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Anselm Jappe


Umweltschützer oder Hypervernetzte?


Zuerst erschienen im September 2023 in der französischen Zeitschrift La Décroissance, No. 202, S. 8



Auf dem „Klimacamp“ gehen unter den Hunderten von Teilnehmern einige von einer Gruppe zur anderen und sagen leise: „In einer Viertelstunde, Treffen im Hinblick auf die morgige Demonstration. An der Ecke des Platzes.“ Wenn man an dem angegebenen Ort ankommt, der am weitesten von anderen Aktivitäten entfernt ist, wird man aufgefordert, sein Handy in einigen Metern Entfernung auf einen Tisch zu legen. Dann rücken die Aktivisten untereinander so nah wie möglich zusammen und die Informationen werden mit sehr leiser Stimme ausgetauscht. Der Grund ist offensichtlich: Bei dieser Demonstration ist geplant, ohne vorherige Genehmigung einen Ort zu erreichen, den die Polizei als „sensibel“ einstuft. Man muss also den Illegalen spielen. Es ist jedoch bekannt, dass Smartphones in beide Richtungen funktionieren und ohne das Wissen ihrer Besitzer an neugierige Ohren senden können. Die Aktivisten verzichten dann für eine Viertelstunde darauf – wahrscheinlich unnötig, denn es gibt sicherlich Spyware (Spionageprogramme), die aus der Ferne mithören können. Ganz abgesehen davon, dass es unter den Dutzenden Aktivisten höchstwahrscheinlich Spitzel gibt (aber das ist ein anderes Thema, das in der Bewegung selten angesprochen wird).


Das zunehmend wiederkehrende Ritual des Telefonierens stellt eindeutig einen etwas verschämten Kompromiss dar: Man weiß zwar, dass man in Wahrheit auf die ständige Verbindung verzichten sollte, schafft es aber nur ab und zu für eine Viertelstunde und nur aus „Sicherheitsgründen“, was wegen des etwas pfadfinderhaften Vorgehens eher zum Schmunzeln anregt. Dabei sollten gerade ökologisch orientierte Menschen der digitalen Welt mehr als alle anderen misstrauisch gegenüberstehen und ihre Nutzung so weit wie möglich einschränken. Auch auf die Gefahr hin, Argumente zu wiederholen, die jeder Umweltschützer auswendig kennen und in seinem Umfeld verbreiten sollte, wollen wir einige „Basisbanalitäten“ (Raoul Vaneigem) in Erinnerung rufen.


 

Bildschirme und ihre Folgen


Das Internet gehört zu den größten Energieverbrauchern: 10-15 Prozent des weltweiten Stroms werden derzeit durch das Internet verbraucht, doch das starke Wachstum wird es in einigen Jahren zum energieintensivsten Sektor machen.[1] Sein Beitrag zur globalen Erwärmung ist bekannt. Netzwerke sind „immateriell“, heißt es, aber sie basieren auf sehr materiellen Strukturen wie Datenzentren, Kabeln, Computern und Telefonen. Den Übergang zu einer immer stärkeren digitalen Nutzung als „umweltfreundliche“ Lösung darzustellen, ist eine Illusion oder ein Schwindel, wie wenn man – so wie die deutschen Grünen in der Regierung – vorschlägt, so viel wie möglich auf Telearbeit zurückzugreifen, und sogar begrüßt, dass die Corona-Krise stark zu dieser Entwicklung beigetragen hat. Dabei wird vergessen, dass Internet und Mobiltelefon nur dank einer Rohstoffgewinnung und Abfallverbreitung existieren, die im Süden der Welt unweigerlich unter entsetzlichen Bedingungen stattfinden. Aber dieselben Leute, die nur Kaffee trinken und Hemden tragen, die „fair gehandelt“ wurden, zeigen sich in dieser Hinsicht unsensibel, weil sie wissen, dass sie in diesem Bereich kein Siegel finden werden, das ihr Gewissen beruhigt, und dass sie dann ganz darauf verzichten müssten, wenn sie konsequent wären. Nur nebenbei erwähnt seien die Auswirkungen elektromagnetischer Strahlen auf die Gesundheit und die Tatsache, dass man nirgendwo mehr vor Strahlung sicher ist.


Zweitens geht Umweltbewusstsein in der Regel mit einem Augenmerk auf Freiheiten einher (auch wenn in manchen Kreisen die Versuchung zunimmt, autoritäre Methoden zur teilweisen Lösung der Umweltkrise ins Gespräch zu bringen, sei es in Form von Smart Cities mit einer sorgfältigen Kontrolle des Verhaltens der Bevölkerung oder gar einer „Ökodiktatur“). Man muss also nicht daran erinnern, dass heute nichts die Freiheit so sehr bedroht wie die Möglichkeit, jedes Wort und jede Geste einer Person über vernetzte Gegenstände zu verfolgen, sei es das Telefon oder die Kreditkarte, der Stromverbrauch (smart meter) oder der Konsum von Fernsehserien, die Zugtickets oder die Einkäufe im Supermarkt. Wir leben bereits in einem Ausmaß an Überwachung, das in vielerlei Hinsicht das von Orwell in 1984 beschriebene Ausmaß übersteigt, als man sich zu Hause noch außerhalb des Blickfelds des Bildschirms positionieren konnte.


Außerdem bedeutet Ökologie die Verteidigung der Natur vor technologischen Angriffen – also Kritik an der immer weiter fortschreitenden Künstlichkeit des Daseins. Es ist nicht zu übersehen, dass je mehr Digitalisierung, desto weniger direkte Beziehungen zu anderen Menschen und zur Natur.



Aktivisten im Netz gefangen


Diese Dinge sind altbekannt. Wenn man sie einem durchschnittlichen Umweltaktivisten in Erinnerung ruft, wird er das leicht zugeben. Aber in die Praxis zu gehen, ist eine andere Sache. Oft wird darauf hingewiesen, dass die Gründe, die sowohl vom Staat als auch von normalen Bürgern vorgebracht werden, um schnelle Veränderungen für unmöglich zu erklären (Ausstieg aus dem automobilen Individualverkehr, Abschaffung von Pestiziden, Verringerung des Fleischkonsums, Ende der Jagd, Verbot von Nitriten, drastische Reduzierung des Flugverkehrs usw.), falsch sind und bestenfalls auf Faulheit, wenn nicht sogar auf Sabotage, und den Wunsch, dass alles so weitergeht wie bisher, zurückzuführen sind. Doch dieselben Umweltschützer, die diesen berechtigten Vorwurf äußern, erklären schnell, dass die Netzwerke die Organisation des Aktivistenlebens und die Verbreitung von Informationen so sehr erleichtern, dass es undenkbar ist, darauf zu verzichten. Da das Thema selbst peinlich ist, verlagert sich die Diskussion schnell auf andere Themen. Nur ein Aspekt erregt Aufmerksamkeit: die Angst vor Abhörmaßnahmen. Aber die technologische Lösung liegt schon bereit: „ultra-sichere“ Anwendungen, weil sie von Anfang bis Ende verschlüsselt sind. Jeder Aktivist muss darin Experte werden und schwört dann auf Protonmail, Telegram oder Signal. Zu dumm, dass Protonmail im Jahr 2021 Informationen über Umweltschützer an die Polizei weitergegeben hat.[2] Es ist absolut sicher, dass die Polizei jeden Anbieter zur Herausgabe seiner Daten zwingen kann, wenn die „Sicherheit“ auf dem Spiel steht („Ökoterrorismus!“). Und ebenso sicher ist, dass die Polizei mit oder ohne Rechtsgrundlage jedes beliebige Kommunikationsmittel infiltrieren kann. Es ist kindisch zu glauben, dass man im Internet vertraulich kommunizieren kann.


Es gibt vielleicht sicherere Wege, um Informationen zu verteilen, die nicht für die Strafverfolgungsbehörden bestimmt sind. Zum Beispiel die alten Postdienste, wobei möglicherweise Adressen von unverdächtigen Personen verwendet werden. Über ein Jahrhundert lang war das unter denjenigen, die etwas zu verbergen hatten, sehr verbreitet. Oder verschlüsselt miteinander zu telefonieren. Aber all das kostet Mühe und Zeit, und der Aktivist greift wie jeder andere, wie der Durchschnittsbürger, der den Zug lobt und schließlich das Auto nimmt, auf den einfachsten Weg zurück.


Tatsächlich scheint es an dem Punkt, an dem wir uns befinden, genauso schwierig zu sein, plötzlich auf das Smartphone zu verzichten wie auf das Auto oder das Bankkonto. Aber wäre es nicht notwendig, zumindest die Debatte zu beginnen und vor allem einige „good practices“ zu starten? Warum klebt man bei einem Klimacamp überall QR-Codes mit dem Programm auf, ohne es auszudrucken? Warum verteilt man die Materialien einer Kampagne „Zahlen wir nicht für fossile Energien“ (Ultima generazione, Italien) immer mit einem QR-Code daneben, der die totale Digitalisierung der Welt und ihre Folgen für die Umwelt, wie den übermäßigen Verbrauch fossiler Energien, symbolisiert?


Es war unschicklich, ohne Smartphone zur Demonstration in Sainte-Soline[3] zu gehen. Um mit einer Fahrgemeinschaft dorthin zu gelangen, musste man sich auf einer Website mit Passwort und allem Drum und Dran anmelden, wie bei BlaBlaCar.[4] Dann wurde man aufgefordert, sich bei Telegram anzumelden, um zu erfahren, wohin man gehen sollte. Und so weiter. Wer sich nicht an diese Regeln hielt, war für die anderen ein Ärgernis und wurde zumindest stillschweigend als reaktionär betrachtet, als alt, unangepasst, has been. So wie der Rest der Gesellschaft.


Ein praktischer Vorschlag: Bei jedem grünen Treffen und jeder grünen Aktion ist das Essen immer vegan, auch wenn nicht alle Aktivisten vegan sind. Warum also diese Treffen nicht als „internetfrei“ deklarieren? Selbst ein paar Stunden oder Tage offline zu bleiben, könnte bereits den Entzug und die Bewusstseinsbildung fördern.


Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass dieser Vorschlag Erfolg haben wird. Denn eines der Merkmale des Ökoaktivismus ist das Streben nach Einstimmigkeit und die Vermeidung interner Konflikte („Wir sind schon so wenig ...“). Auch nur für kurze Zeit auf die Verbindung zu verzichten, würde vielen Menschen zu hart erscheinen; vielleicht würde man dann entdecken, dass die Nomophobie (die Angst, ohne Handy zu sein, offline zu sein) noch stärker ist als die „Öko-Angst“. Hinter der Frage der Nutzung von Netzwerken zeichnet sich eine ziemlich ernste potenzielle Spaltung im Umweltlager ab: zwischen denen, die glauben, dass die Vermeidung der ökologischen Katastrophe eine starke Reduzierung der Nutzung von Technologien und die Wiederherstellung von Autonomiepraktiken erfordert, und denen, die glauben, auch ohne es offen auszusprechen, dass es unvermeidlich sein wird, auf bestehende oder noch zu entwickelnde Technologien zurückzugreifen: von Telearbeit bis Geo-Engineering, von Abfall- und Verkehrsmanagement durch Algorithmen bis hin zu synthetischem Fleisch, von Elektroautos bis hin zu Wärmedämmung mit Styropor, von Windkraftanlagen bis hin zu Biokraftstoffen...




Endnoten


[1] „Wenn das Internet ein Land wäre, wäre es mit 1500 TWH pro Jahr der drittgrößte Stromverbraucher der Welt, hinter China und den USA. Insgesamt verbraucht die digitale Welt 10 bis 15 Prozent des weltweiten Stroms, was dem Äquivalent von 100 Atomreaktoren entspricht. Und dieser Verbrauch verdoppelt sich alle vier Jahre! So würde laut dem Forscher Gerhard Fettweis der Stromverbrauch des Internets im Jahr 2030 den weltweiten Stromverbrauch aller Sektoren von 2008 erreichen. In naher Zukunft würde das Internet somit zur weltweit größten Quelle von Umweltverschmutzung werden. [...] Mit Blick auf CO2-Emissionen verschmutzt das Internet 1,5 Mal mehr als der Luftverkehr.“ („Internet: le plus gros pollueur de la planète ?“, fournisseur-energie.com, 26.7.2023). Übrigens eine nicht-ökologische Seite, die aber „Verbrauchertipps“ gibt!


[2] „ProtonMail transmet des adresses IP à la police : 4 questions pour comprendre la polémique”, numerama.com, 6.9.2021

[3] Anmerkung der Redaktion: Dort fanden im März 2023 Proteste gegen den geplanten Bau von Wasserspeichern statt.

[4] Anmerkung der Redaktion: Eine internationale Online-Mitfahrzentrale mit Sitz in Paris.