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Andreas Urban

 

Ein Gespenst geht um in der Wertkritik

Anmerkungen zur wert(abspaltungs)kritischen Corona-„Debatte“

 



Anselm Jappe hat über die wertkritische Corona-Diskussion geschrieben, es sei zu hoffen, dass diese nicht, wie manche meinen, ein „Spiegelbild der Gesellschaft“ sei. „35 Jahre radikaler Gesellschaftskritik sollten doch dazu führen, dass diese nicht, gleich dem Rest der Gesellschaft und dem Rest der Linken, ‚wie der Ochs vorm Berg‘ steht angesichts dieser unerwarteten Lage“ (Jappe 2022). Mittlerweile ist allerdings nicht mehr zu übersehen, dass die vielbeschworene „Spaltung“, die Corona (oder vielmehr die Maßnahmen zu seiner Bekämpfung) in der Gesellschaft hervorgerufen hat, auch durch die Wert(abspaltungs)kritik hindurch verläuft. Der sprichwörtliche Ochs steht dabei nicht nur vorm Berg – auch das eine Parallele zum allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs –, er fährt auch die Hörner gegen all jene aus, die versuchen, einen Weg über den Berg zu weisen. Über die Richtung und die Gangbarkeit eines Weges kann und darf freilich gestritten werden. Jedoch sollten Einwände gegen den vorgeschlagenen Weg nicht darauf hinauslaufen, das Verharren vor dem Berg als einzige Alternativroute zu dekretieren.

 

Der vorliegende Beitrag rekonstruiert die wert(abspaltungs)kritische Corona-„Debatte“, wie sie speziell innerhalb der EXIT-Gruppe geführt wurde. „Debatte“ steht hier wie auch im Titel des Beitrags unter Anführungszeichen, da die Abwesenheit einer sachlichen, sich an Inhalten abarbeitenden Diskussion gerade ein Hauptmerkmal der wert-abspaltungskritischen Auseinandersetzungen war, die letztlich sogar zur Spaltung der Gruppe (oder jedenfalls nennenswerter Teile davon) führten. Die Webseite, auf der der vorliegende Text veröffentlicht wird, ist selbst ein unmittelbares Produkt dieser Spaltung. Es scheint daher bereits vor diesem Hintergrund angebracht, die Diskussion kritisch aufzuarbeiten und die aus der Spaltung resultierende Gründung eines neuen theoretischen wie publizistischen Zusammenhangs, wie er nunmehr mit der Gruppe für Wertkritik und Krisentheorie existiert, zu begründen. Darüber hinaus – auch dies kann als wesentlicher Grund für die Spaltung ins Feld geführt werden – haben Qualität und Verlauf der Debatte aus der Perspektive einer kritischen Gesellschaftstheorie einige problematische Tendenzen innerhalb der Wert(abspaltungs)kritik offenbart. Letztlich bedeutet kritische Theorie die radikale und schonungslose Analyse und Kritik gesellschaftlicher Phänomene, Prozesse und Tendenzen, unbeeindruckt vom gesellschaftlichen, politischen, medialen und wissenschaftlichen Mainstream. Gerade im Angesicht einer sich stetig zuspitzenden Krisendynamik und der rapiden Erosions- und Zerfallsprozesse der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, die sich nicht zuletzt auch in der Corona-Krise manifestierten und durch sie eine weitere Verschärfung erfuhren (u.a. im Hinblick auf die Formen und Mittel der kapitalistischen Krisen- und Notstandsverwaltung), hängt die Zukunft der Wertkritik maßgeblich von der kritischen Kraft ihrer Proponent/innen ab, phänomenologische Erscheinungen des Krisenprozesses und seiner politischen Verwaltung adäquat einzuordnen und theoretisch mit dem Wesen eines Kapitalismus in seinem fortschreitenden Niedergang zu vermitteln. Daran konnten einem in den vergangenen zwei Jahren und besonders angesichts der Qualität und des konkreten Verlaufs der wert(abspaltungs)kritischen Corona-Diskussion ernsthafte Zweifel kommen.

 

Anlass und Grundlage für die folgende Auseinandersetzung mit der wert(abspaltungs)kritischen Debatte bilden die Reaktionen auf die beiden Artikel Corona als Krisensymptom? (Urban/Uhnrast 2022a & 2022b) und Haben Sie „Gesundheitsdiktatur“ gesagt? (Jappe 2022). Diese Texte sind mittlerweile auf dieser Homepage publiziert und abrufbar. Sie befassen sich, im Unterschied zu den meisten in den vergangenen zwei Jahren in wertkritischen Zusammenhängen veröffentlichten Beiträgen, nicht bloß kritisch mit „Coronaleugnern“ und in der Corona-Krise stark auf dem Vormarsch befindlichen rechten und verschwörungsideologischen Tendenzen (die nicht zu leugnen sind, wenn auch nicht unbedingt immer in der Form und dem Umfang, wie sie vor allem von Autor/innen der EXIT-Gruppe diagnostiziert werden[1]), sondern auch mit dem „Corona-Mainstream“, den staatlichen Maßnahmen, den Impfkampagnen und darin sich nicht minder artikulierenden gesellschaftlichen Verwilderungsprozessen. Diese Artikel und die Reaktionen im engeren Kreis der Wert-Abspaltungskritik waren es, die letztlich zur Eskalation der Debatte und zur anschließenden Spaltung führten.



Zu Entwicklung und Ablauf der Debatte


Zunächst soll kurz auf den Ablauf und die Entwicklung der „Debatte“ seit Beginn der Pandemie bis zu ihrer Eskalation und der daran anschließenden Spaltung Anfang 2022 eingegangen werden. Dazwischen liegen ja fast zwei Jahre, und die Eskalation hat relativ spät stattgefunden, im Vergleich zum gesamtgesellschaftlichen Corona-Diskurs. Wie hat sich die Debatte also im Laufe der Corona-Krise entwickelt? Die hier folgende Beschreibung beruht freilich ausschließlich auf den subjektiven Eindrücken und Erfahrungen des Autors, die er während der Corona-Krise u.a. in der Korrespondenz mit Mitgliedern der EXIT-Gruppe machte. Diese sind daher nicht mit einer Rekonstruktion des objektiven Verlaufs der Debatte zu verwechseln. Andere Beteiligte mögen durchaus andere und zusätzliche Eindrücke davon haben. Immerhin die Grundzüge und Eckdaten der Debatte sollten damit aber hinreichend zusammengefasst werden können.

 

Zu Beginn der Krise, im Frühjahr 2020, herrschte innerhalb der Wert(abspaltungs)kritik zu Recht – und wie wohl überall in der Gesellschaft – noch große Verunsicherung und Zurückhaltung. Zu unübersichtlich und schwer einzuschätzen war die Lage, sowohl was die Gefährlichkeit des Virus als auch die Angemessenheit der politischen Reaktionen darauf betraf. Erste Artikulationen des Unbehagens gegenüber einem sich zunehmend irrational und hysterisch darstellenden „Pandemiemanagement“ und Hinweise auf Ungereimtheiten, etwa hinsichtlich der „Corona-Zahlen“ und ihrer medialen und politischen Kommunikation, wurden noch mit Verweis darauf beschwichtigt, es sei vieles noch zu unklar, und im wert-abspaltungskritischen Zusammenhang habe darüber hinaus niemand die erforderliche medizinisch-epidemiologische Expertise, um die pandemische Lage seriös einzuschätzen. Diese Beschwichtigungen erschienen zu diesem Zeitpunkt akzeptabel, und so wurden z.B. auch erste Angebote des Autors, die Corona-Politik sowie manche Widersprüche und Absurditäten im medial und politisch aufgebauten Corona-Narrativ in einem Artikel zum Gegenstand der Kritik zu machen, bis auf Weiteres ausgeschlagen und entsprechende Publikationen vorerst hintangestellt.

 

Das EXIT-Jahresseminar Anfang Oktober 2020 fand dann ebenfalls noch – zwar nicht organisatorisch, aber inhaltlich – weitgehend unbeeindruckt von der Pandemie statt. Nach einem relativ ruhigen Sommer war die Hysterie zu dieser Zeit gerade erst wieder am Hochkochen, und die ersten Einschränkungen wurden wieder eingeführt bzw. ausgeweitet (Maskenpflicht, Einschränkungen bei der Einreise nach Deutschland etc.). Inhaltlich spielte Corona im Seminarprogramm keinerlei Rolle. Die inzwischen noch weiter angewachsenen und deutlich sichtbarer gewordenen Ungereimtheiten und Widersprüche der Corona-Politik (z.B. die negative Bilanz der Lockdowns im Frühjahr 2020, die Evidenz- und Sinnwidrigkeit zahlreicher, zunehmend mit autoritären Mitteln durchgesetzter Maßnahmen) wurden allenfalls in informellen Gesprächen thematisiert. Eine lebendige Diskussion entstand daraus nicht. Es blieb auch der Eindruck zurück, dass sich große Teile der Gruppe, insbesondere aber die Mitglieder der Redaktion, wenig mit dem Thema beschäftigten, zumindest nicht in einer kritischen, über das im Mainstream vorherrschende Corona-Narrativ hinausgehenden bzw. dieses hinterfragenden Art und Weise.

 

Erste größere Irritationen entstanden im weiteren Verlauf des Herbstes 2020 mit der Veröffentlichung zweier „Thesenpapiere“ der bis dahin kaum bei EXIT publizistisch in Erscheinung getretenen Gruppe Fetischkritik Karlsruhe (2020a & 2020b). Retrospektiv lassen sich deren Texte als Vorwegnahme der bald darauf von sich reden machenden No-Covid- (im Mainstream) bzw. Zero-Covid-Ideologien (innerhalb der Linken) auffassen. Was die Thesenpapiere der „Karlsruher“, bei allen Unterschieden im Detail, mit der Zero-Covid-Ideologie verbindet, ist die Annahme, es sei möglich bzw. erforderlich (gewesen), die Ausbreitung des Virus durch eine befristete, aber strikte globale Quarantäne einzudämmen und letztlich zu eradizieren. Schon damals wurden solche Annahmen praktisch von keinem seriösen Epidemiologen vertreten, auch nicht von solchen, die ansonsten Befürworter der von den Regierungen umgesetzten Lockdown-Politik waren, und mittlerweile kann diese Ideologie ohnehin als grandios an der Realität zerschellt gelten (siehe etwa aktuell Chinas gleichermaßen repressive wie gescheiterte Versuche, die „Omikron-Welle“ durch strikte Lockdowns einzudämmen[2]). Irritierend an der Publikation der Karlsruher „Thesenpapiere“ war zweierlei: Zum einen machte sich EXIT damit umstandslos, explizit oder implizit, mit der immer absurdere Formen annehmenden und zu diesem Zeitpunkt auch zunehmend autoritären Lockdown-Politik gemein – aus der Perspektive einer kritischen Gesellschaftstheorie, die dem Anspruch nach auch eine radikale Staatskritik beinhaltet, bereits grundsätzlich eine fragwürdige und problematische Positionierung. Zum anderen verstieß die Redaktion damit gegen die „publikationspolitische“ Übereinkunft, die gegenüber kritischen Beiträgen noch geltend gemacht wurde, nämlich sich aus Gründen mangelnder Fachexpertise aus der Beurteilung von Corona-Maßnahmen heraushalten zu wollen. Für die offene Befürwortung einer strikten und de facto sogar noch rigideren Lockdown-Politik als von den Staaten ohnehin verhängten reichte die „Expertise“ aber plötzlich aus?[3] Zu diesem Zeitpunkt deutete sich also erstmals an, dass die bereits von Anfang an eher einseitige, aber in vielen Punkten durchaus berechtigte Kritik an „Querdenkern“ und Maßnahmengegnern seitens EXIT drauf und dran war, in eine offene Affirmation von und Parteinahme für staatliche Corona-Maßnahmen überzugehen, verbunden mit einer entsprechend stärkeren Grenzziehung gegenüber kritischen, vom Corona-Mainstream abweichenden Positionen auch im Inneren der Wert-Abspaltungskritik.


Es folgten weitere Texte, insbesondere von Herbert Böttcher, die in erster Linie der Kritik an Maßnahmengegnern und damit zusammenhängenden rechten Tendenzen und „Verschwörungsideologien“ gewidmet waren (z.B. Böttcher 2020a; Böttcher/Wissen 2021; Böttcher 2021a). Die kaum verhohlene Befürwortung strenger und repressiver Corona-Maßnahmen[4] erschien dabei teilweise gebrochen durch Hinweise auf die Gefahr, dass repressive Maßnahmen und Technologien über Corona hinaus zum Zweck der kapitalistischen Krisenverwaltung erhalten bleiben könnten. Diese kritischen Ansätze blieben aber merkwürdig oberflächlich und standen vor allem relativ unvermittelt neben der ansonsten offen eingenommenen Pro-Maßnahmen-Haltung. Am explizitesten fiel da noch ein sehr früher Text vom Mai 2020 aus, in dem ausdrücklich die „Corona-App“, die Möglichkeit biometrischer Impfnachweise, Tracking-Programme und dergleichen kritisch Erwähnung fanden (Böttcher 2020b). Als vieles davon später tatsächlich zur Umsetzung gelangte (so etwa der „Grüne Pass“, 2G, Impfpflicht etc.), suchte man eine Kritik an konkreten Maßnahmen und deren repressiven Charakter bei EXIT in der Regel vergeblich. Und als diese später von anderen im wertkritischen Kontext artikuliert wurde, war man/frau primär um Abwehr bemüht.

 

Die Anfang 2021 anhebende Impfkampagne änderte zunächst wenig, außer dass neben Maßnahmenkritikern nun auch „Impfverweigerer“ und „Impfskeptiker“ Gegenstand der Kritik wurden.[5] Zusätzliche Dynamik gewann die „Debatte“ erst wieder zur Jahresmitte 2021 im Zuge einer Korrespondenz zwischen der Karlsruher und der Wiener Gruppe (letztere vertreten durch den Autor und F. Alexander von Uhnrast). Im Rahmen dieser Diskussion entstand ein Thesenpapier, aus dem der bereits erwähnte, hier veröffentlichte Artikel Corona als Krisensymptom? hervorgehen sollte. Ein zweites, unveröffentlichtes Thesenpapier widmete sich vor allem Leerstellen und Widersprüchen in der linken wie auch wert-abspaltungskritischen Corona-Diskussion. Dieses Papier bildete die Grundlage für einen Beitrag im Rahmen einer Podiumsdiskussion am EXIT-Jahresseminar Ende September 2021, die die EXIT-Redaktion daraufhin – vor dem Hintergrund der anhebenden Diskussion und wohl auch in der Absicht, die sich zunehmend im wert-abspaltungskritischen Zusammenhang abzeichnenden konträren Positionen zu dokumentieren – auf das Seminarprogramm setzte. Ansonsten beteiligte sich die Redaktion zunächst kaum an der Diskussion und äußerte sich auch auf ausdrückliche Nachfrage nicht substantiell zu den Thesenpapieren.

Die Podiumsdiskussion bestand aus insgesamt drei Beiträgen, die den bis dahin gültigen – wenngleich auf der EXIT-Homepage nur unvollständig abgebildeten – Stand der wert-abspaltungskritischen Diskussion repräsentierten: die Karlsruher Gruppe mit einem Beitrag bereits aus ihren früheren Thesenpapieren bekannten Inhalts, Herbert Böttcher für die EXIT-Redaktion mit einer Zusammenfassung und Aktualisierung seiner ebenfalls bereits veröffentlichten Beiträge zum Thema sowie der Autor und F. Alexander von Uhnrast als Vertreter der Wiener Gruppe mit zwölf „Ansatzpunkten einer kritischen Theorie der Corona-Krise“. Eine Übersicht über die Beiträge ist auf der EXIT-Homepage abrufbar.[6] Ihre Dokumentation ist allerdings bis dato unvollständig – es fehlen nach wie vor die Audio-Aufzeichnungen der Referate. Ob zum Schaden der interessierten wertkritischen Öffentlichkeit, sei dahingestellt. Denn eine lebendige, inhaltliche Diskussion kam auch dort nicht zustande (was zu einem Teil aber wohl auch dem Modus der Videokonferenz anzulasten ist). Die einzelnen Beiträge standen relativ lose nebeneinander, und die EXIT-Redaktion gab zu jedem Beitrag „ihren Senf“[7]. Dieser „Senf“ bestand allerdings – zumindest soweit es unseren Beitrag betraf – kaum aus einer auf konkrete Inhalte und Argumente bezogenen Kritik. Im Wesentlichen liefen die vorgebrachten Einwände und Kritikpunkte an unseren Thesen darauf hinaus, uns eine zu sehr an Statistiken orientierte und damit quasi positivistische Argumentation zu unterstellen (selbst da, wo wir die Statistiken und das darauf beruhende Corona-Narrativ der Kritik aussetzten) und unseren Beitrag ansonsten permanent in eine Nähe zu „Querdenkern“ zu rücken (O-Ton Roswitha Scholz: „Wie grenzt ihr euch von den Querdenkern ab?“). Eine ausdrückliche Einordnung als „rechtslastig“ unterblieb, meiner Erinnerung nach, damals noch. Implizit war diese freilich schon dadurch gegeben, dass laut herrschender Doktrin ja auch die „Querdenker“ und sich an maßnahmenkritischen Demonstrationen beteiligende Personen samt und sonders dem rechten Spektrum (und wo nicht, der „Querfront“) zuzuordnen sind. Diese Form der „Kritik“ sollte für die gesamte weitere Diskussion bis heute bestimmend bleiben.

 

Nach der Podiumsdiskussion flaute die kurzfristig in Gang gekommene Debatte wieder weitgehend ab – wahrscheinlich war für die Redaktion der Diskussion mit der Podiumsveranstaltung hinreichend Genüge getan und die Debatte damit erledigt. In der Zwischenzeit entstand – wohl auch angestoßen durch die Podiumsdiskussion und die dort erstmals ansatzweise repräsentierten „Corona-kritischen“ Beiträge – ein verstärkter Austausch zwischen Mitgliedern aus dem engeren und weiteren EXIT-Umfeld, die mit der vor allem von der Redaktion vertretenen Position in der Corona-Frage unzufrieden waren und für eine kritische Perspektive plädierten, die auch die Corona-Politik und den durch sie installierten Maßnahmenstaat umfasste. Das Thesenpapier der Wiener Gruppe wurde zu einem Artikel weiterentwickelt und sowohl der EXIT-Redaktion als auch dem Beirat im Februar 2022 abermals zur Diskussion und für eine allfällige Publikation vorgelegt – freilich bereits im Wissen um den voraussichtlichen Ausgang dieses Ansinnens. Ungefähr zur selben Zeit trat Anselm Jappe von der französischen Gruppe Crise & Critique mit einer Kritik am „Grünen Pass“ in Erscheinung, die inzwischen hier unter dem Titel Haben Sie „Gesundheitsdiktatur“ gesagt? (Jappe 2022) veröffentlicht wurde. Damit lagen nun also zwei Texte vor, die die wertkritische Perspektive aus der Verengung auf „verschwörungsideologische“ Tendenzen unter Maßnahmenkritikern lösten und auf eine gesamtgesellschaftliche und krisentheoretische Ebene ausdehnten, die auch und gerade das staatliche „Pandemiemanagement“, aber auch politisch-ökonomische und allgemeinere sozialpsychologische Dimensionen der Corona-Krise miteinbeziehen sollte. Jappes Text wurde zunächst noch ohne jegliche inhaltliche Begründung von der Redaktion abgelehnt.[8] Nach relativ heftigen Diskussionen und vehementer Kritik einiger Mitglieder sah sich die Redaktion schließlich genötigt, eine (wenngleich ebenfalls inhaltlich extrem dünne) Stellungnahme zu verfassen (EXIT 2022), mit der begründet werden sollte, weshalb die beiden Artikel nicht bei EXIT veröffentlicht werden können. Ab diesem Zeitpunkt kam es nun auch zunehmend zu offenen Diffamierungen der Autoren der beiden Texte wie auch von Personen aus dem engeren und weiteren EXIT-Zusammenhang, die sich zustimmend zu den Artikeln äußerten oder auch nur auf eine sachliche und inhaltlich orientierte Diskussion der Beiträge bestanden, als „rechtslastig“ und „verschwörungsideologieverdächtig“ (auch „(struktureller) Antisemitismus“ findet sich inzwischen auf der Liste der Anwürfe). Dies betraf teilweise sogar jahrzehntelange Mitglieder und verdiente Mitstreiter/innen der EXIT-Gruppe. Dadurch erfuhr der Konflikt eine weitere, erhebliche Eskalation, die schließlich zum Entschluss führte, eine neue wertkritische Gruppe zu gründen mit eigener Homepage als Publikationsmedium. Dieser Entschluss war vor allem dadurch motiviert, einen Raum für eine radikale Gesellschaftskritik und für eine Weiterentwicklung der Wert(abspaltungs)kritik auf der Höhe der Zeit zu schaffen, die nach unserem Dafürhalten nicht ohne eine umfassende und radikalkritische Analyse der Corona-Krise zu haben ist, da mit dieser ein neues Stadium und eine neue Qualität der finalen Krise und ihrer politischen Verwaltung erreicht wurde. Die dafür erforderliche radikale und entsprechend schonungs- und kompromisslose Kritik scheint bei EXIT offenbar nicht (mehr) gefragt zu sein.

 

Die Eskalation der wert-abspaltungskritischen Corona-„Debatte“ und die daraus hervorgehenden Spaltungstendenzen haben sich also durchaus nicht von heute auf morgen ergeben, sondern sind das Resultat eines Prozesses, der sich im Prinzip über die gesamte Dauer der Corona-Krise erstreckt und mit den beiden Artikeln von Urban/Uhnrast und Jappe sowie der durch sie bei EXIT hervorgerufenen Reaktionen den Kulminationspunkt eines sich lange abzeichnenden Konflikts erreichte.

Da die Reaktion auf die beiden Artikel nicht nur den Anlass für die Abspaltung der Gruppe für Wertkritik und Krisentheorie aus dem EXIT-Zusammenhang darstellte, sondern auch auf fundamentale Differenzen im Verständnis von Wesen und Zweck kritischer Theoriebildung verweist[9], soll diese im vorliegenden Beitrag einer genaueren Betrachtung unterzogen werden. Manches davon wurde bereits im Zuge der kurzen, einleitenden Rekonstruktion der Debatte vorweggenommen, etwa die beharrliche Verweigerung einer inhaltlichen Diskussion oder die pauschale Denunziation kritischer, vom offiziellen Corona-Narrativ abweichender Ansätze als „rechtslastig“ und „verschwörungsideologisch“. In diesen beiden Punkten besteht im Übrigen auch die größte und deutlichste Schnittmenge der von EXIT vertretenen Position zum Corona-Diskurs in der Öffentlichkeit und im politischen und medialen Mainstream, verhält sich EXIT also in der Tat wie das von mancher Seite beschworene „Spiegelbild der Gesellschaft“. Andere Aspekte erscheinen wiederum in einer für den wertkritischen Diskussionszusammenhang spezifischeren Form. Zumindest vier Punkte sollen im Folgenden behandelt werden, die für die wert(abspaltungs)kritische Corona-„Debatte“ charakteristisch waren (und bis heute sind) und aus der Perspektive einer kritischen Gesellschaftstheorie hochproblematisch erscheinen.


 

1. Beharrliche Verweigerung einer inhaltlichen Diskussion


Wir beginnen mit einem Zug der wert-abspaltungskritischen Debatte, der von der Warte einer kritischen Theorie der von allen vielleicht irritierendste war, nämlich die bereits erwähnte Verweigerungshaltung im Hinblick auf eine an konkreten Inhalten und Argumenten orientierte Diskussion. Dass in der allgemeinen Öffentlichkeit Inhalte während der Corona-Krise (wie ja auch bei zahlreichen anderen gesellschaftlichen Themen) tendenziell keine Rolle spielten – oder höchstens als Mittel zur Manipulation und zur Durchsetzung von Partialinteressen – brauchte einen freilich nicht zu überraschen. Im Kontext kritischer Theoriebildung darf einen die Abwesenheit einer sich an Inhalten abarbeitenden Diskussion aber doch etwas verwundern, denn in der kritischen Abarbeitung an der Welt besteht nun einmal das Wesen kritischer Theorie. Man/frau kann dabei zu sehr unterschiedlichen Befunden und Einsichten kommen und über diese Einsichten kann, darf und soll man sich sogar streiten. Dieser Streit ist aber mit Inhalten zu führen, und Kritik an einem Befund, einer These, einer Einsicht oder einfach nur einer Behauptung ist stets inhaltlich zu begründen. Andernfalls werden höchstens Meinungen ausgetauscht, die als solche bereits per definitionem keiner inhaltlich konsistenten Begründung bedürfen und deshalb nach Belieben vertreten und wieder verworfen werden können (gerade das postmoderne Subjekt ist bekannt dafür, seine Meinungen wie Unterhosen zu wechseln, je nachdem, was gerade angesagt ist). Aber damit befindet man sich nicht mehr im Feld kritischer Theorie.

 

Ein wesentlicher Streitpunkt in der allgemein-öffentlichen wie auch in der wert(abspaltungs)kritischen Corona-Debatte besteht nun bereits in der Wahrnehmung der Pandemie und der Einschätzung ihrer Gefährlichkeit. Daraus ergeben sich wiederum Differenzen in der Beurteilung der Corona-Politik, insbesondere hinsichtlich der Angemessenheit der von den Staaten zur Pandemiebekämpfung zur Anwendung gebrachten Maßnahmen (Lockdowns etc.). Die Corona-Debatten zeichnen sich also schon von vornherein durch sehr unterschiedliche Wahrnehmungen des Phänomens aus, also davon, was eigentlich der Fall ist und womit wir es zu tun haben. Und beide Seiten können für ihre Sicht der Dinge mal mehr, mal weniger überzeugende Argumente ins Feld führen. Auch aus der Sicht einer kritischen Gesellschaftstheorie ist dies keineswegs banal, denn eine Grundvoraussetzung für kritische Theoriebildung ist ein hinreichender und hinreichend realistischer Überblick über das gesellschaftliche Geschehen – und ein solches ist eine Pandemie ebenso, wie sie ein virologisches und epidemiologisches Geschehen ist. Banal, im Sinne von selbstverständlich, ist da eher schon, dass gerade eine kritische Theorie bei einer derart extremen Verengung des gesellschaftlichen Diskursraumes, wie sie die öffentliche Corona-Debatte, trotz der alles andere als eindeutigen und höchst umstrittenen Faktenlage, auszeichnete, besonders sensibel reagieren und alarmiert sein sollte.[10] Wie der Verlauf der wert(abspaltungs)kritischen Corona-„Debatte“ zeigt, kann aber selbst das offenbar nicht mehr als selbstverständlich vorausgesetzt werden.


Vor allem das sehr umfangreiche Thesenpapier Corona als Krisensymptom? (Urban/Uhnrast 2022a & 2022b) entfaltet eine durch eine große Menge an Material gestützte Argumentation, die darauf abhebt, dass den offiziellen, durch Medien und Politik kommunizierten „Corona-Zahlen“ und dem darauf gegründeten Narrativ einer „tödlichen Pandemie“ mit angemessener Skepsis begegnet werden sollte und die politische wie gesamtgesellschaftliche Reaktion auf das Coronavirus – und nicht nur jene von sogenannten „Coronaleugnern“ sowie Maßnahmen- und Impfgegnern – voller Widersprüche und Ungereimtheiten ist und in vielerlei Hinsicht auch in hohem Maße irrationale und (auto)destruktive Züge aufweist. Dieser Befund wird sodann theoretisch mit der finalen Kapitalismuskrise und daraus resultierenden Verwilderungstendenzen vermittelt. Letztlich wird die These entwickelt und begründet, dass die Corona-Krise im Wesentlichen auf einer fatalen gesellschaftlichen Überreaktion auf ein grippeähnliches Atemwegsvirus beruht, die eine unheilvolle, sich selbst verstärkende Eigendynamik mit einer ganzen Reihe parasitärer politökonomischer (Korruption, Verwertungsinteressen von Pharma- und Digitalindustrie etc.) und sozialpsychologischer Prozesse (Projektion von Zukunfts- und Krisenängsten auf ein „Killervirus“, identitäre Bedürfnisse existentiell verunsicherter, postmoderner Krisensubjekte etc.) entfaltete.

 

Diese Thesen sind zunächst einmal nicht mehr und nicht weniger als eben das: Thesen über ein gesellschaftliches Geschehen, gesellschaftstheoretisch begründet und mit empirischem Material unterfüttert. Damit ist nicht der Anspruch verbunden, die einzige und ewig gültige Wahrheit über die Corona-Krise ausgesprochen zu haben. Und wie es für Thesen (wie für Theoriearbeit überhaupt) charakteristisch ist, könnte sich manches davon im Nachhinein durchaus auch (zumindest punktuell) als Fehleinschätzung und als revisionsbedürftig erweisen. Auch mit Blick auf die Einschätzung der Pandemie gingen (und gehen) die Autoren durchaus davon aus, dass es manche validen Gegenargumente geben könnte, die möglicherweise auch andere Schlüsse nahelegen. Eben darüber wäre zu diskutieren. Allein, diese Diskussion und entsprechende Gegenargumente bleibt EXIT bis dato schuldig, wie auch generell auf keines der im Thesenpapier entfalteten Argumente inhaltlich eingegangen wird. Stattdessen wird jede inhaltliche Debatte abgewürgt mit dem Argument, dies seien rechtslastige „Querdenker“-Positionen, die eine „Nähe zu Verschwörungsideologien“ aufweisen. Anstatt die konkreten Inhalte und Argumente kritisch zu prüfen und ggf. Gegenargumente vorzubringen, die die in Frage stehende Argumentation zu entkräften oder zu widerlegen vermögen, wird der gesamte Argumentationsgang a priori als „nicht diskussionsfähig“ markiert und jede weitere Diskussion für überflüssig erklärt. Durch inhaltliche Kritik muss dies bequemerweise nicht mehr begründet werden und wird daher auch nicht weiter begründet, als eben durch den lapidaren Hinweis, eine solche Argumentation verbiete sich bereits von vornherein dadurch, dass bestimmte gesellschaftliche Kräfte – „Querdenker“, „Rechte“ und „Verschwörungsideologen“ – (angeblich) ähnliche Standpunkte vertreten. Fundamentale Differenzen, jenseits einer oberflächlichen und zufälligen Übereinstimmung mit „rechten“ Positionen in der Corona-Debatte, werden und können dabei gar nicht berücksichtigt oder überhaupt nur zur Kenntnis genommen werden, weil dies nun einmal eine fundierte inhaltliche Auseinandersetzung bedingen würde. Letztlich wird über einen Ausschnitt der gesellschaftlichen Realität und seiner kritischen Durchdringung (im konkreten Fall: das vorherrschende Corona-Narrativ) ein Tabu verhängt, und wer es wagt, dieses Tabu zu verletzen, macht sich verdächtig, ein „Querdenker“ und „Verschwörungsideologe“ zu sein, zumindest aber entsprechenden „rechten“ Ideologien zuzuarbeiten und diese „querfront-artig“ salonfähig zu machen (zu diesem Strang der „Debatte“ siehe ausführlicher den nächsten Abschnitt).

 

Eine andere, nur auf den ersten Blick „inhaltlich“ begründete bzw. eine inhaltliche Diskussion eher simulierende Strategie, eine Kritik am Corona-Narrativ und der durch sie gestützten Corona-Politik für gegenstandslos und „nicht diskussionsfähig“ zu erklären, besteht darin, die in unserem Thesenpapier entfaltete Argumentation als zu „statistiklastig“ zu kritisieren. „Fast die Hälfte des Textes“, so heißt es in der entsprechenden EXIT-Stellungnahme zu dem Papier, „nimmt diese Auseinandersetzung ein. Zwar wird zugestanden, dass mit Statistiken die Gefahr verbunden sei, Menschen zu Nummern zu machen und ihr qualitatives Leiden gegenüber Quantifizierungen zum Verschwinden zu bringen. Dennoch bleibt die qualitative Dimension dessen, was Menschen unter Corona zu erleiden haben, eine vernachlässigbare Größe. Mehr noch, die Gefährlichkeit des Virus bis hin zur Tödlichkeit wird regelrecht klein gerechnet.“ (EXIT 2022, Punkt 3) Diese Kritik kulminiert letztlich sogar im Vorwurf des Sozialdarwinismus, „da an manchen Stellen konstatiert wurde, dass an Corona meist ‚nur‘ alte Menschen starben, die ‚ohnehin bald gestorben wären‘. Hinsichtlich der Statistiken wird zwar eingeräumt, dass alle Statistiken in ihrer Aussagekraft problematisch sind. Gegenüber der Verwendung der eigenen Daten scheint es keine Zweifel zu geben. Sie gelten als ‚evidenzbasiert’.“ (ebd.)


Diese Auslassungen beinhalten eigentlich gleich mehrere Vorwürfe, die jeweils für sich zu diskutieren wären. Den Verweis auf das (abgebliche) Herunterspielen menschlichen Leids und die darin offenbar zum Ausdruck kommende Nähe zu moralisierenden Tendenzen und Argumentationsmustern in der öffentlich-medialen Corona-Debatte („Menschen sterben!“ war auch im Mainstream-Diskurs der letzten zwei Jahre das beliebteste Argument, um jegliche Kritik woran auch immer und wie begründet auch immer als „nicht diskussionsfähig“, wenn nicht sogar „zynisch“, zu markieren) lassen wir an dieser Stelle vorerst beiseite – darauf wird später noch separat einzugehen sein. Hier interessiert vor allem die Abwehr der im kritisierten Thesenpapier dargelegten Auseinandersetzung mit der vorliegenden Daten- und Studienlage sowie der darauf beruhenden Einschätzung der Pandemie und der politischen und gesellschaftlichen Reaktionen auf das „neuartige“ Coronavirus. Die pauschale Kritik an der Verwendung von Statistiken ist schon deshalb nicht stichhaltig, da Statistik nun einmal die etablierte Methodik der Medizin sowohl zur Einschätzung von Epidemien bzw. Pandemien als auch zur Beurteilung von neuen Medikamenten oder Behandlungen darstellt. Daran mag aus einer gesellschafts- und insbesondere wissenschaftskritischen Perspektive gewiss so einiges zu kritisieren sein, gerade auch vor dem Hintergrund des modernen „Zahlenfetischs“ und des sich ausgehend von den (mathematischen) Naturwissenschaften geradezu epidemisch ausbreitenden quantifizierenden Denkens sowie damit zusammenhängender intellektueller Deformationen. Eine Kritik an statistischen Inhalten wie auch an Statistik als „Denkform“ kann aber nicht ohne deren intellektuelle Durchdringung geleistet werden. Die einen wesentlichen Teil der wert-abspaltungskritischen Wissenschaftskritik ausmachenden Arbeiten von Claus Peter Ortlieb oder Knut Hüller über die Absurditäten der Anwendung von Mathematik etwa in der VWL (z.B. Ortlieb 2004, 2006, 2018; Hüller 2006, 2022) wären sicherlich nie geschrieben worden, wenn diese nicht über die dafür notwendige mathematische bzw. statistische Kompetenz verfügt hätten, um sich konkret mit der „mathematisierten Scharlatanerie“ (Ortlieb) und den daraus oft genug hervorgehenden Schwachsinnigkeiten zu befassen. Ähnliches gilt auch und gerade für die Auseinandersetzung mit einem Phänomen wie der Corona-Pandemie. Gerade das offizielle Corona-Narrativ und dadurch begründete Maßnahmen beruhen maßgeblich auf dem „Zahlenzauber“ von Statistikern und Modellierern, und wer zu einer einigermaßen realistischen Einschätzung der Pandemie und ihrer Gefährlichkeit gelangen möchte, kommt nicht daran vorbei – auch wenn einem das nicht gefällt und man sich der ganzen Problematik von Statistiken bewusst ist –, das in der medialen und politischen Kommunikation verwendete Material kritisch zu prüfen. Die sicherlich nicht mit kritischer Theorie zu vereinbarende Alternative dazu ist, vor dem Gegenstand zu kapitulieren und sich einfach auf die von Medien, „Experten“ und Regierungen verlautbarten Zahlen sowie deren Interpretation zu verlassen und diese als „Fakten“ zu akzeptieren.

 

Damit ist bereits ein zweiter Punkt berührt, an dem sich die Kritik seitens der EXIT-Redaktion als problematisch erweist und letztlich sogar auf die Kritiker/innen selbst zurückfällt. Ihre Kritik an der Verwendung von Statistik ist nämlich nicht nur nicht stichhaltig, weil damit eine wesentliche Eigenschaft des Gegenstands faktisch negiert wird, sondern letztendlich auch in hohem Maße unredlich. Die Behauptung, unser Thesenpapier würde die Gefährlichkeit der Pandemie „kleinrechnen“, setzt ja selbst eine Einschätzung der pandemischen Lage voraus. Wer von „kleinrechnen“ redet, geht offensichtlich von einer Gefahr aus, die zumindest in einer erheblich größeren Dimension anzusiedeln ist, als sie im beanstandeten Thesenpapier veranschlagt wird – mit dem Unterschied allerdings, dass diese Einschätzung nicht begründet bzw. die Grundlage für diese Einschätzung nicht ausgewiesen wird. Corona gilt hier einfach a priori als die „tödliche Pandemie“, wie sie auch der Mainstream-Diskurs zeichnet. Doch worauf gründet sich dieses „Wissen“, wenn nicht auf den offiziellen Zahlen und Statistiken, die seit zwei Jahren ohne Unterlass auf die Bevölkerung niederprasseln und von Politik, Wissenschaft und Medien als „Beleg“ für die extreme Gefährlichkeit des Coronavirus und zur Begründung von Maßnahmen herangezogen werden? Was wir in der Einleitung unseres Thesenpapiers festgehalten und den anschließenden Überlegungen vorausgeschickt haben, ist vor diesem Hintergrund nach wie vor gültig und wird durch die Kritik der EXIT-Redaktion nicht im Mindesten angefochten, weil deren Kritik den Kern des Arguments gar nicht berührt:

 

„[Mit unserem Thesenpapier und der darin enthaltenen Diskussion von Statistiken] ist nicht etwa beabsichtigt, (…) Menschenleben ‚in der Statistik‘ und ‚hinter Zahlen‘ verschwinden zu lassen und so Menschen ‚noch mehr auf Nummern (zu reduzieren) und zu Exemplaren (zu machen)‘. Eine derartige Statistik-Kritik ist zwar prinzipiell mehr als berechtigt und notwendig mit Blick auf die zweifelhafte Rolle von Zahlen und Statistik in warenproduzierenden Gesellschaften sowie die inhumane Kälte und die unbestreitbare Borniertheit modernen, quantifizierenden Denkens. Nicht zuletzt die Geschichte moderner Statistik wie auch allgemein der mathematischen Naturwissenschaft und der mit ihr in die Welt kommenden Denkformen in der Konstitutions- und Durchsetzungsphase des Kapitalismus machen Statistik in erster Linie zu einem Gegenstand radikaler Kritik und nicht zu einem neutralen Hilfsmittel, auf das man sich unkritisch verlassen kann. [Die] Kritik wird aber falsch, wo mit ihr letztlich ein Tabu verhängt wird über die kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Produkten und Effekten statistischer Erzeugnisse. Gerade die Corona-Pandemie verdankt ihre konkrete Realität nicht zuletzt den Zahlen, mit welchen wir seit nunmehr fast zwei Jahren tagtäglich vor allem durch die Medien konfrontiert werden: x Neuinfektionen, y Todesfälle, eine 7-Tage-Inzidenz von z, eine Mortalitätsrate von xy, eine Impfquote von yz etc. Wir können daher gar nicht anders, als uns zu Zahlen und Statistiken zu verhalten, unabhängig davon, ob wir die Pandemie für das gefährliche Geschehen halten, als das sie von Politik und Medien gezeichnet wird, oder nicht. Kritikern der öffentlich verlautbarten Corona-Zahlen pauschal vorzuwerfen, sich unkritisch gegenüber der fragwürdigen Rolle von Statistik zu verhalten, ja womöglich sogar dem modernen Zahlenfetisch aufzusitzen, verfehlt das Problem und ist darüber hinaus unlauter, wenn man selbst zugleich die kolportierten Zahlen praktisch für bare Münze nimmt. Gerade die Pandemie liefert beeindruckendes Anschauungsmaterial für die Macht, die Zahlen und Statistiken über die moderne Menschheit haben, und vor allem für den Unfug, den man damit treiben, und die Katastrophen, die man damit heraufbeschwören kann. Es gibt unzählige Daten und Statistiken und in zunehmendem Maße auch wissenschaftliche Studien, die zu den öffentlich verlautbarten Corona-Zahlen und deren Einordnung in stärkstem Kontrast stehen. Sie stellen das offizielle Narrativ von Corona als einer ‚Jahrhundertseuche‘ und den alternativlosen Modi ihrer Bekämpfung sehr in Frage.“ (Urban/Uhnrast 2022a)


Dass unsere Diskussion der Datenlage und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen anfechtbar sind und wir keineswegs „[g]egenüber der Verwendung der eigenen Daten[11] (…) keine Zweifel“ (EXIT 2022, Punkt 3) haben, wurde bereits festgehalten. Es ging uns bei der Abfassung des Thesenpapiers auch weniger um eine abschließende Einschätzung und Beurteilung der Pandemie und ihrer Gefährlichkeit, als vielmehr um eine Diskussion über die zahlreichen Widersprüche und Ungereimtheiten im offiziellen Corona-Narrativ und dem Zahlenmaterial, auf das sich dieses stützt – Widersprüche, die gerade aus kritisch-theoretischer Sicht zu Skepsis veranlassen sollten, vor allem wenn man bedenkt, welche weitreichenden gesellschaftlichen Effekte dieses Narrativ in den vergangenen zwei Jahren zeitigte. EXIT ist es, ganz im Gegensatz zu uns, das von keinerlei Zweifeln geplagt ist. Sie wissen sich auf der „richtigen“ Seite. Woher sie dieses Wissen haben und worauf sich dieses stützt, bleibt ebenso ihr Geheimnis wie das des „Corona-Mainstreams“, der sich ob der schwachen Evidenzlage zwar immer schwerer tut, sein Narrativ zu begründen, dieses aber gar nicht begründen muss, weil er sich vor Kritik vor allem durch Diffamierung der Kritiker zu immunisieren vermag.

 

In den seltenen Fällen, in denen EXIT sich doch zu so etwas wie einer inhaltlichen Gegenargumentation herablässt, wird es daher angesichts der weitgehenden Kapitulation vor dem Gegenstand beinahe schon zwangsläufig ziemlich abenteuerlich. In einer per Mail ergangenen Stellungnahme zum Thesenpapier von Urban/Uhnrast beginnt etwa Dominic Kloos zunächst mit der bereits bekannten Kritik des „Kleinrechnens“ der Pandemie und an der Verwendung von Statistik, um den Darlegungen des Thesenpapiers anschließend Folgendes entgegenzuhalten:

 

„Apropos Zahlen: Aktuellsten Annahmen zufolge – etwa der WHO (aber die ist ja vornehmlich privat finanziert und deshalb schon von vornherein unglaubwürdig, wenn ich die Wiener richtig verstanden habe) – wird genau das Gegenteil von geringer Gefährlichkeit angenommen, nämlich dass weltweit (…) ca. 18 Mio. Menschen an diesem Virus verstorben sein könnten – in zwei Jahren immerhin ungefähr so viel wie in 4 Jahren 1. Weltkrieg. So etwas klein zu rechnen (selbst wenn am Ende ‚nur’ 85% dieser Toten tatsächlich an Corona oder befeuert durch Corona gestorben sein sollten), weil Bevölkerungszahlen zugenommen haben, kann tatsächlich als sozialdarwinistisch bezeichnet werden und hat rein gar nichts mehr mit kritischer Theorie zu tun.“ (Mail vom 19.3.2022)

 

Von der WHO ist in unserem Thesenpapier zwar keine Rede, dafür von der EMA, die zu 86 Prozent durch Big Pharma finanziert wird (Urban/Uhnrast 2022b, Abschnitt 8). Im Prinzip gilt aber freilich für die WHO mit Blick auf ihre Finanzierung Ähnliches und sollte dies daher in der Tat Grund genug sein, hinsichtlich der Objektivität und der „Glaubwürdigkeit” solcher Institutionen zumindest Spurenelemente einer skeptischen Grundhaltung aufzubringen. Mit Blick auf die von Kloos ins Feld geführten „aktuellen Annahmen“ über eine möglicherweise noch wesentlich höhere Corona-Opferzahl ist das aber gar nicht der entscheidende Punkt, sondern es ist abermals die „mathematisierte Scharlatanerie“ und damit die Aussagekraft durch solche Institutionen in Umlauf gebrachter Zahlen und Statistiken. Zunächst einmal handelt es sich dabei (wieder einmal) um eine Schätzung auf Basis von Modellierungen. Auf das Problem und die Aussagekraft von Modellierungen wird im Thesenpapier unter dem Abschnitt „Intellektueller Verfall und Korruption in Wissenschaft und Medizin“ (ebd.) ausdrücklich eingegangen. Dort wird auch angesprochen, wovon Qualität und Aussagekraft einer Modellierung maßgeblich abhängen, nämlich von den ins Modell eingehenden Vorannahmen. Blickt man unter dieser Prämisse auf die Modellannahmen der neuesten WHO-Schätzungen, stellt man fest, dass diese nicht nur, wie schon seit zwei Jahren gängige Praxis, nicht zwischen „Infektion“ und „Krankheit“ unterscheiden, also nicht zwischen „an“ und „mit“ Corona Verstorbenen differenzieren, sondern darüber hinaus auch „Menschen mit anderen Krankheiten oder Verletzungen“ berücksichtigen, „die wegen der Überlastung der Gesundheitssysteme nicht rechtzeitig behandelt werden konnten“ – also de facto „Kollateralschäden“ als „Corona-Tote“ verbuchen.[12] Das ist somit eher ein ziemlich absurder und im Grunde an Betrug grenzender Versuch, die Pandemie „hochzurechnen“, wie sie in den vergangenen zwei Jahren häufiger beobachtet werden konnten und von denen nicht zufällig in unserem Thesenpapier die Rede ist. Mit der Realität haben solche „Annahmen“ wenig bis nichts zu tun. Einem Thesenpapier, das explizit die unseriöse Zählweise in der behördlichen Ermittlung von Corona-Todesfällen problematisiert und die geringe Aussagekraft zahlreicher Modellierungen, wenn nicht häufig sogar betrügerische Praxis von Modellierern während der Corona-Krise der Kritik aussetzt, ernsthaft mit einer Modellierung der WHO zu kontern, die diese unseriöse Zählweise sogar noch auf die Spitze treibt – das ist haarsträubend und peinlich und spricht Bände über die Qualität der wert-abspaltungskritischen Corona-„Diskussion“. Und wenn man nicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen könnte, dass Kloos dies ernst meint und tatsächlich als ein valides Gegenargument ansieht, müsste man sich schlicht verarscht fühlen.

 

Letztendlich hinterlassen solche „Argumente“ und Formen der „Kritik“ den Eindruck, dass bei EXIT ein Bedürfnis nach einer möglichst realitätsgerechten Auseinandersetzung mit der Corona-Krise gar nicht vorhanden ist, weil man sich dort bereits für eine Version der Realität entschieden hat, die einem genehm(er) ist, und dabei wie weite Teile der Öffentlichkeit bereit ist, diese Realität gegenüber Irritationen von außen abzuschirmen. Klar, wenn sich unsere Thesen bewahrheiten sollten, wäre das ein üble Sache – bei weitem übler als das, was die meisten Menschen ohnehin schon mit der Pandemie an Schrecken und Leid verbinden. Denn dies würde bedeuten, dass zahlreiche Menschen (und zwar auch und gerade solche, die durch das Coronavirus selbst wenig bis gar nicht gefährdet waren) unnötig zu Schaden gekommen sind – vermutlich bedeutend mehr als offiziell „an“ oder „mit“ Corona verstorben sind – und dass die finale Krisendynamik durch ein hochgradig irrationales „Pandemiemanagement“ massiv verschärft wurde, wobei gerade dieses katastrophale „Pandemiemanagement“ für die Funktionseliten eine willkommene Gelegenheit schuf, neue Repressionsmittel und Überwachungstechnologien zur Umsetzung zu bringen, die die kapitalistische Krisenverwaltung auf ein neues Niveau heben und für die weitere Zukunft vermutlich nachhaltig prägen werden – was auch mit Blick auf die ohnehin immer kleiner werdenden Spielräume einer emanzipatorischen Gesellschaftskritik alles andere als irrelevant ist. Eine kritische Gesellschaftstheorie müsste eine solche Möglichkeit zumindest in Betracht ziehen, auch auf die Gefahr hin, sich in manchen Belangen zu „verspekulieren“ und später eventuell das eine oder das andere zurücknehmen zu müssen. Eine kritische Theorie, die stattdessen die Augen vor bestimmten Ausschnitten der Wirklichkeit verschließt, um sie nicht wahrhaben zu müssen, und gleich dem Rest der Gesellschaft und der noch übrigen Linken die Diskussion darüber mit fadenscheinigen Argumenten oder sogar ohne jegliche inhaltliche Begründung sistiert, ist aber keine mehr.


Gelegentlich könnte einen fast der Verdacht beschleichen, die im Laufe der Zeit immer vehementer gewordene Abwehr kritischer Positionen innerhalb der Wert(abspaltungs)kritik sei vielleicht gerade deshalb immer vehementer geworden, weil – auch das möglicherweise eine Parallele zum gesamtgesellschaftlichen Diskurs – eine vage Ahnung von der Unzulänglichkeit der eigenen Position im Reifen begriffen ist, auf die man sich aus Angst (vor Corona, vor Verschwörungsideologen etc.) versteift hat, und die man nun nicht mehr so ohne weiteres revidieren kann, ohne sich seinen Irrtum eingestehen zu müssen; eine Ahnung, die daher ebenfalls mit aller Kraft abgewehrt werden muss. Oder liegt es womöglich gar an der Angst davor, selbst als „Querdenker“ und „Rechte“ identifiziert zu werden, wenn man ohne Rücksicht auf den Mainstream kritische Theoriearbeit auch und gerade im Kontext von Corona betreibt – ein Etikett, an dem die Wert-Abspaltungskritik ja selbst fleißig mitgebastelt hat?


 

2. „Rechtslastige“ und „verschwörungsideologische“ Corona-Kritik


Hand in Hand mit der beharrlichen Verweigerungshaltung im Hinblick auf eine inhaltliche Diskussion geht die Diffamierung kritischer Ansätze als „rechtslastig“ und „verschwörungsideologisch“. Der Kampf gegen „Verschwörungstheorien“ – auch in diesem Punkt ist EXIT durchaus ein „Spiegelbild“ der Gesellschaft – scheint sich in den letzten Jahren zu einer regelrechten Obsession ausgewachsen zu haben. Damit soll freilich weder die Existenz von Verschwörungsideologien noch die Notwendigkeit ihrer Kritik negiert werden. Im Gegenteil: Das Vordringen von Verschwörungsideologien im Zuge des finalen kapitalistischen Krisenprozesses ist nicht zu übersehen und zu Recht Gegenstand der Wert(abspaltungs)kritik. Ebenso wenig wird in Abrede gestellt, dass solche ideologischen Verarbeitungsformen auch auf Corona- bzw. maßnahmenkritischer Seite zu finden sind und durch die Corona-Krise zweifellos einiges an Zulauf gewonnen haben. Allerdings macht dies nicht schon jede Kritik am offiziellen Corona-Narrativ und an der staatlichen Corona-Politik automatisch zu einer Verschwörungsideologie. Es gibt, wie vor allem im Thesenpapier über Corona als Krisensymptom ausführlich dargelegt wurde, in der Tat sehr viele und sehr gute Gründe für Skepsis und Kritik am hegemonialen Corona-Diskurs und am darauf gegründeten Maßnahmenregime.

Hinzu kommt, dass sich die finale Krise nicht allein in Verschwörungsideologien und rechtsextremen Tendenzen erschöpft, sondern sich auch in anderen Formen und Prozessen ausdrückt, so etwa in einer durch Regierungen zunehmend repressiv und autoritär ins Werk gesetzten Krisen- und Notstandsverwaltung, die ebenfalls im Zuge der Corona-Krise in ihrem repressiven und überwachungs-technologischen Instrumentarium erheblich ausgebaut und auf ein neues Niveau gehoben wurde. Darüber hinaus hat gerade die Corona-Krise vielfältiges Anschauungsmaterial dafür geliefert, dass auch die geradezu mit Händen zu greifenden soziopsychischen Verwilderungstendenzen sich nicht ausschließlich in rechten Ideologien und Verschwörungstheorien niederschlagen, sondern in einem „Extremismus der Mitte“ Gestalt annehmen, der wesentlich tiefer zu gehen und deutlich größere gesellschaftliche Segmente zu umfassen scheint, als bisher angenommen wurde oder offenkundig war – siehe etwa den bis weit in linksliberale Milieus hineingehenden (bzw. gerade dort besonders virulenten) autoritären Konformismus mit seiner offenen Hetze und unverblümt artikulierten Straflust gegenüber „Ungeimpften“ und anderen als „unsolidarisch“ geframten Personengruppen.[13] Einiges von dem, was in diesen Zusammenhängen in den letzten Monaten in der Öffentlichkeit an Äußerungen und Verhaltensweisen wahrzunehmen und zu beobachten war, wäre vor kaum mehr als zwei Jahren in gesellschaftskritischen Kontexten noch umstandslos als „rechts“ und „faschistoid“ durchgegangen.


In Anbetracht mancher Entwicklungen der vergangenen zwei Jahre – die sich sukzessive autoritärer und repressiver darstellende Durchsetzung evidenzbefreiter und oft genug auch absurder „Maßnahmen“ durch Regierungen, das permanente Dauerfeuer eines medialen und politischen Propagandaapparats, die Denunziation jeglicher Kritik als „rechts“ und „Verschwörungstheorie“, direkte und indirekte Formen des Impfzwangs mit einer de facto genexperimentellen Substanz, rasch voranschreitende Zensur etc. – könnte man gelegentlich fast versucht sein, so etwas wie Verständnis für so manche in ihrem Glauben an Demokratie und Rechtsstaat erschütterte und in Verschwörungstheorien abgleitende Maßnahmenkritiker/innen zu entwickeln. Wundern braucht man sich darüber jedenfalls nicht. Es verhält sich mit „Verschwörungstheorien“ offenbar so wie mit vielen anderen „Problemen“ und gesellschaftlichen „Bedrohungen“, die der Krisenkapitalismus in seiner Agonie am laufenden Band produziert und anschließend „bekämpfen“ muss: Es sind seine eigenen (Zerfalls-)Produkte, die ihm zunehmend zu schaffen machen, und ihre immanente Bekämpfung kann daher nur nach dem Muster „more of the same“ erfolgen – ob das nun Drohnenangriffe gegen den globalen Terrorismus sind, „green economy“ gegen die ökologische Krise oder forcierte digitale Überwachung und Zensur von „Fake News“ und „Desinformation“ im Kampf gegen „Verschwörungstheorien“. Eine radikalkritische Gesellschaftstheorie tut vor diesem Hintergrund gut daran, sich diese gesamtgesellschaftlichen und krisentheoretischen Zusammenhänge stets zu vergegenwärtigen, anstatt sich am wohlfeilen öffentlich-medialen und politischen Verschwörungstheoretiker-Bashing zu beteiligen.

 

Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene hat der zunehmend obsessive Dimensionen annehmende Kampf gegen Verschwörungstheorien mittlerweile zu einer heillosen Inflationierung des Verschwörungstheorie-Begriffs geführt, die kein ernsthaft sich der Kritik von Verschwörungsideologien widmender Gesellschaftstheoretiker einfach hinnehmen und unwidersprochen lassen kann. Die zunehmend wie Pilze aus dem Boden schießenden und von staatlichen wie privaten Institutionen großzügig geförderten „Expert/innen“ für „Verschwörungsdenken“ und „Desinformation“ fuhrwerken größtenteils mit Begrifflichkeiten, Definitionen und Vorannahmen, die bereits von Grund auf Zweifel aufkommen lassen, ob irgendjemand von diesen überhaupt den Hauch einer Ahnung hat, was eigentlich eine Verschwörungstheorie ist.[14] Das Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS), ein Thinktank mit „jahrelange[r] interdisziplinäre[r] Expertise zu den Themen Verschwörungsideologien, Desinformation, Antisemitismus und Rechtsextremismus“[15] hält z.B. die Zustimmung zu folgender Aussage im Zusammenhang mit dem Coronavirus ganz im Ernst für einen validen Indikator für „Verschwörungsdenken“: „Das Virus wird absichtlich als gefährlich dargestellt, um die Öffentlichkeit in die Irre zu führen“ (Lamberty et al. 2022). Das Kriterium zur Einstufung als „Verschwörungstheorie“ kann hier wohl, wenn überhaupt, nur darin bestehen, wie man „absichtlich“ definiert. Denn dass die politische und mediale Kommunikation und insbesondere die offizielle Verwendung von Zahlen und Statistiken im Kontext von Corona häufig in hohem Maße irreführend war und ist, konnte in den vergangenen zwei Jahren jeder sehen, der es sehen wollte. Aber selbst die Annahme einer „Absicht“ wäre keineswegs völlig abwegig. So werden etwa die Pandemie und ihre Todesopfer bis heute mit geradezu abenteuerlichen Methoden permanent „hochgerechnet“ – siehe etwa die oben erwähnte, aktuelle WHO-Modellierung, die nicht einmal mehr davor zurückschreckt, auch „Kollateralschäden“ der Maßnahmen als „Corona-Tote“ zu verbuchen –, während z.B. Impfschäden und -nebenwirkungen beharrlich kleingeredet oder überhaupt aus der Welt diskutiert werden. Eine Kritik an solchen systematisch zu nennenden Formen der Desinformation im offiziellen Corona-Diskurs muss sich dabei nicht einmal nur auf (böse) „Absicht“ kaprizieren. Wir haben in unserem Thesenpapier eine ganze Reihe verschiedener Faktoren diskutiert, die den konkreten Verlauf der Corona-Krise und insbesondere die politische und mediale Kommunikation darüber wesentlich mitbedingt haben dürften. Nicht zu gering gewichten würden wir z.B. Faktoren wie Inkompetenz, Irrationalität sowie ganz banale (in der Krise sich jedoch auf allen Ebenen zunehmend ausbreitende) Korruption (vgl. Urban/Uhnrast 2022b).

Eine valide Aussage über den Geisteszustand von Kritikern des offiziellen Corona-Narrativs lässt sich mit derart konstruierten Erhebungen wie der von CeMAS also ganz gewiss nicht treffen, geschweige denn deren Hang zu „Verschwörungsdenken“ seriös einschätzen. Denn zu diesem Zweck mangelt es schon grundsätzlich an einer tragfähigen (und nicht bereits selber im Grunde ziemlich paranoiden[16]) Definition von „Verschwörungstheorie“. Im Grunde ist all das aber sekundär, weil es darum ohnehin nicht geht. Worum es vielmehr geht, ist, jegliche Kritik am offiziellen Corona-Narrativ und an der Corona-Politik, egal wie begründet oder unbegründet, egal wie fundiert oder schwachsinnig, als „Verschwörungstheorie“ zu denunzieren, in eine rechte Ecke zu stellen und möglichst zu unterbinden.

 

In etwa dieselbe Absicht, verbunden mit derselben hanebüchenen Definition von „Verschwörungstheorie“, scheint auch EXIT anzutreiben in ihrem Kampf gegen „verschwörungsideologische“ Umtriebe im Zusammenhang mit Corona in den eigenen Reihen. Die Subsumierung der Kritiker unter die Kategorie „Verschwörungstheorie“ kommt dabei, wie schon im gesamtgesellschaftlichen Corona-Diskurs, praktisch ohne jegliche inhaltliche Begründung aus.[17] Den Tatbestand der „Verschwörungstheorie“ erfüllen deren kritische Thesen deshalb, weil Kritik am Corona-Narrativ und an der Corona-Politik per definitionem „verschwörungsideologisch“ ist. Argument ist das zwar keines, sondern eine Tautologie, aber immerhin bringt einen das in die komfortable Position, sich inhaltlich gar nicht erst mit der Position der Kritiker beschäftigen und konkret nachweisen zu müssen, wo und warum eine Argumentation den Verdacht der „Verschwörungsideologie“ begründet. Somit kann man direkt und ohne Umschweife zur Aburteilung schreiten. In der EXIT-Stellungnahme zu den beiden Artikeln von Urban/Uhnrast und Jappe liest sich das dann etwa so:

 

„In der aktuellen Diskussion um Corona bringt der unvermittelte Rekurs auf Wille und Interesse eine offene Flanke zu Coronaleugnern und Verschwörungsphantasien mit sich. Die offene Flanke soll lediglich mit der Beteuerung abgesichert werden, man habe damit nichts zu tun. Diese Beteuerung wird zugleich mit dem allgemein und vage bleibenden Verdacht verbunden, die Rede von Verschwörungswahn diene der Abwehr unbequemer Kritik an autoritären Maßnahmen und sei Ausdruck des Konformismus mit dem angepassten gesellschaftlichen Mainstream. Dabei erinnern Beteuerungen, doch nicht zu den ‚Verschwörungstheoretikern‘ zu gehören an Stereotype wie ‚Ich bin kein Rassist, Sexist, Antisemit…, aber...‘ In der offenen und zugleich geleugneten Flanke gegenüber Verschwörungsphantasien dürfte sich das Bedürfnis Ausdruck verschaffen, den eigenen kleinbürgerlichen Sehnsüchten nach Überschau- und Handhabbarkeit der sich chaotisierenden Krisenverhältnisse Raum zu geben.“ (EXIT 2022, Punkt 4)

 

Die Schärfe, mit der dieses Urteil vorgebracht wird, mag freilich daraus resultieren, dass die Thesenpapiere offenbar einen wunden Punkt getroffen haben – und wer lässt sich schon gern Konformismus nachsagen, selbst (und gerade) dann, wenn es wahr wäre? Jedenfalls ist das, was hier ausformuliert wird, fast schon mehr als eine Aburteilung, eher eine Exkommunikation. Denn was den Kritikern hier unterstellt wird, ist nicht einfach nur eine „offene Flanke“ zu „Verschwörungsphantasien“, sondern im Grunde selbst ganz verkappte, bornierte Kleinbürger[18] zu sein, die in der Krise, wenn es hart auf hart kommt, Zuflucht zu Verschwörungstheorien nehmen und sich womöglich auch noch (darauf will die Anspielung doch wohl hinaus) als stramme Rassisten, Sexisten und Antisemiten erweisen könnten. Die EXIT-Gruppe wäre vor diesem Hintergrund gut beraten, sämtliche Texte der betreffenden Personen von der Homepage zu entfernen, ebenso allfällige Fotos von Seminaren, auf denen diese Personen abgelichtet sind. Es könnte sich sonst eines Tages irgendjemand veranlasst fühlen, zu fragen, wie eine offenkundig rechtsextreme Fraktion über einen so langen Zeitraum – bei manchen ja sogar mehrere Jahrzehnte – unerkannt in der Wert-Abspaltungskritik ihr Unwesen treiben konnte.

 

Dass diese freilich etwas zugespitzte Interpretation der Stellungnahme durchaus keine maßlose Übertreibung darstellt, zeigt sich vollends an den schon mehr expliziten als impliziten Antisemitismus-Zuschreibungen, die die EXIT-Redaktion im Weiteren über die Autoren der Thesenpapiere ergießt. Sie mag damit vielleicht „nur“ strukturellen Antisemitismus meinen; dass sie ganz ohne dieses Beiwort auskommt, lässt jedoch vermuten, dass sie es genau so meint, wie sie es sagt, und die Kritiker und ihre Thesenpapiere tatsächlich auf demselben Niveau ansiedelt, wie jene in der Tat armseligen und durch die Corona-Krise um ihren Verstand gebrachten Personen, mit denen sie sie im selben Atemzug nennt:

 

„Falsche Unmittelbarkeit und die Ignoranz gegenüber der Notwendigkeit, auf das Ganze der Fetischverhältnisse auszugreifen, bereitet (…) ‚recht unmittelbar‘ den Weg für Antisemitismus. (…) Bei den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen blieb er nicht mehr implizit, sondern trat offen zu Tage. Der antisemitische Topos der Weltverschwörung wurde auf die Corona-Situation hin reaktiviert. Er konnte an der Vorstellung anknüpfen, dass eine geheime Elite das Virus in die Welt gesetzt habe. Die Darstellung von Juden als Tätern [sic] hindert GegnerInnen der Corona-Politik freilich nicht daran, sich auf perverse Weise mit Juden als Opfern [sic] zu identifizieren, was zugleich das verharmlost[19], was Juden an Repression und Vernichtung zu erleiden hatten. Im Hinblick auf die ‚Denke‘ von exit! kann dies nicht gleichsam als Betriebsunfall abgetan, still schweigend ignoriert oder nur am Rande vermerkt werden. Für exit! ist die Markierung der Grenze zu Querdenkertum, Verschwörungswahn und dem darin implizierten und manifesten Antisemitismus unverzichtbar.“ (ebd.)

 

Anselm Jappe hat in seinem Text (Haben Sie „Gesundheitsdiktatur“ gesagt?) noch den Fehler begangen, von der berechtigten Annahme auszugehen, dass es in der wert(abspaltungs)kritischen Corona-Debatte um eine inhaltliche Diskussion geht, in der u.a. auch danach gefragt und ggf. gestritten werden kann, was denn in der Corona-Krise – soweit sich das bestimmen lässt – objektiv „der Fall“ ist, womit wir es zu tun haben und wie man das Geschehen kritisch-theoretisch einordnen kann. Ausgehend von dieser Prämisse hat er zu Recht darauf hingewiesen, dass durch die Tatsache, dass auch Rechte und „Verschwörungsideologen“ die Corona-Politik kritisieren, nicht schon jegliche Kritik am Corona-Narrativ und an den dadurch legitimierten Maßnahmen (z.B. „Grüner Pass“) gegenstandslos wird. Seinen diesbezüglichen Ausführungen ist wenig hinzuzufügen, und sie können angesichts des Verlaufs und der bezeichnenden Qualität der wert(abspaltungs)-kritischen „Debatte“ gar nicht oft genug wiederholt werden:

 

„Natürlich zeigt ein Teil der Opposition gegen diese Politik trübe Motive. Aber eine Kritik verliert nichts von ihrer Wahrheit dadurch, dass Finsterlinge oder Idioten scheinbar ähnliche Reden halten. Als Robert Kurz um 2002 von den Antideutschen heftig angegriffen wurde, fasste jemand die Logik dieser Angriffe folgendermaßen zusammen: ‚Horst Mahler sagt: „Ein Pferd hat vier Beine“. Robert Kurz sagt: „Ein Pferd hat vier Beine“. Erwischt!‘. Man sollte nicht darauf verzichten, die ‚Gesundheitspolitik‘ zu kritisieren, nur weil andere, zweifellos zwielichtige Leute scheinbar Ähnliches sagen – aber aus ganz anderen Gründen! Wenn die extreme Rechte gegen Corona-Maßnahmen ist, dann deshalb, weil sie auf magische Weise sofort zur Normalität zurückkehren will. Doch genau diese ‚Normalität‘ ist das Problem. Zufällige Übereinstimmungen zwischen linker und rechter Kritik beweisen absolut nichts. Andernfalls hätte die Kritik an Wert und Arbeit, die Verweise auf Marx, Kurz, Debord usw. aufgegeben werden müssen, seit der rechtsextreme französische Intellektuelle Alain de Benoist sich gleichfalls darauf bezieht.

Eine Verwechslung von Gesellschaftskritik mit der extremen Rechten ist nicht zu befürchten, weil die extreme Rechte aus genau entgegengesetzten Gründen gegen die Einschränkungen protestiert: Sie will mit der Verwertung, der Digitalisierung, der Überwachung der ‚Anderen‘ (Migranten usw.), den Fußballmeisterschaften etc. weitermachen. Der Gesundheitstotalitarismus ist nur die Verlängerung von zu vielen anderen Dingen, die bereits geschehen sind. Man muss nur über diese sprechen, um sich seiner unerwünschten Mitstreiter zu entledigen.“ (Jappe 2022)

 

Nun geht es aber offensichtlich nicht um eine inhaltliche bzw. sich an konkreten Inhalten und an der Realität abarbeitende Diskussion, sondern um ein Sauberhalten des wert(abspaltungs)kritischen Kastens von Positionen – und seien es noch so wohlbegründete und gesellschafts- bzw. krisentheoretisch fundierte –, die mit „Querdenkertum“ oder „rechten Verschwörungstheorien“ verwechselt werden könnten; zumal zu einer Zeit und in einem gesellschaftlichen Klima, in dem schon der bloße Hinweis auf grobe handwerkliche und analytische Fehler in offiziellen Corona-Statistiken oder die wie auch immer begründete persönliche Entscheidung, auf eine Impfung lieber zu verzichten, als „Verschwörungsideologie“ gilt, und in dem der nächste logische Schritt nur darin bestehen kann (und wird), in absehbarer Zeit jedwede Gesellschafts- und Kapitalismuskritik zur „Verschwörungstheorie“ zu erklären. Unter diesen Voraussetzungen ist es der EXIT-Redaktion ein Leichtes, Jappes Einwänden wie folgt zu kontern:

 

„Über eine solch offene Flanke [zu Verschwörungsideologien, A.U.] hinaus wird behauptet, es gebe durchaus sachliche Überschneidungen zur Querderkerszenerie [sic] und etwas Richtiges könne doch nicht dadurch falsch sein, dass es zufällige Übereinstimmungen mit ‚Querdenkern‘ gebe. Auch hier zeigt sich wieder das Problem der Abstraktion von der Ebene der Fetischverhältnisse und die Regression in die falsche Unmittelbarkeit von Willen, Interesse, Praxis... Für die Frage nach der Wahrheit einer Aussage ist aber ihr Zusammenhang mit der Gesamtheit eines Denkens konstitutiv.“ (EXIT 2022, Punkt 4)

 

Dem letzten Satz kann dabei zur Abwechslung einmal vollinhaltlich zugestimmt werden: Antisemitismus z.B. bleibt immer Antisemitismus, und für antisemitische Ideologeme ist die „Gesamtheit eines Denkens“ konstitutiv, das sich daher in mehr oder weniger ausgeprägter, aber typischer Form bei allen Antisemiten nachweisen lässt. Daraus folgt aber noch lange nicht, dass z.B. eine Kritik an bestimmten Corona-Maßnahmen und deren Begründungen falsch – im Sinne von unzutreffend –, noch (und erst recht nicht), dass diese konkrete Kritik als solche „antisemitisch“ ist, nur weil sie auch von bekennenden Antisemiten vorgebracht wird. Das zu behaupten wäre ebenso absurd wie die umgekehrte (hypothetische) Behauptung, eine von einem Rechtsextremen und Antisemiten vorgebrachte Hetze gegen „Ungeimpfte“ (es gibt nämlich mit Sicherheit auch zahlreiche aus Überzeugung geimpfte Menschen mit rechten und antisemitischen Grundhaltungen) sei ein Indiz für Rechtsextremismus und Antisemitismus. (Strukturell) antisemitisch kann die konkrete Form sein (und damit vermittelt selbstverständlich auch bestimmte Inhalte), die eine Kritik an der Corona-Politik annimmt – dazu gehören einige der Phänomene, die die EXIT-Redaktion zu Recht aufzählt und kritisiert. Jegliche Kritik an der Corona-Politik und damit zusammenhängende Tatsachenbehauptungen pauschal als rechtsextrem, antisemitisch und daher als „unwahr“ zu markieren, läuft allerdings auf die unsinnige und letztlich auch autoritäre Setzung hinaus (und wahrscheinlich muss der entsprechende Passus im obigen EXIT-Zitat tatsächlich so gelesen werden), etwas Zutreffendes könne nicht zutreffend sein, wenn es der oder die Falsche sagt. Nach dieser (Un)Logik wäre das von Jappe nur zur besseren Veranschaulichung seines Arguments gewählte Beispiel völlig in sein Gegenteil verkehrt und Robert Kurz tatsächlich als Neonazi und Antisemit zu qualifizieren, weil auch Neonazis und Antisemiten wie Horst Mahler behaupten, Pferde hätten vier Beine.

 

Was der EXIT-Redaktion vor diesem Hintergrund freilich ebenfalls und erst recht als besonders deutliches Indiz für den „Rechtsruck“ der wertkritischen „Corona-Kritiker“ gilt, ist so manche Literatur, die in deren Texten Verwendung findet. Nun ist die Frage der Literatur im Corona-Kontext keineswegs banal und tatsächlich mit manchen Problemen behaftet. Denn in der Tat besteht hier eine gewisse Schwierigkeit darin, dass relevantes Material häufig nur in Quellen aus der maßnahmenkritischen Szene zu finden ist, die ohnehin a priori als „rechtslastig“ gelten (und von denen es manche sicherlich auch sind). Als Autoren des an Literatur- und Quellenverweisen sehr reichen Thesenpapiers Corona als Krisensymptom? haben wir uns redlich bemüht, möglichst ohne allzu „anstößige“ Literatur auszukommen, und hauptsächlich auf Datenmaterial aus Studien und von öffentlichen Stellen wie dem RKI sowie auf Artikel aus Tageszeitungen zurückgegriffen. Anlässe, eine „Kontaktschuld“ zu konstruieren und den Beitrag sowie seine Autoren schon aufgrund mancher verwendeter Quellen in eine „Nähe zu Verschwörungsideologien“ zu rücken bzw. als „rechtslastig“ zu markieren, konnte die EXIT-Redaktion im Beitrag dennoch vereinzelt finden und hat diese Anlässe freilich mit der Spürnase eines Minensuchhundes detektiert und umgehend in ihre Beweisführung aufgenommen.[20] Man müsste das Literatur-Thema eigentlich gar keiner besonderen Erklärung für bedürftig halten und könnte sich ganz einfach auf den Standpunkt stellen, den EXIT-Autor/innen wie selbstverständlich für sich beanspruchen, so etwa erst kürzlich Roswitha Scholz in einem Artikel in der aktuellen exit!-Ausgabe: „es geht hier ja nicht um eine Goutierung seiner [des zitierten Autors, A.U.] Ansichten als Ganzes“ (Scholz 2022, S. 150). Dasselbe wollen und dürfen auch wir für unsere Thesenpapiere geltend machen und darauf bestehen, dass der Verweis auf eine Quelle selbstverständlich nicht schon impliziert, sich die Ansichten des Autors „als Ganzes“ zu eigen zu machen oder überhaupt nur zu goutieren. Nicht einmal die Ableitung derselben Schlussfolgerungen aus ein und demselben Inhalt einer zitierten Quelle folgt daraus notwendigerweise. Aber das sind, wie gesagt, im Grunde nicht der Rede werte Selbstverständlichkeiten der Textproduktion und -rezeption. Sie seien an dieser Stelle nur deshalb explizit erwähnt, weil sich die diesbezüglichen Reaktionen der EXIT-Redaktion in das Schema der übrigen Kritik an unseren Thesenpapieren einfügen: Ohne weitere inhaltliche Prüfung zitierter Quellen und der Art und Weise, wie ihre Inhalte konkret in den gegenständlichen Text eingehen, dient schon allein der Verweis auf die Quelle bzw. den Ort der Publikation als hinreichender „Beleg“, um die Thesenpapiere und deren Autoren als „rechtslastig“, „verschwörungsideologisch“ oder „Querfront“ abzuqualifizieren und eine inhaltliche Entgegnung obsolet zu machen.

 

Apropos Querfront: Auch der Querfront-Begriff – an sich ja ein wichtiger Begriff zur Problematisierung rechter Tendenzen innerhalb der Linken – scheint mittlerweile, ähnlich wie jener der „Verschwörungstheorie“, zu einer Art Popanz verkommen zu sein, der aus dem Sack geholt werden kann, wenn es darum geht, unliebsame Positionen kurzerhand als „rechtslastig“ und „nicht diskussionsfähig“ zu rahmen. Wie bereits dargelegt, münden Zuschreibungen wie „Verschwörungstheorie“, „rechtslastig“ und „Querfront“ in der wert-abspaltungskritischen Corona-Debatte zunehmend in tautologischen Begründungen und Argumentationen, abgehoben von jedem Inhalt. Eine Position wie die von uns in der Debatte vertretene gilt vor allem deshalb als „Querfront“, weil EXIT dekretiert, dass Maßnahmenkritik per se „rechts“ oder „rechtslastig“ ist, unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Kritik und ihrer jeweiligen Inhalte. Ein anderer, darüber hinausgehender Beweis braucht dafür nicht mehr erbracht zu werden, und erst recht kann man es sich schenken, sich inhaltlich mit einzelnen Befunden unserer Thesenpapiere auseinanderzusetzen.


Möglicherweise muss Ähnliches sogar für Zuschreibungen eines (strukturellen) Antisemitismus konstatiert werden, die ja allem Anschein nach ebenfalls zunehmend zu einem besinnungslos eingesetzten Totschlagargument verkommen. Gerhard Hanloser hat bereits vor Jahren davor gewarnt, die Formel des „strukturellen Antisemitismus“ könnte infolge seiner zunehmend zu beobachtenden Reduktion auf einen Kampfbegriff innerhalb der Linken in absehbarer Zeit auf diese selbst zurückfallen (vgl. Hanloser 2005). Die Wertkritik mag sehr wenig mit einem Gerhard Hanloser verbinden, und man muss noch nicht einmal mit seinem keineswegs unproblematischen Verständnis von „strukturellem Antisemitismus“ einverstanden sein. Die Entwicklungen der letzten Jahre und insbesondere die Verlaufsform der wert(abspaltungs)kritischen Corona-„Debatte“ scheinen ihm jedoch ein Stück weit Recht zu geben. In der breiteren (medialen) Öffentlichkeit können die Resultate eines inzwischen nahezu völlig substanzlos gewordenen Antisemitismus-Begriffs längst besichtigt werden. Dort wird zwecks Denunziation Andersdenkender oder politischer Gegner zum Teil dermaßen willkürlich und wahllos mit Antisemitismus-Beschimpfungen um sich geworfen, dass sich zuweilen schon Vertreter jüdischer Glaubensgemeinschaften veranlasst sehen, zu intervenieren und sich gegenüber einer derart missbräuchlichen Verwendung des Antisemitismusbegriffs entschieden zu verwahren. Zu Recht: Denn worin soll die historische Einzigartigkeit des Holocaust und der an Millionen Juden begangenen Verbrechen noch bestehen, wenn beinahe alles und jeder mit dem Begriff „Antisemit“ belegt und implizit oder explizit in einen ideellen Zusammenhang mit dem größten Menschheitsverbrechen der Geschichte gebracht werden kann? Legte man hier das Kriterium zur Einordnung als „Antisemitismus“ stringent an, müssten derart verfahrende „Antisemitismuskritiker/innen“ selbst des (strukturellen) Antisemitismus bezichtigt werden. Denn wer den Antisemitismus-Begriff dermaßen aufweicht und quasi in eine Allzweckwaffe zur Denunziation aller möglichen unliebsamen Positionen verwandelt, macht sich gerade vor dem Hintergrund der Einzigartigkeit des Holocaust selbst einer ungeheuren Verharmlosung des Nationalsozialismus und der an Juden begangenen Verbrechen schuldig. Auch das sind also Entwicklungen, die aus einer sich selbst noch ernstnehmenden antisemitismuskritischen Perspektive nicht so einfach hingenommen werden können.

 

EXIT scheint sich jedoch hauptsächlich von Rechten und „Verschwörungsideologen“ bedroht zu fühlen, zunehmend auch in den eigenen Reihen. Überhaupt entsteht der Eindruck, die Welt außerhalb des EXIT-Kreises bestehe nur noch aus „Rechten“ sowie einer sich aus abgefallenen Linken rekrutierenden „Querfront“, und EXIT betrachte sich gleichsam als eine Art gallisches Dorf, das als einziges noch einer stetig wachsenden Legion von „Rechten“, „Verschwörungsideologen“ und „Querfrontlern“ trotzt. Ein besonderes EXIT-Feindbild scheint dabei Rubikon zu sein. Aber auch wer die Nachdenkseiten zitiert, zieht bereits beträchtlichen „Querfront“-Verdacht auf sich.[21] Selbst Telepolis gilt inzwischen als „Querfrontorgan“ (Konicz 2022, S. 76) – vor allem seit (und weil?) Tomasz Konicz dort nicht mehr publizieren darf. Dass auf diesen Seiten (vom Standpunkt der Wertkritik gesehen) auch allerhand Verkürztes und entsprechend Kritikables zur Veröffentlichung kommt, war schon lange vor Corona zutreffend. Dennoch waren (und sind) dies Medien, auf denen immer wieder auch für die wertkritische Theoriebildung relevante und brauchbare Artikel veröffentlicht werden, und sei es nur auf einer phänomenologisch-empirischen Ebene (dies gilt allerdings in der Tat weniger für Rubikon als für andere „alternative Medien“). Vor Corona war es jedenfalls noch möglich, Artikel aus den Nachdenkseiten zu zitieren, ohne befürchten zu müssen, dafür als „Querfrontler“ verdächtigt zu werden. Vermutlich gilt für Medien wie die Nachdenkseiten aber Ähnliches wie für uns und beziehen sie ihren Querfront-Status nicht zuletzt aus der Tatsache, dass auf diesen zahlreiche Texte (ebenfalls von unterschiedlicher Qualität) veröffentlicht wurden, die sich kritisch gegenüber der Corona-Politik positionierten. Und wären die Nachdenkseiten nicht ohnehin schon längst bei EXIT unter „Querfront“ subsumiert, so könnten diese wohl damit rechnen, spätestens ab jetzt, nachdem die EXIT-Redaktion in unseren Corona-Texten auf vereinzelte Zitate daraus gestoßen ist, auf die schwarze Liste der „Querfrontler“ gesetzt zu werden. Denn wer von „rechtsoffenen“ Leuten wie Urban, von Uhnrast oder Jappe zitiert wird, kann kein Guter sein.

 

In Anbetracht der Leichtfertigkeit und Umstandslosigkeit, mit der die EXIT-Redaktion wertkritisch und krisentheoretisch argumentierende, aber von der eigenen Position abweichende Analysen der Corona-Krise mit „Querdenkertum“ und „rechten Verschwörungsideologien“, ja sogar „Antisemitismus“ in einen Topf wirft und unterschiedslos als „rechtslastig“ oder als „Querfront“ verwirft, möchte man manchmal fragen, was eigentlich aus der in wert-abspaltungskritischen Kontexten so hochgehaltenen Tradition und Praxis der Kritik der Identitätslogik geworden ist. Worauf die damit in Verbindung stehende und für die Wert-Abspaltungskritik nicht minder konstitutive Wissenschaftskritik mittlerweile herabgesunken ist, haben wir bereits gesehen („Die Wissenschaft ist sich einig, dass…“). Gerade Roswitha Scholz hat – in ihrem theoretischen Denken und Wirken stark beeinflusst von Adorno – stets darauf bestanden, dass Dinge und Phänomene immer auch in ihrer Besonderheit und ihrer Differenz zur Kenntnis genommen werden müssen und nicht alles mit allem identitätslogisch gleichgesetzt und gleichgemacht werden kann („don’t treat every thing alike“, Scholz 2005). Auch die Adorno’sche Weisung „gegen sich selber zu denken“ bildete in dem Zusammenhang, jedenfalls dem Anspruch nach, stets eine wesentliche Richtschnur für die wert-abspaltungskritische Theoriebildung. Nun muss man mit unseren Einschätzungen und Analysen gewiss nicht einverstanden sein, und Kritik daran ist nicht nur möglich, sondern sogar ausdrücklich erwünscht. Wer sich allerdings die Mühe macht, die von uns vorgelegten Thesenpapiere aufmerksam zu lesen, sollte kaum umhinkönnen – trotz gewisser Schnittmengen, die vor allem den gemeinsamen Objekten der Kritik geschuldet sein dürften – grundlegende Unterschiede zwischen der von uns vorgelegten kritischen Perspektive auf die Corona-Krise und jener von „Querdenkern“, Rechten oder tatsächlichen Verschwörungsideologen festzustellen. Es sollte einem dann kaum entgehen können, dass sich – worauf bereits Anselm Jappe zu Recht hingewiesen hat – schon die Begründungen der Kritik fundamental unterscheiden, und erst recht unterscheiden sich die aus der Kritik abgeleiteten Schlussfolgerungen. Die „Querdenker“ wollen ihre Demokratie und ihre Grundrechte retten und ansonsten mit dem Kapitalismus wie gehabt weitermachen. Wir hingegen stellen die Corona-Krise in den Kontext der finalen Krise des Kapitals und damit zusammenhängender Zerfallserscheinungen auf institutioneller, aber auch sozialpsychologischer Ebene, sowie ihrer politischen Verwaltung. Das sind also keine Feinheiten oder belanglosen Kleinigkeiten, sondern ein Unterschied ums Ganze. Selbst wenn man also unseren Thesen nicht in jeder Hinsicht folgen möchte, sollte zumindest erwartet werden dürfen, dass solche grundlegenden Differenzen zur Kenntnis genommen werden, insbesondere von Personen, die sich etwas darauf zugutehalten, nicht „identitätslogisch“ zu denken und Ungleiches nicht mit Gewalt gleichmachen zu müssen.

 

Die bis hierher vorgenommene Rekonstruktion der wert-abspaltungskritischen Corona-Debatte hinterlässt einen einigermaßen ratlos. Die beharrliche Verweigerungshaltung mit Blick auf eine inhaltliche Diskussion und die damit einhergehende Diffamierung abweichender Positionen entspricht in einem Ausmaß den „Debatten“ im gesellschaftlichen Mainstream, das schlicht besorgniserregend ist und der Autor bis vor relativ kurzer Zeit noch nicht für möglich gehalten hätte. Denkbar, aber als Vorstellung, aufgrund der damit verbundenen Implikationen, ebenfalls nur wenig erbaulich wäre immerhin, dass sich die EXIT-Redaktion aus Angst vor Verschwörungstheorien (oder davor, selbst als „Verschwörungsideologen“ identifiziert zu werden) auf eine Position versteift hat, an die sie selber nicht ganz glaubt. Es wäre zu hoffen. Denn andernfalls wäre es keine große Überraschung, Teile der EXIT-Redaktion irgendwann als „Expert/innen“ in einer staatlichen Taskforce zur Bekämpfung von „Verschwörungsdenken“ und „Desinformation“ anzutreffen.


 

3. „Wille und Interesse“ statt Form- und Fetischkritik?


Im Zusammenhang der Einordnung unserer Thesenpapiere als „rechtslastig“ und offen für „Verschwörungsideologien“ ist nun im Folgenden (endlich) auch auf ein inhaltliches Argument einzugehen, mit dem die EXIT-Redaktion diese Einordnung begründet. Dieses Argument erweist sich bei näherem Hinsehen zwar ebenfalls als wenig überzeugend und für Proponent/innen wert(abspaltungs)kritischer Theoriebildung eher sogar bezeichnend. Aber immerhin wird die Debatte damit erstmals zumindest ansatzweise auf eine inhaltliche und gesellschaftstheoretische Ebene gehoben, auf der sich gegenstandsbezogen streiten lässt.

Die Argumentation der EXIT-Redaktion läuft dabei im Wesentlichen darauf hinaus, unsere Analyse der Corona-Krise und insbesondere unsere Kritik an bestimmten Aspekten der Corona-Politik fokussiere, gleichsam in einer „falschen Unmittelbarkeit“, primär auf die Ebene gesellschaftlicher Akteure und deren immanente „Interessen“ und würde dadurch das höhere und für die Wert(abspaltungs)kritik charakteristische Abstraktionsniveau der Form- und Fetischkritik systematisch verfehlen. Wir seien also quasi von einer form- und fetischkritischen und erst dadurch per definitionem „wertkritischen“ Perspektive auf einen „traditionsmarxistischen“, auf immanente „Interessen” kaprizierten und verkürzten Standpunkt zurückgefallen:

 

„Beide Texte [die Thesenpapiere von Urban/Uhnrast sowie Jappe, A.U.] kritisieren die Corona-Politik bzw. die Durchsetzung einer Impfpflicht, ohne dem Gesamtzusammenhang der kapitalistischen Fetischverhältnisse bzw. der Verrücktheit der gesellschaftlichen Form und ihrer Bewegung in sich zuspitzenden Krisensituationen ebenso wie unterschiedlichen Ebenen der Vermittlung hinreichend Rechnung zu tragen. Der Text von Urban und Uhnrast betont zwar, dass hinter der Corona-Krise kein Masterplan stecke (...). Der Duktus der Argumentation gegen die Corona-Politik läuft dennoch darauf hinaus, dass auf einen zielgerichteten Willen der politischen Akteure rekurriert und ihr Handeln aus Interessenkonstellationen (z.B. mit Blick auf die Pharmaindustrie, oder auch die gezielte Durchsetzung autoritärer Herrschaft) gedeutet wird. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass vermeintlicher politischer Wille und vermeintliche Interessenkonstellationen immer schon eingebunden sind in die Irrationalität der politischen Form und ihrer destruktiven Energie bzw. damit vermittelt. Hinter dem Rekurs auf politischen Willen und Interessenstandpunkt verschwindet die Konstitution der gesellschaftlichen Fetischverhältnisse als abstrakter Herrschaft bzw. es kommt, wenn sie angesprochen wird, zu einer unvermittelten Addition beider Ebenen. Dass Interessen eine Rolle spielen, ist damit natürlich nicht negiert. Sie können jedoch nicht zur Grundlage der Analyse gemacht werden. Sie müssen vielmehr im Zusammenhang des Ganzen der Fetischverhältnisse analysiert und darin deren Grenzen sichtbar gemacht werden. Ebenso wenig ist geleugnet, dass es gewisse Handlungsspielräume der Politik gibt. Ansonsten wären die Politik, aber auch Subjekt und Individuen strikt fetischdeterminiert. Handlungsspielräume gibt es, aber nur innerhalb der vom Fetischzusammenhang gesetzten Grenzen.

Weil die abstrakte Ebene der Fetischkonstitution samt der Irrationalität ihres abstrakten Selbstzwecks, die mit den sich zuspitzenden Krisen mehr und mehr ins Leere läuft, nur verbal oder additiv zur Geltung gebracht wird, erscheint das politische Agieren als zielgerichtet und kann nicht in seinen immer schnelleren Schwankungen, im Hinblick auf Corona in seinem wirren Hin und Her zwischen halbherzigem Lockdown und Lockerungen, gesehen werden, in denen sich gerade die Grenzen eines kohärenten politischen Agierens widerspiegeln. Ähnliches ist im Hinblick auf die Medien zu sagen. Hier ist keine manipulative Gleichschaltung zu registrieren, sondern eine Berichterstattung, in der unterschiedliche Postionen [sic] durchaus berücksichtigt werden – nicht aus ‚Liebe zur Wahrheit‘, sondern weil solche Unterschiedlichkeit zur Marktförmigkeit der Medien gehört. (Solche Schwankungen waren sogar bei der Bild-Zeitung zu erkennen, die sich ansonsten eindimensional als Stimme der ‚Freiheit’ inszenierte.) In Anselm Jappes Text wird die angesprochene Problematik auf die Impfpflicht fokussiert. Auch hier steht besagte Ziel- und Interssengeleitetheit [sic] im Vordergrund. Die Rede ist von Wissenschaft und Demokratie, die ‚fast immer im Dienst von Kapital und Staat’ standen (…), von ‚Gehirnwäsche’ und ‚Dämonisierung aller abweichenden Stimmen’ (…).“ (EXIT 2022, Punkt 1)

 

Von hier aus bzw. auf dieser Argumentationsgrundlage erfolgt sodann die bereits erörterte Einordnung der Thesenpapiere als „rechtslastig“ und „verschwörungsideologisch“. Denn die aus dem angeblichen Rückfall hinter die wertkritische Form- und Fetischkritik und dem „unvermittelte[n] Rekurs auf Wille und Interesse“ (ebd., Punkt 4) resultierende Verkürzung der Kritik bringe wiederum „eine offene Flanke zu Coronaleugnern und Verschwörungsphantasien mit sich“ und bilde letztlich sogar das Einfallstor für Antisemitismus: „Falsche Unmittelbarkeit und die Ignoranz gegenüber der Notwendigkeit, auf das Ganze der Fetischverhältnisse auszugreifen, bereitet zudem ‚recht unmittelbar‘ den Weg für Antisemitismus.“

 

Nun stellt niemand in Abrede, dass Corona und die Reaktionen darauf (auf Seiten der Maßnahmengegner ebenso wie auf jener der Politik und des „Corona-Mainstreams“) in den Kontext der finalen Krise zu stellen sind und nicht unmittelbar aus irgendwelchen „Interessen“ abgeleitet werden können. Ganz im Gegenteil: Die Einordnung von Corona in die finale Krise steht ja gerade im Mittelpunkt vor allem des Thesenpapiers über Corona als Krisensymptom (der Titel ist hier also bereits Programm). Die darin entfaltete zentrale These hebt, wie bereits erwähnt, vor allem auf krisenbedingte, fortschreitende Verwilderungsprozesse auf allen gesellschaftlichen Ebenen ab, die unseres Erachtens die Voraussetzung dafür bildeten, dass eine (nach allem, was sich auf Basis der vorliegenden Daten- und Faktenlage sagen lässt) unverhältnismäßige Reaktion auf ein grippeähnliches Atemwegsvirus, in Verbindung mit einer Reihe von selbstverstärkenden politisch-ökonomischen und sozialpsychologischen Prozessen, in eine veritable gesellschaftliche Katastrophe mündete – eine Katastrophe, deren Folgen sowohl den weiteren Verlauf der finalen Krise, als auch die Formen und Prozesse ihrer Verwaltung nachhaltig prägen dürften. Die auf eine fortgeschrittene Erosion und Verwilderung des bürgerlich-kapitalistischen Formzusammenhangs verweisenden Einflussfaktoren, die wir in diesem Zusammenhang ins Kalkül gezogen haben, sind mannigfaltig und reichen von Verfallsprozessen auf der Ebene der modernen Denkformen (postmodernes Denken, fortschreitender Realitätsverlust etc.), über eine Verwilderung historisch gewachsener moderner Institutionen (etwa in Gestalt zunehmender Korruption[22] sowie Inkompetenz in Politik, Verwaltung und Wissenschaft), bis hin zu einer offenbar mittlerweile überbordenden Irrationalität der postmodernen Krisensubjekte, die sich in absurden Verschwörungsideologien mancher „Maßnahmengegner“ ebenso manifestiert wie in der kaum minder absurden und gefährlichen Corona-Hysterie mit all ihren Begleiterscheinungen, die in den vergangen zwei Jahren besichtigt werden konnten (regelrechte Hetze gegen „Ungeimpfte“, Diffamierung jeglicher Kritik oder Skepsis als „Coronaleugnung“, „rechtsextrem“ etc., direkte und indirekte Formen des Impfzwangs auf Basis eines de facto experimentellen Impfstoffs usw.). Man kann uns vor diesem Hintergrund also bestimmt vieles nachsagen, aber gewiss nicht, die „Verrücktheit der gesellschaftlichen Form und ihrer Bewegung in sich zuspitzenden Krisensituationen“ ausgeblendet oder nicht berücksichtigt zu haben. Die „Verrücktheit“ erreicht unter den Bedingungen des sich zunehmend beschleunigenden Krisen- und Verfallsprozesses der kapitalistischen „Zivilisation“ gerade immer neue Niveaus – wie nicht zuletzt am konkreten Verlauf der Corona-Krise abgelesen werden kann. Wir mögen in unserer Kritik (auch) andere Erscheinungsformen dieser „Verrücktheit“ einbezogen und der Kritik ausgesetzt haben, die die EXIT-Redaktion jedoch entweder nicht sieht oder nicht wahrhaben will, weil diese ihre gesamte Aufmerksamkeit ausschließlich auf rechte „Verschwörungsideologien“ richtet. Was sich aber sicher nicht behaupten lässt, ist, unsere Thesen würden „nicht auf das Ganze der Fetischverhältnisse“ ausgreifen, denn das „Ganze der Fetischverhältnisse“ – unter besonderer Berücksichtigung ihres fortschreitenden Zerfalls – bildet nachgerade den Rahmen der gesamten Analyse, so skizzen- und thesenhaft sie in vielen Punkten notgedrungen bislang auch bleiben musste. Möglich, dass die EXIT-Redaktion dies nicht zur Kenntnis nehmen kann, weil sie es nicht zur Kenntnis nehmen will, denn dann müsste sie die Unvollständigkeit der eigenen Perspektive auf die Corona-Krise in Betracht ziehen und sich womöglich eingestehen, dass sie bislang wesentliche Aspekte der Krise und Erscheinungsformen der krisenbedingten Verwilderung ausgeblendet hat. „Interessen“ spielen dabei natürlich in der kritischen Analyse ebenfalls eine gewisse Rolle. Diese sind aber keineswegs die primäre „Grundlage“ unserer Analyse, und erst recht nicht bilden sie die Hauptstoßrichtung unserer Kritik.

 

Dies führt unmittelbar zu einem zweiten Punkt, an dem sich die „Kritik“ der EXIT-Redaktion als problematisch erweist und aus einer wert(abspaltungs)kritischen Perspektive nicht unwidersprochen bleiben kann. Das Wesentliche kapitalistischer Vergesellschaftung – darin besteht Einigkeit – ist ihre fetischistische Form. Somit muss Kapitalismuskritik sich stets analytisch auf der Abstraktionsebene jener Fetischform bewegen und nicht, wie im Traditionsmarxismus, auf der Ebene von Klassen und klassenspezifischen Interessen. Der Gegensatz bzw. das Verhältnis von Fetischkonstitution und „Interessen“ stellt sich mithin aus wert(abspaltungs)kritischer Sicht als ein dialektisches dar, und zwar dergestalt, dass erstere „in letzter Instanz“ das Handeln der Akteure bestimmt, die lediglich glauben, ihre eigenen Interessen zu verfolgen. Diese „letzthinnige Determiniertheit“, wie es im Marxismus hieß, lässt jedoch relativ viel Spielraum. Auch die kapitalistischen Funktionseliten sind nicht einfach „Marionetten des Werts“ (Ernst Lohoff), sondern verfolgen immanent bestimmte Interessen und Kalküle, die zwar durch die Wert-Abspaltungs-Logik geformt, aber deshalb nicht schon analytisch vernachlässigbar sind, weil sich durch jene immanent interessegeleiteten Handlungen der Akteure die kapitalistische Form herstellt und ausdrückt. Anders ist es auch gar nicht denkbar: Der Fetisch, der Wert, das „automatische Subjekt“ können ja nicht selber handeln, sondern nur durch die bewussten Akte der Menschen hindurch, die so gut es geht ihre Interessen verfolgen – ohne zu wissen, dass sie, am Ende und auf Dauer, nur die Tendenzen der Verwertung exekutieren. Nur durch das Handeln der Menschen hindurch agiert also das „automatische Subjekt“, auch wenn die Menschen dabei „nicht aus freien Stücken“ (Marx) handeln und sich die Produkte ihres Handelns ihnen gegenüber verselbständigen und ihre Gesellschaftlichkeit sich quasi „hinter ihrem Rücken“ herstellt. Trotzdem – oder eben deshalb – können die Formen dieser Vermittlung nicht einfach als kleine Nebensächlichkeit abgetan werden.


In der Krise und der damit einhergehenden Verwilderung gehen die immanenten Interessen nun, erstens, immer mehr durcheinander und ist, zweitens, das Handeln der Funktionseliten, insbesondere des Staates, mehr und mehr (notgedrungen) auf die Krisenverwaltung gerichtet. Gerade die kapitalistische Krisenverwaltung hat mit Corona eine neue Qualität erreicht, insbesondere mit den Fortschritten im Bereich der digitalen Überwachung und Menschenverwaltung, und mit Sicherheit wird dies den weiteren Gang und die Formen des kapitalistischen Krisenprozesses maßgeblich bestimmen. Weshalb es per se wider die Wert(abspaltungs)kritik sein soll, wenn bestimmte Tendenzen im Handeln und in den Kalkülen des Staates oder diverser Kapitalfraktionen Gegenstand der Analyse und vor allem der Kritik sind, ist vor diesem Hintergrund also ganz und gar nicht einsichtig und schon immanent eine nicht nur willkürliche, sondern auch inkonsistente theoretische Setzung, die sich mit der Wert-Abspaltungskritik und den darin aufgehobenen dialektischen Denktraditionen in keiner Weise in Verbindung bringen lässt. Denn auf der empirischen Erscheinungsebene – und dazu gehört insbesondere das (interessegeleitete) Handeln der Menschen – erscheint sozusagen das gesellschaftliche Wesen. Wer daher glaubt, er oder sie könnte sich davon dispensieren, in der Analyse und Kritik der finalen Krise auch das Handeln des Staates und bestimmte Agenden und Kalküle von Funktionseliten einzubeziehen (freilich nicht als letzten Grund und als „Ursache“ für die gesellschaftlichen Entwicklungen, sondern eben als konkrete Erscheinungsform des gesellschaftlichen Wesens), mag vieles betreiben, aber gewiss nicht mehr Wert(abspaltungs)kritik. Anselm Jappe fasst dies in seiner Replik auf eine interne Stellungnahme von Roswitha Scholz treffend wie folgt zusammen:

 

„Eine kritische Gesellschaftstheorie muss solche Entwicklungen beschreiben und analysieren (ohne Illusionen und ohne einigen Akteuren ‚dienen’ zu wollen) und auch die qualitativen Unterschiede erkennen. Ansonsten würde sie sich darauf beschränken, von oben herab dem Gewimmel des Ameisenhaufens zuzuschauen, in dem alle Ameisen gleich fetischistisch kodiert sind.“

 

Erst eine solche Analyse wäre schließlich auch eine „Vermittlung“ der empirischen Wirklichkeit mit der kapitalistischen Wert-Abspaltungs-Form zu nennen, die in der EXIT-Stellungnahme so eindringlich beschworen wird.

 

Dass es die EXIT-Redaktion in Wahrheit besser weiß, darauf deuten schon manche einschränkenden Formulierungen in ihren Versuchen, uns einen anachronistischen, auf bloße „Interessen“ vergatterten Traditionsmarxismus anzudichten, hin – etwa wenn eingeräumt wird, dass selbstverständlich „Interessen eine Rolle spielen“, oder dass es „gewisse Handlungsspielräume der Politik“ gibt, da ja andernfalls „Politik, aber auch Subjekt und Individuen strikt fetischdeterminiert“ seien. Zu überzeugen vermag dies allerdings nicht und erweckt eher den Anschein alibihafter Beteuerungen, in Anbetracht der Entschiedenheit, mit der die Redaktion die Dialektik von automatischem Subjekt und „Interessen“, von Fetischform und Handeln einseitig zugunsten von ersteren aufzulösen bestrebt ist. Dies zeigt sich vor allem an den Begriffen und Formulierungen, die sie in unseren Thesenpapieren beanstandet und unter „Verschwörungsideologie-Verdacht“ stellt: „Wissenschaft und Medizin … standen fast immer im Dienst von Staat und Kapital“, „es findet eine Gehirnwäsche und Dämonisierung aller abweichenden Stimmen“ statt (vgl. EXIT 2022, Punkt 1). Roswitha Scholz ergänzt in ihrer internen Stellungnahme vom 11. 4. 2022 noch weitere Beispiele: In Jappes Text werde von „Herrschaftstechniken“ gesprochen. Er schreibe, mit dem „Grünen Pass“ solle „ein Klima der Unterwerfung geschaffen werden“. Ihm zufolge gehe es den Funktionseliten in der Krise darum, „die Folgen für die herrschenden Schichten abzulenken“. Und sie fasst zusammen: „Staat und Kapital wird ein Kalkül unterstellt“.

Das wird bei EXIT ganz im Ernst für populistisches und potentiell verschwörungsideologisches „Querdenkertum“ gehalten! Fehlt im Grunde nur noch – wie in der breiteren Öffentlichkeit und unter „Experten für Verschwörungsdenken“ beinahe schon der Fall – , die Behauptung, es gäbe einen Kapitalismus oder der Staat exekutiere die Notwendigkeiten des Kapitals, ebenfalls zu einer „Verschwörungstheorie“ zu erklären. Was die „Kalküle“ des Staates und des Kapitals betrifft, so ist die Frage doch eigentlich nur, ob diese Kalküle aufgehen – und das tun sie, wenn überhaupt, auf die Dauer nur unter der Bedingung, dass sie irgendwie der Fetischkonstitution gehorchen. EXIT scheint aber mittlerweile ernsthaft in Abrede zu stellen, dass Staat und Kapital überhaupt irgendwelche Absichten verfolgen.

 

Sofern man nicht davon ausgehen möchte, dass Zentralfiguren der Wert-Abspaltungskritik wie Roswitha Scholz inzwischen Essentials der wertkritischen Theoriebildung einfach vergessen haben (und diesen theoretischen Rückfall nun auf uns projizieren), muss vielleicht auch dies wieder mit Angst erklärt werden – vor dem Virus oder davor, von etwas „verunreinigt“ zu werden, das irgendjemand in Verbindung mit „Querdenkern“ und „Verschwörungstheorien“ bringen könnte, was EXIT am Ende sogar dazu disponiert, die Regierungen in Schutz zu nehmen und jede Kritik an ihren Corona-Maßnahmen für gefährlich und populistisch zu erklären.

Es gibt zumindest kleine Hinweise darauf, dass die EXIT-Redaktion selbst nicht ganz glaubt, was sie der wert-abspaltungskritischen Gemeinschaft als „radikale“ Kritik der Corona-Krise verkaufen und Vertretern abweichender Positionen als Rückfall hinter zentrale wertkritische Essentials andichten möchte. Oder aber es gibt innerhalb der Redaktion unterschiedliche Positionen, und die internen Säuberungen sind womöglich noch nicht radikal genug zu einem Ende gebracht. Jedenfalls ist im Editorial der aktuellen exit!-Ausgabe Folgendes zu lesen:

 

„Die Corona-Pandemie hat dem Digitalisierungswahn und den damit zusammenhängenden Herrschaftspraktiken weiteren Auftrieb gegeben. Die Digitalisierung eignet sich hervorragend für eine technokratische Schreckensherrschaft, wie man sie am chinesischen Regime unschwer erkennen kann. In eine ähnliche oder vergleichbare Richtung bewegt sich auch der ‚Werte-Westen’. Wandel durch Annäherung ist offenbar die Devise der (post)demokratischen Krisenregime. Die Corona-Pandemie wird auch dazu genutzt, bestehende Repressionsinstrumente auszubauen und zu modernisieren, um damit Krisen aller Art weiterhin und vertieft polizeistaatlich zu ‚bearbeiten’ (etwa durch eine weitere Aushöhlung von Demonstrationsfreiheit, Streikrecht und Arbeitnehmer/-innenrechten). Dies ist durchaus vergleichbar mit dem 11. 9. 2001. Auch damals wurde der Sicherheitsapparat ausgebaut und modernisiert, angeblich ausschließlich dazu, gegen den islamistischen Terrorismus vorzugehen (…) Wo gehobelt wird, da fällen [sic] auch Späne. Hierin sind sich Stalinismus und (Neo-)Liberalismus einig. Beide warten mit einer perfiden Rabulistik auf, wenn es darum geht, repressiven Zwang als ‚Freiheit‘ zu verkaufen. Die Einsicht in das Kapitalistisch-Notwendige setzt also den Rahmen, innerhalb dessen sich ‚Freiheit‘ zu verwirklichen hat. Die sichtbare Faust des Staates und seine geheimdienstlichen Schergen wachen darüber, dass dies auch ja so bleibt.“ (exit! 19, Editorial, S. 6f., Herv. im Orig.)

 

Würde die Redaktion hier dieselben Kriterien anwenden wie bei unseren Thesenpapieren, müsste sie sich umgehend selbst der Verschwörungsideologie bezichtigen und zum Autodafé schreiten. „Herrschaftspraktiken“? Wurde doch in der Auseinandersetzung mit uns ausdrücklich auf die Liste der „verbotenen“ Begriffe gesetzt (oder ist „Herrschaftspraktiken“ weniger verschwörungsideologisch als „Herrschaftstechniken“?). „Technokratische Herrschaft“ eines „chinesischen Regimes“, der sich auch der Westen sukzessive „annähert“? Wurde nicht an unserem Thesenpapier noch beanstandet, dort sei von einer „gezielte[n] Durchsetzung autoritärer Herrschaft“ die Rede (was in dieser Diktion im Übrigen eine Erfindung der EXIT-Redaktion ist)? „Repressiver Zwang“? „Ausbau“ und „Modernisierung“ von „Repressionsinstrumenten“, „um damit Krisen aller Art weiterhin und vertieft polizeistaatlich zu ‚bearbeiten’“? Wer bitte tut das? Der Staat, der angeblich keine Kalküle und Interessen verfolgt? Scheint fast so, ist doch auch von einer „Devise der (post)demokratischen Krisenregime“ und der „sichtbare[n] Faust des Staates“ die Rede, die über allem „wacht“. Und dann auch noch „Schergen“! Man wagt kaum, sich vorzustellen, in welche Ecke uns die Redaktion gestellt hätte, wenn irgendwo in unseren Texten das Wort „Schergen“ gefallen wäre – und womöglich auch noch im Zusammenhang mit Bill Gates oder einem der anderen „Philanthropen“, die sich zum Wohle der Menschheit in der „Pandemie-Industrie“ engagieren. Das wäre bestimmt (wieder) ein Anlass gewesen, auf das A-Wort zurückzugreifen (und diesmal wohl wirklich endgültig ohne das Beiwort „strukturell“).

 

Diese ironische Kommentierung sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass daran nichts, aber auch wirklich gar nichts komisch ist. Denn die Offensichtlichkeit, in der die EXIT-Redaktion in ihrer Kritik an abweichenden Positionen mit zweierlei Maß misst, weist sie entweder als üble Heuchler aus, denen beinahe jedes Mittel recht ist, um Kritik zum Schweigen zu bringen, oder aber (was nicht viel besser wäre) sie weiß nicht, was sie tut. In beiden Fällen fiele es schwer, sie noch ernst zu nehmen.


 

4. Moralismus statt Kritik


Ein vierter Punkt, auf den abschließend eingegangen werden soll, betrifft moralistische Tendenzen in den Reaktionen und Stellungnahmen auf unsere Thesenpapiere. Eine moralische Kritik ist per se ein Widerspruch in sich, denn damit wird die Kritik auf eine Ebene gehoben, auf die sie schlicht nicht gehört. Mit Moral lässt sich ein Katalog von Sollenssätzen aufstellen, und wenn auch jeder Kritik durchaus ein moralisches Moment eigen ist – und sei es nur als initialer Impuls, der zur Kritik an den himmelschreienden Widersprüchen und destruktiven Potentialen der kapitalistischen Gesellschaft disponiert –, so ist sie doch kein tragfähiges Fundament für kritische Erkenntnis. Im Gegenteil: Oft genug dient Moral eher als Instrument, um kritische Erkenntnis zu unterbinden. Das kann auch und gerade im Kontext von Corona eindrucksvoll beobachtet werden.


Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene nahm dies vor allem darin Gestalt an, dass jegliche Kritik am Corona-Narrativ und an der Corona-Politik mit der Begründung des „Schutzes von Menschenleben“ als unzulässig, ja zynisch abgewehrt und de facto mit einem Tabu belegt wurde. Dieses Muster verselbständigte sich rasch und äußerte sich bald in der Diffamierung eines jeden Anflugs von Kritik – und sei es nur der unschuldige Ausdruck von Irritation angesichts offenkundiger Ungereimtheiten und Widersprüche in Regierungsverlautbarungen und medialen Darstellungen – als „Coronaleugnung“. Ein im Übrigen nicht nur infames, sondern darüber hinaus auch kontrafaktisches Etikett, denn die wenigsten Maßnahmenkritiker/innen „leugnen“ das Coronavirus. Was in Frage gestellt wird, sind allenfalls die offiziellen Zahlen und deren Interpretationen und, darauf aufbauend, der Nutzen und die Verhältnismäßigkeit staatlich verhängter Maßnahmen. Das aber ist etwas qualitativ anderes, als die Existenz eines Virus zu „leugnen“ oder auch nur zu bestreiten, dass Menschen daran erkranken und sterben können. Die Corona-Krise bot also reiches Anschauungsmaterial mit Blick auf die Prozesse der Entstehung wie auch den immanent autoritären und repressiven Charakter einer Gruppenmoral: Wer von dieser Gruppenmoral abweicht oder sie verletzt, stellt sich praktisch außerhalb der Gemeinschaft und muss mit empfindlichen Sanktionen rechnen.


Die Abwehr und das systematische Unterbinden von Kritik durch Moralisierung ist, wie schon im Fall der oben erörterten Erscheinungen, etwa dem Verweigern einer inhaltlichen Diskussion oder der Diffamierung von Kritikern, wenig überraschend im Hinblick auf den allgemeinen, öffentlich-medialen Corona-Diskurs, ist aber umso bemerkenswerter in wert(abspaltungs)kritischen Theorie- und Diskussionszusammenhängen. Besonders erstaunlich dabei – vor dem Hintergrund des bis hierher nachgezeichneten Verlaufs der wert(abspaltungs)-kritischen Corona-„Debatte“ aber vielleicht auch einfach nur konsequent – ist, dass sich EXIT u.a. kritisch (und durchaus zu Recht) an dem seit Beginn der Pandemie wieder besonders lauten und penetranten „Ethikgesumse“ (Roswitha Scholz) abgearbeitet hat; freilich unter besonderer Berücksichtigung der „Coronaleugner“ und Maßnahmengegner, die nun plötzlich in der Corona-Krise die „Unmoral“ der kapitalistischen „Antizivilisation“ und des sie verwaltenden Staates beklagen, für die sich die meisten von ihnen davor so herzlich wenig interessiert haben (z.B. Böttcher 2021b). Man kann EXIT also kaum vorwerfen, sich des Problems von Moral und Ethik und deren Untauglichkeit als Maßstab von Kritik nicht bewusst zu sein. Aber so, wie bereits über den gesamten Zeitraum der Corona-Krise hinweg die ganze Aufmerksamkeit auf „Querdenker“, „Verschwörungsideologen“ und „rechtsextreme“ Maßnahmengegner gerichtet wurde, während man/frau sich zugleich blind und gleichgültig gegenüber den Verwilderungstendenzen im „Corona-Mainstream“ verhalten[23] und im Grunde sogar die Regierungen mit ihren Corona-Maßnahmen vor Kritik in Schutz genommen hat, so wird an dieser Stelle die zum „Ethikgesumse“ von Maßnahmengegnern im Grunde ja nur komplementäre „falsche Menschelei“ übersehen, die dekretiert, „das Retten von Menschenleben“ sei (für den Staat, seine Institutionen etc.) „immer das Wichtigste“. Und auch hier bleibt es nicht bloß beim Übersehen, sondern folgt das Einschwenken auf diesen de facto Moralismus auf dem Fuße und wird zu einem zentralen Maßstab für die Kritik an unseren Thesenpapieren gemacht. Dies schlägt sich in der bereits an früherer Stelle erwähnten Kritik nieder, wir würden vom Leiden der Menschen abstrahieren und dieses hinter Statistiken verschwinden lassen – ein Vorwurf, der letztlich sogar in der Zuschreibung sozialdarwinistischer Denkmuster kulminiert.

 

Der Vorwurf des Sozialdarwinismus beruht dabei vor allem auf der Behauptung der EXIT-Redaktion, im Thesenpapier von Urban/Uhnrast werde die Position vertreten, an Corona würden „nur“ alte Menschen versterben, die „ohnehin nicht mehr lange am Leben gewesen wären“ (vgl. EXIT 2022, Punkt 3). Unterstellt werden soll damit, der Tod alter Menschen sei aus Sicht der Autoren vernachlässigbar, und deren Kritik an der Corona-Politik, etwa an Lockdowns, gründe vor allem auf der Argumentation, damit würden ja „nur“ alte und und pflegebedürftige Menschen gerettet, deren Rettung sich gar nicht „rentiere“ und schon von daher unverhältnismäßig sei. Bestünde darin die in unserem Thesenpapier vorgetragene und begründete Position, so wäre sie in der Tat und mit Recht des Sozialdarwinismus zu bezichtigen. Im konkreten Fall unseres Thesenpapiers handelt es sich jedoch abermals um den durchschaubaren und im Grunde schäbigen Versuch, eine unliebsame, abweichende Position nachhaltig zu diskreditieren und zu diffamieren. Bereits das „nur“ entspringt allein der Phantasie der EXIT-Redaktion und wird unserer Argumentation untergeschoben.


Was tatsächlich im Thesenpapier steht, ist die durch Hospitalisierungs- und Mortalitätsstatistiken leicht zu erhärtende Feststellung, dass alte Menschen mit Vorerkrankungen die mit Abstand am meisten gefährdete „Risikogruppe“ darstellen, während die Mehrheit der Bevölkerung, vor allem jüngere Menschen und Kinder, durch eine Corona-Infektion wenig bis gar nicht gefährdet sind. Hier geht es also zunächst um nichts weiter als eine „faktengestützte“ Einschätzung des Coronavirus und seiner Gefährlichkeit, wie sie in der Medizin nicht nur gang und gäbe, sondern notwendig ist, um adäquate und realitätsgerechte Entscheidungsgrundlagen im Hinblick auf die Bewältigung einer Epidemie bzw. Pandemie entwickeln zu können. Dies geschieht wiederum vor allem vor dem Hintergrund, dass das offizielle Corona-Narrativ bis heute kontrafaktisch das Bild einer „Jahrhundertseuche“ konstruiert, die mehr oder weniger für alle Menschen gleichermaßen eine große Gefahr darstelle. Dass dabei in keiner Weise „sozialdarwinistische“ Denkmuster eine Rolle spielen, wonach der Tod alter Menschen irrelevant sei, kann bereits daran abgelesen werden, dass – unter ausdrücklichem Verweis auf Fachleute, die genau dies über die gesamte Pandemie hinweg forderten[24] – dem gezielten Schutz „vulnerabler Gruppen“ vor dem Hintergrund der eindeutigen Risikostratifizierung eine besondere Priorität im „Pandemiemanagement“ zugeschrieben wird. Diese begründete Einschätzung und daraus abgeleitete Aussagen über die Gefährlichkeit des Coronavirus per se als „sozialdarwinistisch“ zu interpretieren, hat also in etwa so viel Substanz, wie zu behaupten, die Aussage, Brustkrebs betreffe hauptsächlich Frauen, sei „sexistisch“ und „frauenfeindlich“.[25]

 

Beharrlich ignoriert werden von der Redaktion in ihren eifrigen Bemühungen, uns des „Sozialdarwinismus“ zu überführen, hingegen zahlreiche Befunde und Argumentationsstränge, die das Gegenteil nahelegen und im Übrigen gerade unter dem Gesichtspunkt des Sozialdarwinismus von Relevanz wären, der Debatte dabei aber eventuell eine andere, zusätzliche Dimension verleihen könnten. In Anbetracht des tatsächlichen Verlaufs der Pandemie und insbesondere der Corona-Politik könnte man ja manchmal fast geneigt sein, die Frage in den Raum zu stellen, was sich in den vergangenen zwei Jahren mit Blick auf den Schutz und das Überleben alter Menschen als besonders gefährdete Gruppe wohl als schädlicher und hinsichtlich der jeweiligen Folgen im Endeffekt quasi „sozialdarwinistischer“ erwiesen hat – die Behauptung, an Corona stürben „nur“ alte Menschen, was einige aus der Riege der Maßnahmengegner bestimmt auch wörtlich gemeint haben mögen (und sich in manchen Ländern mit stark wirtschaftsliberaler Tendenz, wie etwa USA, Brasilien oder Großbritannien, tatsächlich in einer Corona-Politik manifestierte, die offen in Kauf nahm, alte Menschen aus ökonomischen Erwägungen gleichsam dem Virus zu opfern), oder eine Politik, die zwar lautstark und pathetisch mit dem „Schutz von Menschenleben“ begründet wurde, aber letztlich gerade den gezielten Schutz vulnerabler Gruppen systematisch einer radikalen, undifferenzierten und selbst in hohem Maße schädlichen Eindämmungs- und Lockdownstrategie unterordnete? Dies ist wohlgemerkt eine rhetorische Frage – sie soll und kann hier wohl auch gar nicht beantwortet werden. Doch die Effekte der Lockdownpolitik sind evident, und ihre Bilanz ernüchternd zu nennen, wäre eine maßlose Untertreibung. 30 bis 60 Prozent der Corona-Toten (je nachdem, auf welches westliche Land man blickt) entfallen auf die Vulnerabelsten der Vulnerablen, auf Pflegeheimbewohner/innen. Gerade für diese Gruppe hatten allgemeine Lockdowns den geringsten Nutzen, während zugleich fast alles unterlassen wurde – speziell in den ersten Monaten der Pandemie –, was Personen in Pflegeheimen gezielt vor Infektionen hätte schützen können (Schutzkleidung, Masken, regelmäßige Tests von Pflegepersonal etc.). Vieles davon wurde erst langsam und halbherzig umgesetzt, nachdem z.B. schon längst Millionen von Tests für epidemiologisch mehr als fragwürdige Massentestungen vergeudet worden waren. Auf solche und ähnliche im Thesenpapier dargelegten Widersprüche und negativen Effekte der Corona-Politik möchte die EXIT-Redaktion jedoch ganz offenkundig nicht eingehen, denn damit liefe sie Gefahr, die selbst mitgetragene und verfochtene Lockdownstrategie in Frage stellen zu müssen. Stattdessen (und deshalb?) versucht sie, unsere kritischen Thesen und Befunde in eine Nähe zu sozialdarwinistischen Positionen zu rücken.

 

Vor dem Hintergrund der im Thesenpapier thematisierten Widersprüche und Schäden (auch und gerade an Menschenleben) durch die Lockdown-Politik der Regierungen erweist sich freilich auch die Behauptung der EXIT-Redaktion, wir würden vom „Leiden der Menschen“ abstrahieren und dieses unsichtbar machen, als an den Haaren herbeigezogen. Das genaue Gegenteil ist zutreffend. Allerdings beschränkt sich die Thematisierung menschlichen Leidens, anders als bei EXIT, nicht auf Corona-Erkrankte oder an den Folgen der Erkrankung Leidende oder Verstorbene, sondern bezieht auch andere Erscheinungsformen des Leids ein, über die nicht gerne gesprochen wird, weil sie für die negativen Folgen und Schäden der Corona-Politik stehen und nicht zuletzt deshalb bevorzugt unter „Kollateralschäden“ verbucht oder überhaupt pauschal und verharmlosend zu „Opfern der Pandemie“ erklärt und so gleichsam zum Verschwinden gebracht werden. Auf das Leiden der Kinder als die von den Maßnahmen, in Relation zu ihrem Corona-Risiko, am meisten und härtesten getroffene Bevölkerungsgruppe wird dabei ebenso eingegangen, wie auf die zig Millionen Lockdown- und Maßnahmen-Opfer in der kapitalistischen Peripherie (Verdoppelung der vom Verhungern Bedrohten, massive Zunahme der Kinder- und Müttersterblichkeit etc.). Aber auch und gerade die gravierenden Folgen für alte und hochbetagte Menschen, mit deren Schutz die Lockdowns begründet wurden (und bis heute werden), kommen dabei ausdrücklich zur Sprache. Da die EXIT-Redaktion dies offenbar überlesen oder aber nicht zur Kenntnis genommen hat, seien einige der Passagen aus dem Thesenpapier hier nochmals zitiert:


„Von diesen ‚Kollateralschäden‘ [der Corona-Politik, A.U.] war übrigens besonders auch die am meisten gefährdete Gruppe der Alten und Hochbetagten betroffen. Speziell Pflegeheime, die auch schon vor Corona keine schönen und für alte Menschen ziemlich gefährliche Orte waren, hat man durch die Lockdownmaßnahmen im wahrsten Sinne des Wortes in Todesfallen verwandelt (…). Wer nicht der durch Ghettoisierung im Heim stark erhöhten Infektionsgefahr zum Opfer gefallen ist (…), hatte gute Chancen, aufgrund von Vernachlässigung infolge der z.B. durch Quarantäneverordnungen und den Ausfall von Pflegekräften nochmals massiv verschlechterten Arbeits- und Pflegebedingungen sein Leben zu lassen oder aber an Einsamkeit aufgrund einer geradezu menschenunwürdigen Isolation zu sterben. Hier stellt sich übrigens auch die Frage, wie viel der – in Deutschland ohnehin fraglichen – Übersterblichkeit auf solche ‚Kollateralschäden‘ zurückzuführen ist. Mit einiger Gewissheit kann im Grunde nur gesagt werden, dass eine allfällige Übersterblichkeit bestimmt nicht ausschließlich auf Corona-Tote zurückgeht. Über die Überlebenden sind schließlich die Impftrupps, bisweilen in Begleitung der Bundeswehr, hergefallen – diesbezüglich waren aus manchen Heimen sehr unschöne Dinge zu vernehmen. Wenn man bedenkt, dass man es in Pflegeheimen überwiegend mit Menschen zu tun hat, die noch den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben, zeugt ein solches Vorgehen nicht gerade von einer besonders ausgeprägten Sensibilität für die Besonderheiten und Bedürfnisse dieser ‚vulnerablen‘ Bevölkerungsgruppe. Gut vorstellbar, dass die Anwesenheit von Personen in Soldatenuniform sich auf einige traumatisierend ausgewirkt hat. Bis heute, selbst nach ‚Durchimpfung‘ der Pflegeheime, kann nicht die Rede davon sein, dass die Isolation für Hochbetagte und Pflegebedürftige völlig aufgehoben wäre.“  (Urban/Uhnrast 2022b, Abschnitt 9)


Nicht zuletzt unsere Thesen über eine in der irrationalen und in vielerlei Hinsicht destruktiven Corona-Politik möglicherweise zum Ausdruck kommende, ins Groteske gesteigerte Verdrängung des Todes, die der EXIT-Redaktion abermals als ein besonders deutliches Indiz für unseren „Sozialdarwinismus“ gelten[26], beziehen sich in besonderem Maße auch auf das Leiden, das das hegemoniale Corona-Narrativ gerade für alte und hochbetagte Menschen mit sich brachte:


„Natürlich ist es immer traurig, wenn Menschen sterben, auch wenn es sehr alte Menschen betrifft, die bereits ein langes Leben gelebt haben – und gerade letztere sind es ja, die die absolute Mehrheit der Corona-Toten ausmachen. 92 Prozent der Todesfälle in Österreich betreffen Menschen im Alter von 65+ und das Durchschnittsalter der Corona-Toten liegt über der durchschnittlichen Lebenserwartung. Alte Menschen sind aber schon lange vor Corona häufig an Infektionskrankheiten gestorben, und sie werden auch nach Corona noch diejenigen sein, die hauptsächlich den jährlichen Erkältungs- und Grippewellen (und wohl auch weiterhin Coronawellen) zum Opfer fallen werden. (…)

Mit Corona war aber plötzlich – und das war in dieser Form und diesem Ausmaß neu – jeder Corona-Todesfall ein Riesenskandal – selbst dann, wenn es, wie zumeist, sehr alte und/oder pflegebedürftige Menschen betroffen hat, deren Gesundheitszustand schon sehr schlecht war und deren Lebenserwartung daher auch ohne Corona nicht mehr besonders hoch gewesen sein dürfte. Viel häufigere Todesfälle anderer Ursache haben freilich auch weiterhin niemanden interessiert. Plötzlich aber ‚musste‘ jedes Menschenleben – zumindest vor Corona – gerettet werden, ohne Rücksicht auf Verluste. Diese Verluste, auch und gerade an Menschenleben, gab es natürlich zuhauf, auch und gerade unter alten Menschen. Diese fielen und fallen bis heute jedoch unter bedauerliche, aber nicht vermeidbare ‚Kollateralschäden‘ oder werden überhaupt den Corona-Toten zugeschlagen, so wie etwa die während der Pandemie plötzlich massenweise auf Intensivstationen gekarrten und dort häufig künstlich beatmeten Hochbetagten, die diese Prozedur nur in den seltensten Fällen überlebt haben. In der ‚alten Normalität‘ vor 2020 war es noch relativ breiter medizinischer Konsens, dass hochbetagte Menschen aufgrund der damit verbundenen massiven Belastung des Körpers nur geringe Chancen haben, eine invasive künstliche Beatmung zu überleben, weshalb von solchen intensivmedizinischen Eingriffen in den meisten Fällen eher Abstand genommen wurde. Inzwischen gilt es als einigermaßen gesichert, dass die höhere Mortalität speziell während der ersten Corona-Welle zumindest zum Teil auf die Praxis frühzeitiger invasiver Beatmung bei hospitalisierten und insbesondere hochbetagten Corona-Patienten zurückzuführen sein dürfte. Auch hinsichtlich dieser Praxis kann man vielleicht Ivan Illich folgen und diese als Erscheinungsform jener modernen Todesverdrängung auffassen, wenn Illich u.a. mit Blick auf den ‚Tod auf der Intensivstation‘ von einem ‚vielgestaltigen Exorzismus aller Formen des bösen Todes‘ spricht. ‚Unsere großen Institutionen sind nichts anderes als ein gigantisches Verteidigungsprogramm, mittels dessen wir im Namen der „Humanität“ gegen todbringende Kräfte und Klassen Krieg führen. Dies ist ein totaler Krieg.‘“ (ebd.)

 

Was wir in unserem Thesenpapier zur Sprache gebracht haben, sind also vielfältige Formen des Leids, und zwar auch und gerade mit Blick auf jene Bevölkerungsgruppe, der gegenüber uns EXIT Indifferenz und unmenschliche Kälte unterstellt. Es mag bitter sein, sich dies einzugestehen, aber gerade Alte und Hochbetagte wurden durch Maßnahmen wie Lockdowns nicht nur nicht oder kaum geschützt, sondern ihnen wurde damit in vielen Fällen auch ganz massiv geschadet. Selbst ein würdevolles Sterben ist vielen von ihnen versagt geblieben, weil sie entgegen bisheriger Standards und häufig ohne jede Überlebenschance einer Intensivbehandlung unterworfen wurden, anstatt palliativ versorgt zu werden. Aufgrund der strengen Maßnahmen waren sie darüber hinaus oftmals zu einem einsamen Tod verurteilt, ohne die Möglichkeit, dass Angehörige sich von ihnen verabschieden und sie an ihrem Lebensende begleiten konnten. Gerade solche während der Pandemie tagtäglich stattgefundenen Vorkommnisse und menschlichen Tragödien können wahrscheinlich in der Tat nur im Kontext einer massiven Verdrängung und Abwehr des Todes verständlich werden, vor deren Hintergrund die Menschen im Namen der „Humanität“ und der „Solidarität“ inzwischen offenbar die inhumansten und unwürdigsten Tode in Kauf zu nehmen bereit sind, selbst für die kleinste und unwahrscheinlichste Chance, Sterbenskranke vor dem Tod zu bewahren und „Menschenleben zu retten“.

 

Wenn die EXIT-Redaktion hier meint, uns mangelndes Mitgefühl und Sensibilität für menschliches Leid vorwerfen zu können, und sogar von „Sozialdarwinismus“ spricht, dann wohl deshalb, weil sie dies so will und darüber hinaus auch braucht, um unsere kritischen Thesen zur Corona-Krise erfolgreich abwehren zu können. Wirklich überzeugend finden können das wohl nur diejenigen, die schon länger empfänglich waren für die gerade in der Linken und in grünen Milieus virulente, von Rechtskonservativen bevorzugt als „Gutmenschentum“ verachtete, aber deshalb nicht weniger falsche „Menschelei“, die von der EXIT-Redaktion nun gar in den Rang einer „kritischen Gesellschaftstheorie“ erhoben wird.


Dieser im Grunde nicht einmal mehr verkappte, sondern bereits relativ offene Moralismus, der sich in die Wert-Abspaltungskritik EXITscher Prägung eingeschlichen zu haben scheint, könnte abermals dadurch erklärbar sein, dass sich die EXIT-Redaktion von einem zu einer „Jahrhundertseuche“ hochgerechneten und -getesteten pandemischen Geschehen – so wie viele andere auch – die Schneid hat abkaufen lassen und entsprechende Linderung in einer umso exzessiveren (und obsessiveren) Kritik an „Coronaleugnern“ und „Verschwörungsideologen“ suchte. Darunter musste sie auch (und eben deshalb) solche Personen subsumieren, die zwar mit „Verschwörungsideologien“ herzlich wenig am Hut haben, sich aber auch eine Kritik an den haarsträubenden Inkonsistenzen des herrschenden Corona-Narrativs und den Absurditäten und katastrophalen Auswirkungen der darauf begründeten Corona-Politik nicht ausreden lassen wollten. Das ist freilich ein ständiger Stachel im Fleisch, der umso mehr schmerzt, als es die EXIT-Redaktion selbst war, die sich diesen Stachel ins Fleisch getrieben hat, nämlich durch das Zurückschrecken vor einer umfassenden und radikalen, von den Befindlichkeiten und Tendenzen des politischen, wissenschaftlichen und medialen Mainstreams unbeeindruckten Kritik der Corona-Krise, das ihr nun schmerzlich durch eine Gruppe „Abtrünniger“ vor Augen geführt wird. Dieser Stachel muss raus, koste es, was es wolle.

 

Möglicherweise gibt es aber (auch) andere Gründe dafür, die ihre Wurzeln zum Teil sogar in bereits länger zurückliegenden Entwicklungen und Weichenstellungen haben könnten. So gibt es etwa bei EXIT seit einigen Jahren starke Verbindungen mit bzw. zunehmenden Einfluss von Personen mit kirchlichem bzw. theologischem Hintergrund, namentlich im Zusammenhang mit dem sogenannten „Ökumenischen Netz“. Personen aus dieser Gruppe bekleiden sogar tragende Positionen im EXIT-Vorstand sowie in der Redaktion. Diese Verbindungen und damit einhergehende thematische Fokussierungen auf religiöse bzw. theologische Fragestellungen scheinen im EXIT-Zusammenhang durchaus bereits manche Irritationen oder zumindest kritische Rückfragen über die Relevanz theologischer Bezüge für die radikale Kapitalismuskritik hervorgerufen zu haben. Diese Irritationen dürften immerhin stark genug gewesen sein, dass sich Roswitha Scholz veranlasst sah, eine „Klarstellung“ zu verfassen, die Anfang 2021 auf der EXIT-Homepage veröffentlicht und nun sogar nochmals in der aktuellen exit!-Ausgabe abgedruckt wurde (Scholz 2022). Nun gibt es in der Tat keinen Grund, eine prinzipielle und kategorische Unvereinbarkeit von Theologie bzw. Religionswissenschaft und kritischer Gesellschaftstheorie zu konstruieren (andernfalls müsste man z.B. einen bedeutenden Strang im Werk Walter Benjamins für irrelevant erklären, was wohl niemand ernsthaft vorhaben dürfte). Gleichwohl darf es schon als Kuriosum gelten, wenn im 21. Jahrhundert in einer radikal kapitalismuskritischen Theoriezeitschrift wie EXIT seitenlange Ausführungen zur Theodizee-Frage gemacht werden (Böttcher 2022), obwohl dazu schon spätestens im 19. Jahrhundert das Nötige gesagt worden ist (z.B. Stendhal: „Die einzige Entschuldigung für Gott ist, dass es ihn nicht gibt.“; Schopenhauer: „Wenn ein Gott diese Welt gemacht hat, so möchte ich nicht der Gott sein: ihr Jammer würde mir das Herz zerreißen.“), oder wenn Figuren wie der Heilige Josef auf ihre Relevanz für die Wert-Abspaltungskritik abgeklopft werden (Kloos 2021). Im Lichte der jüngsten Entwicklungen vor dem Hintergrund der Corona-Krise drängt sich darüber hinaus die Vermutung auf, der zu beobachtende Moralismus in der EXIT-(Pseudo-)Kritik an unseren Thesenpapieren könnte u.a. auf den wachsenden Einfluss jener in religiösen/kirchlichen Zusammenhängen zu verortenden Perspektiven sowie Personen zurückzuführen sein. Dafür spricht nicht zuletzt, dass ein Gutteil der EXIT-Publikationen zum Thema Corona aus der Feder von Personen aus diesem Umfeld stammt (vor allem von Herbert Böttcher), ebenso die EXIT-Stellungnahme zu unseren Thesenpapieren, die auf der EXIT-Homepage veröffentlicht wurde und auf die sich der vorliegende Text überwiegend bezieht.


Aber worin auch immer der zu konstatierende Hang zur Moralisierung letztlich begründet liegen mag – er ist unvereinbar mit kritischer Theoriebildung. Es wäre daher höchste Zeit, dass EXIT sich hinterfragt und wieder darauf besinnt, was Kritik ausmacht, nämlich eine dialektische Abarbeitung an Inhalten und nicht die moralistische Denunziation abweichender Positionen.


 

Fazit


Die wert(abspaltungs)kritische Corona-„Debatte“ kann als ähnlich desaströs bezeichnet werden wie die durch eine irrationale Corona-Politik verursachte oder dadurch zumindest massiv verschärfte Corona-Krise. Die Reaktionen auf unsere Thesenpapiere, vor allem aber die auf der EXIT-Homepage veröffentlichte Stellungnahme, unterbieten jedes Mindestniveau, das von Diskussionen in einem theoretischen Zusammenhang, zumal einem mit den hohen Ansprüchen einer Wert(abspaltungs)kritik, erwartet werden kann und muss. Vor allem die beharrliche Verweigerung einer auch nur im Ansatz inhaltlich geführten Diskussion und die umstands- und geradezu schamlose Diffamierung abweichender Positionen sind nichts Geringeres als ein Schlag ins Gesicht einer jeden auf inhaltliche und gegenstandsbezogene Kritik Wert legenden Gesellschaftstheorie.

 

Es bleibt die Frage, welche Ursachen dieser wenig erbauliche Verlauf der Debatte haben könnte. Einige mögliche Erklärungen wurden bereits an verschiedenen Stellen des Beitrags vorweggenommen: Liegt es vielleicht an der Angst vor einem vermeintlichen „Killervirus“, die dazu geführt hat, dass EXIT, gleich dem Rest der Linken und einem großen Teil der Bevölkerung, es bevorzugte, sich „unter den Fittichen eines repressiven Apparates“ (Bedszent 2021) zu verkriechen, um dort Schutz vor der Seuche zu suchen? Man könnte es ihnen kaum verdenken nach dem zweijährigen medialen Dauerfeuer, das immer nur die schlimmsten Zahlen und die irreführendsten Bilder in die Köpfe der Menschen gehämmert hat. Manche der EXIT-Mitglieder gehören freilich auch „Risikogruppen“ an, für die eine Corona-Infektion tatsächlich heikel sein kann. Genügend Angehörige von „Risikogruppen“, und zwar ganz ohne jede kritisch-theoretische Vorbildung, waren aber durchaus in der Lage, eine einigermaßen realitätsgerechte Einschätzung der Pandemie vorzunehmen (selbst unter „Maßnahmengegnern“ waren nicht wenige ältere Menschen und damit Angehörige der „Risikogruppen“ vertreten). Als Erklärung, geschweige denn Rechtfertigung, kann dies daher nur sehr bedingt gelten.


Oder ist es eher die Furcht, mit „Querdenker“-Positionen in Verbindung gebracht und quasi selbst als „Verschwörungsideolog/innen“ identifiziert zu werden, wenn Kritik an der Corona-Politik gewisse Grenzen des öffentlichen Diskurses und den dadurch gesetzten Rahmen des Sagbaren überschreitet? Auch das scheint zumindest nicht das geringste Motiv zu sein, eine Kritik an der Corona-Politik und den „solidarisch“ Mitlaufenden zu unterlassen und sogar aktiv aus dem EXIT-Zusammenhang fernzuhalten.[27] 


Vielleicht ist es aber auch müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen und Ursachenforschung zu betreiben. Letztlich wäre es nämlich ziemlich egal, was von alldem zutrifft. Denn egal ob Angst vor Corona oder Angst vor „Verunreinigung“ der Theorie durch „Querdenker“-Positionen – beides wäre aus der Perspektive einer kritischen Gesellschaftstheorie hochproblematisch. Denn dies würde bedeuten, dass sich EXIT entgegen dem weisen Rat von Adorno von der eigenen Ohnmacht und/oder von der Macht der anderen „dumm machen“ hat lassen[28]. Und das ist so ziemlich das schlimmste Urteil, das über eine kritische Theorie überhaupt gesprochen werden kann.

 

 

 

Literatur

 

Adorno, Theodor W. (1994): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben (22. Auflage), Frankfurt/Main.

 

Anton, Andreas/Schink, Alan (2021): Der Kampf um die Wahrheit. Verschwörungstheorien zwischen Fake, Fiktion und Fakten, München.

 

Bedszent, Gerd (2014): Zusammenbruch der Peripherie. Gescheiterte Staaten als Tummelplatz von Drogenbaronen, Warlords und Weltordnungskriegern, Berlin.

 

Bedszent, Gerd (2021): Totale Konkurrenz oder repressive Menschenverwaltung? Staatsgewalt in Zeiten der Krise, wertKRITIK.org

 

Böttcher, Herbert (2020a): Ein neuer (Teil-)Lockdown und alte Ungereimtheiten – Eine Kurzintervention, exit-online.org

 

Böttcher, Herbert (2020b): Zur Diskussion um Corona, exit-online.org

 

Böttcher, Herbert (2021a): Vom Lockdown-light über Impfung zum rechtssicheren Sterben in Freiheit. Beobachtungen zu Corona aus wertabspaltungskritischer Perspektive, exit-online.org

 

Böttcher, Herbert (2021b): Wie hätten Sie‘s denn gern, mehr liberal oder mehr repressiv? Ethik zwischen Freiheit und Repression, exit-online.org

 

Böttcher, Herbert (2022): Herr Kant, seien Sie mir gnädig! Gott vor Gericht in der Corona-Krise, in: exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft 19, S. 152-200.

 

Böttcher, Herbert/Wissen, Leni (2021): Zwischen Selbstbezüglichkeit und Solidarität? Corona in der Leere des Kapitalismus, exit-online.org

 

EXIT (2022): Kommentar von Herbert Böttcher und der Redaktion zur Corona-Debatte innerhalb von exit, exit-online.org

 

Gruppe Fetischkritik Karlsruhe (2020a): Das Virus – Kritik der politischen Pandemie, exit-online.org

 

Gruppe Fetischkritik Karlsruhe (2020b): Das Virus – Kritik der politischen Pandemie II. Müssen wir mit dem Virus leben? Viruseindämmung versus Viruselimination, exit-online.org

 

Hanloser, Gerhard (2005): Kapitalismuskritik und falsche Personalisierung. Einige Thesen zum Begriff des „strukturellen Antisemitismus“, in: analyse & kritik Nr. 499, online abrufbar unter linksnet.de

 

Horkheimer, Max (1988): Miscellaneous [II], in: Gesammelte Schriften, Band 14: Nachgelassene Schriften 1949-1972, Frankfurt/Main, S. 241-242.

 

Hüller, Knut (2006): Des Bäckers umwerfende Theorie vom Gleichgewicht, exit-online.org

 

Hüller, Knut (2022): VWL-Theoriegeschichte als nie endende Krisenbewältigung, wertKRITIK.org

 

Jappe, Anselm (2022): Haben Sie „Gesundheitsdiktatur“ gesagt?, wertKRITIK.org

 

Lamberty, Pia/Holnburger, Josef/Goedeke Tort, Maheba (2022): CeMAS-Studie: Das Protestpotential während der COVID-19-Pandemie, cemas.io

 

Kloos, Dominic (2021): Der Heilige Josef. Seine Verehrung und das arbeitsame Patriarchat der Neuzeit, exit-online.org

 

Konicz, Tomasz (2022): Von Crashpropheten, Putschisten, Preppern und Krisenprofiteuren. Rechte Ideologie in der Krise, in: exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft 19, S. 67-81.

 

Ortlieb, Claus Peter (2004): Markt-Märchen. Zur Kritik der neoklassischen akademischen Volkswirtschaftslehre und ihres Gebrauchs mathematischer Modelle, in: exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft 1, S. 166-183.

 

Ortlieb, Claus Peter (2006): Mathematisierte Scharlatanerie. Zur „ideologiefreien Methodik“ der neoklassischen Lehre, in: Dürmeier et al. (Hg.): Die Scheuklappen der Wirtschaftswissenschaft. Postautistische Ökonomik für eine pluralistische Wirtschaftslehre, Marburg, S. 55-62, online verfügbar unter math.uni-hamburg.de

 

Ortlieb, Claus Peter (2018): Mathematikwahn, in: exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft 15, S. 26-48.


Scholz, Roswitha (2005): Don’t treat every „thing“ alike. Einige vorläufige Bemerkungen zu den Papieren von J. Ulrich, C-P. Ortlieb und Blaha/Wallner, exit-online.org 


Scholz, Roswitha (2022): Exit! – Nun sag, wie hältst du’s mit der Religion? Eine Klarstellung, in: exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft 19,
S. 147-151. 


Urban, Andreas/von Uhnrast, F. Alexander (2022a): Corona als Krisensymptom? Thesen zu Ursachen und historischen Bedingungen eines globalen Nervenzusammenbruchs. Teil 1: Auf der Suche nach dem „Killervirus“, wertKRITIK.org

 

Urban, Andreas/von Uhnrast, F. Alexander (2022b): Corona als Krisensymptom? Thesen zu Ursachen und historischen Bedingungen eines globalen Nervenzusammenbruchs. Teil 2: Pandemischer Nervenzusammenbruch, wertKRITIK.org



Endnoten


[1] Diesen gilt ja, ähnlich wie im Mainstream, de facto jegliche Maßnahmenkritik oder Impfskepsis als „rechtslastig“ und/oder „verschwörungsideologisch“. Darauf wird bald noch ausführlicher einzugehen sein.

[2] Selbst der Panikmacher Nr. 1, der aktuelle deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbach, hat inzwischen angesichts der Lage in China eingeräumt, die No-Covid-Stategie sei „gescheitert” und Lockdowns seien „sinnlos” („Überraschende Wende in Corona-Politik: Lauterbach gegen ‚Einsperrmaßnahmen’”, Telepolis, 11.5.2022).

[3] Dass offenbar Teile der Karlsruher Gruppe einen medizinischen Hintergrund haben, ändert daran wenig, denn diese medizinische „Expertise“ wurde in deren Texten nirgendwo als solche ausgewiesen. Darüber hinaus wäre es erforderlich gewesen, den wissenschaftlichen Diskussionsstand zumindest ansatzweise zu diskutieren, zumal, wie bereits erwähnt, die meisten Epidemiologen den Behauptungen der Karlsruher bereits damals vehement widersprochen haben würden.

[4] Zuweilen konnte einen beim Lesen mancher EXIT-Elaborate der Eindruck beschleichen, Mitglieder der Redaktion säßen inzwischen selbst in einem staatlichen Corona-Expertengremium oder zumindest in der Wissenschaftsredaktion der Süddeutschen oder des Tagesspiegel, so wie da gegen „Lockerungen“ und für Maßnahmen wie 2G, Maskenpflicht oder Impfen plädiert wurde (z.B. Böttcher 2021a, S. 8). Besonders bemerkenswert dabei – angesichts der Bestimmtheit, mit der seitens EXIT eine durch statistisches Material unterfütterte Argumentation gleichsam als Verirrung in einen positivistischen Zahlen- und Statistikfetisch abgetan und als unvereinbar mit kritischer Theoriebildung abgewehrt wird (siehe unten) – der ausdrückliche Hinweis darauf, dass sich da ja „die WissenschaftlerInnen weitgehend einig“ (ebd.) seien. Von der langen und konstitutiven wissenschaftskritischen Tradition der Wert-Abspaltungskritik ist also übriggeblieben: „Die Wissenschaft sagt, dass…“.

[5] Inzwischen erscheinen bei EXIT Artikel, die der Impfung aus verschiedenen Gründen skeptisch gegenüberstehende Menschen nicht nur mit tatsächlichen Spinnern und „Verschwörungsideologen“ in einen Topf werfen, die hinter der Impfkampagne ein genozidales Bevölkerungsreduktionsprogramm oder eine Verschwörung von Bill Gates zum „Chippen“ der ganzen Weltbevölkerung vermuten, sondern diesen dabei auch einen „Todestrieb“ attestieren, der sie zur „irrationalen“ Verweigerung der Impfung treibt (vgl. Konicz 2022, S. 79). Texte, die sich kritisch mit Widersprüchen und teilweise selbst hochgradig irrationalen Momenten der Impfkampagnen befassen, sind hingegen unerwünscht und gelten ebenfalls als „rechtslastig“ und „verschwörungsideologisch“. (Über die Qualität des übrigen Artikels und Koniczs kritischer Beschäftigung mit diversen rechten Tendenzen während der Krise ist damit noch nichts ausgesagt.)

[6] „Debatte um Corona bei exit – Dokumentation einer Podiumsdiskussion”, exit.online.org

[7] So auch der Wortlaut in einer Mail der Redaktion im Vorfeld der Podiumsdiskussion im Hinblick auf deren geplanten Ablauf.

[8] Die „Begründung” erschöpfte sich in folgendem lapidaren E-Mail von Roswitha Scholz: „Was soll ich da noch widersprechen. Deine [Anselm Jappes, A.U.] Überlegungen sind so ziemlich das Gegenteil von Wertkritik. Ich fühle mich auch gar nicht ratlos. Die Wert-Abspaltungs-Kritik ist ein hervorragender Ansatz die heutige Situation auf den Begriff zu bringen. Die Argumente wiederhole ich hier nicht, sie dürften bekannt sein. Zu Corona steht ja schon einiges auf unserer Homepage. Ich glaube nicht, dass da eine weitere Diskussion etwas bringt.” (Mail vom 25.1.2022). 


[9] Oder wäre es vielleicht korrekter, von einem Abschied der EXIT-Gruppe von radikalkritischer Gesellschaftstheorie zu sprechen? Denn es lässt sich ja schwerlich behaupten, dass die Zentralfiguren von EXIT es nicht besser wissen müssten oder es jedenfalls einmal besser gewusst haben (was sich leicht nachvollziehen lässt, wenn man manche ihrer älteren Texte konsultiert). Von daher haben wir es wohl nicht mit einer grundsätzlichen Differenz im Verständnis von kritischer Theorie zu tun, die sich plötzlich aufgetan hätte, sondern mit einem Rückfall hinter früher geteilte Essentials kritischer Theoriebildung.

[10] Das lernen sogar angehende Soziologen zu Beginn ihres Studiums: Wenn sehr viele Menschen sich in einer bestimmten Sache sehr einig sind, ist Vorsicht angebracht. Dass die wenigsten Soziologen diesen Rat nach ihrem Studium beherzigen, sondern in der Regel selbst zu den größten wissenschaftlichen Ideologieproduzenten gehören, steht auf einem anderen Blatt. Nicht umsonst hat Max Horkheimer Soziologen als eine „Bande von Ideologen” beschrieben, „welche die Aufgabe erfüllen, das Denken der Menschen über gesellschaftliche Dinge auf Gegenstände abzulenken, die ungefährlich sind” (Horkheimer 1988, S. 241).

[11] Schon allein diese Formulierung verweist darauf, dass in der EXIT-Redaktion nicht so recht begriffen wurde, was der Zweck und die Intentionen unserer kritischen Beschäftigung mit dem Corona-bezogenen Zahlen- und Datenmaterial waren. Wir haben freilich für unser Thesenpapier mitnichten „eigene Daten“ verwendet, sondern offizielle Daten aus Institutionen wie dem RKI oder von statistischen Bundesämtern – also gerade auch von solchen Institutionen, zu deren öffentlichen Verlautbarungen ihr eigenes Datenmaterial oftmals in stärkstem Kontrast steht. Und gerade solche Widersprüche in der offiziellen Daten- und Faktenlage waren Ausgangspunkt des Thesenpapiers und der auf dieser Grundlage entwickelten Argumentation.

[12] „Fast 15 Millionen Menschen wegen Corona-Pandemie gestorben”, faz.net (5.5.2022)

In den Medienberichten über die aktuelle WHO-Schätzung ist übrigens durchgehend von 15 Millionen und nicht von 18 Millionen Toten die Rede.

[13] Auch der gegenwärtig gerade in diesen Milieus zu beobachtende Bellizismus vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs muss wohl in diesem Zusammenhang gesehen werden.

[14] Eine Verschwörungstheorie setzt, wie der Begriff schon sagt, die Annahme einer Verschwörung voraus, und eine Verschwörung besteht wiederum darin, dass bestimmte gesellschaftliche Kräfte im Geheimen operieren und dabei irgendwelche Pläne schmieden. Schon vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie viel von dem, was heute als „Verschwörungstheorie“ gilt, überhaupt dieses Kriterium erfüllt, so z.B. „Verschwörungstheorien“ rund um den Great Reset. So einiges, was heutige (angebliche) „Verschwörungstheoretiker“ damit verbinden, insbesondere die meisten ihrer Schlussfolgerungen, ist gewiss Unsinn. Aber das Kriterium einer „Verschwörungstheorie“ erfüllt dies wohl häufig nicht, da es hier bereits an der dafür notwendigen „Verschwörung“ mangelt. Der Great Reset ist kein Geheimnis, Klaus Schwab hat ein für alle zugängliches Buch darüber geschrieben, und die in diesem Zusammenhang aktiven Personen und Organisationen sprechen relativ offen aus, welche Vorstellungen und Ideen sie für die „Zukunft der Gesellschaft“ haben und gerne umsetzen würden. Ob und was davon tatsächlich realisiert und erfolgreich in die Tat umgesetzt werden kann, steht dabei zunächst noch auf einem ganz anderen Blatt. Andreas Anton und Alan Schink (2021) weisen in ihrem Buch Der Kampf um die Wahrheit auch darauf hin, dass die Rahmung von „Verschwörungstheorien“ als ausschließlich negativ und „gefährlich“ eine historisch noch recht junge Entwicklung und maßgeblich das Produkt der Strategien von Regierungen ist, Kritik am Regierungshandeln zu diskreditieren. Einen wesentlichen Schub erhielt diese Entwicklung ausgehend von den USA im Gefolge der Anschläge auf die Twin Towers im Jahr 2001 und vor dem Hintergrund verbreiteter Skepsis an der offiziellen Regierungsversion über 9/11 (die ja im Übrigen, der Struktur nach, selbst eine „Verschwörungstheorie“ darstellt).


[16] Der Verdacht, die mit Abstand am weitesten verbreitete „Verschwörungstheorie“ bestehe heute darin, an jeder Ecke einen „Verschwörungstheoretiker“ zu vermuten, der es darauf abgesehen hat, unsere ach so schöne und heilige Demokratie zu untergraben, kam dem Autor dieses Textes in den letzten zwei Jahren mehr als nur einmal.

[17] Ein inhaltliches oder zumindest auf der theoretischen Ebene angesiedeltes Argument, das an dieser Stelle noch ausgeklammert wird, weil im folgenden Abschnitt gesondert darauf eingegangen werden soll, hebt darauf ab, wir würden in unserer „Corona-Kritik” von einer form- und fetischkritischen Perspektive auf einen gleichsam traditionsmarxistischen, auf immanente „Interessen” kaprizierten und verkürzten Standpunkt zurückfallen. Darauf bezieht sich auch die Rede vom „unvermittelte[n] Rekurs auf Wille und Interesse” im nachfolgenden Zitat.

[18] In diesen Zusammenhang gehört auch der Vorwurf des bornierten Festhaltens an der bürgerlichen Subjektivität:

„Problematisch ist zudem der eingenommene ‚Standpunkt‘ des bürgerlichen Subjekts in seiner durch die Corona-Maßnahmen bedrohten Freiheit. Auch hier wäre es wichtig, dieses Subjekt im Zusammenhang seiner Bindung an die ‚Normalität‘ und ‚Normativität‘ der Fetischverhältnisse sowie im Zusammenhang der Krisenverhältnisse samt der eskalierenden sozialen Disparitäten mit unterschiedlichem Schutz vor Corona-Risiken und mit den ‚Maßnahmen‘ sowie den damit verbundenen psycho-sozialen Dynamiken und Problemlagen zu sehen. Der unvermittelte Standpunkt des bürgerlichen Subjekts kann zudem den ‚Ausnahmezustand‘ (fast) nur in seiner repressiven Bedeutung für dieses Subjekt verstehen. Nicht in den Blick kommen der sich gerade in der Corona-Krise noch einmal verschärfte ‚Ausnahmezustand‘ gegenüber Fliehenden und anderen sog. Überflüssigen ebenso wenig wie die durchgesetzten Einschränkungen des Demonstrationsrechts. Anselm Jappe versteigt sich sogar in Formulierungen wie denen von der ‚schwerwiegendsten Einschränkung der Freiheiten seit 1945’ (…).” (EXIT 2022, Punkt 2)

Dass diese Diagnose auf die Mehrheit der Protestbewegung ohne Zweifel zutrifft, ist nicht zu bestreiten – so wie ja auch die „Braven“ und „Solidarischen“ durch ihre Unterwerfung unter die Maßnahmen und durch die Impfung in erster Linie ihre eigene Haut retten wollten, sowohl im wörtlichen, unmittelbar physischen, als auch im übertragenen Sinne als bürgerliches Subjekt („Wir impfen Deutschland zurück in die Freiheit!“). Ganz und gar nicht einsichtig ist hingegen, weshalb die bloße, empirisch evidente Feststellung, die Corona-Maßnahmen markierten (hierzulande) die „schwerwiegendsten Einschränkungen der Freiheiten seit 1945“, mit einem bürgerlich-bornierten Demokratie- und Grundrechtsfetischismus gleichzusetzen sein soll. Sofern kritische Gesellschaftstheorie nicht zuletzt darin zu bestehen hat, gesellschaftliche Tendenzen zu analysieren, kann (und muss) auch die in der Krise voranschreitende Erosion der modernen Rechtsform ein würdiger Gegenstand kritischer Theoriebildung genannt werden. Darauf wird an dieser Stelle nicht näher eingegangen, da entsprechende Hinweise bereits im Text Corona als Krisensymptom? zu finden sind (Urban/Uhnrast 2022b, Abschnitt 8). In jeder Hinsicht ein schlechter Scherz ist übrigens der Verweis der EXIT-Redaktion auf die „Einschränkungen des Demonstrationsrechts“. Gerade die Corona-Demonstrationen galten (und gelten) bei EXIT stets als „rechtslastige“ Aufläufe von an der bürgerlichen Rechtsform festhaltenden Krisensubjekten. Und als in unserem Beitrag auf der Podiumsdiskussion im September 2021 u.a. auch die Einschränkungen des Demonstrationsrechts thematisiert wurden, wurde dies ebenfalls primär als Indiz dafür gewertet, die Referenten seien offensichtlich in besagtem bürgerlich-bornierten Demokratie- und Grundrechtsfetischismus befangen.


[19] Ungeachtet der Berechtigung, ja Notwendigkeit, mit der diese Kritik an konkreten, teilweise in der Tat sehr widerlichen Erscheinungen im maßnahmenkritischen Kontext artikuliert wird, ist es eine Zumutung, solche Zeilen über Holocaust-Verharmlosung aus der Feder von Personen lesen zu müssen, die nicht nur langjährige wertkritische Weggefährten umstandslos und inhaltlich dermaßen unbegründet mit Antisemitismus in Zusammenhang bringen, sondern darüber hinaus nach wie vor völlig unbekümmert Begriffe wie „Coronaleugner“ in den Mund nehmen (siehe voriges Zitat aus der EXIT-Stellungnahme) – ein Begriff, der offenkundig und vermutlich bewusst an jenen des „Holocaustleugners“ angelehnt ist und damit implizit Corona mit dem Holocaust gleichsetzt. Zumindest nach den Kriterien, die die EXIT-Redaktion anlegt, müsste dies als Holocaust-Verharmlosung gewertet werden.

[20] So hat beispielsweise Roswitha Scholz in einer internen, unveröffentlichten Stellungnahme vom 11. 4. 2022 die beiläufige Erwähnung des Psychoanalytikers Hans-Joachim Maaz und seines mit zwei Co-Autoren verfassten Buches Corona-Angst im Thesenpapier von Urban/Uhnrast beanstandet – mit der Begründung, dieser habe sich vor ein paar Jahren unkritisch über Pegida geäußert.


[21] Ebenfalls moniert von Roswitha Scholz in der vorhin erwähnten internen Stellungnahme zum Thesenpapier von Urban/Uhnrast.

[22] Das Umsichgreifen von Korruption und die Verwilderung gesellschaftlicher Institutionen, insbesondere der staatlichen Sicherheitsapparate, gehört zu den zentralen Befunden und Gegenständen der wert-abspaltungskritischen Auseinandersetzung mit den krisenbedingten Zerfallsprozessen in der kapitalistischen Peripherie (vgl. Bedszent 2014). Weshalb vergleichbare Tendenzen mit Fortschreiten der Krise nicht ebenfalls für die Verhältnisse in den westlichen Zentren in Betracht gezogen werden und deren Thematisierung allem Anschein nach sogar als „verschwörungsideologisch“ eingestuft wird, erscheint schon in krisentheoretischer Hinsicht alles andere als einleuchtend.

[23] Es möge jede/r selbst entscheiden, was von den Beteuerungen der EXIT-Redaktion in ihrer Stellungnahme zu halten ist, es würde in den „auf der Homepage veröffentlichten Texten“ auf diese Verwilderung und den „Extremismus“ unter „Befürwortern einer autoritären Gesundheitspolitik“ ja durchaus „hingewiesen“ (EXIT 2022, Punkt 5). Der Autor würde zumindest auf dasselbe bestehen wollen, was die Redaktion mit Blick auf „Verschwörungsideologien“ und antisemitische Tendenzen unter Maßnahmengegnern geltend macht: Derart breite und durch zahlreiche Milieus und Bevölkerungsschichten hindurchgehende Verwilderungstendenzen, wie sie unter Maßnahmen- und Impfbefürwortern vor allem im Herbst und Winter 2021/22 zu beobachten waren, können nicht „still schweigend ignoriert oder nur am Rande vermerkt werden” (ebd., Punkt 4).

[24] So in Deutschland vor allem die Arbeitsgruppe rund um den Mediziner Matthias Schrappe (corona-netzwerk.info). Ihre in mehreren elaborierten Thesenpapieren entwickelten Konzepte für eine besonders auf den Schutz von Risikogruppen fokussierte „Pandemiestrategie“ wurden von Politik und medialer Öffentlichkeit konsequent ignoriert und die Mitglieder der Arbeitsgruppe immer wieder, nach dem gewohnten Muster, in die Nähe von „Coronaleugnern“ gerückt.

[25] Nur noch schwachsinnig muss in dem Zusammenhang die bereits weiter oben unter Punkt 1 („Beharrliche Verweigerung einer inhaltlichen Diskussion“) zitierte „Kritik” von Dominic Kloos genannt werden, der offenbar schon die Verwendung altersstandardisierter Statistiken, zum Zweck der Berücksichtigung von Veränderungen der Bevölkerungs- und insbesondere der Altersstruktur in der Mortalitätsanalyse, zu einem „sozialdarwinistischen” Akt erklären möchte. Er zeigt damit nur, wie wenig er von der Sache versteht und weshalb er besser dazu schweigen sollte. Ohne Altersstandardisierung würde Kloos bei einem Vergleich der Sterblichkeit in der Bevölkerung mit jener vergangener Jahre und Jahrzehnte schon allein aufgrund der „demographischen Alterung” und der starken Zunahme des Anteils alter und hochbetagter Menschen zum Befund eines massiven und stetig zunehmenden Massensterbens kommen. Dass dies einfach nur eine Folge der demographischen Veränderungen ist, weil hochbetagte Menschen naturgemäß eine deutlich höhere Sterbewahrscheinlichkeit haben, müsste ihm so verborgen bleiben. Man kann nur froh sein, dass Kloos nicht in einem „Expertengremium” sitzt oder sich in sonst einer Position mit gesundheitspolitischer Entscheidungsbefugnis befindet, denn er würde womöglich über die gesamte Bevölkerung einen dauerhaften Lockdown zum „Schutz von Menschenleben” verhängen – ohne zu wissen, wogegen, und freilich ohne jede Aussicht auf Erfolg (dafür jede Menge „Kollateralschäden”).

[26] „Problematisch erscheint in diesem Zusammenhang auch der positive Bezug auf Ivan Illich und eine angebliche Verdrängung des Todes (…). Dies kann durchaus sozialdarwinistisch gewendet werden, was auch getan wurde, da an manchen Stellen konstatiert wurde, dass an Corona meist ‚nur‘ alte Menschen starben, die ‚ohnehin bald gestorben wären‘.” (EXIT 2022, Punkt 3)

[27] In der EXIT-Stellungnahme wird etwa ausdrücklich erwähnt, bereits der Podiumsbeitrag von Urban und Uhnrast am EXIT-Seminar 2021 habe in Brasilien bzw. den hiesigen wert-abspaltungskritischen Gruppen Anlass gegeben, „exit rechte Positionen vorzuwerfen” (EXIT 2022).


[28] „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“ (Adorno 1994, S. 67)