen, so z.B. Massentests, Impfzertifikate, Maskenpflicht etc., stellten in dieser Hinsicht nur einen neuen (wenn auch beträchtlichen) Qualitätssprung dar. Aber auch zahlreiche andere, im Allgemeinen eher mit totalitären Systemen assoziierte Phänomene waren während der „Pandemie“ verstärkt zu beobachten, etwa politische und mediale Desinformation und Propaganda, Demonstrationsverbote, Zensur sowie ein in beeindruckender Weise wieder um sich greifendes Denunziantentum.


Elena Louisa Lange widmet sich in ihrem Beitrag in diesem Zusammenhang dem Doublethink als Form staatlicher Propaganda und als Strategie zur „Realitätskontrolle“ während der Corona-Krise. Sie rekurriert damit auf George Orwells berühmten dystopischen Roman 1984, in dem Orwell das Doppeldenk bzw. doublethink als Form des Denkens und der mentalen Disziplin beschreibt, die dazu dient, zwei widersprüchliche oder sich sogar gegenseitig ausschließende Überzeugungen bzw. „Wahrheiten“ aufrechtzuerhalten. Nun ist freilich auch am Doppeldenk per se wenig Neues, gehört doch das Doppeldenk zu einer wesentlichen Fähigkeit und zum Teil geradezu Leidenschaft des bürgerlich-modernen und insbesondere postmodernen Subjekts. Es ist ausreichend, sich unter diesem Gesichtspunkt etwa durchschnittliche Diskurse über „Menschenrechte“ oder andere „westliche Werte“ zu Gemüte zu führen. Schon die Selbstbeschreibung der westlich-kapitalistischen Zivilisation als „Demokratie & Marktwirtschaft“ verweist auf eine konstitutive Neigung zum Doppeldenk – gilt Demokratie dem modernen Bewusstsein doch als Regierungsform, in welcher der Wille von den Menschen ausgeht und Entscheidungen in gesellschaftlicher Übereinkunft getroffen werden, während zugleich die der Demokratie ökonomisch zugrunde liegende und von ihren Bürgern in der Regel zu einem Naturzustand verdinglichte Marktwirtschaft gerade die Verselbständigung der gesellschaftlichen Verhältnisse gegenüber den Menschen impliziert, da alle ihre Belange in letzter Instanz dem Markt überantwortet sind, was wiederum nur ein anderes Wort ist für ihre Subsumierung unter das Kapital. Die Existenz als Bürger und Bürgerin in der Welt von „Demokratie & Marktwirtschaft“ ist also bereits per se ein hochgradig schizophrener Zustand. Gleichwohl ist es lohnenswert, sich mit den spezifischen Formen und Ausprägungen des Doppeldenk während der Corona-Krise zu beschäftigen, zumal diese dafür in der Tat reiches Anschauungsmaterial bot; nicht zuletzt, weil – und dies beschreibt unter Umständen doch eine neue Qualität – die Kluft zwischen Realität und Propaganda in Sachen Corona überdurchschnittlich groß ausfiel, die Verrenkungen, die erforderlich waren, um das Narrativ aufrechtzuerhalten, mit Fortdauer der „Pandemie“ immer aufwändiger und die Propaganda dadurch immer noch widersprüchlicher und inkonsistenter wurde, was wiederum nur durch ein Umschalten auf autoritärere Modi der Krisenverwaltung beantwortet werden konnte.


Lange formuliert ihre zentrale These in der Einleitung ihres Beitrags folgendermaßen:


„Doublethink avancierte, als staatliche Realitätskontrolle[,] zur gängigen Propaganda des Covidregimes. So wurde in den letzten Jahren beispielsweise zum Slogan ‚Folgen Sie der Wissenschaft’ in Bezug auf den Klimawandel und Covid ebenso zurückgegriffen wie zur Behauptung, dass ‚biologisches Geschlecht ein gesellschaftliches Konstrukt’ sei. Oder es wurde propagiert, dass ‚Impfstoffe sicher und wirksam’ seien und gleichzeitig behauptet, dass Ungeimpfte ein ständiges Infektionsrisiko für Geimpfte darstellten. Doublethink in diesem Sinne stellt eine Form kollektiver kognitiver Dissonanz dar, eine intellektuelle ‚Abschottung’, die im Dienst des Autoritarismus steht.“ (S. 10)


Sie problematisiert dabei auch den während der Corona-Krise zum „Wort der Stunde“ aufgestiegenen Begriff des „Narrativs“. Denn das „Charakteristikum des Corona-Narrativs“ sei, „eben keins zu sein, jedenfalls wenn man unter ‚Narrativ‘ eine logisch wohlgeformte Erzählung versteht“ (S. 11). Die Unlogik des Corona-„Narrativs“ und des darin eingeschriebenen Doublethink illustriert Lange an diversen Beispielen aus der politischen und medialen Kommunikation, die häufig – sofern sie nicht ohnehin bereits immanent völlig widersprüchlich und inkonsistent war – morgen schon das komplette Gegenteil dessen beinhalten konnte, was gestern noch behauptet worden war, z.B. bezüglich der Impfung und ihrer Wirksamkeit:


„Eine Impfung schützt nicht nur Sie, sondern auch immer jemanden, dem Sie nahe stehen, der Ihnen wichtig ist, den Sie lieben.“ (Angela Merkel, 13.07.2021)
„Die Ungeimpften sind schuld an den Impfdurchbrüchen der Geimpften.“ (Stephan Weil, Ministerpräsident Niedersachsen, 11.02.2022)


„Jahrelanger Schutz nach Impfung!“ (BILD-Schlagzeile, 29.06.2021)
„Wann kommt die Booster-Impfung für alle?“ (BILD-Schlagzeile, 26.10.2021)


Aber nicht nur die mediale und politische Kommunikation und die dabei vermittelten Botschaften und „Narrative“ strotzten nur so von Doppeldenk, sondern auch das „Pandemiemanagement“ als solches und das darauf beruhende staatliche Handeln, so etwa mit Blick auf die Begründungen und die tatsächlichen Effekte konkreter Maßnahmen:


„Das Auseinanderfallen von dem, was man zu tun vorgab und dem, was man dann tatsächlich tat, zeigte sich nirgendwo so deutlich wie im Gerede von den ‚vulnerablen Gruppen‘, die man durch Impfungen und Masken angeblich schützen wolle. Eine Reihe von Studien über die Schäden von NPIs (nicht-pharmazeutischen Interventionen) und des Massenimpfprogramms hat jedoch gezeigt, dass Lockdowns und Impfstoffe vor allem den ‚vulnerablen‘ Gruppen schaden, die sie vorgeben zu schützen: nämlich Kindern und jungen Erwachsenen, älteren Menschen und Armen.“ (S. 12)


So stimmt wohl auch, außer vielleicht für die Anfangsphase der „Pandemie“, was Lange über den eigentlichen Zweck der Maßnahmen schreibt:


„Im Gegensatz zu dem, was die treuen Freunde der Staatsform, wie etwa Slavoj Zizek, glauben, hat das allerdings nichts mit chaotischen Strukturen und ‚Missmanagement‘ eines ansonsten absolut an unserem Wohlergehen interessierten Staates zu tun, sondern ist gewolltes Kalkül: Menschen soll noch der letzte Widerstandswille gebrochen werden, denn nur so sind sie beherrschbar.“ (ebd.)[14]


Einen großen Raum nimmt bei Lange in diesem Zusammenhang die Kritik an der „Corona-Linken“ ein. Diese habe sich zur Rechtfertigungsideologin autoritärer staatlicher Maßnahmen machen lassen, wobei sie jegliche Kritik am Maßnahmenregime als „rechts“ und „faschistisch“ diffamiere. Damit, so Lange, sublimierten die heutigen Linken „ihre eigenen Widersprüche in Form einer Erpressung: wer nicht gehorcht, ist ein Nazi. Ganz nach neoliberal-postideologischem Dekret ist im gegenwärtigen linksliberalen Milieu jegliches Interesse am Denken ausgeschaltet“ (ebd., Herv. im Orig.). Sie sieht hier einen „postideologischen Totalitarismus“ (Massimo Recalcati) am Werk, der sich dadurch auszeichne, dass er ohne Bezug auf irgendwelche „Werte“, seien diese humanistischer oder anti-humanistischer Natur, auskomme.[15] Ideologie ist hier abgelöst durch die bloße Ausübung von Macht um ihrer selbst willen:


„Wo nichts mehr geglaubt, nichts mehr gewusst, nichts mehr erfragt, nichts mehr analysiert werden darf, bleibt nur Macht, die einzig um ihrer selbst willen existiert. Sie erfordert die Abschaffung jeglicher politischen Vorstellungskraft, ja, die Abschaffung der ‚öffentlichen Sphäre’ selbst, die aber nicht durch ein wie auch immer intellektuell verelendetes Individuum ersetzt wird, das mit einem politischen Projekt ja durchaus noch zu verbinden wäre, sondern durch Sloganismus, an deren Ende immer die Auslöschung des Individuums steht.“ (S. 13)


Diese „postideologische“ Linke zeichne sich insbesondere auch dadurch aus, dass sie sich, im Gegensatz zur klassischen Linken, praktisch kaum mehr für „knallharte materielle Interessen“ (S. 14) interessiere. Dementsprechend seien dieser Linken auf der Hand liegende kapitalistische Verwertungsinteressen im Kontext der Corona-Krise, etwa solche des „techno-media-pharma-complex“ (S. 13), völlig anathema. Anstelle von kritischem Denken und fundierter Analyse stünden nur noch platte Slogans im Stile von „Impfen statt Schimpfen“ oder (so möchte man hier ergänzen) dem an Dumm- und Gemeinheit kaum zu überbietenden „Wir impfen euch durch“ einer sich als „antifaschistisch“ missverstehenden Antifa an die Adresse von „Impfverweigerern“. Zur Rechtfertigung der autoritären Corona-Politik und ihrer eigenen konformistischen Unterordnung unter die Maßnahmen kommt dabei ebenfalls permanent Doppeldenk zum Einsatz. Lange veranschaulicht dies beispielhaft an manchen linken bzw. linksakademischen Positionen in der Debatte rund um die allgemeine Impfpflicht. Diese wurde häufig ausdrücklich gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung befürwortet und dabei mitunter sogar noch dadurch begründet, dass man auf diese Weise einer Sache diene, die „größer ist als man selbst“ (Lange bezieht sich hier exemplarisch auf ein Zitat der Professorin für Gender Studies Sabine Hark). Zu Recht[16] wendet Lange dagegen ein:


„[W]o die eigene körperliche Unversehrtheit untergraben wird, macht der ‚Schutz’ eines anonymen Anderen keinen Sinn mehr. Dies würde ja den Schutz der körperlichen Unversehrtheit im Allgemeinen implizieren, die Hark gerade abschaffen will. Mit anderen Worten: Wenn ich meine körperliche Unversehrtheit aufgebe, wer garantiert dann die Ihre? [...] Die Preisgabe allgemeiner körperlicher Unversehrtheit setzt das allgemeingesellschaftliche Zulassen schädlicher Fremdeinwirkung auf alle Körper voraus. All dies noch unter der wohlwollenden Voraussetzung, dass eine Impfung mit den experimentellen mRNA-Impfstoffen, wie sie gegen Covid eingesetzt werden, tatsächlich vor Ansteckung oder Erkrankung schützt. Aber nicht einmal das ist der Fall, weder bei dem einen noch beim anderen.“ (S. 14, Herv. im Orig.)


Dass derart begründete Forderungen nach einer Impfpflicht bereits zum damaligen Zeitpunkt im Widerspruch zur wissenschaftlichen Faktenlage hinsichtlich des Wirkungsprofils der Impfstoffe standen, ficht die Impfpropagandisten ebenso wenig an, wie schon vorher die überwältigende Evidenz für die Nutzlosigkeit und Schädlichkeit von Lockdowns, und führt daher mitnichten zu einer Selbstkritik, geschweige denn zu einem Umdenken. Im Gegenteil:


„[G]erade die Schranke, die die Covid-Logik des Doublethink dem Denken auferlegt, führt zur stärkeren Akzeptanz: Je unbändiger und inkohärenter die autoritären Kräfte herrschen, desto mehr wird mitgemacht. Und wenn die Beweise aus der ‚Wissenschaft’ dann doch zu erdrückend sind, kann noch gesagt werden, dass die Spritze vor ‚schweren Verläufen’ schütze. Irgendwas passt immer.“ (S. 14)


Wir haben dies an einer Stelle unserer Corona-Thesen (vgl. Urban/Uhnrast 2022b) so ausgedrückt, dass in der Sackgasse, in die man gefahren ist, nur noch schwer der Rückwärtsgang eingelegt werden kann. Dies betrifft vielleicht umso mehr eine sich „kritisch“ dünkende Linke, für die das Eingeständnis eines Irrtums – zumal eines von solchen Dimensionen – eine entsprechend große narzisstische Kränkung bedeuten würde, die wiederum unter den Bedingungen eines ohnehin zum Narzissmus neigenden postmodernen Sozialcharakters erst recht nicht ertragen werden könnte. So ist es allemal einfacher und angenehmer, sich die Realität einfach nach Gutdünken zurecht zu legen, wozu nicht zuletzt die postmoderne Desavouierung der „Wahrheit“ und das postmodern-(de)konstruktivistische Denken insgesamt den Weg geebnet haben.


Komplementär zum Doppeldenk stehen dem Corona-Regime und der es aktiv mittragenden Linken als sprachliches Mittel der Realitätskontrolle laut Lange auch Formen und Mittel des „Neusprech“ zur Verfügung. „Neusprech“ ist ebenfalls ein Orwell’scher Begriff und bezieht sich auf die politische „Bemächtigung und Umfunktionierung von Sprache“ (S. 14) mit dem Ziel, deren Mehrdeutigkeit einzudämmen. Neusprech erfüllt dabei wichtige, über das Doppeldenk hinausreichende Funktionen:


„Stiftet Doublethink [...] in erster Linie direkte Entlastung durch Außerkraftsetzen der Gesetze der Logik, um bestehende Auffassungen in Zweideutigkeit zu halten und schnelle Kurswechsel des Regimes vermeintlich zu plausibilisieren, wie bei Corona der Fall, liefert Neusprech den Rahmen für eine zunehmende Erstarrung des Denkens, aus der jede Möglichkeit der Kritik an den herrschenden Verhältnissen und für Emanzipation aus der ‚selbstverschuldeten Unmündigkeit’ verbannt werden soll. Das gilt bei der Corona-‚Debatte’ insbesondere für den Begriff der Freiheit, der von progressiven Linken unlängst zu einem ‚right-wing dog whistle’ erklärt worden ist.“ (S. 15)


Abschließend stellt Lange die Frage, ob der „bewussten Denunziation von Sprache und der Tendenz zum Sloganismus des Doublethink“ (ebd.), wie sie sich vor allem während der „Pandemie“ etablierten, durch Logik etwas entgegengesetzt werden könne. Sie bejaht dies insofern, als – und soweit kann ihr zugestimmt werden – das Festhalten an Logik der einzige Weg aus der Misere sei, solange „dem Doublethink-‚Narrativ’ [...] erlaubt wird, die politische Realität zu strukturieren, um Menschen davon abzubringen, in ihrem eigenen Interesse zu handeln [...]. Denn logisch wohlgeformte Urteile sind nicht nur um ihrer selbst willen wahr, sondern sind Aussagen über die Realität selbst“ (ebd., Herv. im Orig.). Problematischer erscheinen allerdings die daran anschließenden Schlussfolgerungen:


„Dass gerade jetzt die Auseinandersetzung sich auf den Freiheitsbegriff zuspitzt, ist historisch bedeutsam, denn die jahrelang als ‚humanitäre Intervention für Demokratie und Freiheit’ getarnten Masken neoliberaler Herrschaft fallen nun wie Herbstlaub. Der postideologische Totalitarismus neuer linker Machteliten will von Freiheit und von Wahrheit nichts mehr wissen. Ob ihr Ersatz durch nackte Biopolitik, ähnlich wie bei den Nationalsozialisten (ihrem historischen Korrelat) von Dauer sein wird, hängt davon ab, ob wir uns der Herausforderung stellen, der Nahtstelle von Ontologie und Freiheit einen Namen zu geben. Sie heißt Vernunft.“ (ebd.)


In der Tat ist das Ausmaß und die Geschwindigkeit beeindruckend, mit der gerade die linksliberalen Ideologen von „Demokratie“ und „Freiheit“ sich davon verabschieden und nun offen ihre durch und durch autoritäre Fratze zeigen, ja den Bezug auf „Freiheit“ und „Selbstbestimmung“ mittlerweile gar als „rechtsextrem“ denunzieren. Als bürgerlich-kapitalistische Formen hatten „Demokratie“ wie auch die darauf gegründete bürgerliche „Freiheit“ aber schon davor nichts Emanzipatorisches an sich, sondern primär ideologischen Charakter. Wie viel (oder eher wenig) sich dahinter verbirgt, erweist sich ja eben heute, da sich die kapitalistische Form in ihrer fundamentalen und rasch voranschreitenden Krise befindet. Und gerade der kurze Prozess, der „Demokratie“ und „Freiheit“ nun sogar durch ihre einstmals größten und leidenschaftlichsten Apologeten gemacht wird, ist lediglich ein Symptom davon – wenn auch eines, das den Übergang des Systems von „Demokratie & Marktwirtschaft“ in sein terminales Stadium anzeigt. Ähnliches gilt für die „Vernunft“, die Lange beschwört. Es ist die „irrationale Rationalität“ (Horkheimer/Adorno) des modernen warenproduzierenden Systems und seiner Institutionen, nicht zuletzt der modernen Wissenschaft, also nachgerade ihre eigene „Vernunft“, die zunehmend in die Selbstzerstörung und damit auch in die Demontage ihrer „demokratischen“ und „liberalen“ Fassade führt. Bereits historisch frühere Faschismen und totalitäre Systeme wie etwa der Nationalsozialismus, mit dem Lange das totalitäre Corona-Regime gerne vergleicht, waren keineswegs wider die „Vernunft“, sondern ganz im Gegenteil Produkte der kapitalistischen Moderne und ihrer blinden Fortschrittsmetaphysik, ihrer naturbeherrschenden Rationalität und daher auch nicht zufällig stets mit der zeitgenössischen „Wissenschaft“ im Bunde. Zwar geht Vernunft nicht vollends in jener bürgerlich-modernen Rationalität auf, und ohne Zweifel müsste sich eine emanzipierte Gesellschaft u.a. dadurch auszeichnen, dass sie sich ein „rationaleres“, weniger destruktives Verhältnis zur Welt zurückerobert. Eine ontologisierte, ahistorische „Vernunft“ ist jedoch ebenso wenig zu beschwören wie „Demokratie“ und „Freiheit“, denn diese sind allesamt Teil des Problems, nicht seine Lösung.



Der autoritäre Seuchenstaat und die Linke


Von der zweifelhaften Rolle der Linken im Corona-Ausnahmezustand handelt auch der Beitrag Der autoritäre Seuchenstaat und die Linke von Hendrik Wallat. Laut Wallat hat sich in der Corona-Krise am desaströsten jener Teil der Linken offenbart, den er die „staatsantifaschistische Linke“, kurz: StantLi, nennt. Diese lebe „von den ideologischen Staatsapparaten“, sei „in der Öffentlichkeit hegemonial und spielt die Avantgarderolle im autoritären Seuchenstaat“ (S. 126). Er meint damit also vor allem die den heutigen Mainstream bildende linksliberale, überwiegend akademische Schicht aus postmodernen „Lifestyle-Linken“.[17] In der Tat waren diese Milieus in den vergangenen zweieinhalb Jahren geradezu ein Hort des „Coronismus“ in all seinen wahnhaften und autoritären Ausprägungen. Wallat kann daher durchaus darin zugestimmt werden, dass emanzipatorische Kräfte in dieser Linken „mittlerweile einen weiteren politischen Gegner [haben]. Neben dem Seuchenstaat, der Masse der Untertanen und den offenen Faschisten [müssen] sie sich unmissverständlich von der StantLi abgrenzen.“ (ebd.)


Dies ist nicht zuletzt deshalb eine berechtigte und wichtige Feststellung, da die Abgrenzung von rechts seit März 2020 die wesentliche Rechtfertigung der „Corona-Linken“ dafür bildete, eine Kritik an der Corona-Politik nicht nur zu unterlassen, sondern in der Regel auch als „rechts“ zu diffamieren, womit sie sich gleichzeitig und umgekehrt aber nur zum Sprachrohr und Erfüllungsgehilfen des autoritären Maßnahmenstaates machte und selbst jegliche kritische Distanz, geschweige denn „Abgrenzung“ von diesem, nahezu ausnahmslos vermissen ließ. Darüber hinaus bestehen nach den Erfahrungen der letzten Zeit durchaus Zweifel, ob die autoritäre und totalitäre Bedrohung derzeit überhaupt primär von den Rechten ausgeht oder ob in dieser Hinsicht inzwischen nicht jene „woke“ Corona-Linke mindestens als genauso gefährlich, wenn nicht sogar als noch gefährlicher einzustufen ist. Denn im Unterschied zu den Rechten bildet jene „Linke“ mit ihrem autoritären Moralismus und Konformismus heute, wie gesagt, den gesellschaftlichen Mainstream, hat dadurch also auch eine bedeutend größere Reichweite und einen entsprechend größeren medialen Resonanzraum als rechte Ideologien. Und – vielleicht noch entscheidender: Die Rechten weisen in der Regel (wie übrigens gerade beim Thema Corona zu beobachten war) zumindest noch einen wie auch immer verqueren, ideologisierten und chauvinistisch gewendeten Bezug zur Realität auf, während der bevorzugt in jenen linksliberalen Milieus virulente, gemeingefährliche Corona-Wahn von einem einigermaßen realitätsgerechten Bezug zur Welt nur noch sehr wenig erkennen ließ. Und dieser ohnehin schon verkümmerte Realitätsbezug schrumpfte immer noch weiter zusammen, je mehr sich die propagierte Linie objektiv an der Realität blamierte (sei es mit Blick auf die Befürwortung rigider Corona-Maßnahmen, sei es mit Blick auf das Impfen). Was diese „Linke“ mit ihrer Haltung zu Corona und zum Maßnahmenregime demonstrierte, war also im allerbesten Fall Realitätsverleugnung, überwiegend jedoch ein weitgehender Realitätsverlust, der – wie bereits an anderer Stelle ausführlich herausgearbeitet wurde (Urban/Uhnrast 2022b) – die Entwicklungen seit März 2020 wahrscheinlich in dieser Form überhaupt erst ermöglichte. Der in diversen Beiträgen des Erregers verwendete, bereits erwähnte Begriff des „postideologischen Totalitarismus“ eignet sich daher vielleicht in der Tat recht gut zur Beschreibung der Corona-Linken. Denn eine wie auch immer geartete, notwendig mit etwas Objektivem in der konkreten Realität vermittelte Ideologie scheint hier kaum noch anwesend zu sein, sondern nur noch die autoritäre Fixierung auf irgendein identitär und moralisch aufgeladenes Narrativ.


Wallats Analyse des linken Versagens während der „Pandemie“ ist schonungslos und fasst insbesondere den autoritären Moralismus der Corona-Linken in vielen Punkten treffend zusammen. Einiges davon möchte man auch manchen Wert-Abspaltungs-Kritiker/innen ins Stammbuch schreiben, die ja ebenfalls zum größten Teil im Lager der „Coronisten“ zu finden und primär mit der Denunziation von Kritikern beschäftigt waren (vgl. Urban 2022a). So z.B., was Wallat über die rechtsstaatlichen Dammbrüche während der Corona-Krise schreibt. In wert-abspaltungskritischen Kontexten galt (und gilt) bekanntlich jede Kritik an den zahllosen Rechts- und Verfassungsbrüchen seitens der Staaten und an der systematischen Verletzung von Grundrechten durch das Maßnahmenregime primär als Indiz für ein borniertes Festhalten an der kriselnden bürgerlichen Subjektform und damit zusammenhängenden Demokratie- und Rechtsstaatsillusionen. Bereits die empirisch evidente Feststellung, die Corona-Maßnahmen markierten (hierzulande) die „schwerwiegendsten Einschränkungen der Freiheiten seit 1945“ (so etwa Jappe 2022), zog die Zuschreibung eines bürgerlich-bornierten Demokratie- und Grundrechtsfetischismus nach sich. Nun mag zwar diese Diagnose auf die Mehrheit der Protestbewegung ohne Zweifel zutreffen.[18] Damit lässt sich aber nicht schon jegliche Maßnahmenkritik für gegenstandslos erklären. Und sofern kritische Gesellschaftstheorie nicht zuletzt darin zu bestehen hat, gesellschaftliche Tendenzen zu analysieren, kann (und muss) auch die in der Krise voranschreitende Erosion der modernen Rechtsform ein würdiger Gegenstand kritischer Theoriebildung genannt werden. Wallat schreibt in diesem Zusammenhang:


„Der linke Rechtsnihilismus [wurde] von dem autoritären Seuchenstaat nicht weniger widerlegt als der linke Rechtsfetischismus. Für jeden, der nicht jedes politische Urteilsvermögen verloren hat, ist der qualitative zivilisatorische Unterschied zwischen einem funktionierenden Rechtsstaat und der Suspension des Rechts im Ausnahmezustand des Seuchenstaats evident. Recht ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Rationalisierung und Humanisierung von Herrschaftsverhältnissen. Die Illusionen des linken Rechtsfetischismus sind indes nicht weniger offenbar. Recht fußt auf politischer Macht, deren Garanten Staatsgewalt und ideologischer Konsens sind. Wendet sich die Macht gegen das Recht, ist es über Nacht suspendiert.“ (S. 126)


Man kann Wallat zwar durchaus selbst einen gewissen Rechtsfetischismus attestieren, wenn er von Grundrechten spricht, die „unbedingt und universell gelten“ und denen die „Würde des Menschen […] ganz oben eingeschrieben ist“ (ebd.). Denn schon die Vorstellung des Menschen als Träger angeborener Rechte ist ja historisch sowohl mit der modernen Rechtsform als auch mit der Konstitution des modernen, bürgerlichen Subjekts verbunden und als solche daher nicht positiver Bezugspunkt, sondern ebenfalls Gegenstand radikaler Kritik. Schon lange vor Corona konnten viele Menschen (z.B. Flüchtlinge aus der kapitalistischen Peripherie) die Erfahrung machen, dass Grund- und Menschenrechte eben nicht „unbedingt und universell gelten“, sondern maßgeblich von ihrer Stellung als Wirtschaftssubjekt und Staatsbürger abhängen und sie daher nur solange in den vollen Genuss dieser Rechte kommen, wie sie sich als solche zu reproduzieren vermögen, insbesondere durch den erfolgreichen Verkauf ihrer Arbeitskraft. Hierzulande mag dies freilich für die meisten (in diesem Ausmaß) in der Tat eine neue Erfahrung sein, was wiederum auf die fortgeschrittene Krise der kapitalistischen Gesellschaftsformation und entsprechende Verfallsprozesse auf der Ebene der modernen Rechtsform verweist. Vor diesem Hintergrund ist aber prinzipiell zutreffend, was Wallat über den Rechtsabbau während der „Pandemie“ und vor allem die Rolle der staatstragenden Linken schreibt:


„Die StantLi hat sich hierbei als mächtiger Katalysator der Zerstörung des Rechts und der Deckung des Maßnahmenstaates erwiesen. […] Die Würde des Menschen, die dem Grundgesetz ganz oben eingeschrieben ist, ist ihr durchaus nicht unantastbar und unteilbar. Wer sich nicht den autoritären Weisungen des Seuchenstaats fügt, büßt sie ein. Würde, die immanent mit Autonomie verquickt ist, wohnt neuerdings nicht mehr jedem Menschen qua seines Menschseins inne, sondern nur jenen, die brave Untertanen sind, als welche sich die StantLi besonders hervorgetan hat. Freiheit hat man sich zu verdienen, und diejenige Würde, die der Staat auch einem islamistischen Terroristen, faschistischen Schläger oder Kindermörder nicht nehmen darf, hängt mittlerweile davon ab, dass man ein staatliches Impfangebot annimmt. […] Wenn das Coronavirus es ermöglicht hat, unter dem Vorwand des gesundheitlichen Notstandes, der, sollte er je bestanden haben, nicht bloß Resultat des Infektionsgeschehens, sondern ebenso jahrzehntelanger desaströser Gesundheitspolitik ist, den bürgerlichen Rechtsstaat zu suspendieren und eine beispiellose Ideologisierung der Öffentlichkeit zu bewirken, kann einem angst und bange werden, was die Zukunft noch alles bereithält.“ (ebd.)


Gerade in der Impffrage zeigte sich das volle Ausmaß der rechtsstaatlichen Dammbrüche wie auch des zutiefst autoritären Charakters der „staatsantifaschistischen Linken“:


„Dass schon die Ablehnung eines staatlichen Angebots zur Begründung des Entzugs bürgerlicher Freiheitsrechte genügt – ein Angebot, das man nicht ablehnen kann, ist entweder unglaublich gut, oder mafiöse Erpressung –, wird nicht als paradigmatischer Dammbruch skandalisiert, sondern von der StantLi begrüßt. […] Selbst die Selbstverständlichkeit, dass Ärzte jeden gleichbehandeln – den alkoholisierten Autofahrer, der gerade eine Familie in den Tod gerissen hat, genauso wie den Kettenraucher oder den asketischen Gesundheitsfanatiker – steht zur Disposition. Wer sich nicht impfen lässt, ist asozial und selbst schuld. Wenn er doch auf ärztliche Behandlung angewiesen sein sollte, dann sollte er diese als aus der Volksgemeinschaft der Impfwilligen ausgeschlossener wenigstens selbst bezahlen. Wohin diese Logik führt, sollte eigentlich genauso klar sein, wie die des absoluten Gesundheitsschutzes, dem die Freiheit geopfert wird. […] Führt die eine Logik in die komplette Entsolidarisierung der Gesellschaft und in den individualisierten Gesundheitswahn, so die andere, konsequent zu Ende gedacht, in die Forderung nach kollektivem Selbstmord.“ (S. 126f.)


Wallat kritisiert auch die linke Instrumentalisierung des Antisemitismus zu einem besinnungslos eingesetzten Totschlagargument gegen jedwede Kritik an den Corona-Maßnahmen. Auch hier könnte er ebenso gut von der wert-abspaltungskritischen Corona-„Debatte“ schreiben (wenngleich sich die angesprochenen Wert-Abspaltungskritiker/innen vehement und nicht ganz zu Unrecht gegen den Vorwurf verwehren würden, die „Rationalität“ der Verhältnisse zu unterstellen – gleichwohl bleibt unter dem Strich, dass sie das Maßnahmenregime und dessen Begründungen zu keiner Zeit problematisierten, Kritik daran hingegen nicht gelten lassen wollten und de facto pauschal als „irrational“ denunzierten):


„Die Argumentationslogik der StantLi basiert […] auf einem grundlegenden wie weitreichenden Fehlschluss. Von der Tatsache irrationaler Kritik, die man gerne und allzu billig auf den Generalnenner der antisemitischen Verschwörungstheorie bringt, wird fälschlicherweise auf die Rationalität des Kritisierten, also die der herrschenden Verhältnisse, ihrer Politik, Medien, Wissenschaft etc. geschlossen. […] Natürlich gibt es absonderliche Kritik, die es zu denunzieren gilt, haufenweise antisemitische Verschwörungstheorien und Spinner wie Attila Hildmann […]. Das alles bedeutet aber nicht, dass es unter kapitalistischen Vergesellschaftungsbedingungen auf einmal vernünftig zugeht, dass es keine mächtigen Akteure gibt, die diese in ihrem Sinne gestalten wollen, dass Real- und Machtpolitik nicht eine beständige Klüngelvereinigung darstellen, dass es nicht mächtige Kapitalinteressen innerhalb der subjektlosen Kapitalverwertung gibt, die etwa aus den modernen Informationstechnologien, der Pharma- und Waffenindustrie stammen. Diese Fakten werden nicht unwahr, weil sie auch von (antisemitischen) ‚Verschwörungstheorien‘ aufgegriffen und irrational verwertet werden.“ (S. 127)


Selbst von der „subjektlosen Herrschaft“ des „automatischen Subjekts“ in seiner dialektischen Vermittlung mit den konkreten Partikularinteressen konkreter Akteure scheint ein Hendrik Wallat mehr zu verstehen als manche Wert-Abspaltungskritiker/innen, die inzwischen jegliche analytische Berücksichtigung politisch-ökonomischer Interessenkonstellationen nicht nur als Rückfall hinter wertkritische Essentials, sondern gar als „verschwörungsideologisch“ und „strukturell antisemitisch“ einstufen.


[Eine materialistische Theorie abstrakter Herrschaft] weiß genauso um den genetischen Zusammenhang von Kriminalität und Ökonomie wie sie ‚Name, Anschrift und Gesicht‘ (B. Brecht) der Charaktermasken des automatischen Subjekts kennt. Seine Gesetzmäßigkeit bedarf der Exekutoren, die keine allmächtigen Strippenzieher im Hintergrund sind, sehr wohl aber mächtige, partikulare Interessen verfolgende Akteure, von denen man sich weder ein schlechteres, sicherlich aber auch kein besseres Bild malen muss als vom Rest der von der ökonomischen Konkurrenz durchs Leben geschleiften und von ihr entstellten Menschheit. Wer die Frage nach verantwortlichen Akteuren und dem cui bono an sich als strukturell antisemitisch denunziert, betreibt keine wissenschaftliche Aufklärung, sondern herrschaftsapologetische Propaganda. Diese identifiziert nicht nur kritische Analyse mit Ressentiment, sondern verharmlost und instrumentalisiert auch, überaus geschichtsrevisionistisch, den Antisemitismus. Er wird, wie ehedem der Faschismus, zu einer beliebigen politischen Kampffloskel, der bewusst jede begriffliche Differenzierung, welche wissenschaftliche Arbeit an erster Stelle zu leisten hätte, abgeht. Wer die Kritik der bestehenden Verhältnisse als blinde, irrationale und abstrakte Herrschaft, von der fraglos auch konkrete Personen profitieren, meint als antisemitisch denunzieren zu können, liefert dem Bestehenden, das doch der basale soziale Grund des Antisemitismus ist, eine fatale Apologie: Nicht das Bestehende ist demnach irrational und strukturell antisemitisch, sondern jede unliebsame Kritik, die man derart mundtot machen will.“ (ebd.)


Neben einem autoritären Moralismus und Konformismus, der „Aufklärung durch Denunziation ersetzt“ (S. 128), frönt die Corona-Linke laut Wallat auch einem quasi-religiösen Szientismus, der im Slogan „Follow the Science!“ wahrscheinlich in seiner reinsten wie auch einflussreichsten Form zum Ausdruck kommt. Dies, so Wallat, sei kein Widerspruch, sondern „Resultat einer politischen Theorie, deren Begründung nicht die Vernunft und deren Ziel nicht die klassenlose Gesellschaft autonomer Individuen ist, sondern der Kampf um geistige Hegemonie und Diskurshoheit, die wahnhaft zum Grund der Gesellschaft hypostasiert werden“ (ebd.). Hier argumentiert Wallat ähnlich wie vorhin bereits Elena Louisa Lange: Dieser „Linken“ gehe es nicht (mehr) um Wahrheit, sondern allein um Macht. Die dem Szientismus inhärente und heute endgültig zu sich kommende Vergötzung „der Wissenschaft“, in Verbindung mit einem postmodernen Relativismus, der keine objektive „Wahrheit“ mehr kennt (oder kennen will) und alle gesellschaftlichen Entitäten für konstruiert bzw. konstruierbar hält, gebiert denn auch jenen Autoritarismus, den weite Teile der Linken im Corona-Maßnahmenstaat an den Tag legen:


„Die StantLi vertritt dabei die erkenntnistheoretisch naive Vorstellung objektiven Wissens im Sinne der bloßen Wiedergabe des Faktischen ebenso wie die postmoderne Hybris, die Wissenschaft mit Macht und Konstruktion identifiziert, um die Objektivität der Wahrheit der politischen Macht zu opfern. Zwischen diesen beiden einander vermeintlich entgegengesetzten falschen Extremen ist die autoritäre Anmaßung das verbindende
Glied.“
(ebd.)


Der postmodernen Subjektkonstitution, die auch mit einem zutiefst narzisstischen Sozialcharakter verbunden ist (dazu Jappe 2017; Wissen 2017; Schlauch 2020), ist es schließlich auch geschuldet, dass in dieser „Linken“ infantile „Allmachtsphantasien und autoritäre Unterwerfung“ ständig „ineinander um[schlagen] (ebd.). Besonders anschaulich konnte dies etwa an der wahnwitzigen Zero-Covid-Bewegung besichtigt werden, in der postmoderne Hybris (Ziel der radikalen Eindämmung und letztlich Eradizierung des Coronavirus) und autoritäre Unterwerfung (striktes Maßnahmenregime mit möglichst weltweiter, strengster Quarantäne der Bevölkerung) unmittelbar Hand in Hand gingen.


Paradoxerweise, aber angesichts der radikalen Entsorgung von „Wahrheit“ und damit auch Sistierung eines jeglichen kritischen Sich-Abarbeitens an der Wirklichkeit nur folgerichtig, blamiert sich dieser autoritäre Szientismus regelmäßig an der Realität und geht nicht zuletzt mit völliger Inkompetenz gerade in Fragen wissenschaftlicher Methodik einher. Als u.a. von Adorno und Horkheimer beeinflusster Positivismus- und Wissenschaftskritiker sah man sich während der „Pandemie“ plötzlich ständig mit der Zumutung konfrontiert, stramme Positivisten an ihre eigenen positivistischen Standards (vergeblich) erinnern zu müssen. Auf der anderen Seite und gleichzeitig musste man selbst gestandenen linken Wissenschaftskritiker/innen permanent in Erinnerung rufen, „dass die Zahlen vom RKI keine Wirklichkeit abbilden – und das nicht nur, weil sie völlig unzureichend erfasst werden, sondern weil die Zahlen selbst kein brutum factum sind. Sie sind vielmehr theoretisch vermittelt, wie es in jeder positiven Wissenschaft der Fall ist, und durch und durch politisiert. […] Wer sich über diesen Grundskandal der autoritären Seuchenpolitik ausschweigt, und obendrein nur das wahr- und für der Weisheit letzten Schluss nimmt, was amtliche Statistiken zu berichten wissen, unliebsame und schwieriger in Zahlen zu fassende Fakten aber kategorisch ausblendet, dem ist jedes Interesse an Aufklärung ab-, und jedes Interesse an Macht zuzusprechen. Wer ernsthaft die Tagesschau oder das RND als unabhängige Informationsquellen einstuft oder diesen gar zuarbeitet, verhält sich nur spiegelverkehrt zu jenen Irrationalisten und Verschwörungstheoretikern, die Corona leugnen[19] oder als Erfindung von Bill Gates halluzinieren, um die Welt zu knechten und die Menschheit zu dezimieren.“ (S. 128.)


Nirgends hat diese bedingungslose Wissenschaftsgläubigkeit[20] mehr Schiffbruch erlitten als in der Impffrage. Hier wurde man Zeuge der abenteuerlichsten und absurdesten Verrenkungen, damit gegen eine immer deutlicher werdende wissenschaftliche wie empirische Faktenlage am Glauben an die „Wirksamkeit“ der Corona-Impfung festgehalten werden konnte. Dies konnte wiederum nur durch die immer noch verzweifeltere und schamlosere Denunziation von „Impfskeptikern“ und „Ungeimpften“ bewerkstelligt werden, zumal diese eine ständige Erinnerung an den eigenen Irrtum und die eigene Irrationalität und als solche einen immer stärker schmerzenden Stachel im Fleisch der „impfwilligen“ Volksgemeinschaft darstellten:


„Eine Gesellschaft mit ‚Experten‘ vom Schlage des neuen Gesundheitsministers Karl Lauterbach, die jeden Selbstwiderspruch brachial übergehen und mit staatsmedialer Gewalt glattbügeln, hat sich offensichtlich in den Wahn geflüchtet, die eigene Lüge um jeden Preis glauben zu wollen. Wer nicht mitmacht und sich das eigene Denken nicht austreiben lässt, wird, durchaus realitätstauglich, als Gefahr für den eigenen Glauben wahrgenommen; entsprechend hart muss er verfolgt und denunziert werden. Je offensichtlicher die Impfung sich als bedingt zuverlässiger Individualschutz zu erkennen gibt, desto stärker wird diese daher politisch erzwungen. Die eigene Lüge verdrängend, setzt der physische [psychische?, A.U.] Projektionsmechanismus ein, der die eigene Radikalisierung als solche der Maßnahmenkritiker ausgibt, von der präventiv die Bevölkerung gewarnt wird, damit diese ja nicht auf falsche Gedanken kommt.“ (ebd.)


Gerade für die „staatsantifaschistische Linke“ war und ist der Kampf gegen Impfkritiker „ganz zuvorderst ein Kampf gegen Rechts“ (S. 129). Dieser beruht abermals auf dem fatalen Fehlschluss, „aus der im AfD-Milieu [bzw. in Österreich in der FPÖ, A.U.] beheimateten Impfskepsis auf die Rationalität der Impfstrategie des autoritären Seuchenstaats zu schließen“ (ebd.). Was auch immer man z.B. von Gruppierungen wie den „Querdenkern“ halten mag, die, wie Wallat zu Recht festhält, „fraglos widerwärtige marktradikale und damit häufig verbunden sozialdarwinistische Elemente einerseits, wirre esoterische Komponenten andererseits“ (S. 129f.) in sich vereinen – was man ihnen immerhin zugutehalten kann, ist, „dass sie erkannt haben, dass die größte Gefahr für die zugleich von jeder Kritik enthobene ‚Demokratie und Rechtsstaatlichkeit‘ von niemandem anderen ausgeht als vom autoritären Seuchenstaat selbst, an dessen vorderster ideologischer (Impf-)front die StantLi tapfer gegen alles Rechte und Böse kämpft“ (S. 130).


Wallat weist an dieser Stelle zu Recht auch darauf hin, dass auf diese Weise die Linke ausgerechnet jenen rechtsextremen Kräften in die Hände spielt, die sie zu bekämpfen vorgibt, während sie zugleich aktiv zur weiteren Schwächung einer emanzipatorischen Gesellschaftskritik beiträgt:


„Da die StantLi jede Kritik am autoritären Seuchenstaat als per se rechts brandmarkt, ist sie es zugleich, die es mitermöglicht, dass sie von Rechten okkupiert und für ihre Interessen ausgeschlachtet werden kann. Der Staatsantifaschismus nährt derart seinen politischen Feind, von dessen Existenz er selbst ideologisch und materiell abhängig ist. Das von der StantLi und der Rechten gemeinsam produzierte Opfer ist dementsprechend eine rationale und emanzipatorische Maßnahmenkritik – der lachende Vierte, der sich die Hände reibende Seuchenstaat.“ (ebd.)


Dem Fazit von Wallat ist angesichts dieser endgültigen Selbstdemontage weiter Teile der Linken und ihres Einschwenkens nicht nur in die blanke Affirmation, sondern in einen geradezu „autoritären Konformismus“ (Urban 2022b) wahrscheinlich nicht viel hinzuzufügen:


„Eine Linke, der zur gegenwärtigen Zerstörung der (Rest-)freiheit nichts einfällt, sie als ‚Naturgeschehen‘ entpolitisiert oder gar als ihr offensiver Handlager [sic] und Vollstrecker agiert, gehört final auf dem zum Himmel stinkenden Misthaufen der Geschichte entsorgt.“ (S. 131)



Von Covid-19 zu Putin-22


In einzelnen Beiträgen widmet sich der Erreger schließlich auch dem am 24. Februar 2022 mit dem Angriff Russlands in eine neue Eskalationsstufe eingetretenen Ukraine-Krieg. Dass dieser seit Monaten die Welt erschütternde militärische Konflikt Gegenstand einer Broschüre über den „autoritären Seuchenstaat“ (Wallat) ist, ist nur auf den ersten Blick kontraintuitiv. Denn die öffentliche „Debatte“ über den Ukraine-Krieg weist – wie verschiedentlich auch auf dieser Homepage konstatiert wurde – beeindruckende Parallelen zum Diskurs während der Corona-Krise auf:


„Mithilfe eines gewaltigen Propagandaapparates wird ein öffentlicher ‚Konsens’ produziert, der keinerlei Widerspruch oder auch nur Differenziertheit duldet. Wurde bereits im ‚Krieg gegen das Virus’ eine ‚Solidargemeinschaft’ geschaffen und beschworen, die mit heftiger Ranküne auf all jene reagierte, die es wagten, dumme Fragen zu stellen (über Lockdowns, Maskenpflichten, Impfungen etc.), so steht nun ebenfalls ein Heer von ‚Solidarischen’ Seite an Seite mit der ukrainischen Regierung und in Geschlossenheit gegen den russischen Aggressor. Es scheint fast so, als habe der während der Pandemie wiederentdeckte ‚Volkskörper’ nur darauf gewartet, sich endlich in einem ‚echten’ Krieg bewähren zu dürfen. Wer heute nicht in den sich allerorten (besonders krass aber in Deutschland) ausbreitenden Bellizismus einstimmt, wird schon fast als ‚Staatsfeind’ denunziert.“ (Urban 2022c)


Die Parallelen reichen streng genommen weit über die Propagandaebene und damit zusammenhängende Mechanismen (Verengung des öffentlichen Diskurses, äußerer und innerer Feindbildaufbau, sprachliche Militarisierung etc.) hinaus. Schon allein die (westlichen) Reaktionen auf den Krieg und der konkrete politische Umgang damit erinnern frappant an das politische Agieren während der Corona-Krise: Einer irrationalen und auf einer völlig verzerrten Wahrnehmung der Realität beruhenden Reaktion auf ein gesellschaftliches Geschehen (bei Corona ein grippeähnliches Atemwegsvirus, bei Russland-Ukraine eine kriegerische Auseinandersetzung, deren historische und geopolitische Ursachen völlig ignoriert oder in ihr Gegenteil verkehrt werden) folgt ein nicht minder realitätsfremdes und irrationales Maßnahmenregime, das hochgradig autodestruktive Effekte zeitigt (Lockdowns, Masken, Massenimpfung etc. auf der einen Seite, eine wirtschaftlich in hohem Maße selbstschädigende Sanktionspolitik sowie ein beharrliches Hocheskalieren des Konflikts zu einem möglichen Dritten Weltkrieg auf der anderen Seite). Und wie schon bei Corona hat sich die westliche Politik auch in der Russland-Ukraine-Frage in eine Sackgasse manövriert, in der ihr trotz des offenkundigen Scheiterns und der massiven Schädlichkeit des eigenen Handelns nur die immer noch irrationalere Flucht nach vorn und eine immer noch destruktivere Politik nach dem Muster „more of the same“ bleibt (noch mehr Lockdowns, noch mehr Impfen, noch mehr Sanktionen, noch mehr Waffen).


Diese unübersehbaren Parallelen lassen es daher mehr als gerechtfertigt erscheinen, dem Ukraine-Krieg auch in einer Publikation wie dem Erreger Raum zu widmen. Aus einer wertkritischen und insbesondere krisentheoretischen Perspektive erscheint in diesem Zusammenhang vor allem der Beitrag Von Covid-19 zu Putin-22 von Fabio Vighi von besonderer Relevanz und einer Besprechung würdig. Vighi ist während der Corona-Krise regelmäßig publizistisch in Erscheinung getreten und gilt, wenn man so will, als einer der internationalen „Top-Schwurbler“ zum Thema. Er hat sich insbesondere mit den makroökonomischen Hintergründen der Corona-Krise befasst und dabei die auf den ersten Blick etwas steil anmutende, bei genauerer Betrachtung – und nach den Erfahrungen seit März 2020 – aber durchaus nicht ganz abwegige These entwickelt und sowohl theoretisch als auch empirisch zu begründen versucht, dass die während der „Pandemie“ exekutierte Lockdown-Politik der Staaten auch oder vielleicht sogar vorrangig andere Funktionen erfüllte als eine effektive Pandemiebekämpfung (wofür ja schon der Umstand sprechen könnte, dass über den geringen Nutzen von Lockdowns in einer Epidemie bzw. Pandemie, bei zugleich immens hohem Schadenspotenzial, bis März 2020 ein breiter wissenschaftlicher Konsens bestand – was sich dann ja auch in der Corona-Krise auf eindrucksvolle und tragische Weise bewahrheitete). Laut Vighi bestand diese Funktion in erster Linie in der Verhinderung bzw. Verzögerung eines sich seit Herbst 2019 wieder deutlich abzeichnenden, unmittelbar bevorstehenden Finanzcrashs. Dieser sollte durch ein gigantisches Going-Direct-Liquiditätsprogramm der Notenbanken, mit dem massenhaft Geld ins System gepumpt wurde (allein in den USA zwischen September 2019 und März 2020 neun Billionen Dollar), verhindert werden. Da die enorme Menge an Liquidität, wenn diese in realökonomische Geschäftskreisläufe eingegangen wäre, eine Hyperinflation mit katastrophalen Folgen ausgelöst hätte, seien Lockdowns eine willkommene Möglichkeit gewesen, die Öffentlichkeit abzulenken und gleichzeitig Geschäftstransaktionen auszusetzen und durch eine entsprechende Senkung der Nachfrage nach Krediten eine „Ansteckung“ der Realökonomie zu verhindern (Vighi 2021a).


Im Mainstream wie auch in der „Corona-Linken“ genießen solche Thesen freilich, wie so vieles, den Status einer „Verschwörungstheorie“. Und in der Tat weist Vighi insofern eine gewisse offene Flanke dazu auf, als er in seiner Analyse des Corona-Maßnahmenregimes das Moment des Handelns und des Kalküls von Funktionseliten relativ stark gewichtet, während der in vielerlei Hinsicht irrationale Charakter der kapitalistischen Krisenverwaltung im Allgemeinen und der Corona-Politik im Besonderen tendenziell in den Hintergrund rückt. Gewiss gibt es in dem ganzen auch eine Binnenrationalität und gehen einige Akteure durchaus „planmäßig“ vor, diese Binnenrationalität ist aber selbst fragmentiert durch die in der Krise immer mehr durcheinandergehenden Interessen von Staat(en) und diversen Kapitalfraktionen und darüber hinaus gebrochen durch die auf allen Ebenen überschießende Irrationalität und die krisenbedingten institutionellen Zerfallserscheinungen. Diesem irrationalen Moment des warenproduzierenden Systems in seiner Agonie gibt Vighi analytisch vergleichsweise wenig Raum. Aus wertkritischer Perspektive kann Vighi ohne Frage auch als ein relativ „postmoderner“ Theoretiker betrachtet werden mit einer theoretisch recht eklektizistischen Arbeitsweise, bei dem dann schon mal Wertkritik (die ihm offenbar bekannt ist[21]) mit Versatzstücken von Lacan und Žižek durcheinandergeht. Über den Wahrheitsgehalt seiner kritischen Analysen sagt dies allerdings noch nicht zwangsläufig etwas aus. Unter dem Strich bleibt und ist offensichtlich, dass Corona „als Mittel für eine Krisenbewältigung im kapitalistischen Sinne benutzt [wurde]. Dieser Versuch einer Krisenbewältigung war und ist selbstverständlich ein reaktionärer, faktisch ein Rückgriff auf die autoritär-repressive Frühphase des Kapitalismus“ (Bedszent 2022). Und dieses Ziel der Krisenbewältigung scheint zumindest vorläufig erreicht worden zu sein.[22] Vighis Argumentation ist darüber hinaus explizit krisentheoretisch und durchaus anschlussfähig an die wert-abspaltungskritische Theoriebildung, insofern er die Entwicklungen der letzten zweieinhalb Jahre ausdrücklich in einer fundamentalen Krise des Kapitalismus verortet:


„However, the ‚going direct‘ blueprint should also be framed as a desperate measure, for it can only prolong the agony of a global economy increasingly hostage to money printing and the artificial inflation of financial assets. At the heart of our predicament lies an insurmountable structural impasse. Debt-leveraged financialization is contemporary capitalism’s only line of flight, the inevitable forward-escape route for a reproductive model that has reached its historical limit. Capitals head for financial markets because the labour-based economy is increasingly unprofitable.“ (Vighi 2021a)


Mit seiner Betonung eines konstitutiven Zusammenhangs von „Finanzialisierung” und Obsoletwerden der Arbeit und einer daraus resultierenden fundamentalen Krise des warenproduzierenden Systems insgesamt befindet er sich also durchaus auf der Höhe des „prozessierenden Widerspruchs” (Marx).


Letztlich hebt seine ausgesprochen originelle These, die er in darauffolgenden Artikeln noch weiterentwickelt und begründet hat (z.B. Vighi 2021b, 2022a & 2022b), darauf ab, dass die fundamentale Krise, in der sich das warenproduzierende System befindet, inzwischen ein Stadium erreicht hat, in dem nur noch reale oder inszenierte Katastrophenzustände es dem Kapitalismus erlauben, seine Zombie-Existenz (vorerst) weiterzuführen, indem sie es ermöglichen, die Krisenverwaltung qua Finanzblasen und einer Politik des billigen Geldes zu prolongieren und – so wäre hier vielleicht noch zu ergänzen – den Profitratenfall durch eine hochdimensionierte, staatlich subventionierte Sinnlosproduktion[23] zu bremsen (dazu Hüller 2022), wie sie sich ja aktuell vor allem in der Pharma- und der Rüstungsindustrie abzuspielen scheint.


Genau in diese Argumentationslinie fügt sich auch sein Beitrag im Erreger über den Zusammenhang von Corona- und Ukraine-Krise ein:


„Putins Krieg ist die ideale Fortsetzung des War on Covid. Das übergeordnete Ziel besteht darin, das eigentliche Problem zu verschleiern. Es besteht in den Bergen von billigem Geld, das in die schuldensüchtige Wirtschaft geschleust wird. Die Katastrophenspirale ist das makroökonomische Ereignis unserer Zeit.“ (S. 104, Herv. im Orig.)


In der Tat war beeindruckend zu beobachten, wie mit Beginn des Kriegs die Logik des Corona-Ausnahmezustandes mitsamt seinem ganzen Propagandaapparat nahezu nahtlos auf die Ukraine-Krise übersprang und insbesondere die bereits während der „Pandemie“ weit geöffneten Geldschleusen sogleich ein weiteres schwarzes Loch fanden, in das sie sich ergießen konnten. So hat etwa Deutschland kurz nach Kriegsbeginn umgehend das größte Rüstungspaket seit dem Zweiten Weltkrieg in der Höhe von 100 Milliarden Euro verabschiedet. Die schon durch Corona massiv gestiegene Verschuldungsdynamik, an deren Tropf der postmoderne Krisenkapitalismus hängt, ist dadurch nochmals auf neue Höhen geklettert:


„Im Wesentlichen hat ‚Mad Vlad‘ mit seiner Militäroffensive der Federal Reserve (und anderen großen Zentralbanken) erlaubt, den Tag der Abrechnung für unser ultrafinanzialisiertes Wirtschaftssystem weiter hinauszuschieben. Denn billige Schulden, die in noch mehr Schulden investiert werden, sind das, was die Titanic vor dem Sinken bewahrt. […] Berge von billigem Geld werden aus dem Nichts geschaffen und als finanzielles Druckmittel eingesetzt. Der Appetit auf Kreditaufnahme ist nun wirklich endemisch, denn er betrifft auch die Realwirtschaft, die Haushalte und vor allem die Regierungen. Aus diesem Grund sind globale Notlagen die Hauptantriebskraft für die künstliche Geldmengenausweitung, die wiederum die kapitalistische Flucht nach vorn aus der Verwertungskrise (Unfähigkeit, gesellschaftlich ausreichende Mengen an Mehrwert und damit realen Reichtum zu erzeugen) darstellt, die unsere Produktionsweise seit der Dritten Industriellen Revolution und der Implosion des Bretton-Woods-Systems in den 1970er Jahren plagt. [...] Die Putin-Pandemie wird also durch dieselbe List angetrieben wie die Covid-Pandemie: Sie gibt den Zentralbanken einen Freibrief, ihre monumentalen Gelddruckereien fortzusetzen, die die Märkte ankurbeln und gleichzeitig die Weltwirtschaft weiter unter Druck setzen. Das ist die Einbahnstraße des heutigen Kapitalismus.“ (S. 106f.)


Mit dieser sich immer schneller drehenden Verschuldungsspirale kann zwar freilich die Verwertungskrise mitnichten verhindert, aber zumindest der endgültige Zusammenbruch noch weiter hinausgezögert werden, indem dem ausblutenden Kapitalismus in immer rascherer Abfolge immer noch größere Mengen an Blut, d.h. Geld, zugeführt werden. Damit können die (Finanz-)Märkte vorübergehend stabilisiert werden, und auch die seit Corona wieder explodierende Staatsverschuldung lässt sich auf diese Weise noch ein wenig länger aufrechterhalten:


„Je angespannter die Lage in der Ukraine wird, desto wahrscheinlicher wird eine Stabilisierung des Anleihemarktes und damit eines Falls der Renditen (der Anleihemarkt fungiert als Kanarienvogel in der Kohlemine für einen möglichen Marktabsturz). Darüber hinaus könnte die Aussetzung des EU-Stabilitäts- und Wachstumspakts, die aufgrund von Covid für 2020 beschlossen wurde, nun auf unbestimmte Zeit verlängert werden. Trotz gegenteiliger Signale könnte der Ukraine-Konflikt es der EU also leicht ermöglichen, die ‚Staatsschuldenkrise‘ noch ein wenig weiter vor sich herzuschieben.“ (S. 107)


Entscheidend ist laut Vighi das Offenhalten der Geldschleusen und eine Fortsetzung der Politik des leichten Geldes (Quantitative Easing), die zu ihrer Legitimierung ggf. „durch eine zyklische Abfolge globaler Notfälle kalibriert wird“ (ebd.). Ob diese „Notfälle“ real oder bloß inszeniert sind, ist dabei genauso unerheblich wie die konkrete Art des Notstandes, wie Vighi nicht ohne Ironie festhält:


„Pandemie, terroristische Kampagnen, nukleare Bedrohungen, Handelskriege, militärische Konflikte oder – warum nicht – die Landung von Außerirdischen.[24] Bei jeder sich bietenden Gelegenheit muss das Chaos heraufbeschworen werden, im Idealfall mit der Figur eines brutalen, blutrünstigen Feindes. Ob als Medienereignis oder in der Realität, es kommt auf den Notfallkreislauf an, denn er hält den Geldhahn offen. Vergessen wir nicht, dass das Kapital ein blinder Prozess ist, der den Stillstand verabscheut: Es muss in ständiger Bewegung sein, auch wenn Bewegung bedeutet, dass immer größere Mengen an untragbaren Schulden angehäuft werden, auf welche Weise auch immer. (ebd., Herv. im Orig.)


Eine „zyklische Abfolge“ von Notständen ist unter den Bedingungen einer sich immer stärker zuspitzenden, krisenhaften kapitalistischen Widerspruchsentfaltung vor allem deshalb erforderlich, da sich die jeweiligen Begründungen und „Narrative“ mit der Zeit abnützen können – zumal bei solchen „Krisen“, die mehr inszeniert als real sind –, wie ja gerade auch an der Corona-Krise beobachtet werden konnte: „Nach zwei Jahren unermüdlicher Panikmache, Geschichtenerzählens und Gelddruckens war das Covid-Narrativ jedoch abgestanden und zunehmend widersprüchlich geworden [...].“ (ebd., Herv. im Orig.) Der Ukraine-Krieg kam vor diesem Hintergrund gerade recht, dieser lieferte ein neues Katastrophen-„Narrativ“, das sich wie schon vorher bei Corona politisch-ökonomisch, vor allem aber geldpolitisch ausschlachten ließ. Denn wenn „die Fed den Fuß vom geldpolitischen Gaspedal nehmen würde, würde die Welt in Rekordzeit in eine ausgewachsene Rezession stürzen“
(S. 108).


Natürlich ist das – sollte Vighi mit seinen Thesen Recht behalten – im höchsten Grade verrückt und reiner Wahnsinn, zumal mit dem sich ständig hocheskalierenden Ukraine-Krieg plötzlich auch die nukleare Bedrohung wieder so real ist wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Doch Irrationalität gehört zum Wesen des die ganze stoffliche Welt der Kapitalverwertung subsumierenden und dabei ggf. auch zerstörenden warenproduzierenden Systems. Und in seiner fundamentalen Krise entfaltet sich der Kapitalismus, worauf Robert Kurz immer wieder hingewiesen hat, zu einem regelrechten Weltvernichtungsprogramm. Das Kapital duldet nichts außer sich, und wo kein Kapital und keine Verwertung mehr ist, soll gar nichts mehr sein. Es ist somit die irrationale Binnenlogik des Kapitalismus selbst, die in seiner finalen Krise endgültig zu sich kommt und die kapitalistische „Zivilisation“ geradewegs auf ihre eigene Selbstzerstörung zurasen lässt. An manchen Stellen kommt auch Vighi auf die galoppierende Irrationalität des Krisenkapitalismus zu sprechen. So spricht er etwa von einem „psychotische[n] Kern des Kapitals“, der heute immer deutlichere Züge annehme, „da es [das Kapital, A.U.] sich fast vollständig von seinem Ursprung (der wertproduzierenden Arbeit) entfernt hat“ (ebd.):


„Auch wenn der gegenwärtige Einsatz von Ausnahmezuständen bereits seinem Wesen nach pervers ist, könnten psychotische Zeiten vor der Tür stehen. Indem wir Putin als ‚Mad Vlad’ bezeichnen, übersehen wir jedoch den Wahnsinn und die wahrhaft kriminelle Berufung des heutigen Kapitalismus. Um es noch einmal zu wiederholen: Ein implodierendes sozioökonomisches System, das von einem finanziellen Hebeleffekt in der gegenwärtigen Größenordnung getragen wird, benötigt dringend einen kontinuierlichen Strom von Notfällen und einen Bond-Bösewicht, dem man die Schuld geben kann. Die industrielle Produktion von Notfällen wiederum erfordert glaubwürdige Akteure auf der Weltbühne und ein Publikum, das bereit ist, sich von zynischer Medienpropaganda schocken zu lassen.“


Letzteres ist, wovon nicht zuletzt die vergangenen zweieinhalb Jahre Zeugnis abgelegt haben, en masse vorhanden. Anders mag es um die „glaubwürdigen Akteure“ stehen, denn glaubwürdig war und ist an der Darbietung von Politik, Journaille und „Experten“ in der Corona-Krise wie aktuell in der Ukraine-Krise ausgesprochen wenig – was wiederum ein umso bezeichnenderes Licht auf das „Publikum“ wirft, dessen Manipulierbarkeit mittlerweile offenbar keine Grenzen mehr kennt. Die „Akteure“, d.h. die Funktionseliten in Staat und Kapital, sind aber offensichtlich von keinem wesentlich anderen Schlage als ihr „Publikum“ und vielleicht nur so etwas wie die realen Gesamtpsychotiker in einem sich immer irrationaler gebärdenden Krisenkapitalismus Akteure, die inzwischen selbst auf ihre eigene Propaganda hereinfallen.[25]


Wie geht es weiter? Laut Vighi ist ein langwieriger Krisenprozess zu erwarten:


„Man muss einen Tsunami weltweiter Inflation, weitere Verarmung und Massenmigration (von billigen Arbeitskräften) erwarten – und all das wird Putin angelastet werden.[26] Man muss die Rückkehr von Pandemie-Bedrohungen, die die laufenden Bestrebungen zur Globalisierung von Impfpässen und der Digitalisierung des Lebens unterstützen, erwarten. Man muss von einem neuen Wettrüsten ausgehen, um die stagnierenden BIPs in der ganzen Welt anzukurbeln. Wenn es das wirtschaftliche Umfeld erfordert, kann man mehr militärischen Schaden für die hilflosen Bevölkerungen erwarten, die in der Mitte der kapitalistischen Scharade gefangen sind. Man muss von false flag-Operationen und unerbittlichen Desinformationskampagnen ausgehen.“ (S. 109).


In manchen Punkten wurde der Text, der erstmals Mitte März 2022 in englischer Sprache publiziert wurde, freilich bereits durch den Gang der Ereignisse überholt. Beispielsweise hat Vighi damals noch angenommen, dass die EU-Sanktionen auf russisches Öl und Gas aufgrund der extremen Abhängigkeit der europäischen Volkswirtschaften nicht so umfassend umgesetzt werden würden, wie ursprünglich geplant und verlautbart (S. 105). Das ist zwar nicht völlig falsch, aber wie wir inzwischen miterlebt haben, hat sich die EU mit ihrer Sanktionswut beharrlich in eine Situation hineinmanövriert, die in naher Zukunft massive wirtschaftliche Kollateralschäden und einen historisch beispiellosen Deindustrialisierungsschub in Europa erwarten lassen (hier ist allerdings zu konzedieren, dass wohl niemand, der noch einigermaßen bei Verstand ist, einen derartigen Irrsinn vor einem halben Jahr noch für möglich gehalten hätte). Anderes, das Vighi prognostizierte, ist wiederum tatsächlich in der einen oder anderen Form eingetreten (Inflation, Energiekrise).


In einem rezenten Artikel hat Vighi seine Thesen inzwischen aktualisiert und berücksichtigt dabei auch neuere Entwicklungen. So hält er etwa vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Energiekrise in Europa auch wieder Maßnahmen wie Lockdowns für möglich – schon allein, um die von Verarmung und Kälte bedrohte Masse in Schach zu halten:


„When looking at the ongoing energy crisis, which threatens to bring Europe to its knees no later than this Winter, lockdowns (or similar restrictions) cannot fail to appear as the most ‚practical’ way of achieving large-scale energy savings. Social restrictions would not only tame inflation but also help us conscientious citizens to ‚do our bit’ against climate change, feeding the noble illusion that a zero-net ‚Green New Deal’ – supported of course by a massive programme of fiscal stimulus (i.e., more debt) – will unleash a new era of capitalist growth. Adopting lockdown policies may well be the only way for ‚green capitalism’ to affirm itself, for the system needs to keep both the inflationary spiral and the impoverished masses under control. The key point here is that ‚sustainable growth’ through green technology remains a pious illusion for a system that requires increasing levels of labour-intensive production to generate real economic value. Every leap in post-industrial technological innovation driven by capital, no matter how green or desirable, will cause unemployment and poverty to grow, together with the imposition of widespread repressive measures upon entire populations.” (Vighi 2022b)


Energie- bzw. Klima-Lockdowns? Nach den Erfahrungen der vergangenen zweieinhalb Jahre kann dies wohl nicht mehr kategorisch ausgeschlossen werden.[27]


 

Abschließende Bemerkungen


Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Erreger einige Beiträge enthält, die auch aus wertkritischer Sicht relevant und diskussionswürdig sind im Hinblick auf eine kritisch-theoretische Auseinandersetzung mit sowie Erklärung der als „Corona-Krise“ bezeichneten „gesellschaftlichen Naturkatastrophe“ der vergangenen zweieinhalb Jahre. Generell ist festzuhalten, dass der Erreger mit seiner radikalkritischen Position gegenüber dem autoritären Corona-Staat – unabhängig davon, ob in allen Punkten Übereinstimmung besteht oder auch in manchen Belangen Kritik anzumelden ist – eine Lücke füllt, die eine während der „Pandemie“ endgültig zerfallene und überwiegend in Affirmation, Konformismus und Autoritarismus abgeglittene Linke hinterlassen hat. Das allein ist dem Erreger und seinen Autor/innen als großes und wichtiges Verdienst anzurechnen.


Freilich kann auf Basis einer selektiven Auswahl von einigen wenigen Beiträgen keine verallgemeinernde Aussage über den gesamten Band abgeleitet werden. Eine solche wäre schon aufgrund der großen Zahl und der beträchtlichen inhaltlichen, formalen wie (links-)
theoretischen Diversität der Beiträge nur schwer zu treffen. Auch ein einigermaßen umfassender Überblick über die in dieser Buchbesprechung nicht berücksichtigten Inhalte fällt angesichts des weiten inhaltlichen Spektrums des Bandes eher schwer. Wer sich einen schnellen Überblick verschaffen möchte, sei daher auf das Inhaltsverzeichnis des Bandes verwiesen. Exemplarisch herausgegriffen seien an dieser Stelle lediglich folgende Beiträge: Gegen das Vergessen, eine sehr polemische und zugespitzte, aber in vielen Punkten treffende „Corona-Revue“ von Thomas Maul (S. 7-9); der bereits erwähnte Beitrag Ein postideologischer Totalitarismus von Tove Soiland über das (Un-)Wesen der „Corona-Linken“ und die „politische Immunisierung des Pandemieregimes“ (S. 84-87); Zur Dialektik der medizinischen Aufklärung (S. 76-82) – in diesem Beitrag ruft Martin Blumentritt den schon immer ambivalenten Charakter der modernen Medizin und der mit ihr assoziierten „Errungenschaften“ in Erinnerung und verdeutlicht, dass das im Zuge der Corona-Krise etablierte „Hygiene-Regime“ nur die logische Konsequenz einer fortschreitenden Medikalisierung des Lebens (und Sterbens) und einer damit verbundenen „sozialen Iatrogenesis“ (Ivan Illich) darstellt (eine Erinnerung, die angesichts des offenkundigen Verschwindens auch nur der geringsten Spurenelemente einer Pharma- und Medizinkritik innerhalb der Linken dringend nottut); die Sammelrezension Corona als ein Moment des Neuen, in der Christian Kleinschmidt einen Überblick über Corona-kritische Literatur aus dem linken Spektrum gibt; sowie von Horst Pankow der Beitrag Zeitenwende: Nach Corona nun der Krieg über Parallelen bzw. Kontinuitäten zwischen Corona- und Ukraine-Krise (im bundesdeutschen Diskurs) und den raschen Switch „von der Maske zum Stahlhelm“ (S. 96-103).


Abschließend sei noch das reiche Bildmaterial gewürdigt, das die Broschüre enthält und zahlreiche der Beiträge illustriert. Diese reichen von zum Teil historischen Seuchenpolitik-Plakaten, die eindrücklich veranschaulichen, in welcher autoritären und totalitären Tradition die Botschaften und „Narrative“ der Corona-Politik stehen, bis hin zur Dokumentation sowohl der faschistoiden Parolen und Graffitis der autoritären „Corona-Linken“ als auch der Artikulationen des Widerstands gegen den Maßnahmenstaat im öffentlichen Raum.


Eine Fundgrube sind auch die über das ganze Heft verstreuten Zitate aus Theorie und Literatur, die einzelnen Beiträgen ergänzend bzw. zur Illustration beigestellt sind. Ein besonders schönes Zitat von Guy Debord sei abschließend in einiger Länge zitiert. Es stammt aus seinen 1988 publizierten Kommentaren zur Gesellschaft des Spektakels und liest sich zum Teil wie eine Vorwegnahme dessen, was wir in den vergangenen zweieinhalb Jahren erleben durften. Zumindest aber diagnostiziert Debord hier bereits als Tendenz, was im Corona-„Spektakel“ vielleicht erst so richtig zu sich kommt:


„Die Auflösung der Logik ist, gemäß den fundamentalen Interessen des neuen Herrschaftssystems, mit verschiedenen Mitteln betrieben worden, die operierten, indem sie sich stets gegenseitig Beistand leisteten. Mehrere dieser Mittel entstammen dem technischen Instrumentarium, die das Spektakel erprobt und popularisiert hat. [...] Der Fluß der Bilder reißt alles mit sich fort, und wiederum ist es ein anderer, der nach seinem Gutdünken dieses vereinfachte Resümee der sinnlich wahrnehmbaren Welt regiert; der bestimmt, wohin dieser Strom zu fließen hat und der den Rhythmus dessen angibt, was darin zur Geltung kommen soll, als ständige willkürliche Überraschung, keine Zeit zum Nachdenken gewährend und völlig unabhängig von dem, was der Zuschauer davon verstehen oder denken mag. In dieser konkreten Erfahrung der permanenten Unterwerfung liegt die psychologische Wurzel der allgemein vorherrschenden Zustimmung zu dem, was da ist, Zustimmung, die darauf hinausläuft, ihm ipso facto hinreichenden Wert zuzusprechen. [...] Was das Denkvermögen der heutigen Bevölkerung anbetrifft, so ist klar ersichtlich, daß die Hauptursache für dessen Dekadenz darin zu finden ist, daß keiner der im Spektakel gezeigten Diskurse Platz für eine Antwort läßt; und gesellschaftlich gebildet hatte sich die Logik nur über den Dialog. Eine weitere Ursache ist, daß mit dem wachsenden Respekt vor dem, was im Spektakel spricht und für wichtig, reich und glänzend, für die Autorität schlechthin gehalten wird, sich bei den Zuschauern die Neigung breitmacht, genauso unlogisch wie das Spektakel sein zu wollen, um einen individuellen Abglanz dieser Autorität zur Schau zu tragen. Schließlich ist Logik nicht so einfach, und niemand hat sie ihnen beibringen wollen. Ein Drogensüchtiger studiert nicht Logik: zum einen, weil er sie nicht braucht, und zum anderen, weil er nicht mehr die Möglichkeit dazu hat. Diese Trägheit des Zuschauers ist ebenfalls die jedes x-beliebigen intellektuellen Kaders, die des schnell herangebildeten Spezialisten, der in allen Fällen versuchen wird, die engen Grenzen seiner Kenntnisse dadurch zu kaschieren, daß er dogmatisch irgendein Argument wiederholt, hinter dem eine unlogische Autorität steht.“ (Debord 2005, S. 30f.; im Erreger zitiert auf S. 13)

 


 

Literatur


Anton, Andreas/Schink, Alan (2021): Der Kampf um die Wahrheit. Verschwörungstheorien zwischen Fake, Fiktion und Fakten, München.


Bedszent, Gerd (2021): Totale Konkurrenz oder repressive Menschenverwaltung? Staatsgewalt in Zeiten der Krise, wertKRITIK.org


Bedszent, Gerd (2022): Im Herbst der Pandemie, in: Ossietzky 19/2022, online unter wertKRITIK.org


BMI (2020): Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen, online abrufbar unter corodok.de


Debord, Guy (2005): Kommentare zur Gesellschaft des Spektakels, in: Texte der Situationistischen Internationale, Heft VIII, S. 18-59, online verfügbar unter magazinredaktion.tk


Desmet, Mattias (2022): The Psychology of Totalitarianism, White River Junction/London.


Hanloser, Gerhard/Nowak, Peter/Seeck, Anne (Hg.) (2021): Corona und linke Kritik(un)fähigkeit. Kritisch-solidarische Perspektiven „von unten“ gegen die Alternativlosigkeit „von oben“, Neu-Ulm.


Hüller, Knut (2022): Profit, Geldschöpfung und Staat(skredit), wertKRITIK.org


Hund, Lasse F. (2021): Corona-Wahn als Krisenphänomen. Paranoide Charaktermasken und der Verein der Volksgesundheitsbeauftragten, in: Der Erreger – Texte gegen die Sterilisierung des Lebens, S. 14-17, online verfügbar unter magazinredaktion.tk


Jappe, Anselm (2017): La société autophage. Capitalisme, démesure et autodestruction, Paris.


Jappe, Anselm (2022): Haben Sie „Gesundheitsdiktatur“ gesagt?, wertKRITIK.org


Kurz, Robert (2013): Die Welt als Wille und Design. Postmoderne, Lifestyle-Linke und die Ästhetisierung der Krise (2. Auflage), Berlin.


Schlauch, Patrice (2020): Präödipale Monster. Zur Kritik der postmodernen Zerfallssubjektivität und ihrer destruktiven Entgrenzung, fractura.online (auch online auf wertKRITIK.org)

 

Urban, Andreas (2022a): Ein Gespenst geht um in der Wertkritik. Anmerkungen zur wert(abspaltungs)kritischen Corona-„Debatte“, wertKRITIK.org


Urban, Andreas (2022b): Der autoritäre Konformismus der akademischen Jugend, streifzuege.org


Urban, Andreas (2022c): Ukraine-Krieg, Propaganda und der geopolitische Abstieg des Westens. Einige Thesen aus wertkritischer Perspektive, wertKRITIK.org

 

Urban, Andreas/von Uhnrast, F. Alexander (2022a): Corona als Krisensymptom? Thesen zu Ursachen und historischen Bedingungen eines globalen Nervenzusammenbruchs. Teil 1: Auf der Suche nach dem „Killervirus“, wertKRITIK.org

 

Urban, Andreas/von Uhnrast, F. Alexander (2022b): Corona als Krisensymptom? Thesen zu Ursachen und historischen Bedingungen eines globalen Nervenzusammenbruchs. Teil 2: Pandemischer Nervenzusammenbruch, wertKRITIK.org

 

Vighi, Fabio (2021a): A self-fulfilling prophecy: Systemic collapse and pandemic simulation, thephilosophicalsalon.com


Vighi, Fabio (2021b): The central bankers’ Long Covid: An uncurable condition, thephilosophicalsalon.com


Vighi, Fabio (2022a): Pause for thought: Money without value in a rapidly disintegrating world, thephilosophicalsalon.com


Vighi, Fabio (2022b): A system on life support, thephilosophicalsalon.com


Wissen, Leni (2017): Die sozialpsychische Matrix des bürgerlichen Subjekts in der Krise. Eine Lesart der Freud’schen Psychoanalyse aus wert-abspaltungskritischer Sicht, in: exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft 14, S. 29-49.




Endnoten


[1] Exemplarisch genannt sei hier lediglich der Sammelband Corona und linke Kritik(un)fähigkeit (Hanloser et al. 2021). Die Unentschlossenheit im Hinblick auf eine radikale Kritik wird hier nicht zuletzt daran deutlich, dass in diesem Band sogar Zero-Covid-Perspektiven Raum gegeben wird.


[2] Auch die Gruppe für Wertkritik & Krisentheorie samt ihrer Website ist maßgeblich das Produkt einer innerlinken Spaltung vor dem Hintergrund der Corona-Krise.


[3] Unter diesem Gesichtspunkt wäre durchaus auch der erste Band einer Besprechung würdig. Pars pro toto sei hier lediglich auf den Beitrag Corona-Wahn als Krisenphänomen von Lasse F. Hund (2021) hingewiesen, dessen Befunde sich in zahlreichen Punkten mit den auf dieser Homepage vertretenen Thesen über den Zusammenhang von Corona und finaler Kapitalismuskrise decken.

So kontextualisiert Hund etwa die beeindruckenden Verfassungs- und Rechtsbrüche der Staaten während der „Pandemie” durchaus treffend in einer krisenbedingten Erosion der modernen Rechtsform insgesamt: „Weil der Laden angesichts sich verschärfender Krisen zusammengehalten werden muss, nehmen das Ausmaß und die rechtliche Entgrenzung autoritärer Kontroll- und Sicherheitsmaßnahmen in bisher bürgerlich-demokratischen Staaten zu […]. Immer deutlicher setzen sich krisenhaft die überpositiven Bestimmungen des Rechts, die hypothetisch antizipierten Verwertungsbedingungen des Kapitals, die der Staat um jeden Preis sichern muss, gegen seinen bürgerlich-liberalen Gehalt durch. Die Existenzbedingungen des Rechts gebären aus sich heraus seine Liquidation.” (ebd., S. 15).
Ebenso erkennt er im grassierenden Corona-Wahn Symptome eines zunehmenden Verfalls der bürgerlichen Subjektform und ihrer instrumentellen Rationalität: „Wie die Entfaltung des Kapitalverhältnisses das Bürgertum und seine Rationalität auf die Bühne der Geschichte spülte, bewirkt das immer heftiger von Krisen geschüttelte Kapital mit seinen gegen Sinnlichkeit, Glück, Naturschönheit sich totalisierenden Destruktivkräften, die immer hysterischer ideologisch verklärt werden müssen, seinen Untergang. Mit dem Bürgertum zerfällt auch die progressive Substanz instrumenteller Rationalität. Das produziert paranoide Charaktermasken. Die sture technizistische Kontrollwut der bürokratischen Funktionäre mit ihrem fragmentierten Bewusstsein schlägt in Wahn um, sobald ihr der Gegenstand entgleitet bzw. Akteur und Gegenstand ununterscheidbar werden.“ (ebd.)


[4] Der deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbach phantasierte noch im Frühjahr 2022 von einer „Killervariante”, die im Herbst die Welt heimsuchen könnte („Lauterbach warnt vor ‚Killervariante’ des Coronavirus”, swr.de [19.4.2022]).

Überhaupt ist Lauterbach die perfekte Personifikation des virulenten Corona-Wahns, und sein Aufstieg zum deutschen Gesundheitsminister sagt allein in dieser Hinsicht viel über den (Geistes-)Zustand der Gesellschaft und insbesondere Deutschlands aus. Spätestens seine kontraindizierte Selbstmedikation mit dem umstrittenen Corona-Medikament Paxlovid im August 2022 veranlasste kritische Kommentatoren nicht ganz zu Unrecht zu Spekulationen, der Gesundheitsminister leide offenkundig unter einer Corona-bezogenen Angstpsychose (vgl. „Lauterbachs Selbstmedikation – der Querdenker”, nachdenkseiten.de [15.8.2022]).


[5] „Macron über den Feind, das Virus: ‚Wir sind im Krieg‘“, derstandard.at (16.3.2020)

[6] „Warten auf die Wunderspritze“, zeit.de (3.2.2022)

[7] „Neues von der Impffront“, derstandard.at (8.1.2021)

[8] Ein Muster, das wir heute übrigens wieder im als „Sanktionspolitik“ getarnten Wirtschaftskrieg gegen Russland sehen. „Frieren gegen Putin“ lautet die Devise, und wer auf die absehbar selbstzerstörerischen Effekte der westlichen Sanktionen hinweist, wird schon mal als „Kollaborateur“ (Alexander van der Bellen) oder „Volksverräter“ (Beate Meinl-Reisinger) tituliert.


[9] Für das Zustandekommen der „verstörenden“ Bilder aus Bergamo waren, wie man heute weiß, mehrere Faktoren ausschlaggebend: Zunächst gab es in Bergamo in der Tat ein etwas größeres, regional begrenztes Sterbegeschehen, das allerdings nicht größer war, als bei früheren schweren Grippewellen und darüber hinaus nicht unwesentlich durch gravierende Fehler im „Pandemiemanagement“ verursacht wurde (z.B. Verlegung von Erkrankten in Pflegeheime, systematische Fehlbehandlungen von Corona-Kranken). Zweitens kam es durch die behördliche Anordnung der (im erzkatholischen Italien eher unüblichen) Verbrennung der Verstorbenen und einen entsprechenden Mangel an Krematorien zu einer Überlastung der dortigen Bestattungsunternehmen. Der auf den Fotos abgebildete Militärkonvoi kam schließlich durch eine eigenmächtige politische Entscheidung zustande, die verfügte, die sich infolge der behördlichen Vorgaben bei den Bestattungsunternehmen häufenden Leichname mithilfe des Militärs zu anderen Krematorien in umliegenden Orten zu transportieren. Diese „Aktion“ blieb in dieser Form auch einmalig, stellte also nicht dar, was die medialen Bilder suggerierten, nämlich durch die Pandemie verursachte Leichenberge. Über das tatsächliche Zustandekommen der „Bilder aus Bergamo“ konnte etwas mehr als ein Jahr danach sogar in Mainstreammedien nachgelesen werden (z.B. „Der Militärkonvoi aus Bergamo: Wie eine Foto-Legende entsteht“, br.de [26.10.2021]).


[10] Von Desmet ist zu diesem Thema mittlerweile ein Buch mit dem Titel The Psychology of Totalitarianism erschienen (Desmet 2022).

[11] Hier zeigt sich möglicherweise auch ein grundlegender Unterschied zu historisch früheren Formen der Massenmobilisierung, etwa während des Nationalsozialismus: Die durch Jahrzehnte der Postmodernisierung und Individualisierung hindurchgegangenen Subjekte, aus denen sich die Corona-Masse rekrutiert, bleiben auch als Masse noch eine von Individualisierten und Vereinzelten. So ist die Corona-Masse „solidarisch”, aber auf Abstand (social distancing), sie ist uniformiert (Maske), dabei aber gesichtslos und anonym. Es ist eine Massenformierung, die dem zutiefst asozialen Charakter postmoderner Subjekte voll und ganz entspricht und diesen gleichsam reflektiert. Es könnte lohnend sein, sich mit dieser paradoxen und historisch spezifischen Form der postmodernen Massenformation, wie sie sich während der Corona-Krise darbot, bei Gelegenheit genauer zu befassen.


[12] Allein der Vorwurf des „Leugnens” an die Adresse von Kritiker/innen verweist darauf, dass es hier um eine Art Glaubenssystem geht, dem sich die Menschen zu unterwerfen haben. Kritik daran gilt als Abfall von der heiligen Lehre, der konsequent verfolgt und bestraft wird.


[13] So der „furchtbare Punk“ des Spiegel, Sascha Lobo, in einer Kolumne vom 5.1.2022 („Die Denkpest geht um“, spiegel.de [5.1.2022]).

[14] Vgl. in diesem Sinne auch Anselm Jappe (2022): „Die Gesundheitspolitik der Regierungen (zumindest in Westeuropa) ist keineswegs ‚chaotisch‘ oder ‚zickzackförmig‘. Zu Beginn, vor zwei Jahren, war sie es. Spätestens seit dem Sommer 2021 sind diese Politiken absolut kohärent und verfolgen ohne Zögern ein einziges Ziel: alle Menschen zu zwingen, sich impfen zu lassen, und zwar wiederholt. Dabei spielt es keine Rolle, dass der Impfstoff kaum wirkt: Was zählt, ist, die gesamte Bevölkerung auf Linie zu bringen, Gehorsam zu lehren und jeden Widerstand zu ersticken. […] Für Staaten gibt es keine Unschuldsvermutung. Sie befinden sich nicht in einem ‚Dilemma‘. Man kann nicht glauben, dass sie sich wirklich um das Leben ihrer Bürger kümmern, um das sie sich in anderen Fällen so herzlich wenig scheren – umso mehr, wenn es sich um Rentner handelt, die die Rentenkassen wirtschaftlich gesehen nur belasten! Die fanatische Anwendung der Impfung muss andere Ziele haben – im Wesentlichen soll sie ein Klima der Unterwerfung schaffen und die Kontrollinstrumente präparieren, die die Staaten brauchen, wenn die wirklichen Krisen kommen.“


[15] Siehe in diesem Zusammenhang auch den Text Ein postideologischer Totalitarismus von Tove Soiland im selben Heft (S. 84-87).

[16] Wenngleich man unterschiedlicher Meinung darüber sein kann, ob es gerechtfertigt ist, an dieser Stelle, wie Lange, von einem „religiösen Nazismus” (S. 14) von Impfpflichtbefürwortern zu sprechen. Dass es beim „Coronismus”, ganz besonders im Rahmen der „Impfdebatte”, gewisse Parallelen und Ähnlichkeiten zum faschistischen und sogar nationalsozialistischen Denken gab und gibt, ist kaum von der Hand zu weisen. Trotzdem wäre, gerade vor dem Hintergrund der völligen Verkehrung und Inflationierung solcher Begriffe in der weitverbreiteten Diffamierung von Maßnahmen- und Impfkritiker/innen, etwas mehr Zurückhaltung angebracht und von einer unvermittelten und historisch problematischen Gleichsetzung des Corona-Regimes und seiner Mitläufer mit Faschismus und Nazismus eher Abstand zu nehmen.


[17] Diesen Begriff hat übrigens nicht Sahra Wagenknecht erfunden, sondern er geht mindestens auf Robert Kurz‘ erstmals im Jahr 1999 veröffentlichtes Buch Die Welt als Wille und Design. Postmoderne, Lifestyle-Linke und die Ästhetisierung der Krise zurück. Im Prinzip war damals schon der erbarmungswürdige Zustand der (Rest-)Linken erkennbar, mit deren seither nochmals massiv fortgeschrittenem Verfall – nicht zuletzt auf intellektueller Ebene – wir heute konfrontiert sind.


[18] So schreibt auch Wallat treffend über die sogenannten „Querdenker“, diese seien in erster Linie „unbelehrbare Verfassungspatrioten“ (S. 130).


[19] Wer auch immer das sein mag. Soweit ich sehe, „leugnen“ die wenigsten Maßnahmenkritiker/innen das Coronavirus. Was in Frage gestellt wird, ist allenfalls die „Pandemie“, was eine Frage der Definition ist, vor allem aber die offiziellen Zahlen und deren Interpretationen sowie, darauf aufbauend, der Nutzen und die Verhältnismäßigkeit staatlich verhängter Maßnahmen. Das aber ist etwas qualitativ anderes, als die Existenz eines Virus zu „leugnen“ oder auch nur zu bestreiten, dass Menschen daran erkranken und sterben können.


[20] Die „der Wissenschaft“ bedingungslos Folgenden und Huldigenden entblöden sich auch nicht, dies offen – wenn auch gewiss nicht bewusst – auszusprechen: „Ich glaube an die Wissenschaft“ kann man regelmäßig aus dem Munde derer vernehmen, die sich von den „irrationalen“ und „rechten“ „Wissenschaftsfeinden“ abzugrenzen gedenken. Solche Bekenntnisse tun die ganze Wahrheit über den Szientismus der staatstragenden Linken mit ihrem „Follow the Science“-Dogma kund: Er ist ein Glaubenssystem und damit das genaue Gegenteil eines „aufgeklärten“, „wissenschaftlichen“ Denkens, das seine Anhänger so lautstark wie borniert für sich beanspruchen.


[21] Beispielsweise trägt einer seiner jüngeren Artikel den (Teil-)Titel Money without Value (Vighi 2022a), was für Wertkritiker/innen klar ersichtlich eine beabsichtigte oder unbeabsichtigte Reminiszenz an Robert Kurz’ letztes großes Werk Geld ohne Wert darstellt.


[22] Auch und gerade die Ablenkung der Öffentlichkeit durch die Lockdown-Politik, so diese Teil des „Plans” gewesen sein sollte, hat hervorragend funktioniert. Wenn man bedenkt, dass im Zuge der Corona-Krise geldpolitisch ungefähr dasselbe abgezogen wurde wie im Kontext der Finanzkrise 2007/2008, allerdings nochmals um einige Hausecken höher dimensioniert, gab es diesmal im Vergleich zu damals erstaunlich wenig bis gar keinen Protest, geschweige denn nennenswerten Widerstand, aus der Bevölkerung.


[23] „Sinnlosproduktion” meint an dieser Stelle die über das bisherige kapitalistische business as usual hinausgehende Tendenz der Produktion nur um der Produktion willen, aus der in zunehmendem Maße Waren ohne Nutzen, dafür aber mit mehr oder weniger großem Schadenspotenzial hervorgehen. Dieser zunehmend destruktive Charakter der Warenproduktion ist im Fall der Rüstungsindustrie ohnehin ersichtlich, zeigt sich aber auch an den Produkten der „Pandemie-Industrie”, z.B. wenig wirksame, aber nebenwirkungsreiche mRNA-Impfungen, Test-Kits für epidemiologisch sinnfreie Massentests oder die zig Milliarden Masken, für deren Nutzen es keinerlei valide wissenschaftliche Evidenz gibt. Alleine die ökologischen Schäden durch die anfallenden Müllberge aus benutzten (und unbenutzten) Masken und Corona-Tests sind enorm (vgl. exemplarisch „Corona lässt den Müllberg wachsen”, sueddeutsche.de [1.2.2022]).


[24] Dies ist übrigens weniger abwegig als es klingt. Erst vor wenigen Jahren wurde in den USA durch Medienberichte bekannt, dass – entgegen den bisherigen Beteuerungen von US-Regierungen – militärisch-geheimdienstliche UFO-Programme existier(t)en. Seither hat sich u.a. die mediale Berichterstattung zum Thema um 180 Grad gedreht und wird plötzlich ernsthaft in Betracht gezogen, was bis vor kurzem noch als Hirngespinste von Spinnern und „Verschwörungstheoretikern“ galt: die Existenz von UFOs und die Möglichkeit des Kontakts mit Außerirdischen (vgl. Anton/Schink 2021, S. 197ff.). Dass bei UFO-Gläubigen oder Personen, die den seit Jahrzehnten in den USA verbreiteten Verschwörungstheorien über eine angebliche staatliche Vertuschung längst stattfindender Kontakte mit Außerirdischen (z.B. Roswell) anhängen, die Inszenierung einer UFO-Landung verfangen würde, kann fast als sicher angenommen werden. Nach den Erfahrungen der letzten zweieinhalb Jahre und angesichts des in der Bevölkerung insgesamt offensichtlich weit vorangeschrittenen Realitätsverlusts erscheint es aber auch keineswegs mehr ausgeschlossen, dass eine hinreichend professionell inszenierte UFO-Hysterie auch in anderen Segmenten der Bevölkerung auf ähnlich fruchtbaren Boden fiele wie die Corona-Hysterie (zumal es dafür auch historische Präzedenzfälle gibt – siehe etwa die panischen Reaktionen, die 1938 ein Hörspiel des US-Radiosenders CBS auf der Grundlage von H. G. Wells‘ Roman Krieg der Welten bei zahlreichen Hörer/innen auszulösen vermochte; ebd., S. 190f.).


[25] Hier gilt vielleicht im Großen, was Karl Kraus einmal sinngemäß über Diplomaten gesagt hat: Der Diplomat belügt die Journalisten und glaubt dann, was er in der Zeitung liest.


[26] Dies hat sich bereits bewahrheitet. Inflation, Energiekrise, drohende Wirtschaftseinbrüche – alles Putins Schuld.

[27] Die Hüterinnen des Lichts der Aufklärung – die Universitäten – planen jedenfalls in manchen Ländern bereits für den Winter-Lockdown, so z.B. in Frankreich („Crise énergétique: les universités devront-elles fermer cet hiver?, etudiant.lefigaro.fr [21.9.2022]). Auch in Österreich ist kürzlich eine interne Mitteilung der Universität Wien an die Öffentlichkeit gelangt, wonach für den Notfall, wenn die Energielieferung reduziert werden sollte, ein weitgehendes Herunterfahren des Universitätsbetriebs, analog zum Lockdown von März 2020, vorgesehen ist.