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Andreas Urban & F. Alexander von Uhnrast


Corona als Krisensymptom?

Thesen zu Ursachen und historischen Bedingungen eines globalen Nervenzusammenbruchs


Teil 2: Pandemischer Nervenzusammenbruch

 


Zu Teil 1: Auf der Suche nach dem "Killervirus"




Die Frage, die sich angesichts der in Teil 1 dieses Beitrags erörterten Faktenlage stellt, ist, wie es zu den Entwicklungen der letzten nunmehr zwei Jahre kommen konnte. Denn an der durch Corona verursachten epidemiologischen Lage kann es, wie gezeigt, im Grunde nicht liegen, da diese nicht annähernd im Verhältnis zur politischen und gesellschaftlichen Reaktion darauf steht. Zumindest mit dem seit zwei Jahren politisch und medial aufgebauten Narrativ einer tödlichen Pandemie, die oftmals gar auf eine Stufe mit der Spanischen Grippe gestellt wurde[1], stimmt die vorliegende Faktenlage in keinster Weise überein. Eine umfassende Erklärung können auch wir nicht anbieten, und vermutlich wird sich eine solche auch kaum rekonstruieren lassen.


Wo in wert-abspaltungskritischen Kreisen weitgehend Einigkeit bestehen dürfte, ist, dass wir in den vergangenen zwei Jahren Zeugen einer rasch voranschreitenden „Verwilderung“ auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen geworden sind. Diese Verwilderung ist aber völlig unzureichend beschrieben, wenn man diese, wie in der überwiegenden öffentlich-medialen wie wert-abspaltungskritischen Diskussion, primär auf eine (angebliche) „Bagatellisierung“ der von Corona ausgehenden Gefahr bezieht. Denn mit Blick auf die Faktenlage stellt sich ja schon ganz grundsätzlich die Frage, unter welchen Umständen überhaupt zutreffend von einer „Bagatellisierung“ gesprochen werden kann. Erfüllt z.B. ein Vergleich von Corona und Grippe den Tatbestand der Bagatellisierung? Der Datenlage nach wäre eine solche Behauptung kontrafaktisch, denn dass die (Über)Sterblichkeit in Deutschland höchstens auf dem Niveau einer Grippewelle liegt, bestätigen sogar Analysen aus dem RKI. Legte man die in der Coronapolitik neu etablierten Standards in der medizinischen Risikobewertung stringent an, wäre eine klassische Influenza wahrscheinlich für gewisse Gruppen sogar deutlich gefährlicher als SARS-CoV-2 (z.B. für Kinder und Jugendliche). Dass für manche Bevölkerungsgruppen, insbesondere alte und vorerkrankte Menschen, eine Corona-Infektion gefährlich sein und tödlich enden kann, soll damit, wie gesagt, nicht in Abrede gestellt werden. Aber das traf auch schon vor Corona für zahlreiche saisonale Infektions- und Atemwegserkrankungen zu. Und trotz der zahlreichen Todesfälle vor allem alter Menschen „im Zusammenhang mit Corona“ lassen die dargelegten Daten (insbesondere solche zur Übersterblichkeit) nicht erkennen, dass wir seit Beginn der Pandemie ein gesellschaftliches Sterbegeschehen erlebt hätten, das sich signifikant von dem früherer Jahre unterscheiden würde. Solche Befunde gilt es daher zur Kenntnis zu nehmen und ins Verhältnis zur gesellschaftlichen und politischen Reaktion auf die Pandemie sowie zu den dagegen ergriffenen Maßnahmen zu setzen.

Dass von „Querdenkern“ und Maßnahmenkritikern mitunter auch allerhand Unfug bis hin zu Verschwörungsideologien verbreitet wurden und werden, ist freilich zutreffend und kann gar nicht geleugnet werden – darüber gibt es einerseits genug Material und andererseits Konsens, weshalb wir darauf an dieser Stelle nicht näher eingehen wollen. Wichtig erscheint uns aber die Feststellung, dass das nicht minder für die Gegenseite der Maßnahmenbefürworter und „Coronisten“ (wie das Gegenstück zur infamen Titulierung als „Coronaleugner“ in manchen maßnahmenkritischen Milieus lautet[2]) zutrifft. Um dessen gewahr zu werden, ist es im Prinzip ausreichend, eine beliebige Tageszeitung aufzuschlagen – dabei handelt es sich überwiegend um Desinformation und Propaganda in Reinkultur. Besonders ehemals liberale Blätter wie etwa die taz oder der Tagesspiegel in Deutschland oder der Standard und der Falter in Österreich ergehen sich seit zwei Jahren in der schamlosen Diffamierung auch seriöser kritischer Stimmen, während sie die jeweilige Regierungspolitik umstands- und vor allem kritiklos als identisch mit den „Fakten“ und dem Stand „der Wissenschaft“ ausgeben, selbst wenn schon nach kurzer Zeit das komplette Gegenteil des vorher Gültigen und als „Fakten“ Verkauften verlautbart wird. Allerspätestens mit der Impfkampagne sind die meisten dieser Zeitungen in regelrechte Hetz- und Propagandablätter mutiert.[3]


Auch hat die krisentheoretische Position, wie sie vor allem Herbert Böttcher und Leni Wissen in die wert-abspaltungskritische Diskussion eingebracht haben[4], nämlich dass bei vielen Maßnahmenkritikern quasi eine Krisenleugnung und die Sehnsucht nach einer Rückkehr zur alten, kapitalistischen „Normalität“ zu konstatieren und zu kritisieren sei, ohne Frage ein starkes Wahrheitsmoment. Das allerdings trifft, wenn auch vielleicht unter anderen Vorzeichen, auf die Gegenseite genauso zu. Unser Eindruck ist, dass bei vielen Maßnahmenbefürwortern, insbesondere solchen aus der jungen Generation und aus linksliberalen Milieus, eine Projektion massiver, durchaus berechtigter Zukunftsängste (Prekarisierung, ökologische Krise etc.) auf das Coronavirus am Werk ist – und im Übrigen auch massiv und mehr oder weniger professionell befördert wurde mittels der von Regierungen angestoßenen Angstkampagnen, wie das z.B. für Deutschland und Großbritannien mittlerweile auch belegt ist.[5] Diese Projektion erlaubt es, endlich „etwas“ zu tun, sozusagen selbstwirksam zu werden (oder sich jedenfalls als selbstwirksam zu erfahren) und durch den gemeinsamen Kampf gegen Corona quasi „solidarisch“ die Welt zu retten; mit der Impfung als Heilsbringerin, verdinglichte Lösung der Krise und Weg zur „Freiheit“.[6] Auch das entspricht einer Leugnung bzw. Verdrängung gesellschaftlicher Krisenprozesse, insbesondere der eigenen Ohnmacht im Angesicht all der unverstandenen Krisentendenzen, und dabei übrigens gerade auch demselben Bedürfnis nach „Selbstsetzung“, wie es von Böttcher und Wissen in ihrem Beitrag dem männlichen Krisensubjekt, hier allerdings bevorzugt „Coronaleugnern“ und Maßnahmenkritikern attestiert wird. Am Kampf gegen Corona soll sozusagen die ganze Welt genesen. Das würde auch erklären, weshalb das Thema ebenso wie manche Maßnahmen (z.B. Masken) so identitär aufgeladen sind und viele „Coronisten“ so bösartig auf Maßnahmenkritik und generell auf Andersdenkende reagieren (und zwar völlig egal, wie blöd oder aber auch fundiert deren Kritik ist).

Inzwischen richtet sich die Ranküne der „Vernünftigen“ besonders gegen die „unvernünftigen“, „egozentrischen“ und „unsolidarischen“ Ungeimpften, deren medizinisch durch nichts zu rechtfertigender Ausschluss aus der Gesellschaft, etwa durch 1G- und 2G-Regeln, von vielen nicht nur nicht kritisiert, sondern sogar ausdrücklich begrüßt und für immer neue Bereiche gefordert wird.[7] Die größte Sorge angesichts bevorstehender „Lockerungen“ scheint dabei bei so manchem „braven“ und „aus Solidarität“ Geimpften darin zu bestehen, dass die „Ungeimpften“ ungeschoren davon kommen könnten und man ihnen demnächst vielleicht doch nicht mehr das Leben so schwer wie möglich machen wird, wie dies die Politik doch eigentlich versprochen hatte, um die „Impfgegner“ endlich klein zu kriegen und auch gegen ihren Willen in die Impfung zu treiben.[8] Gerade die Impfdebatte offenbart also einige kaum anders als faschistoid zu nennende Züge einer sich als moralisch überlegen, weil „solidarisch“ dünkenden Mehrheit gegenüber einer als unbotmäßig empfundenen und gerahmten Minderheit, die mit autoritären Methoden zu disziplinieren sei. Erinnert sei hier nur exemplarisch an einzelne „Highlights“ der Debatte, etwa die Auslassungen des Weltärztepräsidenten Frank Ulrich Montgomery über eine angebliche „Tyrannei der Ungeimpften“[9] oder die von Emmanuel Macron offen artikulierte „Lust“, Ungeimpfte „bis zum bitteren Ende zu nerven“, indem diesen der „Zugang zu den Aktivitäten des sozialen Lebens“ soweit wie möglich eingeschränkt werden solle.[10] Vor allem Medizinethiker/innen tun sich bereits während der gesamten Pandemie immer wieder gerne als Stichwortgeber für besonders hinterhältige Schikanen für „Impfverweigerer“ und andere „Unsolidarische“ hervor – so etwa Wolfram Henn, der bereits vor Beginn der Impfkampagne in Deutschland forderte, Impfverweigerer sollten im Krankheitsfall ausdrücklich auf ein Intensivbett verzichten, um es nicht anderen (d.h. den „Braven“ und „Solidarischen“) wegzunehmen.[11]

Auch das sind also Symptome einer sowohl intellektuellen als auch sozialen und psychischen Verwilderung, die jener von rechten Spinnern und Verschwörungsideologen um nichts nachsteht (zumal auch bei „Coronisten“ primitivstes Verschwörungsdenken zu finden ist – siehe etwa Reaktionen wie jene auf die Künstlerinitiative #allesdichtmachen im April 2021[12]). Auch darf nicht vergessen werden, dass der blinde Maßnahmen- und Corona-Eindämmungs-Fetischismus, wie er sich in den vergangenen zwei Jahren vor allem in den Rufen nach immer neuen und noch härteren Lockdowns (nie jedoch nach Evidenz für deren Effektivität) manifestierte, gesellschaftlich enorme Schäden angerichtet hat, die entweder gar nicht oder nur achselzuckend als leider „notwendig“ und „alternativlos“ zur Kenntnis genommen werden. Auch dazu gehört ein beträchtliches Maß an Kälte und Borniertheit.


Es wurde in den letzten Jahren auch innerhalb der Wert-Abspaltungskritik vor dem Hintergrund zunehmender gesellschaftlicher Verwilderung und einer fortschreitenden Erosion der Mittelschichten immer wieder zu Recht ein zunehmender „Extremismus der Mitte“ thematisiert, vor allem im Hinblick auf fremdenfeindliche, antisemitische, sozialdarwinistische usw. Tendenzen.[13] Dass solche Tendenzen während der Corona- Krise weiter zugenommen haben und insbesondere in Teilen der maßnahmenkritischen Bewegung virulent sind, ist nicht zu übersehen und muss vehement kritisiert werden. Jedoch sehen wir heute, dass dieser Extremismus auch in anderen Gestalten zutage treten kann (wenngleich sich die genannten Ausprägungen, vor allem solche sozialdarwinistischer bzw. sozialrassistischer Natur, umstandslos in der einen oder anderen Form auch und gerade unter „Coronisten“ nachweisen lassen – etwa wenn die liegengebliebenen oder abgelaufenen Reste von Impfstoffen, die hierzulande verschmäht werden, „solidarisch“ an Obdachlose, Hartz-IV-Empfänger usw. vergeben oder an Entwicklungsländer „gespendet“ werden; wenn sich ein Provinzjournalist an einer „2G-Razzia wie im Bilderbuch“ in einem Unterschichtensupermarkt ergötzt, nachdem er selbst den Polizeieinsatz durch Denunziation provoziert hat[14]; ganz zu schweigen von der Verachtung, mit der „Coronisten“ auf die „Coronaleugner“ vor allem aus den unteren Sozialschichten herabblicken, die laut herrschender Meinung zu „blöd“ sind, um zu begreifen, wie gefährlich Corona ist, und jetzt auch noch die Impfung verweigern, weil sie nicht nur „unsolidarisch“ und „unvernünftig“ sind, sondern in ihrer Dummheit auch „Wissenschaft leugnen“ und ständig auf „Falschinformationen“ und „Verschwörungsmythen“ hereinfallen). Vor allem aber zeigt sich, wie tief dieser Extremismus reicht, nämlich bis weit hinein in linksliberale, „grüne“ Milieus, die man bislang weniger mit dem „Extremismus der Mitte“ in Verbindung gebracht hätte. Solche Entwicklungen müssen ebenso Gegenstand der Kritik sein wie rechte, antisemitische oder andere Tendenzen sowie Verschwörungsideologien.


Das Wesen kritischer Theorie sperrt sich dagegen, dass man sich immanent (aus welchen Gründen auch immer) auf irgendeine Seite schlagen kann oder womöglich, wie bei Corona, unbesehen den staatlichen Lockdownmaßnahmen und Impfkampagnen bis hin zur Impfpflicht das Wort redet, wie das etwa von weiten Teilen der Linken praktiziert wird. Der Antifa – oder jedenfalls beträchtlichen Teilen davon – muss man im Grunde attestieren, offenkundig den Verstand verloren zu haben, wenn sie Maßnahmen- und Impfkritikern damit drohen, sie zu „internieren“ und „durchzuimpfen“, oder ähnlichen Unfug treiben.[15] Eine hinreichend kritische Distanz zu Regierungsverlautbarungen und massenmedialen PR-Kampagnen sollte schon eine Mindestanforderung an jedwedes gesellschaftskritische Denken sein, zumal wenn es sich um historisch so einzigartige und befremdlich inkonsistente Narrative handelt wie jene, die uns seit März 2020 ohne Unterlass aufgedrängt werden. Und kritische Distanz umfasst ggf. auch eine Auseinandersetzung mit Statistiken oder sonstigen zur Diskussion stehenden bzw. zur Einschätzung der Situation erforderlichen Daten. Davon war seitens der Linken (und leider auch in der wert-abspaltungskritischen Diskussion) während der gesamten Corona-Krise wenig bis nichts zu sehen. Solche im Grunde als terminal zu bezeichnenden Verfallserscheinungen der Linken werden noch kritisch aufzuarbeiten sein.

 

Wie genau diese nicht zuletzt intellektuelle und mentale Verwilderung, die zur Katastrophe der letzten beiden Jahre geführt hat, einzuordnen und zu beschreiben ist, vermögen wir selbst noch nicht abschließend zu sagen, und wir können hierzu höchstens thesenhaft einige Ansätze darlegen, die uns relevant erscheinen. Es ist natürlich auch so, dass in der Corona-Krise und der verheerenden gesellschaftlichen Überreaktion auf ein Atemwegsvirus (so würden wir das angesichts der Faktenlage jedenfalls bezeichnen wollen) verschiedene gesellschaftliche, politische, aber auch soziopsychische Tendenzen kulminieren, die schon länger zu beobachten waren und die in der Krise in gewisser Weise eine neue Qualität annehmen. Man könnte dereinst vielleicht ex post sagen: Die falsche postmoderne „Spaßgesellschaft“, die de facto in weiten Teilen auch schon in der „alten Normalität“ vor oder im Burnout stand, hat in einem bizarren Nervenzusammenbruch ihr Ende gefunden – ein Nervenzusammenbruch, dem freilich, einmal im Schwange, kräftig nachgeholfen wurde und wird.

Vielleicht ist es auch so, wie Charles Eisenstein bereits im April 2020 mutmaßte, dass sich die Menschen in unserer katastrophen-schwangeren Zeit, zumal im weltpolitisch absteigenden Westen und in den von Abstiegsängsten nicht erst seit gestern gequälten Mittelschichten, sich auf eine Krise wie jene geradezu stürzen, um sich endlich als genau das zu beweisen, was sie nicht sind: kontrolliert, handlungsfähig und „solidarisch“:

 

„Angesichts von Welthunger, Suchtproblematik, Autoimmunkrankheiten, Suizid und dem ökologischen Kollaps wissen wir als Gesellschaft einfach nicht, was zu tun ist. Das liegt daran, dass es keinen äußeren Gegner gibt, gegen den wir kämpfen können. Unsere Patentrezepte zur Krisenbewältigung, allesamt Versionen von Kontrollmaßnahmen, sind nicht sehr effektiv darin, mit diesen Zuständen umzugehen. Jetzt kommt eine ansteckende Epidemie daher, und endlich können wir in Aktion treten. Es ist eine Krise, in der Kontrolle funktioniert: Quarantäne, Ausgangssperren, Isolierung, Händewaschen; Personen-Tracking, Informationskontrolle, Kontrolle unseres Körpers. Das macht COVID zu einem geeigneten Gefäß für unsere unterschwelligen Ängste, zu einem Blitzableiter für unser wachsendes Gefühl von Hilflosigkeit angesichts der Veränderungen, die die Welt überrennen. COVID-19 ist eine Bedrohung, von der wir wissen, wie ihr zu begegnen ist. Anders als so viele unserer anderen Ängste, bietet COVID-19 einen Plan.

Die etablierten Institutionen unserer Gesellschaft werden immer hilfloser, den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen. Wie sehr sie da eine Herausforderung willkommen heißen, welcher sie endlich entgegentreten können. Wie eifrig sie diese als die allergrößte Krise behandeln. Mit welcher Selbstverständlichkeit ihr Informations-Management die alarmierendsten Darstellungen auswählt. Wie leicht sich die Öffentlichkeit an der Panik beteiligt und die Bedrohung begrüßt, der die Behörden begegnen können, stellvertretend für die vielen anderen unaussprechlichen Bedrohungen, bei denen sie es nicht können.“[16]

 

Das kann vielleicht kurzfristig als repressive Selbstbeschwörung, jedoch sicher nicht als effektive und humane Krisenbewältigung im Falle eines neuartigen Atemwegsvirus funktionieren. Eines Virus, dessen Unterwerfung und Kontrolle letztlich genauso realistisch und zielführend ist wie Antibiotikaeinsatz gegen Autoimmunerkrankungen oder Drohnenangriffe gegen den globalen Terrorismus.

 

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Letztgültigkeit scheinen uns jedenfalls folgende Dimensionen des Problems berücksichtigenswert, wenn es um eine kritische Einordnung der Corona-Krise und eine Klärung der Bedingungen und Voraussetzungen für ihre konkrete Verlaufsform in den vergangenen zwei Jahren geht:


 

1. Postmoderne Verflachung des Denkens


Zunächst einmal fahren wir derzeit offensichtlich die Ernte von vier Jahrzehnten Postmodernisierung und eines damit einhergehenden Verlustes intellektueller Kapazitäten ein. Hier sind vor allem die mittlerweile nahezu vollständig verschwundenen methodischen Fähigkeiten zu nennen, Quantitatives mit Qualitativem zu vermitteln und abzuwägen. Gerade das lässt sich in der gesellschaftlichen wie auch wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Corona mustergültig beobachten, etwa im Starren auf irgendwelche Zahlen, von denen die wenigsten wissen, was sie genau bedeuten und zu welchen anderen Referenzgrößen diese überhaupt sinnvoll in Beziehung gesetzt werden können (etwa „Neuinfektionen“, „Inzidenzraten“ usw.). Gleichzeitig wird alles von diesen Zahlen abhängig gemacht, immer wird geschaut, „was die Zahlen sagen“, „was die Zahlen hergeben“. Und so hängt auch heute alles von einer einzigen Zahl ab, nämlich der „7-Tage-Inzidenz“, die nicht nur dem eigentlichen epidemiologischen Konzept der Inzidenz Hohn spricht („Inzidenz“ umfasst üblicherweise wirkliche Krankheitsfälle und rechnet nicht einfach positive Testergebnisse auf die Bevölkerung hoch), sondern deren Grenzwerte noch dazu (und wohl nicht zufällig) völlig willkürlich festgelegt werden. Es könnte genauso gut der R-Wert oder irgendetwas anderes sein, das auf die notorischen Dashboards geschrieben wird und dann den Lauf der kapitalistischen Welt bestimmt wie sonst nur die Börsenkurse.


In diesen Zusammenhang einer gewachsenen Unfähigkeit, Qualitatives und Quantitatives zu vermitteln, gehören auch viele der immer wieder eher beiläufig und völlig dekontextualisiert thematisierten „Kollateralschäden“. Nicht weniges davon kommt dadurch zustande, dass die wenigsten zur Pandemiebekämpfung ergriffenen Maßnahmen hinsichtlich ihrer Verhältnismäßigkeit abgewogen wurden und werden. Dazu müsste man Dinge nämlich in ein Verhältnis zueinander setzen (können) oder sich zumindest darum bemühen. Und so werden dann z.B. Schulen geschlossen, auch wenn Corona für Kinder praktisch ungefährlich und darüber hinaus fraglich (und inzwischen wissenschaftlich widerlegt) ist, ob Kinder und Jugendliche überhaupt besonders zum „Infektionsgeschehen“ beitragen.[17] Schulschließungen verursachen zwar enorme Schäden, aber solange man diese nicht systematisch zum Nutzen dieser Maßnahme in ein Verhältnis setzt, sind diese automatisch das geringere Übel.


Die postmoderne Verflachung des Denkens und damit einhergehende intellektuelle Deformationen zeichnen freilich gerade auch Verschwörungsideologen unter den Maßnahmenkritikern aus – woraus sonst, als u.a. aus einer in der Postmoderne galoppierenden Denkschwäche sollten sich diese rekrutieren? Aber das ist eben nicht nur ein Problem von Verschwörungsideologen und „Coronaleugnern“, sondern eines, das auf allen gesellschaftlichen Ebenen virulent, ja geradezu ein Markenzeichen des „Coronismus“ ist. Die intellektuelle Verfallsform, aus der beide, „Coronisten“ wie Verschwörungsideologen und Spinner aus der maßnahmenkritischen Szene, hervorgehen, hat Robert Kurz im Schwarzbuch Kapitalismus in einem mit „Die Dämonen erwachen“ überschriebenen Kapitel treffend beschrieben, wobei er sich vor allem auf das Vordringen biologistischer Denkmuster bezog – Denkmuster, die ja auch in der Corona-Krise geradezu mit Händen zu greifen sind, etwa in der Fokussierung auf ein einziges Virus bei gleichzeitiger beharrlicher Ausblendung sozialer Faktoren, der penetranten Beschwörung des „Volkskörpers“ und dessen notwendiger, „solidarischer“ Verteidigung oder dem besinnungslosen Abfeiern der neuen genetischen Impfstoffe, mit denen derzeit ein riesiger Schritt zur breiten Anwendung von Gentechnologie am Menschen gemacht wird:

 

„Ergraute ex-linke Starintellektuelle entdecken die angeblichen ‚anthropologischen Konstanten‘, vor denen ihnen die Geschichte verblaßt. Psychosomatik ist mega-out, und die Psychoanalyse gilt als widerlegt. Nicht das Unbewußte treibt uns, so der neue naturwissenschaftliche Vulgärmaterialismus, sondern die Biochemie und die neuronalen Prozesse unseres Körpers.

Überhaupt erscheint der Mensch weniger als ein gesellschaftliches Wesen, sondern eher die Gesellschaft als ein ‚body‘. Und auch die Individuen pflegen vornehmlich ihre Haut und entdecken ihre muskuläre Körperlichkeit; der postmoderne Kult des Outfit geht zurück auf die nackte Physis, und die Daytrader des Kasinokapitalismus versuchen sich im Fitneßcenter dem Erscheinungsbild von Arno-Breker-Figuren anzunähern. Eine Art modifizierte Nazi-Ästhetik des Biologischen ist im Kommen, und die populäre Esoterik als Strang der postmodernen Massenkultur paßt dazu so gut wie schon Geisterseherei, fernöstliche Mystik und Indogermanenkult vor 1933: Jede Art von Weltverschwörungs-Science-fiction erlebt Bestsellerauflagen und wird zur Bettlektüre von Busschaffnern, Arbeitslosen und Zahnarzthelferinnen.

Schon beginnt sich die Genetik, die Speerspitze einer neuen Zucht- und Auslesewissenschaft mit wirklicher Zugriffsmacht, im gesellschaftlichen Sog des Neoliberalismus zu ideologisieren. Zunächst in scheinbar abseitigen Zusammenhängen verfestigt sich zunehmend die Annahme, alle und jede gesellschaftliche wie individuelle Erscheinung sei ‚genetisch‘ oder neurobiologisch präformiert. Der US-Neurologe Steven Pinker behauptet, die Sprache sei dem Menschen ‚angeboren wie dem Elefanten der Rüssel‘ und es müsse ein ‚Grammatik-Gen‘ existieren. Für den Nobelpreisträger Francis Crick aus San Diego besteht selbst der freie Wille aus ‚nichts als Neuronen‘. Wissenschaftler vom Robert-Koch-Institut in Berlin wollen ein Virus gefunden haben, das angeblich Schwermut auslöst und von Hauskatzen übertragen wird. Und der US-Molekularbiologe Dean Hammer führt neuerdings Homosexualität auf das Gen Xq28 in einem Endabschnitt des Geschlechtschromosoms X zurück.“[18]

 

Vor allem der daran anschließende Absatz könnte ebenso gut von der heutigen Corona-Debatte und insbesondere der Impfkampagne handeln:


 „Unsichere Belege, ein Gemisch aus Hypothesen, experimentellen Befunden und Interpretationen, stören dabei anscheinend niemanden mehr, weil die Naturwissenschaft ganz offensichtlich in einen Prozeß der kapitalistischen Grenzziehungen und Krisenverarbeitungsprogramme involviert ist. Ihre vermeintlich ‚rein objektiven‘ Fragestellungen werden um so leichter von der angst- und haßerfüllten geistigen Strömung in der Weltgesellschaft des Krisenkapitalismus beeinflußt, als die Naturwissenschaft wie in ihrer gesamten, mit dem Kapitalismus einhergehenden Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg niemals zu einer kritischen Selbstreflexion ihrer gesellschaftlichen Stellung bereit und fähig war, außer gelegentlich in seichten moralischen Sekundärüberlegungen; und weil sich daran nichts geändert hat, kehren in der neuen Weltkrise auch ihre eigenen Dämonen wieder.“[19]

 

Das „Erwachen der Dämonen“ – es ist an rechten Verschwörungsideologen und an eine Verschwörung von Bill Gates oder gar an eine Geheimregierung von Echsenwesen glaubenden Spinnern ebenso abzulesen, wie an der Stupidität, mit der eine breite gesellschaftliche Mehrheit unverstandene und inkonsistente Zahlen und Statistiken als „Fakten“ identifiziert, und der Blindheit, mit der sie dekretiert, man müsse „der Wissenschaft“ bedingungslos vertrauen, wobei sie mittlerweile sogar bereit ist, ihre eigenen Kinder für ein de facto gentechnisches Experiment zur Verfügung zu stellen, während dieselbe Gentechnik von den meisten bis heute (zu Recht) nicht einmal in Lebensmitteln akzeptiert wird.[20]

Gerade auch die Kritik an den in der Corona-Krise zu neuen Höhen aufgestiegenen und in immer absurderer Gestalt auftretenden Formen des „Zahlenfetischs“ mitsamt den Bornierungen und Deformationen des zugehörigen verdinglichten, nur noch quantifizierenden Denkens gehört zu den Essentials wert-abspaltungskritischer Theoriebildung. Der Umgang mit Zahlen und „Fakten“ im Kontext von Corona und die Verwendung und Interpretation von Statistiken in der politischen und medialen Kommunikation lässt sich unseres Erachtens nur noch mit dem Begriff einer „mathematisierten Scharlatanerie“[21] zureichend beschreiben.


 

2. Fortschreitende Abkoppelung von der Wirklichkeit


Postmodernes Denken und hier vor allem die wachsende Unfähigkeit zur Vermittlung von Quantitativem und Qualitativem ist Ursache und gleichzeitig Resultat eines zunehmenden Realitätsverlusts. Wenn nicht mehr adäquat vermittelt werden kann zwischen quantitativen und qualitativen Momenten, verliert man auch einen erheblichen Teil seines Welt- und Wirklichkeitsbezugs. Das kann sich z.B. darin äußern, dass man außerstande ist, eine angemessene Risikoabwägung vorzunehmen. Im Kontext von Corona zeigt sich das geradezu schlagend daran, dass viele Menschen offenbar selbst heute noch nicht in der Lage oder willens sind, die Gefährlichkeit des Coronavirus für sie realistisch abzuschätzen. Laut einer österreichischen Studie[22] sollen viele Menschen der Ansicht sein, ihr Sterblichkeitsrisiko liege im Falle einer Corona-Infektion bei 10-20 Prozent. Das trifft allenfalls auf Hochbetagte mit schweren Vorerkrankungen zu, ist aber für junge und mittelalte Menschen komplett daneben (das Sterberisiko für Unter-50-Jährige liegt praktisch bei null[23]). Vor allem jüngere Menschen neigen offenbar zu einer völlig realitätsfernen Überschätzung ihres individuellen Risikos bis um den Faktor 50 oder 60.

Nicht zuletzt die jüngste Omikron-Hysterie – u.a. abzulesen an der nicht geringen Zahl an Leuten, die selbst im Freien mit Maske herumlaufen, wobei sich diese abermals überdurchschnittlich stark aus Personen jener Altersgruppen zusammensetzen, die schon vor Omikron kaum gefährdet waren – spricht in diesem Zusammenhang Bände. Gemessen an der geringen Pathogenität, die bei Omikron nur noch im Bereich einer banalen Erkältung zu liegen scheint[24], sind dies hochgradig irrationale Reaktionen und Verhaltensweisen, die bis vor relativ kurzer Zeit höchstens Kopfschütteln ausgelöst hätten und zum Teil vielleicht sogar mit der Empfehlung einer psychiatrischen Behandlung quittiert worden wären. Heute gilt dies hingegen als „normal“, und psychisch auffällig ist allenfalls derjenige, der solches Verhalten als merkwürdig oder gar lächerlich empfindet.


Begünstigt bzw. richtiggehend produziert werden solche Fehleinschätzungen und irrationalen Reaktionen natürlich auch durch eine entsprechend irreführende und Panik verbreitende mediale und politische Kommunikation. Zugleich kann aber diese mediale und politische Angstmache überhaupt nur deshalb so gut funktionieren, weil ein Gros der Bevölkerung aufgrund ihrer weit vorangeschrittenen, nicht zuletzt durch kulturindustrielle Verdummung zusätzlich beförderten Abkoppelung von der Realität in hohem Maße manipulierbar ist. Die inhaltlichen und logischen Anforderungen an die Manipulation scheinen dabei, wie ein Blick auf die Qualität der medialen Berichterstattung während der Pandemie beweist, nicht mehr allzu hoch zu sein. Wenn irgendwelche Zahlen, wie zusammenhanglos auch immer, nur hinreichend prominent in einen ansonsten journalistisch minderwertigen, aber dafür sensationsheischenden und allenfalls noch mit irreführendem, aber dramatischem Bildmaterial angereicherten Text integriert werden, um die im postmodernen Krisensubjekt bereits latent angelegte Angst ausreichend zu triggern, lässt sich dieses mittlerweile anscheinend nahezu alles einreden, um sich anschließend – zumal in linksliberalen Milieus mit ihrer bedingungslosen Staats- und Wissenschaftsgläubigkeit – „unter den Fittichen eines repressiven Apparates“[25] zu verkriechen. Zum Teil wird die mediale und politische Angst- und Panikmache wohl auch selbst von Leuten betrieben, die ebenfalls unter den entsprechenden Denk- und Wahrnehmungsschwächen leiden. Es besteht also kein zwingender Grund anzunehmen, dass die offiziellen Corona-Zahlen und ihre öffentliche Kommunikation ausschließlich Gegenstand und Resultat medialer und politischer Manipulationen sind. Zu einem nicht geringen Teil sind sie letztlich wohl selbst das Produkt von Inkompetenz und einem verloren gegangenen Realitätsbezug der verantwortlichen Personen. Die „chief futurists“ des World Economic Forum (WEF) erklären den Realitätsverlust übrigens bereits zur Tugend und die „diminished reality“ zu einer Säule zukünftiger technologischer Menschenverwaltung („Global Technology Governance“).[26]


Von Hannah Arendt ist ein Zitat überliefert, dessen Bedeutung und Tragweite sich vielleicht erst heute völlig erschließt: „Die größte Gefahr der Moderne geht nicht von der Anziehungskraft nationalistischer und rassistischer Ideologien aus, sondern von dem Verlust an Wirklichkeit. Wenn der Widerstand durch Wirklichkeit fehlt, dann wird prinzipiell alles möglich.“

Was alles möglich ist, wenn die Menschen den Bezug zur Realität verlieren (und verlieren wollen?), das verdeutlicht auf erschütternde Weise der gesellschaftliche Umgang mit Corona. Was sich auf der Grundlage einer völlig verzerrten Wahrnehmung etwa im Zusammenhang mit der Impfung abspielt, ist schlicht bezeichnend und in einem Ausmaß erschreckend, das selbst wir (als durchaus so einiges gewöhnte kritische Gesellschaftstheoretiker) nicht für möglich gehalten hätten. Und es bleibt nur zu hoffen, dass die Schäden an Gesundheit und Menschenleben durch dieses de facto Experiment von globalem Ausmaß sich einigermaßen in Grenzen halten werden. Dass inzwischen sogar Kinder, deren Gefährdung durch eine Corona-Infektion – entgegen ständiger Behauptungen in Politik und Medien und sogar in wert-abspaltungskritischen Kreisen[27] – nachweislich minimalst ist[28], den Risiken dieser bis dato nur bedingt zugelassenen Impfungen ausgesetzt werden, ist im Grunde nur noch durch eine bösartige Mischung aus Irrationalität und Korruption zu erklären. Selbst eine so von „Interessenkonflikten“ durchdrungene Institution wie die Ständige Impfkommission (STIKO) hatte offenbar zunächst ernsthafte Skrupel, eine Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche abzugeben – und das ist durchaus bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass solche Gremien ansonsten fast alles empfehlen, was die Pharmaindustrie auf die Menschheit loslässt. Für ihre Zurückhaltung wurde die STIKO dann auch noch öffentlich angefeindet – sie würde auf fahrlässige Weise „Verunsicherung“ in der Bevölkerung stiften.[29] So weit ist die Verblendung und der Realitätsverlust, aber auch die Korruption des bürgerlichen Wissenschaftsbetriebs inzwischen gediehen, dass von wissenschaftlichen Einrichtungen gar nichts anderes mehr erwartet wird, als noch die fragwürdigsten politischen Vorhaben gefällig abzunicken.



3. Verzerrte Wahrnehmung von Nutzen und Schaden der Maßnahmen


Die virulente Realitätsverdrängung und -verleugnung zeigt sich besonders eindrucksvoll auch an jenem Punkt, an dem sich die Geister in den Corona-Debatten seit zwei Jahren vielleicht am meisten scheiden – der Notwendigkeit, Effektivität und Angemessenheit der zur Pandemiebekämpfung ergriffenen Maßnahmen. Eine nur selten in der Corona-Diskussion adäquat zur Kenntnis genommene, weil unangenehme Tatsache ist, dass eine Epidemie bzw. Pandemie eine Gesellschaft immer und unweigerlich vor schlechte Alternativen stellt. Man kann entweder mit Maßnahmen zurückhaltend sein und riskiert dabei vielleicht, dass mehr Menschen an der Krankheit sterben als notwendig bzw. vermeidbar wäre. Oder aber man ergreift rigide Eindämmungsmaßnahmen, legt das gesellschaftliche Leben weitestgehend lahm und verzögert die Ausbreitung eines Keims. So schützt man vielleicht eine mehr oder weniger große Zahl an Menschen vor Erkrankung und Tod, verursacht dafür aber andere gesellschaftliche Schäden und gefährdet dadurch ebenfalls Menschenleben. So oder so geht eine solche Situation also nie ohne Schäden ab, und man käme, ein Mindestmaß an Frustrationstoleranz vorausgesetzt, nicht daran vorbei, Schaden und Nutzen von Maßnahmen (wie auch ihres Unterlassens) sorgfältig gegeneinander abzuwägen. Auch eine emanzipierte, postkapitalistische Gesellschaft würde im Falle einer Epidemie wohl nicht darum herumkommen, derartige (im Kern eigentlich utilitaristische) Schaden-Nutzen-Abwägungen vorzunehmen, und man kann nur hoffen, dass eine solche Gesellschaft diese Abwägungen klug und realitätsgerecht vornimmt. Ein solches Abwägen müsste ein dynamischer, auf permanente Selbstkritik ausgelegter Reflexionsprozess sein, da sich ja ein gesellschaftliches Krankheitsgeschehen ebenso zu einem gewissen Grad unvorhersehbar verhält wie die Wirkung der Maßnahmen dagegen.


Bei Corona drängt sich hingegen oft der Eindruck auf, dass man sich genau um dieses Problem herumdrücken möchte und die Menschen, insbesondere vehemente Maßnahmenbefürworter sowie die zeitweilig medial recht präsenten Zero-Covid-Propagandisten[30], offenbar zu glauben scheinen, man könne das eine ohne das andere haben, also den Nutzen von Maßnahmen ohne den durch sie verursachten Schaden. Umso beharrlicher müssen dann die Kollateralschäden der Lockdowns geleugnet oder kleingeredet werden. Auch das ist wohl ein Symptom der von uns beanstandeten Realitätsverleugnung im Zusammenhang mit der Corona-Krise, dass viele Leute bis hinein in die Linke und sogar in wert-abspaltungskritische Kontexte[31] offenbar ernsthaft glauben, in einer Pandemiesituation absolut Schaden vermeiden zu können, und dass die Schaden-Nutzen-Relation der Maßnahmen von vornherein eindeutig wäre und zugunsten der radikalen Viruseindämmung ausfiele, bloß weil Viruseindämmung pauschal mit „Gesundheitsschutz“ gleichgesetzt und die Pandemie partout nicht als das begriffen wird, was sie (auch) ist: ein komplexes gesellschaftliches Ereignis.

Für letzteres ist gerade Zero Covid das beste Beispiel: Eine Strategie wie Zero Covid wäre 1) ohne Bundeswehr auf der Straße (inzwischen eindrucksvoll belegt durch das in einen autoritären Hygiene-Polizeistaat mutierte Australien[32]), 2) ohne massive biopolitische Eingriffe in die Autonomie des Einzelnen, und schließlich 3) ohne ein sehr restriktives Außengrenzregime auf unbestimmte Zeit selbst in Deutschland kaum zu denken – von der Frage der Wirksamkeit solcher Strategien, angesichts des nicht gerade evidenzbasierten Maßnahmenportfolios, ganz abgesehen. Eindimensionale und entsprechend unterkomplexe Konzepte wie Zero Covid gehen den Leuten also, so unsere These, nur deshalb so leicht und ohne jegliche kognitive Dissonanz von der Hand, weil sie eine adäquate Schaden-Nutzen-Abwägung eben konsequent vermeiden, nur den vermeintlichen Nutzen sehen wollen und den Schaden ausblenden (oder unter leider nicht vermeidbare und notwendige „Kollateralschäden“ subsumieren). Wie borniert diese Denke ist, zeigt sich insbesondere daran, dass man Personen, die das aus guten Gründen anders sehen und vor den zu erwartenden Schäden der Corona-Politik warnen, ohne jeden Skrupel und ganz selbstverständlich als Zyniker, wenn nicht gar als unsolidarische Gefährder, Sozialdarwinisten und potentielle „Mörder“ denunziert, während man sich auf der anderen Seite nicht entblödet, diejenigen, die wie befohlen brav daheim im Lockdown sitzen und sich vom Pakistani die Pizza liefern[33] (und von der Freundin servieren) lassen, medial zu „Helden“ der Pandemiebekämpfung zu stilisieren[34], ohne an jene Menschen, die unter den Lockdownschäden zu leiden haben und oft genug auch mit ihrem Leben bezahlen müssen, auch nur einen Gedanken zu verschwenden.


Diese auf groteske Weise verzerrte Wahrnehmung von Nutzen und Schaden von Maßnahmen wiederholt sich in fast noch aberwitzigerer Form mit der Impfkampagne. Von Anfang an wurde die Impfung als „einziger Ausweg aus der Pandemie“ gerahmt[35], selbst als noch lange kein Impfstoff in Sicht war. Ebenso unmissverständlich wie engstirnig dekretiert wurde von Anfang an, dass möglichst jeder Mensch auf dem Planeten geimpft werden müsse, um die Pandemie erfolgreich zu bekämpfen[36], obwohl noch nichts über das genaue Wirkungsprofil der Impfstoffe bekannt und insbesondere noch nicht absehbar war, ob eine Durchimpfung der gesamten Bevölkerung (und nicht nur von Risikogruppen) überhaupt eine sinnvolle Strategie sein würde (so etwa bei Gewährleistung einer sterilen Immunität, die auch die Übertragung des Virus unterbindet). Skeptiker oder auch einfach nur das Vorsorgeprinzip in Erinnerung Rufende, die auf eine individuelle sowie gesellschaftliche Abwägung von Nutzen und Risiko bestehen, wurden und werden bis heute mit echten Spinnern in einen Topf geworfen, die hinter der Impfkampagne ein genozidales Bevölkerungsreduktionsprogramm oder eine Verschwörung von Bill Gates zwecks heimlicher Implantierung von Mikrochips vermuten. Sie werden als „Aluhutträger“ und „Wissenschaftsleugner“ denunziert, weil sie zu bezweifeln wagen, was zu Beginn der Impfkampagne entgegen allen Beteuerungen eben noch keineswegs wissenschaftlich erwiesen sein konnte – nämlich die Wirksamkeit und Sicherheit der auf einer neuartigen, noch nie in großem Stil an Menschen erprobten Technologie beruhenden genetischen Impfstoffe.[37]


Inzwischen, da sich die Bedenken der Skeptiker als zumindest nicht ganz unberechtigt erwiesen haben, nimmt der Impfdruck trotzdem (oder deswegen?) immer weiter zu. An der Impfung als einzigem „Ausweg“ wird umso starrsinniger festgehalten, je mehr sich der Ausweg als Irrweg erweist. Mittlerweile verabreichen etliche Länder bereits die vierte Impfdosis innerhalb eines Jahres, da sich die Wirksamkeit der Impfung als zu kurzlebig, um schwere Erkrankungen längerfristig zu verhindern, und die Immunität (aufgrund der Codierung der mRNA-Impfstoffe auf ein einziges Protein des Virus) als zu schmalbandig erwiesen hat, um Infektionen überhaupt in relevantem Ausmaß zu reduzieren. Wer verschiedene Länder anhand ihrer Impfquoten und ihrer jeweiligen Inzidenzraten vergleicht, ist praktisch außerstande, irgendeinen Vorteil zugunsten der Länder mit hohen Impfquoten zu erkennen. Eher noch gehören die „durchgeimpften“ Länder zu jenen mit den höchsten Inzidenzen. Dies war bereits bei Delta so[38] und wiederholt sich heute bei Omikron auf noch höherer Stufenleiter (siehe etwa Länder wie Dänemark, England, Spanien oder Portugal).[39] Geimpfte – insbesondere solche aus der Gruppe der überzeugten „Coronisten“ – verfallen zum Teil geradezu in magisches Denken, um trotz sogenannter „Impfdurchbrüche“ nicht von ihrem Glauben an die hohe Wirksamkeit der Impfung abfallen zu müssen: 30- bis 40-jährige „durchgeimpfte“ Personen, die auch ohne Impfung ein verschwindend geringes Risiko für einen schweren, geschweige denn tödlichen Krankheitsverlauf gehabt hätten, versichern einem nach überstandener Durchbruchsinfektion mit deutlichen Symptomen eines grippalen Infekts, dass sie diesen zwar unangenehmen, aber letztlich günstigen Verlauf nur der Impfung zu verdanken hätten, und sie möchten sich nicht vorstellen, wie die Sache ohne Impfung für sie ausgegangen

wäre.[40] Und dabei handelt es sich noch um die harmlose Variante: Andere kompensieren ihre Frustration darüber, dass ihre Wissenschaftsgläubigkeit und ihr bedingungsloser Gehorsam sie entgegen allen Versprechungen noch nicht raus aus der Pandemie geführt hat, indem sie (wieder einmal) eine konsequente Eindämmungspolitik gegen die sich abzeichnende „Omikron-Wand“ und ein hartes staatliches Durchgreifen gegen „gewaltbereite Impfgegner“ fordern.[41]


Darüber hinaus – und solcher verzweifelten Realitätsverleugnung zum Trotz – scheint sich zunehmend zu bestätigen, dass es sich bei Omikron um eine Escape-Mutation[42] handelt, die gerade infolge des erhöhten Selektionsdrucks durch eine mäßig wirksame, aber massenhaft verabreichte Impfung ohne sterile Immunität entstanden sein dürfte[43], wodurch das Virus die impfinduzierte Immunität zu umgehen vermag. Nicht zufällig verzeichnen geimpfte Personen – wie im Grunde sogar die Daten des RKI[44], insbesondere aber die wesentlich valideren Daten von Ländern wie Großbritannien[45] nahelegen – unter den Bedingungen von Omikron höhere Infektionsraten als Nicht-Geimpfte, was wiederum die explodierenden Inzidenzen in Ländern mit hoher Impfquote erklären würde. Trotz dieser nicht mehr zu leugnenden Faktenlage wird in Österreich und Deutschland mehr denn je auf eine allgemeine Impfpflicht bestanden, die unter diesen Bedingungen (so dies überhaupt jemals der Fall gewesen sein sollte) keinerlei sachlich begründbaren Nutzen hat und gar nicht haben kann.

Die gar nicht so seltenen und teilweise schwerwiegenden Impfnebenwirkungen werden, ebenso wie die fragliche und zunehmend schrumpfende Wirksamkeit der Impfstoffe, geleugnet, wo es nur geht, und auf behördlicher Ebene zum großen Teil nicht einmal systematisch erfasst, geschweige denn umfassend untersucht.[46] „Die Impfung ist wirksam und sicher“[47] – wer etwas anderes behauptet, ist bestenfalls ein irrationaler und wissenschaftsfeindlicher „Impfgegner“. Was einem bei COVID-Toten noch regelmäßig die Titulierung als „Zyniker“ oder „Coronaleugner“ eingebracht hat, nämlich der Hinweis auf das hohe Alter und/oder die schweren Vorerkrankungen der Verstorbenen, ist bei Toten „im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung“ Standard und wird bei keinem mutmaßlich an den Folgen der Impfung Verstorbenen je vergessen zu erwähnen.[48] Myokarditis, eine der bekannteren Nebenwirkungen der Impfung, die vor allem junge, durch Corona praktisch nicht gefährdete Menschen betrifft[49], galt bis vor zwei Jahren aufgrund einer relativ hohen Wahrscheinlichkeit für Langzeitfolgen (Herzinsuffizienz) ohne Diskussion als schwerwiegende Erkrankung.[50] Im Zusammenhang mit den mRNA-Impfungen wird dieses Krankheitsbild heute nach Kräften verharmlost mit dem Hinweis, die Erkrankungen würden überwiegend „milde verlaufen“. Geradezu perfide sind kalmierende Behauptungen, wonach das Risiko einer Myokarditis nach einer Impfung deutlich geringer sei als nach einer Corona-Infektion.[51] Unterschlagen wird dabei, dass das Risiko junger Menschen, sich zu infizieren und einen schweren Krankheitsverlauf mit Langzeitfolgen zu erleiden, ziemlich gering ist, während sie das volle, wenn auch ebenfalls nicht hohe Risiko bei jeder verabreichten Corona-Impfung eingehen – und dies noch dazu ohne jede medizinische oder epidemiologische Notwendigkeit. Aber besser eine impfinduzierte Myokarditis mit potentiellem Herzschaden als Long Covid – so scheint die Logik der „Coronisten“ und ihrer Impfpropaganda zu lauten.


Auch hier zeugen die gesellschaftliche Diskussion und das Verhalten der Menschen von einer völlig verzerrten Wahrnehmung von potentiellem Nutzen und Schaden der Impfung als Maßnahme im Kampf gegen die Pandemie. Was für alte und vorerkrankte Menschen als „Risikogruppen“ ein akzeptables Nutzen-Risiko-Verhältnis sein mag, weil ihr Risiko, durch Corona Schaden zu nehmen, in vielen Fällen erheblich größer sein dürfte als das Risiko eines Impfschadens, wird stur und unterschiedslos (und mit der Impfpflicht sogar zwangsweise) auf die gesamte Bevölkerung übertragen – auch auf junge Menschen und selbst auf Kinder, deren Risiko, schwer an Corona zu erkranken, geschweige denn daran zu versterben, sich in einem statistisch kaum noch messbaren Bereich bewegt. Und während man bei Lockdowns immerhin noch einräumen könnte, dass deren möglicher Nutzen zu Beginn der Pandemie zumindest diskutabel war, hinterlässt die politisch durchgesetzte Massenimpfstrategie längst und leicht erkennbar nur noch verbrannte Erde – sei es im Hinblick auf die nicht zu vernachlässigenden Nebenwirkungen und Impfschäden, sei es durch die gefährliche Hetze gegen Ungeimpfte und das dadurch noch weiter aufgeheizte soziale Klima, oder sei es des möglicherweise irreparablen Schadens wegen, den das Konzept „Impfung“ – an sich ja ein bewährtes und bei einigen Krankheiten sicher sinnvolles medizinisches Instrument – durch diese Kampagne in nicht unerheblichen Teilen der Bevölkerung erleiden dürfte. Und all das für eine Impfung, deren Nutzen diesen Schaden schon allein mit Blick auf ihr Wirkungsprofil niemals aufwiegen können wird.



4. Die Corona-Krise als „historisches“ Ereignis


Im Hinblick auf das auffällig konforme und unkritische Verhalten vor allem vieler junger Menschen in der Corona-Krise, insbesondere solchen aus den (links)liberalen Mittelschichten, ist vielleicht auch ein Generationenspezifikum in Betracht zu ziehen: Die heutigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in den 1990ern oder noch später geboren wurden, erleben in der Corona-Krise zum ersten Mal in ihrem Leben etwas „Historisches“. An 9/11 können sich die meisten von ihnen vermutlich gar nicht mehr erinnern, geschweige denn an 1989. Das darf man wahrscheinlich nicht unterschätzen. Das bereits angesprochene postmoderne Denken, das ja auch ein extrem ahistorisches Denken ist, kommt noch erschwerend hinzu. Nun haben schon die meisten Menschen, wie es Robert Kurz einmal ausdrückte, das historische Gedächtnis eines Dreijährigen, und in der jungen, in das postmoderne Vakuum des neoliberalen Krisenkapitalismus hineinsozialisierten Generation scheinen sich die Fähigkeiten, historische Bezüge herstellen zu können, immer noch weiter zu verflüchtigen. Wenn wir etwa an heutige Studierende denken, die – wie wir aus eigener leidvoller Erfahrung aus der akademischen Lehre bestätigen können – häufig nicht einmal wissen, in welchem Jahr der Zweite Weltkrieg geendet hat, dann ist das schon bezeichnend und vielsagend, und man braucht sich eigentlich nicht zu wundern, wenn diese Menschen mit der historischen Kontextualisierung einer Situation wie der Corona-Krise heillos überfordert sind. Denn ein fehlender Bezug zur Geschichte – der eigenen wie der gesellschaftlichen – ist eben auch ein Mangel an Wirklichkeit.[52]


Aus solcher Geschichts- und Wirklichkeitslosigkeit rekrutiert sich denn auch eine Maßnahmenkritikern und Impfskeptikern mit Internierung und Durchimpfung drohende Antifa, bei deren „Antifaschismus“ es einem nur noch kalt den Rücken hinunterlaufen kann, da sich hier auf besonders verquere und so wohl nicht vorhergesehene Weise die Prophezeiung des italienischen Linksintellektuellen Ignazio Silone zu bewahrheiten scheint, der einmal gesagt haben soll: „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus.‘ Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus.‘“[53]



5. Corona als Projektionsfläche für peinigende Abstiegs- und Zukunftsängste


Postmodernes Denken und ein daraus resultierender Realitätsverlust stehen ihrerseits im Verbund mit zunehmenden gesellschaftlichen Krisentendenzen, die den Druck sowohl auf das Individuum als auch auf die Gesellschaft stetig erhöhen. Die Nerven liegen daher auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen bereits ziemlich blank. Eine Reaktionsform auf die zunehmende Krisendynamik besteht in der Verdrängung derselben und im zwanghaften Festhalten an den überkommenen kapitalistischen Formen. Diese Verdrängung von Krisenprozessen kommt im Kontext von Corona unseres Erachtens, wie gesagt, nicht nur bei Maßnahmenkritikern zum Vorschein, die ihren „normalen“ kapitalistischen Alltag wiederhaben wollen, sondern auch auf anderer Seite bei den „Coronisten“, die ihre (objektiv begründbaren) Zukunftsängste und existenzielle Verunsicherung gewissermaßen mit AHA-Regeln abzuwehren versuchen und über den Umweg der Eindämmung eines imaginierten Killervirus nun offenbar die Welt zu retten glauben, während ansonsten alles andere (mehr oder weniger) so bleiben darf wie es ist. Nur halt ein bisschen grüner und „enkeltauglicher“ soll es schon sein in der herbeigeimpften Solidargemeinschaft. Gerade auch die von einigen so heiß ersehnte Impfung ist ja in erster Linie ein Ticket für die Rückkehr in die kapitalistische „Normalität“ und wird nicht zufällig auch ausdrücklich so gerahmt. Immerhin hat selbst der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn im August 2021 die Parole ausgegeben: „Wir impfen Deutschland zurück in die Freiheit“.[54] Die Sehnsucht nach einer Rückkehr zur „kapitalistischen Normalität“ ist also alles andere als ein exklusives Charakteristikum von Maßnahmenkritikern und „Coronaleugnern“.


Der Wunsch nach der Rückkehr zu einem angstfrei(er)en, weniger zerrütteten gesellschaftlichen Zustand, den die meisten ja vor dem März 2020 mehr oder weniger erlebt haben, ist dabei freilich nicht schon pauschal als verwerflich zu erachten. Denn ein solcher Wunsch stellt ja gewissermaßen die Bedingung der Möglichkeit für eine emanzipierte, freie Gesellschaft dar, die sich u.a. dadurch auszeichnen würde/müsste, dass sie sich ein rationaleres Verhältnis zur Realität zurückerobert. Hingegen verdeutlichen die „Coronisten“ wie auch manche in Verschwörungsideologien abgleitende Maßnahmenkritiker gerade sehr eindrucksvoll, welche perversen Formen dieser Wunsch annimmt, wenn er bewusstlos bleibt und nicht durch eine radikale Gesellschaftskritik hindurchgeht. Gerade auch der autoritäre Konformismus unter den „Coronisten“, insbesondere jenen aus der jungen Generation, resultiert primär aus einem krisenbedingten identitären Bedürfnis, das sich an die Maßnahmen und deren Befolgung heftet. Endlich sind „wir“ ein (pseudo)solidarisches Kollektiv, das gemeinsam gegen eine globale Bedrohung kämpft, und die Teilhabe am Kollektiv kann darüber hinaus sehr leicht nach außen hin demonstriert, quasi veräußerlicht werden, etwa durch das Maskentragen oder mittlerweile durch das Impfen. Die „sozialen Medien“ waren eine Zeit lang voll mit Postings vor allem junger Menschen, die ein Foto von sich mit Pflaster am Oberarm online stellten und mit anderen „teilten“, um so ihre Zugehörigkeit zur großen Impfgemeinschaft zur Schau zu stellen. Umso aggressiver reagiert man dann natürlich auf diejenigen, die sich durch Missachtung der Regeln außerhalb dieses Kollektivs stellen, etwa sogenannte Masken- und Impfverweigerer. Und am Allerschlimmsten sind aus dieser Perspektive diejenigen, die versuchen, mit Argumenten und „Fakten“ an den Grundlagen dieses identitätsstiftenden Kollektivs zu rütteln. Auch das erklärt die oftmals blinde Wut und offene Aggression, die sich gegen Maßnahmenkritiker und „Coronaleugner“ richtet.


Ein weiterer Aspekt der krisenbedingten Nervenzerrüttung in Individuum und Gesellschaft besteht sodann in einer erhöhten Anfälligkeit für Überreaktionen. Auch das gilt vielleicht wieder in besonderem Maße für die (möglicherweise zu Recht) „beleidigte“ junge Generation[55], insbesondere aus den linksliberalen Milieus, und ihr vermeintlich bedingungsloses Anrecht auf „safe spaces“. Realitätsverdrängung bzw.

-verlust, zusammen mit einer Neigung zu Überreaktionen im Angesicht wachsender gesellschaftlicher Krisenzustände, Abstiegsängste, Standesdünkel und linksidentitäre „Wokeness“ – dies scheint ein toxisches Gemisch zu sein, das Verlauf und Ausprägung der Corona-Krise zumindest in den reichen Staaten des Westens maßgeblich mitbestimmt.


 

6. Corona-Politik als irrationale Flucht nach vorn


Verstärkt oder begünstigt wird eine Entwicklung wie die der Corona-Krise natürlich auch durch ganz banale politische Faktoren. Die Politik ist aufgrund einer (unseres Erachtens) massiven gesellschaftlichen Überreaktion auf ein mäßig gefährliches pandemisches Geschehen in eine hochriskante Lockdownstrategie hineingelaufen, aus der sie ohne Gesichtsverlust selbst dann nicht mehr so einfach herauskommen hätte können, wenn den Entscheidungsträgern die Überreaktion und insbesondere die Schädlichkeit der ergriffenen Maßnahmen irgendwann klar zu Bewusstsein gekommen sein sollte (und dass die meisten Maßnahmen, insbesondere Lockdowns, mehr schaden als nutzen, konnte man spätestens seit Juni 2020 wissen). Ihr blieb also wie zumeist nur die Flucht nach vorn. Manches lässt vermuten, dass es vielen zumindest ab einem gewissen Zeitpunkt mehr oder weniger bewusst geworden ist, denn im Laufe der Zeit ist die Durchsetzung der Maßnahmen in dem Maße autoritärer geworden, wie die Maßnahmen rational immer weniger begründbar waren und tatsächlich auch immer weniger begründet wurden. Anderes erweckte hingegen den Eindruck, dass manche Politiker vielleicht doch eher Opfer ihres eigenen panikverbreitenden Narrativs geworden sind und selbst den Bezug zur Realität weitgehend verloren haben, so z.B. in Deutschland die Einführung der „Bundesnotbremse“ oder in Österreich die Beschließung der Impfpflicht sowie deren Begründungen. So manche werden mit der Zeit aber auch Gefallen gefunden haben an den autoritären Durchgriffsrechten, die sie sich selbst verliehen haben. Hier gibt es übrigens den gleichermaßen schlichten wie extrem bitteren Aspekt an der Sache, dass die in ihren Fehlentscheidungen besonders sturen und autoritären Politiker beim Stimmvieh oft besonders beliebt sind (siehe z.B. den bayrischen Ministerpräsidenten Söder). Es gibt, wenn man das in Rechnung stellt, also allein aus der bornierten Logik des postmodernen Politbetriebs keinen Grund, irgendwie realitäts- oder evidenzbasiert zu handeln, wo doch häufig das Gegenteil belohnt wird. Das gilt zumindest für gewisse Phasen im Krisenprozess.


Die politische Borniertheit, einen einmal eingeschlagenen und bereits so weit gegangenen Weg auf Gedeih und Verderb fortzusetzen, selbst wenn sich dieser an der Realität längst blamiert hat, kann gegenwärtig eindrucksvoll (und abermals) an der Impfkampagne besichtigt werden. In Deutschland wird laut über eine allgemeine Impfpflicht debattiert, in Österreich ist eine solche sogar bereits seit 1. Februar 2022 in Kraft. Und an diesen Plänen wird bislang stur festgehalten, obwohl sich nicht mehr verbergen lässt, dass die Impfstoffe nicht annähernd halten, was versprochen wurde. Auch Geimpfte können selbst nach einer „Booster-Impfung“ an COVID-19 erkranken[56], sie sind weder davor geschützt, sich zu infizieren, noch das Virus an andere weiterzugeben.[57] Und selbst der offenbar bis zu einem gewissen Grad tatsächlich gegebene Schutz vor schweren Verläufen hält nur wenige Monate vor.[58] Unter den Bedingungen der Omikron-Variante wird das Vorhaben einer Impfpflicht endgültig grotesk, ist doch die ohnehin schon fragliche Impfwirksamkeit bei Omikron nochmals deutlich reduziert[59], während Omikron, wie bislang alle Daten aus verschiedenen Ländern zeigen, deutlich weniger pathogen ist als frühere Varianten und die Gefährlichkeit offenbar nur mehr im Bereich eines grippalen Infekts liegt.[60]


Die Beharrlichkeit, mit der an der Impfstrategie bis hin zu einer allgemeinen Impfpflicht festgehalten wird, unterstützt weithin als „Verschwörungstheorien“ verunglimpfte Mutmaßungen, wonach mit der Corona-Impfung inzwischen längst (wenn nicht von Anfang an) auch andere Absichten verfolgt werden als eine effektive Pandemiebekämpfung oder gar die „Gesundheit“ der Bevölkerung. Zu nennen ist hier insbesondere die Durchsetzung des „Grünen Passes“ als Vehikel für die flächendeckende Einführung einer „digitalen Identität“[61] mitsamt den dadurch eröffneten technologischen Möglichkeiten zur Überwachung und Kontrolle der Bevölkerung.[62] Zunehmende Überwachung und Kontrolle, in Verbindung mit einer fortschreitenden Punitivierung des Strafrechts, sind als Strategien der Funktionseliten im Rahmen der kapitalistischen Krisenverwaltung, die eigene von ökonomischer „Überflüssigkeit“ betroffene oder bedrohte Bevölkerung in Schach zu halten, seit vielen Jahren erkennbar.[63] Mit dem „Grünen Pass“ und ähnlichen digitalen Kontrollinstrumenten wird die Krisenverwaltung auf ein neues, technologisch zeitgemäßes Niveau gehoben und damit wesentlich kostengünstiger und effizienter zu bewerkstelligen.


Besagte Schwierigkeit, in der Sackgasse, in die man gelaufen ist, wieder kehrtzumachen, macht es unseres Erachtens auch recht unwahrscheinlich, dass es jemals zu einer ordentlichen kritischen Aufarbeitung der Corona-Krise kommen wird, da es im Grunde keine gesellschaftliche Instanz mehr gibt, die diese Aufarbeitung leisten könnte. Es haben ja fast alle mitgemacht (inkl. der Linken, der Wissenschaft, der Justiz), dementsprechend müssten sich die meisten Akteure und Institutionen im Zuge einer Aufarbeitung selbst belasten. Daran wird niemand ein großes Interesse haben – am allerwenigsten die Politik. Umso wichtiger, dass seitens der Wert-Abspaltungskritik zu einer kritischen Aufarbeitung beigetragen wird – was auch immer die Ergebnisse und Schlüsse daraus sein werden.



7. Der Krisenkapitalismus als Bedingung der Möglichkeit radikaler Lockdown-Strategien


Im weiteren Sinne zu politischen Faktoren zu rechnen sind auch einige Entwicklungen und Tendenzen des Krisenkapitalismus, die einen gesellschaftlichen und politischen Umgang mit einer Pandemie, wie wir ihn seit zwei Jahren beobachten können, wahrscheinlich überhaupt erst möglich gemacht haben, insbesondere die Verhängung von Lockdowns und das damit verbundene Herunterfahren weiter Teile der Wirtschaft. Gerade diese politischen Maßnahmen waren aus einer radikal kapitalismuskritischen Perspektive mitunter am schwersten einzuordnen, schienen diese doch prima vista der kapitalistischen Verwertungslogik und damit den „Naturgesetzen der kapitalistischen Produktionsweise“ (Marx) diametral zuwiderzulaufen. Dass das nicht oder jedenfalls nicht durchgehend der Fall ist, kann bereits daran festgemacht werden, dass zwar große Teile der Wirtschaft, insbesondere Klein- und Mittelbetriebe, durch die Lockdown-Politik schwer getroffen wurden, einige Kapitalfraktionen und vor allem Großkonzerne jedoch zu den mit Abstand größten Gewinnern der Corona-Krise gehören, insbesondere solche aus dem Bereich der Digitalindustrie, der Pharmaindustrie und des Online-Handels. Mehr denn je wurde also in der Corona-Krise ersichtlich, dass es „die Wirtschaft“ nicht gibt, sondern nur die altbekannte Anarchie divergenter, auf dem Markt aufeinanderprallender Kapitalinteressen und daher selbst in einer Situation wie einer Pandemie – ähnlich wie im Krieg[64] – (wenige) Gewinner und (viele) Verlierer. Dieser Gegensatz zwischen den „wenigen“ (Nutznießern) und den „vielen“ (Opfern) entsteht letztlich durch denselben Prozess, der an anderer Stelle „überflüssige“ Arbeitskräfte infolge von Automatisierung und Rationalisierung erzeugt.


Dass die Lockdowns dabei – wie auch innerhalb der wert-abspaltungskritischen Diskussion verschiedentlich angemerkt und zum Teil sogar zu einer zentralen Stoßrichtung der Kritik gemacht wurde – immanent betrachtet und im Hinblick auf eine effektive Eindämmungspolitik noch viel zu „inkonsequent“ waren, ist freilich durchaus zutreffend und beschreibt bei allen Unterschieden im Detail eine wesentliche weltweite Gemeinsamkeit der Maßnahmen: Primär aufrecht erhalten werden sollte überall die Produktion in bestimmten „systemnotwendigen“ Branchen und damit die Konkurrenzfähigkeit auf den Weltmärkten. Der Umfang der dafür notwendigen Kontakte am Arbeitsplatz übersteigt bei weitem alles, was sich im Freizeitbereich abspielt, wo sich die Politik getummelt und in absurdesten Details verfangen hat, aus denen sich dann der Unmut speist, der wiederum Maßnahmenkritiker und „Querdenker“ auf die Straßen treibt. Zu besichtigen war dies in kafkaesken behördlichen Anordnungen, an welchem Ort ab welcher Menschendichte welche Maske zu tragen sei, ob Restaurants eine Stunde früher oder später zu schließen haben, und derartiges wurde auch noch als „wirksam“ in einem (quantitativ) messbaren Sinn erklärt. Der mit der Omikron-Variante erfolgte Sprung der Infektiosität hat all dies endgültig als sinnlose Symbolpolitik entlarvt, deren Hauptziel von Anfang an war, so zu tun, als ob man etwas (im medizinisch-epidemiologischen Sinn Wirksames) täte.


Ein letztlich zwar nur gradueller, aber trotzdem relevanter Unterschied zwischen den westlichen und anderen, insbesondere asiatischen Industriestaaten bestand darin, dass despotische Elemente in den von Robert Kurz als „Entwicklungsdiktaturen“ bezeichneten Systemen nachholender Modernisierung es erleichterten, störende Partialinteressen zu unterdrücken. So konnte China bei dortigen Ausbrüchen eine Weile lang Betriebe, Industriegebiete (Häfen) oder ganze Städte wirklich vollständig und kontrolliert „schließen“. Das war freilich noch weit davon entfernt, was sich so manche hierzulande und auch innerhalb der wert-abspaltungskritischen Debatte[65] als weltweite befristete Quarantäne vorstellten, und vor allem beruhte es zu einem beträchtlichen Teil auf Zwang. Der Konflikt zwischen lokalen und übergeordneten (d.h. auf den Weltmärkten angesiedelten) Interessen erklärt die abrupten Kurswechsel und Stimmungsumschwünge, die immer wieder zu beobachten waren, vom völligen Verharmlosen bis Vertuschen der Seuche (anfangs auch in China) bis hin zum An-die-Wand-Malen einer neuen Pest. Unter anderem erklärt sich daraus vermutlich auch, weshalb mit wenigen Ausnahmen (im Westen: Großbritannien und Skandinavien) kaum irgendwo brauchbares Datenmaterial für wissenschaftliche Studien zu finden ist. Die mehr oder weniger zufällig anfallenden Daten wurden von Beginn an von diversen Seiten vorwiegend als Steinbrüche genutzt, aus denen sich Munition zur Verfolgung von Partialinteressen herstellen ließ. Dies begann damit, Masken erst als „kontraproduktiv“ und dann als äußerst wichtige Schutzmaßnahme hinzustellen – letzteres wohl nicht zufällig ab dem Moment, wo sich damit gut verdienen ließ und auch so mancher Politiker die Gelegenheit ergriff, sich selbst daran zu bereichern oder befreundeten bzw. der Partei nahestehenden Unternehmen an die entsprechenden Futtertröge zu verhelfen (siehe etwa die Maskendeals von Jens Spahn und Armin Laschets Sohn Johannes).[66]


Gleichwohl ist in der Corona-Krise und insbesondere in der historisch einmaligen und wie auch immer inkonsequenten und widersprüchlichen Lockdown-Politik auch eine qualitative Verschiebung zu konstatieren, die wiederum im Kontext des finalen Krisenprozesses zu sehen ist. Noch in den 1970er und 1980er Jahren wäre wohl noch niemand auf die Idee gekommen, das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben durch Lockdowns weitgehend lahmzulegen. In der Tat hat man z.B. bei früheren Pandemien wie der Asiengrippe 1957/58 und der Hongkong-Grippe 1968-70, die von der Größenordnung durchaus mit Corona vergleichbar waren, ganz anders reagiert und primär auf pharmazeutische Maßnahmen gesetzt. Auch technisch und geldpolitisch wäre dergleichen damals vermutlich nicht ohne weiteres möglich bzw. überhaupt denkbar gewesen. Hingegen haben die Funktionseliten nach dem Finanzcrash von 2008 offenbar die Erfahrung gemacht, dass massive Gelddruckerei eine einigermaßen gangbare Form des Krisenmanagements darstellt. Natürlich ist das eine Illusion, weil man den Zusammenbruch damit lediglich hinausschiebt und dabei die Fallhöhe noch beträchtlich hinaufschraubt (alleine das Niveau, auf das seit März 2020 infolge des Pandemiemanagements die EZB-Geldmenge angewachsen ist, ist schlicht schwindelerregend[67]). Dass also überhaupt eine derart weitreichende und sozial wie ökonomisch verheerende Lockdownstrategie, die flankiert werden musste durch gigantische „Hilfspakete“ und eine entsprechende Verschuldungspolitik, in Erwägung gezogen wurde bzw. überhaupt zur Verfügung stand, muss (auch) im Kontext fortschreitender Entwertungstendenzen in der historischen Krise des Kapitals gesehen werden.

Hinzu kommt in dem Zusammenhang sicherlich wieder die fortschreitende postmoderne „Virtualisierung“ und die damit einhergehende Abkoppelung von der Wirklichkeit, der insbesondere die postmoderne Desavouierung der „Wahrheit“ den Weg geebnet hat, sowie ein extrem verkürzter zeitlicher Horizont der Entscheidungsträger, wo es allenfalls noch um Monate zu gehen scheint und nicht einmal mehr um die üblichen Legislaturperioden.


Was übrigens in der Form auch neu ist – jedenfalls unserer Wahrnehmung nach – ist, dass inzwischen auch die Funktionseliten offen das Problem der ökonomisch „Überflüssigen“ ansprechen. Wurde die „Krise der Arbeit“ bis vor kurzem noch weitgehend geleugnet, scheint inzwischen vielen klar zu sein, dass die Welt zunehmend aus „Überflüssigen“ besteht, die man irgendwie verwalten und unter Kontrolle halten (oder sich ggf. auch ihrer entledigen) muss. Hier hat die Pandemie, so scheint es, die letzten Hemmungen, dies offen auszusprechen, hinweggespült. Wenn man sich z.B. die Ergüsse eines Klaus Schwab[68] zu Gemüte führt, so steckt darin schon eine recht deutliche und durchaus ernst zu nehmende Ansage. Nicht zuletzt auch hierzulande konnten während der Pandemie deutlich größere Bevölkerungsteile als bisher einen Vorgeschmack auf ihre Überflüssigkeit genießen, saßen daheim im Lockdown und durften sich vom Staat erhalten lassen. Dass sie wirtschaftlich und für die produktiven Abläufe des gesellschaftlichen Stoffwechsels mit der Natur eigentlich entbehrlich, ja teilweise eher sogar ein Ballast (weil nicht „systemrelevant“) sind, diese Erfahrung konnten seit März 2020 sicherlich viele Menschen machen, die sich das vorher noch nicht hätten vorstellen können/wollen. Auch das halten wir in der Form und dem Ausmaß für etwas qualitativ Neues – zumindest insoweit, als ein Prozess, den die Wert-Abspaltungskritik schon lange diagnostiziert, ziemlich rasch in ein neues Stadium eingetreten ist.[69]


 

8. Intellektueller Verfall und Korruption in Wissenschaft und Medizin


Ebenfalls als eigener Faktor zu berücksichtigen ist das bereits eher beiläufig angesprochene institutionalisierte System der bürgerlichen Wissenschaften, insbesondere das darin angelegte und in einer Epoche der „Hochleistungs-Detailforschung“ beinahe ubiquitär auftretende Fachidiotentum. Damit vermittelt ist wiederum ein ausgeprägtes Profilierungsbedürfnis der als „Experten“ gehandelten Personen, die ihre Stellung freilich oft genug eher gutem „boundary work“ als kompetentem Fachidiotentum verdanken. Gerade bei einer gesellschaftlichen Naturkatastrophe wie Corona (aber z.B. auch dem Klimawandel) erweist es sich dabei als gewaltiger Nachteil einer sowohl hinsichtlich ihrer Organisations- als auch ihrer Denkformen der Logik des Werts unterworfenen Wissenschaft, dass Interdisziplinarität als Erkenntnis- und Kommunikationsmodell, wie es in einer solchen Situation bitter nötig wäre, schnell an seine Grenzen stößt, da dies zusätzliche Ressourcen – Zeit und Geld – erfordern würde und in einem in immer mehr Spezialdisziplinen zergliederten akademischen Betrieb darüber hinaus auch massiv karrierehindernd und damit unattraktiv ist.


Zum Problem des in der Wissenschaft geradezu kultivierten Fachidiotismus kommt in der Corona-Krise noch hinzu, dass die „Experten“, die wir zu sehen bekommen, wiederum von der (bekanntlich diversen Lobbyinteressen nicht unzugänglichen) Politik gezielt aus einem ohnehin schon trüben Expertenpool herausgefischt werden. Diese „Experten“ bürgen in der Regel für eine interessengeleitete und stromlinienförmige Verengung der Probleme auf innerhalb der zur Verfügung stehenden Formen und Mittel verwaltbare (tatsächlich lösbar sind die Probleme im Kapitalismus heute ohnehin kaum mehr). Auch das kann im Corona-Kontext eindrucksvoll beobachtet werden, etwa mit Blick auf die Zusammensetzung der jeweiligen nationalen Corona-Taskforces: In erster Linie sind es Virologen, Physiker, „Komplexitätsforscher“ u.Ä., was eine entsprechende Verengung des Problems auf primär virologische und quantifizierbare Aspekte bedingt. Soweit es auch um Epidemiologie geht, beruht das zumeist auf den „Modellierungen“ von Leuten wie Neil Ferguson, Viola Priesemann oder in Österreich Niki Popper sowie Peter Klimek, deren Prognosen, die sie auf Basis ihrer „Modelle“ erstellen, sich im Nachhinein bisher fast immer als von bescheidener Aussagekraft, zum Teil auch als grotesk falsch erwiesen haben. Nach manchen Modellen hätten wir in Deutschland bereits im Jahr 2020 mehr als eine Million Corona-Tote verzeichnen müssen.[70] Das hat freilich niemanden daran gehindert, diese „Modellierer“ immer wieder und bis heute mit neuen „Modellierungen“ zu beauftragen und das politische Handeln an diesen auszurichten.


Mit Blick auf die „mathematisierte Scharlatanerie“ von Modellierern gilt im Kontext von Corona im Prinzip exakt dasselbe, was seitens der Wert-Abspaltungskritik immer wieder gegenüber mathematischen Modellen – wenn auch primär in ihrer Anwendung in der VWL – eingewendet wurde. Man braucht in einschlägigen Kritiken lediglich den VWL-Kontext zu entfernen und durch Corona zu ersetzen und kann ansonsten die Formulierungen nahezu unverändert übernehmen[71]: Schaut man sich die diversen Modelle zur Entwicklung des Infektionsgeschehens oder zur Beurteilung der Wirksamkeit von Corona-Maßnahmen an, „so kann festgestellt werden, dass Modellannahmen oft nicht ausgewiesen oder überprüft werden (…). Zudem werden Modellannahmen immer so gelegt“, dass sie im Corona-Kontext zwar freilich nicht „in das Konzept des Marktgleichgewichtes passen“, dafür aber der Regierungslinie und dem zugrunde liegenden Narrativ einer außerordentlich gefährlichen Seuche entsprechen. „Die Modellannahmen werden daher dergestalt gewählt“, dass Lockdowns, Maskenpflicht oder Impfungen wirksam sind und das Infektionsgeschehen ohne harte Eindämmungsmaßnahmen massiv zunehmen würde. „[W]ürden Modellannahmen ein wenig realistischer gewählt werden“, wäre das modellierte Infektions-, Krankheits- und Sterbegeschehen eventuell weniger dramatisch und die Wirksamkeit von Lockdowns, Masken, Impfungen usw. nicht so eindeutig oder womöglich gar nicht vorhanden. Und so wie VWL-Modelle und ihre Annahmen „ein ökonomisches Bild [vermitteln], das mit dem realen Kapitalismus, mit industrieller Massenproduktion usw. nichts zu tun hat“, so haben auch die Modellierungen im Kontext von Corona mit dem realen Pandemiegeschehen und mit der tatsächlichen Wirkung von Eindämmungsmaßnahmen und Impfkampagnen wenig bis nichts zu tun – weshalb sich die Modelle auch stets mehr oder weniger an der Realität blamieren.


Hier schlagen sich nicht nur die altbekannten positivistischen Bornierungen und intellektuellen Deformationen, sondern abermals auch besagte postmoderne Denkschwäche nieder: Für ein inhaltlich und formal anständiges und aussagekräftiges Modell bräuchte es Modellierer, die, erstens, Quantitatives und Qualitatives adäquat vermitteln können, und zweitens, sich daher auch der Grenzen ihres methodischen Instrumentariums bewusst sind, also wissen, wozu ein Modell taugt und wozu nicht bzw. vorgelagert noch: was sich sinnvoll „modellieren“ lässt und was nicht. Und durch beides zeichnen sich die meisten „Experten“ in dem Zusammenhang offenbar nicht gerade

aus.[72] Man könnte sagen, dass das gute alte „garbage in – garbage out“ der Informatik in der Corona-Krise zum Leitstern einer in offene Irrationalität übergehenden Gesellschaft geworden ist. Was schlussendlich mehr über letztere aussagt als über die intellektuellen und charakterlichen Defizite der zum Teil wohl auch schlicht käuflichen Modellierer-Kaste.


Ein geradezu eindrucksvoller Beleg für die mangelnde Sensibilität hinsichtlich der Möglichkeiten und Grenzen der eingesetzten wissenschaftlichen Mittel ist nicht zuletzt die epidemiologisch völlig sinnbefreite Massentesterei – wie sonst könnte eine derartige Strategie gewählt und als Grundlage für die Beurteilung des Infektionsgeschehens herangezogen werden, von der man weiß oder jedenfalls wissen müsste, dass man damit keinerlei validen Daten zu gewinnen vermag, die es einem erst erlauben würden, konsistente Maßnahmen daraus abzuleiten? Nicht bereits gänzlich korrumpierte Epidemiologen und Medizinstatistiker beklagen dies, wie bereits erwähnt, de facto seit Beginn der Pandemie. Zu allem Überfluss werden dann auch noch die zumeist ohnehin sehr wenigen kritischen Köpfe rasch aus den Taskforces entfernt bzw. so weit gebracht, sich selbst daraus zu entfernen, und oft genug auch medial diffamiert und unglaubwürdig gemacht. Beispiele dafür gibt es etliche.


Die Maßnahmen, die dann letztlich politisch umgesetzt werden, sind darüber hinaus nicht unbedingt identisch mit denen, die die beigezogenen „Experten“ empfohlen haben. Und sie haben nicht notwendigerweise (nur oder überhaupt) die intendierten Effekte. Damit wären wir zum einen wieder bei den „Kollateralschäden“, zum anderen aber auch bei so heftig umstrittenen Fragen wie der Wirksamkeit von Lockdowns. Das einzige, was wir mit Sicherheit von den Lockdowns wissen, ist, dass sie massive Schäden auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen anrichten. Ob der Nutzen im Sinne der Pandemiebekämpfung diese Schäden aufwiegt, ist fraglich[73] und je nachdem, was man alles in die Schaden-Nutzen-Bewertung mit einbezieht, sogar sehr unwahrscheinlich. Wenn man die Auswirkungen der Lockdowns in der kapitalistischen Peripherie mitberücksichtigt (Verdoppelung der Zahl der vom Verhungern Bedrohten auf über 270 Millionen[74], starke Zunahme der Kinder- und Müttersterblichkeit[75] etc.) ist evident, dass die Schäden den Nutzen bei weitem überwiegen dürften; zumindest, wenn man die Schäden bevorzugt in Toten rechnet und dabei jedes Menschenleben auf dem Planeten als gleichwertig ansieht. Viele der durch die Lockdownpolitik verursachten Schäden werden sich zudem erst im Laufe der nächsten Jahre zeigen.

 

Eine besondere Rolle für die konkrete Gestalt sowie Verlaufsform der Corona-Krise spielt freilich die moderne Medizin. Viele scheinen das inzwischen vergessen oder möglicherweise auch nie gewusst zu haben, aber die Medizin war schon lange vor Corona ein hochgradig korruptes Wissenschafts- und insbesondere Geschäftsfeld. Klinische Studien sind nicht erst seit der Corona-Impfung häufig das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben wurden. Datenmanipulationen, das statistische Verschwindenlassen von Nebenwirkungen, Bestechung und vielfältige Formen von Betrug gehören zum ganz normalen Gebaren der Pharmaindustrie, der mittlerweile die wissenschaftliche Prüfung der von ihr hergestellten und vertriebenen Arzneimittel überwiegend selbst überlassen wird.[76] Sogar staatliche Prüf- und Zulassungsbehörden sowie nationale Ärzte- und Impfgremien und deren Mitglieder sind zu großen Teilen durch die Pharmaindustrie und/oder Stiftungen wie die Bill & Melinda Gates Foundation finanziert oder erhalten zumindest in der einen oder anderen Form finanzielle Zuwendungen (der herrschende Euphemismus hierfür heißt „Interessenkonflikt“).[77] Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA), die innerhalb der EU für die Zulassung von Medikamenten und Impfstoffen zuständig ist, wird zu 86 Prozent durch Big Pharma finanziert.[78] Iatrogene Effekte und Schäden durch Arzneimittelnebenwirkungen, medizinische Falschbehandlung, Über- und Fehlmedikation sind schon lange der Regelfall und nicht die Ausnahme.[79] Laut WHO sterben jede Minute fünf Menschen durch eine falsche Behandlung.[80] Die Corona-Krise ist also nicht zuletzt auch ein medizinischer Offenbarungseid, hier tritt nur offen zutage, was die Medizin im Kapitalismus schon immer und in der durch und durch medikalisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts erst recht auszeichnet – nämlich das Geschäft mit der Gesundheit der Menschen und mehr noch mit ihrer Krankheit.


Corona ist dabei auch nicht die erste Pandemie, die der „medizinisch-industrielle Komplex“ profitträchtig für sich zu nutzen trachtet und dafür fleißig die mediale und politische Paniktrommel rührt. Wer sich vor dem Hintergrund der heutigen Erfahrungen etwa mit der Schweinegrippe von 2009/10 beschäftigt, ist beeindruckt ob der Parallelen zur gegenwärtigen Situation: Konzertierte Panikmache durch Politik und Medien, fragwürdige Zahlen, Statistiken und Modellierungen, intransparente Pandemie-(Neu)Definitionen und schon damals eine im Eilverfahren auf den Markt geworfene Impfung, die sich bald als relativ nebenwirkungsreich herausstellte (Narkolepsie).[81] Und zum Teil waren es sogar exakt dieselben Akteure, die damals wie heute in prominenter Position aktiv waren, etwa der deutsche Virologe Christian Drosten (dessen Wirken bis zur SARS-Pandemie Anfang des Jahrtausends zurückreicht) oder der britische Modellierer Neil Ferguson vom Londoner Imperial College, dessen alarmistische Prognosen schon damals um mehrere Nullen danebenlagen.[82] Der vielleicht einzige Unterschied zu heute besteht darin, dass die Rechnung des medizinisch-industriellen Komplexes und die durch geschäftige Virologen und eine auflagengeile Journaille lancierte Panikmache nicht oder nur sehr begrenzt aufgingen (wohl nicht zuletzt auch deshalb, weil es damals noch nicht gelang, ein dermaßen umfassendes Massentestregime zu etablieren und so die Inzidenzen entsprechend hochzujagen) und die Pharmafirmen bzw. die Staaten, die die Impfstoffe bereits massenhaft eingekauft hatten, letztlich mangels effektiver Mechanismen zur Nötigung der indifferenten Bevölkerung auf ihren Impfungen größtenteils sitzenblieben. Und – auch das vielleicht ein wesentlicher Unterschied – es gab zumindest noch Spurenelemente eines kritischen Journalismus und keine derart gleichgeschaltete Medienlandschaft, wie sie sich seit März 2020 darstellt und jede kritische Berichterstattung von vornherein im Keim erstickt.[83]


Eine kritische Perspektive auf die Voraussetzungen und Folgen der Corona-Krise setzt daher insbesondere auch eine kritische Distanz zur modernen Medizin und zur pharmazeutischen Industrie voraus. Gerade daran scheint es in den vergangenen zwei Jahren am allermeisten zu mangeln, auch und besonders in linken Kontexten. Eine Pharmakritik oder auch nur rudimentärste Ansätze einer Skepsis gegenüber dem medizinisch-industriellen Komplex sind seit Corona offenbar völlig sowohl aus der breiteren öffentlichen als auch der linken Diskussion verschwunden. Das einzige, was sich von linker Seite an „Kritik“ regt, erschöpft sich bislang darin, eine „global ungerechte Verteilung“ der Impfstoffe zu beanstanden. „Die Pharmaindustrie ist schlimmer als die Mafia“[84] – was vor wenigen Jahren noch die Süddeutsche Zeitung titeln konnte, wagen viele Linke heute offenbar nicht einmal mehr zu denken.

 

Generell ist im Hinblick auf die Rolle der Wissenschaft und deren Wahrnehmung in Politik, Medien und breiter Öffentlichkeit festzustellen, dass während der Corona-Krise eine sich schon länger abzeichnende, hochgradig bornierte und dabei (selbst nach den eigenen bornierten Maßstäben) auch höchst unwissenschaftliche Vergötzung „der Wissenschaft“ endgültig zu sich selbst gekommen zu sein scheint. Angekündigt hat sich dies bereits im Kontext der Klimabewegung, die schon seit vielen Jahren dekretiert, man müsse endlich „der Wissenschaft“ folgen („Follow the science!“), während Skeptiker des anthropogenen Klimawandels folgerichtig als „Klima-“ und „Wissenschaftsleugner“ bezeichnet werden. Der wesentliche Unterschied zur Corona-Krise besteht freilich darin, dass hinsichtlich des Klimawandels inzwischen eine breite und fundierte, seit mehreren Jahrzehnten gewachsene wissenschaftliche Evidenz besteht. Der Beitrag des Menschen bzw. genauer: des warenproduzierenden Systems, zur Veränderung des Weltklimas ist in der Tat schwer von der Hand zu weisen.[85] Von solcher „Evidenz“ kann bei Corona keine Rede sein. Wäre tatsächlich wissenschaftliche Evidenz das Kriterium, so müsste man die „Leugner“ mittlerweile wohl im Lager der „Coronisten“ verorten und nicht (oder nicht primär) unter Maßnahmenkritikern. Gerade im Hinblick auf die weitere kapitalistische Krisenverwaltung könnte die Corona-Krise ein Menetekel sein und gewissermaßen eine Art Blaupause liefern: „Die Wissenschaft“ in Gestalt politisch handverlesener, korrupter „Experten“ bestimmt und „modelliert“ das Problem und sagt (oder vielmehr: rechnet aus), was zu tun ist, die Politik setzt die Empfehlungen mehr oder weniger stringent in die Tat um (und wo nicht, erklärt sie den Regierungskurs dennoch als „wissenschafts- und faktenbasiert“, selbst wenn morgen etwas anderes gilt als heute), und wer Einwände hat oder gar auf einen evidenzbasierten, wissenschaftlich fundierten Diskurs besteht, wird u.a. von selbsternannten „Faktencheckern“ und unter reger Beteiligung einer geschichtsvergessenen und „die Wissenschaft“ fetischisierenden, „woken“ Linken als „Leugner“, „Spinner“ und „Wissenschaftsfeind“ aus dem Verkehr gezogen.

Auch das muss letztlich im Kontext der finalen Krise und damit assoziierter Verfallsprozesse gesehen werden, denn mit dieser Verwilderung von Logik und (Natur)Wissenschaft wird de facto eine wesentliche Grundlage der modernen Gesellschaft radikal geschleift. Wogegen aus einer wert-abspaltungskritischen Perspektive grundsätzlich wenig einzuwenden wäre, wenn diese Demontage in emanzipativer und nicht in offen destruktiver Weise vonstatten und so womöglich noch der letzte Rest eines potentiellen Gebrauchswerts moderner Wissenschaft verloren ginge. Der während der Corona-Krise neue Höhen erreichende und sich zugleich wie nie zuvor blamierende Wissenschaftsfetisch lässt an einen Satz aus dem King Lear von William Shakespeare denken: „Tis the times‘ plague, when madmen lead the blind.”


Die Schleifung historisch gewachsener, moderner Institutionen beschränkt sich übrigens nicht nur auf den Wissenschaftsbetrieb. Was wir derzeit erleben, ist wahrlich (um es in Form einer medizinischen Analogie auszudrücken) ein multiples Organversagen einer in offene Verwilderung übergehenden bürgerlichen Gesellschaft. Auch die Erosionsprozesse, die sich gegenwärtig z.B. im Rechtssystem vollziehen (systematische Verfassungsbrüche durch Regierungen, Aushebelung von Grundrechten etc.), sind in Ausmaß und Form schlicht beeindruckend und wären in dem Zusammenhang eine eigenständige Analyse wert. Auch hier ginge es freilich, wie schon im Hinblick auf die Wissenschaft, aus wert-abspaltungskritischer Perspektive mitnichten darum, ähnlich den meisten Maßnahmenkritikern und „Querdenkern“, den Verfall des demokratischen Rechtsstaates zu beklagen und die bürgerlichen Grundrechte zu verteidigen. Ganz im Gegenteil: Grund- und Menschenrechte mit ihrer rechtsförmig-abstrakten Vorstellung vom „Menschen“ als Träger quasi angeborener Rechte gehören selbst unmittelbar zur kapitalistischen Form und zur wertförmigen Konstitution des modernen Subjekts. Bereits Marx hat festgestellt, dass sich die Menschenrechte im Prinzip auf die Rechte des Bürgers als Wirtschaftssubjekt beziehen (im Unterschied etwa zu den „Staatsbürgerrechten“).[86] Nicht von ungefähr kommt das Subjekt nur solange in den Genuss dieser Rechte, solange es sich wertförmig zu reproduzieren, d.h. seine Arbeitskraft erfolgreich zu verkaufen vermag. In dem Maße, wie mit der in der Krise fortschreitenden funktionellen Reproduktionsunfähigkeit der Wertform „immer mehr Menschen aufhören, Wirtschaftssubjekte dieses Systems zu sein, hören sie auch auf, Rechtssubjekte und damit überhaupt Menschen qua Systemdefinition zu sein.“[87] In der fundamentalen Krise des kapitalistischen Systems müssen daher auch hierzulande immer mehr Menschen eine Erfahrung machen, die z.B. Geflüchtete aus den Zusammenbruchsregionen der kapitalistischen Peripherie schon seit vielen Jahren machen, nämlich dass Grund- und Freiheitsrechte keine uneingeschränkte Gültigkeit besitzen und willkürlich ausgesetzt oder beschränkt werden können. Solche Entwicklungen und darin sichtbar werdende institutionelle Verfallserscheinungen sind aber auch und gerade seitens der Wert-Abspaltungskritik zur Kenntnis zu nehmen und kritisch-theoretisch einzuordnen.[88]


 

9. Die Grenzen der modernen Naturbeherrschungsrationalität


Zu betrachten ist die Corona-Krise schließlich auch vor dem Hintergrund der modernen (in der finalen Krise ebenfalls „verwildernden“ und zunehmend an ihre Grenzen stoßenden) Naturbeherrschungsrationalität. Das betrifft schon so grundlegende Fragen wie die der Herkunft des „neuen“ Coronavirus, und zwar unabhängig davon, ob man diese eher in einer Zoonose, also dem Überspringen eines Virus vom Tier auf den Menschen, oder in einer unbeabsichtigten Freisetzung des Virus infolge eines Laborunfalls in Wuhan vermutet. Letzteres ist übrigens wieder eines von vielen schönen Beispielen während der vergangenen zwei Jahre, wo sich eine „Verschwörungstheorie“ im Laufe der Zeit als doch nicht ganz unwahrscheinlich herausstellen sollte und sich plötzlich als „diskussionsfähig“ erwies.[89] Sollte sich letztlich die These des zoonotischen Ursprungs bewahrheiten (vermutet wird, dass das Virus von Fledermäusen über ein bislang unbekanntes Zwischenwirtstier auf den Menschen übertragen wurde), so ließe sich dies insbesondere auf das wachsende ökologische Destruktivpotenzial des Krisenkapitalismus (ökologischer Raubbau, Agroindustrie, Massentierhaltung etc.) zurückführen, durch das der Lebensraum vieler Tiere vernichtet oder zumindest stark eingeengt wird, mit dem Effekt, dass das Überspringen von Viren von Tieren auf Menschen stark begünstigt wird.[90] Sollte sich hingegen die Labortheorie erhärten, so hätte man es mit einem im Kontext notdürftig (als „dual use“) kaschierter Biowaffenforschung künstlich erzeugten und durch gentechnische Manipulationen für Menschen gefährlicher, d.h. infektiöser und/oder pathogener gemachten Virus zu tun. Diese sogenannte Gain-of-Function-Forschung, die unter westlicher Beteiligung erwiesenermaßen in Wuhan seit Jahren an Coronaviren durchgeführt wurde[91], gehört ebenfalls in den Zusammenhang einer in der Krise des Kapitalismus zunehmend ihr autodestruktives Gesicht zeigenden modernen Naturbeherrschungsrationalität. Aus einer wert-abspaltungskritischen Perspektive hätte die Labortheorie freilich einen besonderen „spin“: Eine Pandemie, die durch ein von Menschenhand erzeugtes, genetisch manipuliertes Coronavirus ausgelöst wurde und nun mithilfe derselben Gentechnologie, in Gestalt genetischer Impfstoffe, bekämpft und besiegt werden soll – das wäre wahrlich ein neuer Höhepunkt in der Dialektik der Aufklärung.[92]


Aber nicht nur solche offen destruktiven Tendenzen der modernen naturbeherrschenden Vernunft sind es, die während der Corona-Krise zu beobachten sind. Auch die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie legen darüber ein sehr beredtes Zeugnis ab. Zu nennen ist hier zuvorderst die während der Pandemie praktisch zur Staatsräson aufgestiegene und in besonders grotesker Form bei Zero-Covid-Extremisten Blüten treibende fixe Idee einer radikalen Viruseindämmung, die bei letzteren sogar bis hin zur völligen Eradizierung des Coronavirus gehen soll. Selbst wenn man annehmen wollte, dass eine Eradizierung des Coronavirus ein realistisches Ziel wäre (was es allenfalls, wenn überhaupt, in einem sehr kleinen Zeitfenster zu Beginn Pandemie war[93]), stellt sich immer noch die Frage der Verhältnismäßigkeit. Und wo sollte so ein Ansinnen enden? Müsste man dann nicht auf jede Grippewelle mit Lockdowns reagieren, zumal ja eine Grippe auch nicht gerade ungefährlich ist, vor allem für die ältere Bevölkerung, und zumal inzwischen auch relativ klar ist, dass die Corona-Pandemie in keiner wesentlich höheren Größenordnung rangiert als schwerere Grippewellen?


Die blinde Naturbeherrschungsrationalität, die sich hier geltend machte, war besonders an der Gewissenhaftigkeit ablesbar, mit der alles dem Ziel der Viruseindämmung untergeordnet wurde – letztlich auch solche Ziele und Maßnahmen, die in dieser Situation Priorität hätten haben sollen, etwa der Schutz vulnerabler Gruppen. Wie gut man mit dieser Strategie des Schutzes vulnerabler Gruppen tatsächlich gefahren wäre, ist bei den herrschenden Rahmenbedingungen z.B. der Pflege in einem neoliberal ausgebluteten Gesundheitssystem natürlich eine andere Frage. Aber schlechter als unter dem (illusorischen und nicht zufällig praktisch gescheiterten) Primat der radikalen Viruseindämmung wäre es vermutlich auch nicht gelaufen, dafür aber mit weniger „Kollateralschäden“.

Von diesen „Kollateralschäden“ war übrigens besonders auch die am meisten gefährdete Gruppe der Alten und Hochbetagten betroffen. Speziell Pflegeheime, die auch schon vor Corona keine schönen und für alte Menschen ziemlich gefährliche Orte waren[94], hat man durch die Lockdownmaßnahmen im wahrsten Sinne des Wortes in Todesfallen verwandelt (über 40 Prozent der Corona-Todesfälle in Österreich entfallen auf Pflegeheimbewohner/innen[95]). Wer nicht der durch Ghettoisierung im Heim stark erhöhten Infektionsgefahr zum Opfer gefallen ist (wobei man es lange, u.a. um die dünne Personaldecke nicht durch Quarantäneausfälle zu zerreißen, beharrlich unterlassen hat, die Infektionsgefahr etwa durch regelmäßige Tests von Pflegepersonal zu reduzieren – dergleichen wurde erst allmählich und halbherzig umgesetzt, als schon längst Millionen von Tests für sinnlose Massentestungen verbraten wurden), hatte gute Chancen, aufgrund von Vernachlässigung infolge der z.B. durch Quarantäneverordnungen und den Ausfall von Pflegekräften nochmals massiv verschlechterten Arbeits- und Pflegebedingungen sein Leben zu lassen oder aber an Einsamkeit aufgrund einer geradezu menschenunwürdigen Isolation zu sterben. Hier stellt sich übrigens auch die Frage, wie viel der – in Deutschland ohnehin fraglichen – Übersterblichkeit auf solche „Kollateralschäden“ zurückzuführen ist. Mit einiger Gewissheit kann im Grunde nur gesagt werden, dass eine allfällige Übersterblichkeit bestimmt nicht ausschließlich auf Corona-Tote zurückgeht.[96] Über die Überlebenden sind schließlich die Impftrupps, bisweilen in Begleitung der Bundeswehr, hergefallen – diesbezüglich waren aus manchen Heimen sehr unschöne Dinge zu vernehmen. Wenn man bedenkt, dass man es in Pflegeheimen überwiegend mit Menschen zu tun hat, die noch den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben, zeugt ein solches Vorgehen nicht gerade von einer besonders ausgeprägten Sensibilität für die Besonderheiten und Bedürfnisse dieser „vulnerablen“ Bevölkerungsgruppe. Gut vorstellbar, dass die Anwesenheit von Personen in Soldatenuniform sich auf einige traumatisierend ausgewirkt hat. Bis heute, selbst nach „Durchimpfung“ der Pflegeheime, kann nicht die Rede davon sein, dass die Isolation für Hochbetagte und Pflegebedürftige völlig aufgehoben wäre. Dass nach allem, was seit März 2020 vorgefallen ist, zahlreiche Linke nach wie vor (oder jedenfalls bis vor kurzem) in Gestalt der Zero-Covid-Ideologie am Wahn der vollständigen Viruseindämmung festhalten, ist im Grunde auch nur durch den oben angesprochenen postmodernen Realitätsverlust und den Mangel eines jeglichen „sense of proportion“ zu erklären, aber eben nicht zuletzt auch durch eine offenbar bis weit in die Linke hinein wirksame Naturbeherrschungsrationalität und die daraus resultierende Wahnvorstellung, ein mittlerweile endemisch werdendes (oder längst gewordenes) Virus bekriegen zu müssen und zu diesem Zweck Gesellschaft und menschliches Handeln rigide kontrollieren zu können.


Ein weiterer Aspekt, an dem besagte moderne Naturbeherrschungsrationalität abgelesen werden kann, ist eine im Kontext der Corona-Krise geradezu übersteigerte Verdrängung des Todes und des Sterbens. Auch daran ist natürlich soweit nichts Neues, sondern diese Todesverdrängung erreicht im gegenwärtigen gesellschaftlichen Verfalls- und Verwilderungsprozess, so scheint es, lediglich ein neues Niveau. Bereits Ivan Illich hat in den 1970er Jahren in seinem bekannten Werk über die Nemesis der Medizin die Verdrängung des Sterbens als Symptom und geradezu Programm einer durch und durch medikalisierten Gesellschaft identifiziert.[97] Natürlich ist es immer traurig, wenn Menschen sterben, auch wenn es sehr alte Menschen betrifft, die bereits ein langes Leben gelebt haben – und gerade letztere sind es ja, die die absolute Mehrheit der Corona-Toten ausmachen. 92 Prozent der Todesfälle in Österreich betreffen Menschen im Alter von 65+[98] und das Durchschnittsalter der Corona-Toten liegt über der durchschnittlichen Lebenserwartung.[99] Alte Menschen sind aber schon lange vor Corona häufig an Infektionskrankheiten gestorben, und sie werden auch nach Corona noch diejenigen sein, die hauptsächlich den jährlichen Erkältungs- und Grippewellen (und wohl auch weiterhin Coronawellen) zum Opfer fallen werden. Auch was das Ausmaß betrifft, verdeutlichen die in Teil 1 dieses Beitrags zitierten Daten zur (Über)Sterblichkeit, dass wir in den vergangenen zwei Jahren eigentlich (und entgegen des auf fragwürdige Corona-Zahlen gestützten herrschenden Narrativs) nichts erlebt haben, das sich signifikant von früheren Grippewellen unterscheidet, deren Opfer bisher noch niemanden besonders interessiert hatten. Letzteres ist gewiss kritikabel, und es wäre zu fordern, dass in Hinkunft sinnvolle Vorkehrungen getroffen werden, um vor allem alte Menschen vor vermeidbaren Ansteckungen zu schützen – vorausgesetzt, diese sind bereit und willens, sich diesen Maßnahmen zu unterwerfen. Die paternalistische Bevormundung, mit der man alte Menschen jedes Selbstbestimmungsrechts beraubt und einer menschenunwürdigen Isolation unterworfen hat, gehört ja, wie gesagt, ebenfalls zu den Verbrechen, die in der Corona-Krise begangen wurden und die sich keinesfalls wiederholen dürfen. Schon lange vor Corona wäre es z.B. sinnvoll gewesen, nicht mit gewissen Krankheitssymptomen unter Menschen zu gehen und/oder sich daheim auszukurieren anstatt zur Arbeit zu gehen. Letzteres, nämlich bei Krankheit daheim und dem Arbeitsplatz fernzubleiben, wurde freilich bis vor kurzem gar nicht gerne gesehen und konnte mitunter den Job kosten. Wenn Corona diesbezüglich eine Veränderung bewirken sollte, hatte das ganze zumindest auch etwas Gutes.

Mit Corona war aber plötzlich – und das war in dieser Form und diesem Ausmaß neu – jeder Corona-Todesfall ein Riesenskandal – selbst dann, wenn es, wie zumeist, sehr alte und/oder pflegebedürftige Menschen betroffen hat, deren Gesundheitszustand schon sehr schlecht war und deren Lebenserwartung daher auch ohne Corona nicht mehr besonders hoch gewesen sein dürfte. Viel häufigere Todesfälle anderer Ursache haben freilich auch weiterhin niemanden interessiert. Plötzlich aber „musste“ jedes Menschenleben – zumindest vor Corona – gerettet werden, ohne Rücksicht auf Verluste. Diese Verluste, auch und gerade an Menschenleben, gab es natürlich zuhauf, auch und gerade unter alten Menschen. Diese fielen und fallen bis heute jedoch unter bedauerliche, aber nicht vermeidbare „Kollateralschäden“ oder werden überhaupt den Corona-Toten zugeschlagen, so wie etwa die während der Pandemie plötzlich massenweise auf Intensivstationen gekarrten und dort häufig künstlich beatmeten Hochbetagten, die diese Prozedur nur in den seltensten Fällen überlebt haben. In der „alten Normalität“ vor 2020 war es noch relativ breiter medizinischer Konsens, dass hochbetagte Menschen aufgrund der damit verbundenen massiven Belastung des Körpers nur geringe Chancen haben, eine invasive künstliche Beatmung zu überleben, weshalb von solchen intensivmedizinischen Eingriffen in den meisten Fällen eher Abstand genommen wurde. Inzwischen gilt es als einigermaßen gesichert, dass die höhere Mortalität speziell während der ersten Corona-Welle zumindest zum Teil auf die Praxis frühzeitiger invasiver Beatmung bei hospitalisierten und insbesondere hochbetagten Corona-Patienten zurückzuführen sein dürfte.[100] Auch hinsichtlich dieser Praxis kann man vielleicht Ivan Illich folgen und diese als Erscheinungsform jener modernen Todesverdrängung auffassen, wenn Illich u.a. mit Blick auf den „Tod auf der Intensivstation“ von einem „vielgestaltigen Exorzismus aller Formen des bösen Todes“ spricht. „Unsere großen Institutionen sind nichts anderes als ein gigantisches Verteidigungsprogramm, mittels dessen wir im Namen der ‚Humanität‘ gegen todbringende Kräfte und Klassen Krieg führen. Dies ist ein totaler Krieg.“[101]


Vielleicht wird aber auch dieser während der Corona-Krise nur in besonders deutlicher Form zutage getretene „totale Krieg“ gegen das Sterben der Alten im Namen der „Humanität“ bzw. „Solidarität“ nur wirklich verständlich, wenn man auch hier wieder die tiefe Ohnmacht und Angst des postmodernen Subjekts angesichts der mannigfaltigen Krisenprozesse ins Kalkül zieht. Schon lange nehmen wir wachsendes Leid und insbesondere den Verlust von Menschenleben ohnmächtig oder gleichgültig hin (ertrinkende Flüchtlinge, die Millionen Todesopfer durch Luftverschmutzung jedes Jahr, zahllose Hungertote, Opfer von Weltordnungskriegen, Verkehrsunfällen, Krankenhauskeimen, Grippewellen, medizinischen Fehlbehandlungen etc.). Bei Corona sollte das nun nicht mehr einfach hingenommen werden, hier sollte nun (endlich einmal?!) jedes Menschenleben zählen und dabei auch noch, dem Anspruch nach, der gegenüber Menschenleben ansonsten so gleichgültigen kapitalistischen Verwertungs- und Rentabilitätslogik abgerungen werden. Wie flach und kurzsichtig diese „Kapitalismuskritik“ war, mit der sich der Ruf nach einer Priorisierung der Viruseindämmung zum Schutz von Menschenleben teilweise amalgamierte, zeigte sich, wie gesagt, spätestens daran, dass selbst (und gerade) unter dem Kriterium des Schutzes von Menschenleben die Bilanz der Lockdownpolitik, vor allem global gesehen, schlicht verheerend ist. Das aber wird wie alle anderen Widersprüche dieser Politik verdrängt. Der Schutz der Gesundheit und von Menschenleben geht vor – auch wenn dafür massive gesundheitliche Schäden in Kauf genommen werden (was etwa Kindern in der Corona-Krise angetan wurde, wird uns, wenn man die Befunde von Psychologen ernst nimmt[102], noch sehr lange beschäftigen) und letztlich womöglich mehr Menschen über die Klinge springen müssen, als mit den Maßnahmen vor Corona je gerettet werden könnten, selbst wenn man deren Wirksamkeit voraussetzt.

 

Zu dieser übersteigerten Todesverdrängung und der damit einhergehenden, für zahlreiche Menschen schädlichen und im Endeffekt auch lebensgefährlichen Verabsolutierung des Schutzes von Gesundheit und Menschenleben passt es sodann auch wie die Faust aufs Auge, dass mit der Corona-Krise eine neue Lebens- und Genussfeindlichkeit Einzug gehalten hat. Wer heute z.B. noch feiern will, vielleicht einfach nur seine Freunde mit einem Händedruck oder einer Umarmung begrüßen oder gar, horribile dictu, zwanglos einen trinken will, gilt inzwischen tendenziell als verantwortungsloser und unverbesserlicher Gefährder. Die oftmals geradezu aggressive Feindseligkeit gegen jedwede Regung von Spontaneität und Lebendigkeit hat sich im Laufe der Pandemie gegen verschiedene Phänomene und entsprechende Feindbilder gerichtet – einmal waren es trotz Lockdown oder Ausgangsbeschränkungen feiernde Jugendliche[103], dann waren es Reiserückkehrer[104] oder die mehr oder weniger vollen Stadien der Fußball-EM.[105] Natürlich, all das mögen gerade aus kapitalismuskritischer Sicht zum größten Teil Sinnsurrogate und Pseudogenüsse eines „falschen Lebens“ sein. Aber dass dieses durch ein noch falscheres, sich gleichwohl als richtiges Leben ausgebendes Dasein ersetzt werden soll, in dem eine zur Hypochondrie tendierende, repressive Hygienenorm im Zentrum steht, soziale Distanzierung und bedingungsloser Gehorsam mit „Solidarität“ gleichgesetzt wird, Menschen bis zum Nachweis des Gegenteils (etwa in Form eines QR-Codes) als potentiell infektiös gelten, sie sich selbst im Sommer, also ohne jegliche medizinische Notwendigkeit, am besten nur noch getestet, mit Masken und zusätzlich „durchgeimpft“ begegnen sollten usw. – das ist schwer zu ertragen und muss aus einer emanzipatorischen, gesellschaftskritischen Perspektive vehement zurückgewiesen werden.


 

10. Makroökonomische und (geo)politische Zusammenhänge


Was wir bis hierher eher ausgeklammert haben und an anderer Stelle gesondert zu erörtern wäre, sind makroökonomische Zusammenhänge und diverse ökonomische und politische Interessenskonstellationen, die in der Corona-Krise eine Rolle spielen. Man muss sich dabei durchaus nicht, so wie viele Maßnahmenkritiker und „Verschwörungstheoretiker“, auf detaillierte Diskussionen rund um einen potentiellen „Great Reset“[106] einlassen, um anzuerkennen, dass es solche Interessenskonstellationen gibt sowie Akteure, die die Corona-Krise für sich zu nutzen trachten und zum Teil auch stark davon profitieren (Digitalindustrie, Pharmaindustrie, Online-Riesen wie Amazon, Google etc.). Der „Great Reset“ sollte unseres Erachtens zunächst einmal als das betrachtet werden, was er ist: ein grelles Ensemble von Wunschvorstellungen und „Visionen“ (im pathologischen Sinn) vor allem westlicher Eliten bzw. Kapitalfraktionen, von denen vieles wohl auch weiterhin nur eine Wunschvorstellung bleiben wird. Insofern ist der „Great Reset“ in erster Linie ein potentieller Gegenstand von Ideologiekritik. Gleichwohl darf man die Akteure dahinter, insbesondere das World Economic Forum, auch nicht unterschätzen, zumal von dessen Plänen – sollte sich davon doch etwas umsetzen lassen – eine enorme Gefahr ausgeht (siehe hierzu z.B. wieder das oben schon zitierte Papier mit „5 Visionen“ vom letzten WEF Global Technology Governance Summit[107]).

Um es hier in aller Deutlichkeit zu sagen: Wir gehen nicht davon aus, dass hinter der Corona-Krise so etwas wie ein Masterplan steckt, auch wenn einzelne Akteursgruppen durchaus planmäßig und binnenrational vorgehen.[108] Wir sind, wie gesagt, eher geneigt, anzunehmen, dass das Ganze – u.a. aus den oben genannten Gründen – „passiert“ ist und rasch eine unheilvolle Eigendynamik mit einer ganzen Reihe parasitärer politökonomischer und sozialpsychologischer Prozesse entfaltet hat. Diese Eigendynamik ist freilich angetrieben durch die übliche kapitalistische Anarchie aufeinanderstoßender, divergenter (Kapital-)Interessen, die die Corona-Krise instrumentalisieren, ideologisieren und für sich zu nutzen trachten. Dabei versuchen einige Akteure sicherlich auch in der einen oder anderen Weise Einfluss auf Inhalt und Form des Krisenmanagements zu nehmen, wobei deren Interessen in der finalen Krise der Tendenz nach immer mehr durcheinander gehen und – wie ja gerade an der Corona-Krise besonders anschaulich besichtigt werden kann – zunehmend absurde Effekte zeitigen.


Auf politisch-ökonomischer Ebene spielt ohne Frage eine Rolle – das ist, soweit wir sehen, auch die dominante „Erzählung“ in maßnahmenkritischen Kreisen[109] –, dass offenbar einem (aus wert-abspaltungskritischer Perspektive illusorischen) neuen, digitalisierten und auf magische Weise auch „grünen“ Akkumulationsmodell zum Durchbruch verholfen werden soll. Damit soll gleichzeitig wiederum dem westlichen Kapital zu einem Zeitpunkt ein entscheidender Schub versetzt werden, an dem sich die (ohnehin schon länger illusorische, immer auch militärisch zu sehende) globale US-Dominanz selbst als Imago kaum mehr aufrechterhalten lässt. Dies ist wohl auch der Kontext, in dem die Great-Reset-Ideologien zu sehen sind. Dass die westlichen Staaten in der Krise enorme (auch finanzielle) Anstrengungen unternehmen, die Digitalisierung der Gesellschaft zu forcieren, ist unübersehbar, wenngleich diese Anstrengungen (und die primären Absichten dahinter) aufgrund der systematisch geschürten Corona-Angst der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion weitestgehend entzogen sind.


Überhaupt muss auf politischer Ebene zur Kenntnis genommen werden, dass Corona den notorisch korrupten Funktions- und Amtsträgern offenkundig sehr zupass kommt und hervorragend dazu dient, bestimmte Vorhaben, die unter „normalen“ Umständen auf erheblich mehr Widerstand stoßen würden, im Windschatten der Pandemiebekämpfung zur Umsetzung zu bringen. Naomi Klein nennt dieses Vorgehen bekanntlich shock strategy.[110] Dazu gehört im Fall der Corona-Krise vor allem die Digitalisierung, in dem Zusammenhang aber auch die vielfältigen Kontroll- und Überwachungstechnologien, die derzeit unter der Begründung der Pandemiebekämpfung ohne jeglichen Widerstand, ja überwiegend sogar unter tätiger Mithilfe der Bevölkerung durchgesetzt werden („Grüner Pass“ usw.). Generell muss festgestellt werden, dass es der Politik sehr gut gelungen ist, allfälligen Widerstand mit dem Totschlagargument „Corona“ weitestgehend zu neutralisieren und/oder als „Verschwörungstheorie“ zu brandmarken und in eine rechte Ecke zu stellen (wenngleich diese Strategie sich vor dem Hintergrund der Impfpflicht und angesichts der gesellschaftlichen Breite der sich daran entzündenden Proteste zunehmend zu erschöpfen scheint). Willfährige oder auch passive Unterstützung noch der perfidesten Ansinnen wurde gleichzeitig als irgendwie „solidarisch“ gerahmt und damit nicht zuletzt auch viele „Linke“ mit Rechen-, Gedächtnis- und Wahrnehmungsschwächen diesem Projekt eingemeindet. Auch soziale und ökologische Protestbewegungen, die vor Corona immerhin zum Teil eine gewisse Dimension angenommen hatten (Klimabewegung, „Gelbwesten“ etc.), waren und sind bis heute weitgehend von der Bildfläche und die Gesichter ihrer Proponenten hinter Masken verschwunden. Insofern kann mit Fug und Recht gesagt werden, dass Corona für die Politik in gewisser Hinsicht ein Segen war und insbesondere ein Vehikel, um fragwürdige, zum Teil schon länger auf der Agenda stehende Vorhaben relativ unbehelligt durchsetzen zu können – ein Vehikel, das die Politik (bei aller sonstigen Inkompetenz und offenkundigen Verblödung der politischen Personnage) wirklich effizient und gut für sich zu nutzen versteht.


Auch geopolitische Aspekte sind bei einer kritischen Analyse der Corona-Krise, wie bereits angedeutet, keinesfalls auszuklammern. Beispielsweise versucht sich Deutschland mit dem Impfstoff als „mRNA-Apotheke der Welt“ zu profilieren, während der Westen einen legistischen und propagandistischen Abwehrkampf gegen die chinesischen und russischen Impfstoffe führt – womit freilich noch nichts über die Sinnhaftigkeit der globalen Massenimpfkampagne gesagt ist.


Schluss


Dies ist also eine gewiss nicht vollständige Auswahl an Punkten, die bei einer kritischen Analyse der Gründe, weshalb die Corona-Krise der vergangenen zwei Jahre so gelaufen ist, wie sie gelaufen ist, in der einen oder anderen Form berücksichtigt und (krisen)theoretisch adäquat eingeordnet werden müssen. Manches haben wir aus Platz- und Darstellungsgründen außen vor gelassen, vieles nur grob angedeutet, das in separaten Analysen einer genaueren Untersuchung zu unterziehen wäre. Weitere besonders wichtige und lohnende Punkte wären etwa: die medizinische wie politökonomische Analyse der irrwitzigen Impfaktionen im Westen, die Mechanismen der derzeit im großen Maßstab erprobten digitalen Menschenverwaltung, die nationalen Krisenreaktionen im Kontext gegenwärtiger geopolitischer Verschiebungen etc. Die kritische Aufarbeitung solcher Aspekte der Corona-Krise ist eine Aufgabe, die unseres Erachtens noch aussteht und dringend in Angriff genommen werden sollte.


Grundvoraussetzung dafür ist eine hinreichend kritische Analyse der Corona-Krise in ihrem gesamtgesellschaftlichen und historischen Kontext und damit auch eine hinreichend kritische Distanz zum offiziellen Corona-Diskurs, zu seinen mathematisierenden Scharlatanen, zu seiner PR-Industrie und den „solidarisch“ Mitlaufenden. Eine notwendige (keinesfalls aber hinreichende) Bedingung für diese Distanz ist wiederum die kritische Durchdringung des zugrunde liegenden Zahlenzaubers, über den auf völlig verquere Weise der Ausnahmezustand mit seinen absurden Regeln und Maßnahmen argumentiert und aufrechterhalten wird. Denn die herrschenden Zahlen sind die Zahlen der Herrschenden – das könnte man unter Rekurs auf Marx den Resten der Linken ins Stammbuch schreiben. Das wohl kaum noch gesellschaftskritisch zu nennende Alternativprogramm dazu hat Lothar Wieler, Chef des RKI und oberster Tierarzt des deutschen Stimmviehs, in aller Deutlichkeit formuliert: „Diese Regeln (…) dürfen überhaupt nie hinterfragt werden.“[111]




Endnoten

 

[1] „Medizinhistoriker Salfellner im Gespräch: Viele vergleichen Spanische Grippe mit Corona – doch die Unterschiede sind massiv“, focus.de, 15.5.2020

[2] Eine weitere, unter Maßnahmenkritikern gelegentlich anzutreffende Bezeichnung für militante Maßnahmenverfechter und Pandemie-Paniktreiber ist „Zeugen Coronas“. Beide Begriffe, sowohl „Zeugen Coronas“ als auch „Coronisten“, treffen – bei aller kritikablen Polemik – einen gewissen Punkt, zumal die Corona-Debatte, wie man wohl mit Fug und Recht behaupten kann, längst Züge eines Glaubenskampfes angenommen hat; mit einer relativ großen Gruppe von „Gläubigen“ und gleichsam Anhängern der „Orthodoxie“ auf der einen Seite und einer Minderheit von „Häretikern“ auf der anderen Seite, die, in der pseudoreligiösen Logik ganz folgerichtig, der „Leugnung“ bezichtigt und entsprechend als „Ketzer“ verfolgt werden (zwar noch nicht unmittelbar physisch, aber allemal durch öffentliche Diffamierung und mediale Zensur).


[3] Zur Impfdebatte und deren Niveau in Österreich sowie zum Umgang mit Kritikern am Beispiel der „linksliberalen“ Tageszeitung Der Standard siehe etwa die Beiträge von Ortwin Rosner:

„Impfdebatte: Wider das ständige Schüren von Hass, derstandard.at, 7.10.2021
„2 + 2 = 5“, keinzustand.at, 9.12.2021

„Corona-Populismus: Wie man den Hass auf die Ungeimpften gezüchtet hat, respekt.plus, 10.12.2021

„Auf dem Weg zur illiberalen Demokratie“, multipolar-magazin.de, 11.12.2021


[4] H. Böttcher H. & L. Wissen (2021): Zwischen Selbstbezüglichkeit und Solidarität? Corona in der Leere des Kapitalismus, exit-online.org

[5] Siehe etwa das berühmt-berüchtigte „Panikpapier“ aus dem deutschen Innenministerium vom März 2020, das den gezielten Einsatz von Angst empfiehlt. (Nachdem das Ministerium das Papier im Februar 2022 zum wiederholten Male offline genommen hat, verlinken wir hier auf eine alternative Quelle, wo es glücklicherweise archiviert wurde.)
Im Mai 2021 haben Angehörige des britischen Corona-Expertengremiums öffentlich eingestanden, mit „unethischen“ und „totalitären“ Methoden gearbeitet zu haben („Use of fear to control behaviour in Covid crisis was ‚totalitarian‘, admit scientists“, telegraph.co.uk, 14.5.2021).
Zur konzertierten Angst- und Panikmache während der Pandemie in Großbritannien siehe auch L. Dodsworth (2021): A state of fear: How the UK government weaponised fear during the Covid-19 pandemic, London.


[6] A. Urban (2022): Der autoritäre Konformismus der akademischen Jugend, keinzustand.at

[7] Hierzu abermals die Hinweise in Anmerkung  3

[8] „2G-Lockerungen: Der Sieg der Ungeimpften“, rp-online.de, 10.2.2022

[9] „Montgomery: ‚Erleben Tyrannei der Ungeimpften‘“, n-tv.de, 8.11.2021

[10] „Macron will Impfunwillige ‚nerven‘“, zdf.de, 5.1.2022

[11] „Drastische Worte von Medizinethiker Wolfram Henn: Impfverweigerer sollen auf Intensivbett und Beatmungsgerät verzichten“, rtl.de, 21.12.2020

[12] In ihrer Peinlichkeit geradezu symptomatisch hierfür war vor allem die „Berichterstattung“ des Tagesspiegel:
„‚Alles dicht machen‘ ist so schäbig, dass es weh tut“, tagesspiegel.de, 23.4.2021,
„Wer steckt hinter #allesdichtmachen? Eine Frage des Abstands“, tagesspiegel.de, 29.4.2021

„Filmbranche und Querdenker: Die Geschichte hinter #allesdichtmachen“, tagesspiegel.de, 21.5.2021

„Berichterstattung über kontroverse Videoaktion: Tagesspiegel Live zu #allesdichtmachen – so verlief die Debatte“, tagesspiegel.de, 11.5.2021


[13] Z.B. R. Scholz (2008): Überflüssig sein und „Mittelschichtsangst“. Das Phänomen der Exklusion und die soziale Stratifikation im Kapitalismus. exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft 5, S. 58-104.

[14] „2G-Razzia bei Tedi: Polizei riegelt zwei Filialen ab“, op-online.de, 21.12.2021

[15] Dies wiegt umso schwerer, wenn man etwa an die Rolle „der Wissenschaft“ und insbesondere der Medizin im Nationalsozialismus denkt, die bekanntlich keineswegs eine kritische war, und ohne die es z.B. die eugenischen Programme der Nazis nie gegeben hätte. Hier kann man Rainer Fischbach nur zustimmen, wenn er u.a. an die Adresse der Antifa schreibt: „Ein Antifaschismus zum intellektuellen Nulltarif gefällt sich heute zwar darin, die Kritik an den Regierungsmaßnahmen in die Nähe des Faschismus zu rücken (...). Dass der Nationalsozialismus und die Wissenschaft seiner Zeit, ganz besonders die medizinische, sich keinesfalls feindlich gegenüberstanden, sondern vielmehr beiderseitig ihre Harmonie betonten, scheint dieser aparten, doch dessen ungeachtet zum Mainstream avancierten, Spielart des Antifaschismus, der allzu gerne auch mit Etiketten wie ‚esoterisch’ und ‚wissenschaftsfeindlich’ operiert, völlig entgangen zu sein.“ (R. Fischbach 2022: Die Pandemie der Eindimensionalität, nachdenkseiten.de)


[16] C. Eisenstein (2020): The Coronation, charleseisenstein.org

[17] „Kinder bremsen laut Studie das Virus aus“, sueddeutsche.de, 13.7.2020

„Studie: Kinder bisher nicht Treiber der Pandemie“, zeit.de, 20.1.2022

[18] R. Kurz (2009): Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt/Main, S. 783f.

[19] Ebd., S. 784

[20] Hier scheint sich übrigens auf gruselige Weise zu bestätigen, was Anselm Jappe vor mehr als 20 Jahren in seiner kritischen Abhandlung über die Gentechnologie im Hinblick auf die neuen gentechnischen Möglichkeiten etwa im Bereich der Reproduktionsmedizin prophezeite: „Jedenfalls werden zum ersten Mal in der Geschichte die Reichen ihre eigenen Kinder der schönen Maschine als Versuchskaninchen zur Verfügung stellen; seit dem Baal-Kult der Phönizier haben sie keinen so großen Tribut mehr zahlen müssen.“ (A. Jappe 2001: Gene, Werte, Bauernaufstände. Krisis 24, S. 103, auch online auf wertKRITIK.org)

[21] C.P. Ortlieb (2006): Mathematisierte Scharlatanerie. Zur „ideologiefreien Methodik“ der neoklassischen Lehre, in: Dürmeier et al. (Hg.): Die Scheuklappen der Wirtschaftswissenschaft. Postautistische Ökonomik für eine pluralistische Wirtschaftslehre, Marburg, S. 55-62, online verfügbar unter math.uni-hamburg.de

[23] J.P.A. Ioannidis (2021): Reconciling estimates of global spread and infection fatality rates of COVID-19: An overview of systematic evaluations. European Journal of Clinical Investigation 51(5), e13554

[24] Exemplarisch sei auf eine im Januar 2022 publizierte kalifornische Studie hingewiesen, die für Omikron eine Reduktion des Hospitalisierungsrisikos um 53 Prozent, des Risikos für eine Aufnahme auf die Intensivstation um 74 Prozent und des Sterblichkeitsrisikos um 91 Prozent im Vergleich zu Delta konstatiert (Lewnard et al. 2022: Clinical outcomes among patients infected with Omicron (B.1.1.529) SARS-CoV-2 variant in southern California, medrxiv.org).

Auf vergleichbare Ergebnisse kommt eine in der renommierten Medizinzeitschrift The Lancet publizierte britische Studie (Nyberg et al. 2022: Comparative analysis of the risks of hospitalisation and death associated with SARS-CoV-2 omicron (B.1.1.529) and delta (B.1.617.2) variants in England: a cohort study).

Selbst deutsche RKI-Daten weisen auf eine deutliche Abnahme des Hospitalisierungs- und Sterberisikos seit der Durchsetzung der Omikron-Variante Ende 2021 hin. Letzteres lag mit einer Fallsterblichkeit von rund 0,1 Prozent im Februar/März 2022 inzwischen relativ deutlich unter einer normalen Grippe.

Die meisten Länder, mit Ausnahme einiger weniger verbliebener Hardliner wie Deutschland, gehen vor diesem Hintergrund dazu über, die Corona-Maßnahmen stark zu lockern oder sogar völlig abzuschaffen.


[25] G. Bedszent (2021): Totale Konkurrenz oder repressive Menschenverwaltung? Staatsgewalt in Zeiten der Krise, wertKRITIK.org


[26] „5 visions of the future from our Global Technology Governance Summit“, weforum.org, 16.4.2021

[27] H. Böttcher (2021): Vom Lockdown-light über Impfung zum rechtssicheren Sterben in Freiheit. Beobachtungen zu Corona aus wertabspaltungskritischer Perspektive, exit-online.org, S. 7

[28] In Deutschland sind laut Daten der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie bis April 2021 von 14 Mio. Kindern und Jugendlichen gerade einmal vier an Corona gestorben, was deutlich unter dem Sterberisiko durch Grippe liegt – mal ganz abgesehen von anderen noch wesentlich höheren Alltagsrisiken, wie etwa im Straßenverkehr umzukommen. Selbst Long Covid – sofern sich dies überhaupt sauber von Leidenszuständen infolge der Lockdowns und der politischen und medialen Angstmache trennen lässt – kommt bei Kindern, wie bereits in Teil 1 des Beitrags erwähnt, äußerst selten vor.

[29] „Eltern brauchen Klarheit, aber die Stiko sorgt weiter für Verwirrung“, nw.de, 10.12.2021

[32] „Ausgangssperre in Australien: Militär überwacht Corona-Maßnahmen“, fr.de, 2.8.2021

„SA Health plans regional quarantine camps for Indigenous close contacts“, abc.net.au, 23.11.2021

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags (April 2022) zeigt die Zero-Covid-Ideologie endgültig ihren absurden und dystopischen Charakter an den gleichermaßen repressiven wie grandios an der Realität scheiternden Versuchen Chinas, die Omikron-Welle durch strikte Lockdown-Maßnahmen einzudämmen („My life in Shanghai's never-ending zero-Covid lockdown“, theguardian.com, 19.4.2022).


[33] Ein Thema für sich ist der Boom, den während der Pandemie Lebensmittelbringdienste wie Lieferando oder Mjam erlebten. Diesen Knochenjob machen freilich nur Leute aus der Unterschicht, meist Migrant/innen oder deren Nachkommen.


[34] An Blöd- und Gemeinheit nicht zu überbieten war in dem Zusammenhang etwa die Kampagne #besonderehelden – Zusammen gegen Corona des deutschen Gesundheitsministeriums, das in insgesamt drei Videoclips das Heldentum von daheim auf der Couch liegenden und so ihren Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie leistenden jungen Menschen beschwor. Besonders geschmacklos, angesichts der wenig ruhmreichen Vergangenheit Deutschlands als (Mit-)Verursacher von zwei Weltkriegen, war dabei die Machart der Clips im Stile von Zeitzeugenberichten und Kriegserinnerungen einstmaliger Soldaten, die Jahrzehnte später auf ihre Heldentaten im „Krieg“ gegen das Virus zurückblicken.

[35] „Merkel zur Corona-Lage: ‚Pandemie wird nicht verschwinden, bis wir wirklich einen Impfstoff haben‘“, welt.de, 9.4.2020


[36] So praktisch wortwörtlich Angela Merkel in einem Statement nach dem virtuellen G7-Gipfel im Februar 2021.


[37] Auch nach 14 Monaten Massenimpfkampagne liegen wesentliche Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten der Impfstoffe nicht vor bzw. werden, wie es scheint, von den Herstellern gar nicht in adäquatem Umfang und in vereinbarter Frist geliefert („Fragezeichen beim mRNA-Impfstoff, welt.de, 17.2.2022).

[39] „Omikron: Dänemark mit höchster Sieben-Tage-Inzidenz”, dw.com, 28.12.2021
„Großbritannien meldet erstmals mehr als 200.000 Covid-Neuinfektionen”, diepresse.com, 4.1.2022

„Omikron-Welle überrollt Spanien und Portugal“, faz.net, 27.12.2021

[40] Bei so viel Schwachsinn reißt sogar schon so manchem, der „Impfskepsis” gewiss unverdächtigen Virologen die Hutschnur („Virologe Henrik Streeck kritisiert Impfmythos: ‚Sträuben sich mir die Nackenhaare‘“, merkur.de, 5.4.2022).


[41] „Zwischen Erschöpfung, Ignoranz und Fatalismus: Wütende Grüße vom Krankenbett“, spiegel.de, 8.2.2022

[42] Ikemura et al. (2021): SARS-CoV-2 Omicron variant escapes neutralization by vaccinated and convalescent sera and therapeutic monoclonal antibodies, medrxiv.org

[43] Wang et al. (2021): Mechanisms of SARS-CoV-2 Evolution Revealing Vaccine-Resistant Mutations in Europe and America. Journal of Physical Chemistry Letters 12(49)

[45] UK Health Security Agency (2022): COVID-19 vaccine surveillance report, Week 6, 10 February 2022, S. 44, Tabelle 13

[46] Mit Stand 25. 12. 2021 erfasste die Pharmakovigilanzdatenbank der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) mehr als 1,3 Millionen Meldungen von Nebenwirkungen nach einer Corona-Impfung. Rund 592.000 werden als „schwerwiegend“ eingestuft, fast 20.000 davon verliefen tödlich (https://www.adrreports.eu). Hier ist freilich zu berücksichtigen, dass vermutlich nicht bei allen gemeldeten Fällen tatsächlich ein kausaler Zusammenhang mit der Impfung besteht. Auf der anderen Seite ist jedoch davon auszugehen, dass die Datenbank die tatsächliche Zahl der Fälle eklatant unterschätzt, da nur ein geringer Prozentsatz der Nebenwirkungen gemeldet werden dürfte, zumal es sich – trotz einer nur bedingt erfolgten Zulassung der Impfstoffe – lediglich um ein passives Pharmakovigilanzsystem handelt. Der Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs (Pharmig) schätzt, dass gerade einmal sechs Prozent aller auftretenden Nebenwirkungen gemeldet werden („Viel zu wenig Meldungen von Nebenwirkungen“, science.orf.at, 28.4.2021). Auch in Deutschland kann davon ausgegangen werden, dass mindestens 70 Prozent der Impfnebenwirkungen nicht gemeldet werden („Viele Impfnebenwirkungen nicht gemeldet? Ministerium verschleppte wichtige Datenerfassung“, focus.de, 5.4.2022).
Nicht nur die Quantität der gemeldeten Fälle, auch das Spektrum der mittlerweile bekannten Nebenwirkungen ist beachtlich. Vertrauliche Dokumente von Pfizer, die der US-amerikanischen Zulassungsbehörde vorliegen, listen auf insgesamt neun(!) Seiten sämtliche bislang bekannten Nebenwirkungen der Impfung auf (siehe vor allem S. 30ff. des Berichts).


[47] „mRNA-Forscherin: CoV-Impfung ist sicher und wirksam“, science.orf.at, 31.1.2022

[48] „Faktencheck: Gab es Todesfälle durch Covid-19-Impfungen?“, focus.de, 16.2.2021

[49] Betroffen sind vor allem junge Männer. Laut einer US-amerikanischen Studie liegt die Häufigkeit einer Myokarditis als Nebenwirkung nach zwei Impfdosen für 12- bis 17-jährige Männer zwischen 1:6.000 und 1:10.000. Ihr Risiko, nach einer Corona-Impfung an einer Myokarditis zu erkranken ist damit bis zu sechs Mal höher als ihr Risiko, wegen COVID-19 in einem Krankenhaus behandelt werden zu müssen (Høeg et al. 2021: SARS-CoV-2 mRNA Vaccination-Associated Myocarditis in Children Ages 12-17: A Stratified National Database Analysis, medrxiv.org).
Eine Ende Januar 2022 veröffentlichte Studie, entstanden u.a. unter Beteiligung von Forschern der US-Seuchenbehörde CDC, veranschlagt das Risiko einer Myokarditis nach einer mRNA-Impfung bis zu 133-mal höher als das Hintergrundrisiko in der Bevölkerung (Oster et al. 2022: Myocarditis Cases Reported After mRNA-Based COVID-19 Vaccination in the US From December 2020 to August 2021. JAMA 327[4]).


[51] „Gefahr für Herzmuskelentzündungen gering“, science.orf.at, 27.1.2022


[52] Das kann derzeit besonders eindrucksvoll auch an den westlichen und insbesondere deutschen Reaktionen auf den Ukraine-Krieg besichtigt werden. Von einer auch nur halbwegs adäquaten Berücksichtigung historischer oder geopolitischer Zusammenhänge findet sich in der westlichen Debatte praktisch keine Spur.

[53] Dies hat übrigens die Neue Rechte auch schon bemerkt und bastelt sich Silone zum Kronzeugen einer „Anti-Antifa“ zurecht (vgl. C. R. Schmidt 2020: Silones Warnung. Wie der linke Intellektuelle Ignazio Silone zum Kronzeugen der Anti-Antifa gemacht wurde, jungle.world 05/2020). Dass die Rechten als Allerletzte dazu berufen sind, die Antifa quasi als „neue Faschisten“ zu denunzieren, braucht hier wohl nicht betont zu werden. Die sich daran entzündende Empörung und die vehemente Distanzierung der antifaschistischen Linken von solchen Zuschreibungen vermag jedoch angesichts des realen Auftretens der Antifa während der Corona-Krise ebenfalls wenig zu überzeugen.


[54] „‚Wir impfen Deutschland zurück in die Freiheit‘“, welt.de, 24.8.2021

[55] C. Fourest (2021): Generation Beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer. Eine Kritik, Berlin.

[57] Singanayagam et al. (2021): Community transmission and viral load kinetics of the SARS-CoV-2 delta (B.1.617.2) variant in vaccinated and unvaccinated individuals in the UK: a prospective, longitudinal, cohort study. The Lancet

Salvatore et al. (2021): Transmission potential of vaccinated and unvaccinated persons infected with the SARS-CoV-2 Delta variant in a federal prison, July—August 2021, medrxiv.org

Franco-Paredes (2022): Transmissibility of SARS-CoV-2 among fully vaccinated individuals. The Lancet 22(1)


[60] Lewnard et al. (2022): Clinical outcomes among patients infected with Omicron (B.1.1.529) SARS-CoV-2 variant in southern California, medrxiv.org

[62] Dazu auch A. Jappe (2022): Haben Sie „Gesundheitsdiktatur“ gesagt?, wertKRITIK.org


[63] A. Urban (2018): Es muss wieder gestraft werden. Zur Rückkehr des repressiven Strafrechts in der Krise der Arbeitsgesellschaft, wertKRITIK.org

[64] Generell sind in der aktuellen Situation gewisse Ähnlichkeiten zu einer Kriegsökonomie nicht von der Hand zu weisen, insbesondere die massiven staatlichen Ausgaben – nur dass diese nicht in die Rüstungsindustrie fließen, sondern in Massenimpfungen und Massentests und in die Schaffung einer digitalen Infrastruktur. Mit dem gegenwärtig tobenden Krieg in der Ukraine könnte sich freilich auch das bald wieder ändern. Wenige Tage nach Beginn des Kriegs hat Deutschland das größte Rüstungspaket seit dem Zweiten Weltkrieg beschlossen.

[65] Sie hierzu wieder vor allem die in Anmerkung 31 zitierten Beiträge der Gruppe Fetischkritik Karlsruhe.

[66] „Maskenbeschaffung: Bundesgesundheitsministerium vor Gericht“, daserste.de, 6.10.2021

„Wie Laschets Sohn einen Deal mit Schutzmasken ermöglichte“, faz.net, 1.12.2020

[68] K. Schwab & T. Malleret (2020): Covid-19: The Great Reset, Cologny/Genf.

[69] Vielleicht muss man auch die grausame Behandlung von Kindern und Jugendlichen während der Pandemie unter diesem Gesichtspunkt sehen. Keine andere Bevölkerungsgruppe musste, gemessen an der für sie vom Virus ausgehenden Gefahr, mehr und unverhältnismäßiger unter der Corona-Krise und insbesondere unter den Maßnahmen leiden als diese (Schulschließungen, 6-8 Stunden täglich Maskentragen, Corona-Tests mehrmals pro Woche etc.). Könnte es nicht sein, dass sich hier auf groteske Weise die Perspektivlosigkeit und „Überflüssigkeit“ vieler Kinder in einem an der eigenen Produktivität erstickenden warenproduzierenden System widerspiegelt, ja geradezu materialisiert? Was viele maßnahmenkritische Eltern, insbesondere solche aus der Mittelschicht, in der Krise so maßlos irritiert und oftmals auch erbost – die unnötige Quälerei der Kinder durch unverhältnismäßige und nicht selten schädliche Maßnahmen und die dabei en passant ins Werk gesetzte endgültige Zerschlagung eines ohnehin seit Jahren nur noch kulturellen Analphabetismus produzierenden Bildungswesens – könnte unter Umständen ein Ausdruck dessen sein, dass es für das System im aktuellen Stadium der Krisenreife und vor dem Hintergrund eines auch in den Zentren immer mehr ökonomisch „Überflüssige“ erzeugenden Krisenkapitalismus auf die meisten dieser Kinder, geschweige denn ihre Ausbildung, gar nicht mehr ankommt. Sie sind schlicht egal. Dahinter steckt freilich kein Plan, geschweige denn böse Absicht, sondern hier wirkt lediglich die Schwerkraft einer in rasanter Selbstauflösung befindlichen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschafts-formation.


[71] Vgl. im Folgenden T. Meyer (2018): Big Data und die smarte neue Welt als höchstes Stadium des Positivismus. exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft 15, S. 113

[72] Wer sich ein Bild machen möchte von der Quantophrenie und dem daraus resultierenden Weltbild gerne am Computer herumrechnender Modellierer und „Komplexitätsforscher“, dem sei exemplarisch das Machwerk Die Zerbrechlichkeit der Welt des Leiters des Wiener Complexity Science Hub, Stefan Thurner, ans Herz gelegt (S. Thurner 2020: Die Zerbrechlichkeit der Welt: Was uns droht. Wie wir uns schützen, Wien).

[73] Schon allein deshalb, weil sich der Nutzen schwer nachweisen lässt.

[74] T. Konicz (2020): Pandemie des Hungers. Die Zunahme von Mangelernährung und lebensbedrohendem Elend, exit-online.org

Oxfam (2020): The Hunger Virus: How COVID-19 is fuelling hunger in a hungry world

Welthungerhilfe (2021): Die COVID-Pandemie verschärft den Hunger weltweit

[75] „Als Folge der Pandemie: Bis zu 1,2 Millionen zusätzliche Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren“, unicef.de, 13.5.2020

„Weltweite Müttersterblichkeit steigt ‚dramatisch‘ an“, kurier.at, 5.5.2021

[76] P. Gøtzsche (2021): Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität. Wie die Pharmaindustrie das Gesundheitswesen korrumpiert, 3. Auflage, München.

[77] „Das Netz der Pharma-Industrie“, news.at, 22.1.2022


[79] I. Illich (1977): Die Nemesis der Medizin. Von den Grenzen des Gesundheitswesens, Reinbek

Langbein & B. Ehgartner (2003): Das Medizinkartell. Die sieben Todsünden der Gesundheitsindustrie, München

Reuther (2020): Der betrogene Patient, 2. Auflage der aktualisierten Neuausgabe, München

Reuther (2021): Heilung Nebensache. Eine kritische Geschichte der europäischen Medizin von Hippokrates bis Corona, München.

[80] „WHO: Jede Minute sterben fünf Menschen durch falsche Behandlung“, sueddeutsche.de, 14.9.2019

[81] „Grippeimpfung: Wie Pandemrix eine Narkolepsie auslöst“, aerzteblatt.de, 2.7.2015

[82] Zur Schweinegrippe siehe z.B. die arte-Dokumentation aus dem Jahr 2009 Profiteure der Angst.

[83] Auch hierfür ist die in Anmerkung 82 zitierte arte-Dokumentation über die Schweinegrippe ein anschauliches Zeitdokument.

[84] „‚Die Pharmaindustrie ist schlimmer als die Mafia‘“, sueddeutsche.de, 6.2.2015

[85] A. Urban (2020): Ein Widerspruch von abstraktem und stofflichem Reichtum. Zum Zusammenhang von Kapitalismus und ökologischer Krise, wertKRITIK.org

Konicz (2020): Klimakiller Kapital. Wie ein Wirtschaftssystem unsere Lebensgrundlagen zerstört, Wien/Berlin.

[86] „Die droits de l’homme, die Menschenrechte werden als solche unterschieden von den droits du citoyen, von den Staatsbürgerrechten. Wer ist der vom citoyen unterschiedene homme? Niemand anders als das Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft. Warum wird das Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft ‚Mensch‘, Mensch schlechthin, warum werden seine Rechte Menschenrechte genannt? Woraus erklären wir dieses Faktum? (…) Vor allem konstatieren wir die Tatsache, daß die sogenannten Menschenrechte, die droits de l’homme im Unterschied von den droits du citoyen nichts anderes sind als die Rechte des Mitglieds der bürgerlichen Gesellschaft, d.h. des egoistischen Menschen, des vom Menschen und dem Gemeinwesen getrennten Menschen.“ (K. Marx 1983/1843: Zur Judenfrage. MEW, Bd. 1, Berlin, S. 363f.)

[87] Robert Kurz (2013): Die Aufhebung der Gerechtigkeit. Realitätsverlust und Krise der demokratischen Ethik, in: ders.: Weltkrise und Ignoranz. Kapitalismus im Niedergang, Berlin, S. 18

[88] Darauf weisen wir an dieser Stelle deshalb ausdrücklich hin, weil in der wert-abspaltungskritischen Debatte bislang die Tendenz vorherrscht, Kritik an den Corona-Maßnahmen und damit zusammenhängenden Rechtsbrüchen und Grundrechtseinschränkungen pauschal als borniert-bürgerlichen Rechts- und Demokratiefetischismus zu denunzieren. Dies mag als Kritik an dominanten Erscheinungsformen von Maßnahmenkritik in der Öffentlichkeit, z.B. seitens „Querdenkern“, zutreffend sein, ist aber kurzsichtig, wenn damit, erstens, jegliche Maßnahmenkritik als gegenstandslos erklärt wird, und, zweitens, wenn dadurch tatsächlich stattfindende institutionelle Erosionsprozesse in der Krise, etwa innerhalb des Rechts, aus dem kritisch-theoretischen Visier genommen werden.


[89] „WHO über Pandemie-Ursache: Laborunfall ‚wahrscheinliche Hypothese‘“, diepresse.com, 13.8.2021

„Irre Top-Docs, eine Fledermaus-Lady und die Büchse der Pandora“, Telepolis, 20.2.2022

[90] S. Shah (2020): Woher kommt das Coronavirus? Le monde diplomatique, März 2020, S. 8

[91] „Fight over Covid’s Origins renews Debate on Risks of Lab Work“, nytimes.com, 20.6.2021

[92] Die beabsichtigte oder unbeabsichtigte Freisetzung eines von Menschen hergestellten pathogenen Keims und seine weltweite Verbreitung wäre, im Unterschied zu einer Pandemie „natürlichen“ (d.h. auf Mutation und/oder Zoonose zurückgehenden) Ursprungs, tatsächlich historisch neu – gewissermaßen das Tschernobyl oder Hiroshima der Gentechnik. Dies und die mangels Erfahrung mit solchen Ereignissen einhergehende erhöhte Verunsicherung der Behörden und Militärs würde immerhin einen plausiblen Erklärungsansatz für die historisch so einzigartige Reaktion auf das „neuartige Coronavirus“ liefern.

[93] Selbst sich radikal abschottende Inselstaaten wie Neuseeland oder Australien sind das Virus bis heute nicht losgeworden. Australien hat sich inzwischen sogar in eine Art totalitären Hygiene-Polizeistaat verwandelt mit Quarantänelagern und de facto Zwangsimpfungen und verzeichnete dennoch (oder deshalb?) zu Jahresbeginn 2022 die mit Abstand höchsten Inzidenzen seit Beginn der Pandemie. Auf die endgültige Blamage der Zero-Covid-Ideologie in China während der aktuellen „Omikron-Welle“ wurde bereits hingewiesen (siehe oben Anmerkung 32). Was wahrscheinlich schon von vornherein gegen die Möglichkeit einer Eradikation des Virus spricht, ist seine inzwischen hinlänglich bekannte Mutationsfreudigkeit sowie die Tatsache, dass es, wie alle Coronaviren, sowohl Menschen als auch Tiere befallen kann und daher auch außerhalb des Menschen ein Reservoir findet, in dem es überleben, sich vermehren und weiter mutieren kann.


[94] A. Urban (2020): Überflüssigkeit als totale Institution. Zu Geschichte, Logik und Funktion des Altenheims. exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft 17, S. 146-178, auch online unter wertKRITIK.org

[95] „43 Prozent der Toten in Pflegeheimen“, orf.at, 26.1.2021

[96] Beispielsweise ist aus verschiedenen Ländern bekannt, dass vor allem unter Demenzkranken infolge sozialer Isolation die Mortalität stark angestiegen ist (vgl. Chen et al. 2021: Risk factors for excess deaths during lockdown among older users of secondary care mental health services without confirmed COVID-19: A retrospective cohort study. International Journal of Geriatric Psychiatry 36, S. 1899-1907).

[97] „Die Medikalisierung ist ein wucherndes bürokratisches Programm, das auf der Leugnung der menschlichen Notwendigkeit beruht, sich mit Schmerz, Tod und Krankheit auseinanderzusetzen.“ (I. Illich 1977, S. 155)

[98] Quelle: AGES (eigene Berechnung)

[100] D. Köhler & T. Voshaar (2021): Kant, Popper und die invasive Beatmung, Cicero, 8.11.2021

[101] I. Illich 1977, S. 231f.

[102] „16 Prozent der SchülerInnen haben suizidale Gedanken“, donau-uni.ac.at, 2.3.2021

[103] „Corona: Die Jugend als Sündenbock“, news.at, 7.9.2020

„Polizei vertreibt feiernde Jugendliche: Im Namen der Verordnungen, taz.de, 12.6.2021

[104] „Sind Reiserückkehrer verantwortlich für die Corona-Zahlen?“, br.de, 10.9.2021

[105] „Fußball-EM: Der Tod sitzt auf den Rängen“, Telepolis, 8.7.2021

G. Eisenberg (2021): Protokoll der Selbstzerstörung. GEWerkschaftsMagazin, 12.7.2021

[106] K. Schwab & T. Malleret (2020): Covid-19: The Great Reset, Cologny/Genf.

[107] „5 visions of the future from our Global Technology Governance Summit, weforum.org, 16.4.2021

[108] Dafür lassen sich nicht nur im von NGOs und Oligarchen dominierten Geflecht der „Pandemie-Industrie“ (Open Philantropy, CGD, GPMB, BMGF, GAVI, CEPI etc.) schwer negierbare Hinweise finden.

Selbst manche durchaus als „verschwörungstheoretisch“ zu bezeichnende Argumentationsmuster erscheinen nicht in jeder Hinsicht als völlig abwegig. So weist etwa Fabio Vighi darauf hin, dass die Finanzmärkte 2019 wieder einmal kurz vor einer Kernschmelze standen. Diese sollte durch ein gigantisches Going-Direct-Liquiditätsprogramm der Notenbanken, das massenhaft Geld in das System pumpte (allein in den USA zwischen September 2019 und März 2020 neun Billionen Dollar), verhindert werden. Da die enorme Menge an Liquidität, wenn diese in realökonomische Geschäftskreisläufe eingegangen wäre, eine Hyperinflation mit katastrophalen Folgen ausgelöst hätte, seien Lockdowns eine willkommene Möglichkeit gewesen, die Öffentlichkeit abzulenken und gleichzeitig Geschäftstransaktionen auszusetzen und durch eine entsprechende Senkung der Nachfrage nach Krediten eine „Ansteckung“ der Realökonomie zu verhindern. Auch das muss nicht zwingend so gelesen werden, als sei die Corona-Krise „geplant“ worden. Aber es würde immerhin einen Erklärungsansatz für die in der Tat erklärungsbedürftigen, historisch einmaligen und global weitgehend konzertierten Lockdown-Strategien als (medizinisch alles andere als naheliegende) Reaktion auf die Pandemie liefern. Vighi argumentiert dabei auch explizit krisentheoretisch und durchaus anschlussfähig an die wert-abspaltungskritische Theoriebildung, insofern er diese Entwicklungen in einer fundamentalen Krise des Kapitalismus verortet: „However, the ‚going direct‘ blueprint should also be framed as a desperate measure, for it can only prolong the agony of a global economy increasingly hostage to money printing and the artificial inflation of financial assets. At the heart of our predicament lies an insurmountable structural impasse. Debt-leveraged financialization is contemporary capitalism’s only line of flight, the inevitable forward-escape route for a reproductive model that has reached its historical limit. Capitals head for financial markets because the labour-based economy is increasingly unprofitable.“ (F. Vighi 2021: A self-fulfilling prohecy: Systemic collapse and pandemic simulation, thephilosophicalsalon.com).


[109] Vgl. exemplarisch H. Hofbauer & A. Komlosy (2020): Neues Akkumulationsmodell: Verhalten und Körper im Visier des Kapitals, in: Hofbauer/Kraft (Hg.): Lockdown 2020. Wie ein Virus dazu benutzt wird, die Gesellschaft zu verändern, Wien, S. 79-90.

[110] N. Klein (2007): Die Schock-Strategie: Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus, Frankfurt/Main

Klein warnte bereits 2020 davor, diese banale Realität ob der sich ausbreitenden Ängste vor einer WEF-„Verschwörung“ zu übersehen („The Great Reset Conspiracy Smoothie“, theintercept.com, 8.12.2020).