Gerold Wallner
Zionismus und Antisemitismus
Zu Geschichte und Legitimation des israelischen Staats
Unter der deutschsprachigen Linken verschafft sich eine Tendenz mit Stellungnahmen zum Krieg in Gaza Gehör, die eine bedingungslose Solidarität mit dem Staat Israel einfordert, während mittlerweile selbst europäische Staatskanzleien die Kriegs- und Vernichtungspolitik Israels zunehmend kritischer und mit wachsendem Abstand sehen. In Österreich und Deutschland aber ist es stets geübte Staatsraison, auf Grund der faschistischen Vergangenheit und des Massenmords an der europäischen jüdischen Bevölkerung, eine besondere Verpflichtung zur Solidarität mit Israel zu betonen. Zur erwähnten israelsolidarischen Tendenz innerhalb der Linken gehören traditionell die Antideutschen, aber auch die Wertkritik. Dass hier de facto Staatsideologie übernommen wird, mag zwar überraschen (wenn auch nicht unbedingt im Fall der Antideutschen), aber das wirklich Ärgerliche ist die ideologische und historische Verkürzung, die mit den Forderungen nach bedingungsloser Solidarität einhergeht.
Dabei wird nicht nur die deutsche und österreichische Staatsraison weitergesponnen, sondern auch die israelische. Zusammengefasst liest sich das etwa im Editorial zu exit! #22 so: „Von sog. Israel-Kritikern wird ignoriert oder heruntergespielt, dass die israelische Staatsgründung eine Konsequenz des europäischen Antisemitismus und vor allem des Holocaust ist, ein Staat, der seine Legitimation daraus zieht, bewaffnete Schutzmacht für alle vom Antisemitismus verfolgten Juden zu sein [...].“[1] Ausgeblendet und für nicht relevant erklärt wird die Tatsache, dass die Staatsgründung 1948 nicht der Beginn des israelischen Staats war, sondern dass die Geschichte wesentlich weiter zurückreicht. Unsystematische Hinweise auf manche in der Wertkritik bis dato weitgehend vernachlässigte historische und ideologische Aspekte der Geschichte Israels hat bereits Andreas Urban in seinem Kommentar anlässlich des 7. Oktober 2023 und der darauf folgenden militärischen Eskalation in Gaza gegeben.[2] Im Folgenden möchte ich auf einige dieser Aspekte etwas näher eingehen und insbesondere die Geschichte des Zionismus als religiöses und als nationales Phänomen kurz umreißen – ein Phänomen, das bei genauerer Betrachtung nur mittelbar mit einem existenzbedrohenden und mörderischen Antisemitismus verbunden war.
Geschichtliches
Die ersten Vorstellungen von einer Rückkehr der Juden nach Palästina waren von religiösen – christlichen wie jüdischen – Motiven und Argumenten bestimmt. Der christliche Zionismus, der sich hauptsächlich in England entwickelt hatte, bezog sich auf die chiliastischen und prophetischen Lehren über die Endzeit und die Wiederkehr Jesu mit der Errichtung des Tausendjährigen Reichs. Dies sei an die Versammlung der (aus christlicher Sichtweise nun bekehrten) Juden in Jerusalem gebunden; es sei also die Pflicht der Christen, Juden bei der Rückkehr nach Palästina zu unterstützen – eine bis heute unter Evangelikalen wirkende Strömung, deren Konsequenz die bedingungslose Unterstützung des Staats Israel ist. Die jüdisch-rabbinische Argumentation sah im Gegenteil dazu eine Besiedlung des Heiligen Lands, die über Pilgerfahrten und den Wunsch, dort begraben zu sein, hinausging, als sündhaft an: Nur der Messias könnte ein jüdisches Reich wiederherstellen, durch Ansiedlung könne er dazu nicht gezwungen werden. Eine andere Argumentationslinie lautete, dass die Stätten so heilig seien, dass sie durch die Anwesenheit von jüdischen Siedlern entweiht würden, da diese in ihrem täglichen Leben dieser Heiligkeit an sich selbst nicht gerecht würden. Dabei haben wir es mit einer religiösen Argumentation zu tun, die die Existenz noch immer im Land lebender Juden (nun arabisch sprechend) ebenso außer Acht lässt wie auch die traditionelle Formel „Nächstes Jahr in Jerusalem" bei den Feiern von Jom Kippur und Seder.
Der politische Zionismus hingegen ist ein Produkt des modernen Antisemitismus, der sich im Zug des entstehenden Nationalismus entwickelte. Vordenker waren Moses Hess, Leon Pinsker und Theodor Herzl, um nur einige zu nennen. Diese reagierten mit ihren Vorstellungen von einer vor Verfolgungen sicheren Heimstatt der Juden auf antisemitische Pogrome und Verschwörungen, waren aber im Gegensatz zu den religiösen Debatten von früher von einem modernen, bürgerlichen Zeitgeist geprägt, eben dem Nationalismus. So entstand parallel zum Zionismus, aber auch schon vor seiner organisatorischen Gründung, eine – Shlomo Sand[3] nennt sie „protozionistische“ – Geschichtsschreibung.
Wo immer sich politische Bewegungen gründen, versichern sie sich ihrer selbst, indem sie auf eine sie legitimierende, nicht allzu selten imaginäre Vergangenheit zurückgreifen und diese als „Geschichte“ darstellen. Feministische Geschichtsschreibung, die vergangene Matriarchate beschwört, und die Geschichtsschreibung der versklavten Negerbevölkerung in den USA bis hin zu deren popkulturellen Darstellungen von „Roots“ bis „Amistad“ legen davon beredtes Zeugnis ab, wie es auch andere Geschichtsschreibungen und -klitterungen tun. Aber Nationalismus bezieht sich nicht nur auf Abstammung, auch wenn die Abstammung ein zentraler Mythos ist. Die Abstammungshelden der nationalen Geschichten – Vercingetorix und Arminius beispielsweise oder Karl der Große (der von Deutschen wie auch Franzosen jeweils in Anspruch genommen wird), aber auch Kunta Kinte aus „Roots“ – stehen neben Volksliedern, Sagen- und Märchensammlungen und den Grammatikalisierungen der Volkssprachen zu Nationalsprachen und Hochsprachen, selbst wenn diese gar nicht auf dem Land entstanden, das nationale Heimstatt werden sollte. So entwickelte Vuk Stefanović Karadžić seine Grammatik und Verschriftlichung des Serbischen 1814 in Wien.
Das war nicht immer ganz schlüssig und zeitigte manches Nebengeleise, zum Beispiel die Werke von Frédéric Mistral auf Provenzalisch oder von Fritz Reuter und Klaus Groth auf Platt. So etwas ist, bei allem poetischen Vermögen, als Kuriosität zwischen Volks- und Dialektdichtung einerseits und der kanonischen Hochkultur andererseits anzusiedeln. Aber jenseits der Sprach- und Abstammungsmythologie steht das Land, auf dem all das sich abspielt, im Mittelpunkt. Es ist zwar als ewige Heimstatt ebenso mythologisiert und mystifiziert, so dass es schließlich gewaltsam hergestellt und mit Grenzen befestigt und versehen werden muss. Aber es bildet einen konkreten Bezugspunkt.
Otto Bauer[4] trägt dem auf seine spezifisch marxistische Art Rechnung. Wenn er das Problem der so genannten „geschichtslosen Nationen“ behandelt, dann knüpft er deren Geschichtslosigkeit an das Fehlen von herrschenden Klassen, die als autochthon begriffen werden können. Adelige Gutsherren und Fürsten haben ihren Sitz außerhalb des Lands, das sie beherrschen, in Städten, in denen eine andere Sprache gesprochen wird als auf dem Land. Geschichte, also Politik und Herrschaft, kann erst national werden, wenn herrschende Klassen sich ausbilden, die die Sprache des Lands sprechen, also nationales Bürgertum und Proletariat im Zuge der Entwicklung von Kapitalismus und Industrialisierung entsteht. Otto Bauer hat dabei die sich emanzipierenden Nationalitäten in Österreich-Ungarn im Auge. (Richtiger wäre es, von Österreich zu sprechen, dessen deutschen Charakter Bauer stets betont. Ungarn kommt in dieser Abhandlung nicht vor.)
Aber er widmet auch ein Kapitel der Frage „Nationale Autonomie der Juden?“. Der Zionismus spielt für ihn in der Beantwortung der Frage keine Rolle, da er das „Erwachen der geschichtslosen Nationen“ nur auf dem Boden der österreichischen Länder diskutiert und dabei für „Tschechen, Ruthenen, Slowenen und Serben“ auch entsprechende Territorien sieht, auf denen sich dieser Prozess vollziehen kann, den Juden aber diese territoriale Bindung fehlt. Emanzipation der Juden kann für ihn nur im Rahmen der Assimilation erfolgen, also im Aufgehen in den jeweils sich bildenden nationalen modernen Klassen.
Aber zurück zur protozionistischen Geschichtsschreibung. Sand bezieht sich dabei auf Autoren wie Isaak Jost (1793-1860), Heinrich Graetz (1817-1891), Moses Hess (1812-1875) und Simon Dubnow (1860-1941). Wie schon weiter oben bemerkt, handelt es sich um eine Geschichtsschreibung, die dem allgemeinen Zug zu nationaler Kodifizierung – einem frühen nation building – entspricht, allerdings mit der Fehlstelle eines Territoriums versehen ist, das als schon immerwährende Wohnstatt der Nation angesehen werden kann. Diese Fehlstelle wird mit der Vorstellung des Exils aufgefüllt. Das erlaubt nun die mythische Rückprojektion auf ein Land, das zumindest einmal die Rolle nationaler Heimstatt gespielt, wenn auch nicht behalten hat und nur noch in der Überlieferung als heiliges Land mit den vier heiligen Städten[5] besteht. Wenn nun besiedeltes, bewohntes Land nicht als Grundlage für Nationalgeschichte dienen kann, sondern bloß das Gegenteil davon, nämlich Vertreibung und Exil, stellen sich vor allem zwei Fragen für die nationale Geschichtsschreibung des Judentums.
Erstens: Könnte es sein, dass Vertreibung und Exil ebensolche Mythen sind wie die dauerhafte Besiedlung durch Vorfahren bei anderen Nationen? Und zweitens: Wie wird nun die andauernde Gemeinsamkeit von Juden in der Diaspora erklärt – oder konstruiert? Meines Erachtens und in Bezug auf die angegebene Literatur lässt sich Folgendes sagen: Eine Vertreibung aus der römischen Provinz nach der Zerstörung des Tempels hat es nicht gegeben, auch keine vollständige Rückkehr aus dem babylonischen Exil ein paar Jahrhunderte davor. Nur eine von den Persern abhängige Minderheit der jüdischen Bevölkerung Babyloniens wurde nach Judäa geschickt, um den Tempel in Jerusalem wiederaufzubauen (verbunden mit der Redaktion und Kanonisierung der heiligen Texte) und dort eine Verwaltung der nun persischen Provinz zu unterhalten. Es ist auch davon auszugehen, dass nach der babylonischen Eroberung nicht die gesamte Bevölkerung versklavt wurde; eher wird man annehmen können, dass es sich um die adligen und priesterlichen Eliten handelte, die nach Babylon transferiert wurden und dann auch blieben, nicht zuletzt in ihrem Rang entsprechenden Positionen. Dass der Talmud in seiner Jerusalemer Version aus dem 4. bis 5. Jhdt. u. Z. weniger bedeutend im Judentum ist als die wesentlich ausführlichere babylonische aus dem 5. bis 6. Jhdt. u. Z., spricht eine beredte Sprache.
Dies deutet darauf hin, dass das rabbinische Judentum nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durchaus auch an die traditionellen Wohnstätten in Palästina mit den heiligen Städten einerseits und das babylonische Zentrum in Mesopotamien andererseits gebunden blieb. Dazu dürfte eine Diaspora jüdischer Gemeinden in der mediterranen Antike nicht unwesentlich von der Modernität des sich als herrschende Kultur ausbreitenden Hellenismus und der mit ihm verbundenen erhöhten Mobilität, aber auch von der intellektuellen Attraktivität des Monotheismus[6] angetrieben worden sein. Letzteres aber widerspricht einem zweiten Pfeiler der historischen Argumentation der Gemeinschaft, nämlich der gemeinsamen Abstammung von einem der zwölf Stämme Israels über die jeweiligen Mütter. Diese Reinheitsillusion wird noch durch die Behauptung befestigt, das Judentum kenne keine aktive Mission. Das arabische Königreich Himyar, das ab dem 4. Jhdt. u. Z. die jüdische Religion annahm und pflog, wie auch das Reich der Chasaren ab dem späten 9. Jhdt. u. Z., oder die Proselyten, die aus freien Stücken das Gesetz des Judentums inklusive Beschneidung, Reinheitsgebot und Sabbatheiligung annahmen, dies alles trug dazu bei, die Illusion der nicht existierenden Mission aufrechtzuerhalten[7], auch mit Hilfe der antiken Vorstellungen von Verwandtschaft durch Adoption: Wer nun dem Bund Gottes beigetreten war, war damit auch ein Kind des Volkes, ein Nachkomme der Patriarchen, wie Maimonides versichert…
Das Siedlungsgebiet für jüdische Gemeinden war im Allgemeinen das Mittelmeer und das Rote Meer, d.h. deren Küsten von Spanien bis Arabien. Die Gründung von jüdischen Gemeinden in separierten Stadtvierteln im Mittelalter in Deutschland, Frankreich und später England führte auch nicht zu einer großen Bevölkerungszunahme. In diese Zeit fällt durch religiöse Stigmatisierung und ökonomische Beschränkung die Entstehung der Zerrbilder von religiösen Ritualmördern, Wucherjuden und auf ewig Umherirrenden, welch letztere antisemitische Zuschreibung später vom Zionismus aufgegriffen wurde, der das „Volk ohne Land“ propagierte, das endlich in das „Land ohne Volk“, also das Land der Vorväter, das von Gott verheißene, zurückkehrt, um dort zur Ruhe zu kommen (auch hier wieder eine Übereinstimmung von Zionismus und Antisemitismus). Die Verbindung des Juden mit dem Geldgeschäft und dem Kreditwesen ist übrigens eine durch christlichen Zwang: Während das Judentum (wie im Grund genommen die gesamte mediterrane Antike und somit eigentlich auch das Christentum) das Zinsverbot kennt, wurde es von der katholischen Kirche für Juden gelockert bei gleichzeitiger Einschränkung anderer Tätigkeiten.
Ein ungelöstes Rätsel für die (nicht nur jüdische) Geschichtsschreibung ist die Frage nach der großen Bevölkerungsanzahl in Yiddishland, also Polen, Ukraine, Russland, je nachdem, was im Lauf der Geschichte wem zugehörig war. Gerne wird und wurde die These verwandt (oder verworfen), dass es sich hier um Abkömmlinge der Bevölkerung des untergegangenen Chasarenreichs handelt; aber auch karäische[8] Gemeinden werden ins Spiel gebracht, jedenfalls keine Sephardim, die Abkömmlinge spanischer Juden, die ihre hohe Bildung und Tradition in Norddeutschland, Nordfrankreich und England pflogen. Halevi hingegen bringt die Entstehung des aschkenasischen[9] Judentums mit der deutschen Ostsiedlung unter der Protektion der polnischen Königsmacht zusammen und macht in diesem Zusammenhang auf die Zuschreibung sozialer Stellungen in ethnischem Gewand in der Ukraine vom 17. bis ins frühe 20. Jhdt. unter polnischer wie auch russischer Herrschaft aufmerksam – polnische Grundbesitzer, kosakische Soldaten, jüdische (yiddishe) Kaufleute, Handwerker und auch (durchaus strenge) Pächter und Verwalter der Güter der katholischen polnischen Herren.
Sand wiederum kann auch keine schlüssige Erklärung für die große jüdische Bevölkerung in Osteuropa anbieten, lehnt aber die These ab, es handle sich um die Einwanderung vertriebener deutscher Juden, die die deutsche Sprache mitgenommen hätten. Die deutsche Sprache, die sich zum Yiddishen entwickelte, sei von deutschen Rabbinern gebracht worden, die von den polnischen, russischen und ukrainischen Gemeinden eingeladen worden waren. Als weiteres rätselhaftes Beispiel führt er an, dass das wichtige Wort „beten“ im Yiddishen „dawnen“ lautet (und nicht, wie eher zu erwarten, „beiten“), ein Wort, dessen Ursprung in einer Turksprache zu verorten wäre; das bringt die chasarische Theorie wieder ins Spiel.
Dies also in Kürze die Schwierigkeiten, die sich bei einer nationalen Geschichtsschreibung der Juden auftaten. Zusammengefasst geht es um die Frage der Konstruktion des Volks über die Kontinente und Zeiten hinweg, also die Aufrechterhaltung der Abstammungsillusion, des Exils und der Vertreibung als verbindendes Element und natürlich des Gelobten (versprochenen, heiligen) Lands als verlorener Ausgangspunkt der Geschichte. Der Zionismus sollte dieses Land wieder zum Ziel einer angeblich zweitausend Jahre lang ersehnten Rückkehr machen; aber dazu erst etwas später. Zunächst ist es angebracht, einen Blick auf den Antisemitismus der Moderne zu werfen. Der Begriff ist übrigens genauso jung und modern, aus dem 19. Jhdt., weswegen auch Sand über weite Strecken von Judeophobie spricht und erst für die Zeit ab dem späteren 19. Jhdt. von Antisemitismus. Die Wertkritik sieht bekanntlich einen unmittelbaren Zusammenhang von Kapitalismus und Antisemitismus, wobei sie sich wesentlich auf die von Moishe Postone entwickelte These bezieht, wonach dem modernen Antisemitismus die Projektion negativer (bzw. negativ empfundener), abstrakter Momente der Wertvergesellschaftung auf Juden zugrunde liegt.[10] Eine Rolle, die eine genauere Betrachtung verdient, spielt jedoch meines Erachtens vor allem der Nationalismus, der den von der Aufklärung und der Bürgerlichen Revolution wenigstens teilweise propagierten Kosmopolitismus[11] entschlossen verwirft, und auf dessen Grundlage letztlich auch die jüdische Geschichtsschreibung von einer religiösen zu einer nationalen entwickelt wird.
Dabei treten die traditionellen religiösen christlichen Vorwürfe gegenüber den Juden in den Hintergrund und der Hauptvorwurf dreht sich nun in verschiedenen Varianten um den fehlenden Nationalismus – als Weltverschwörung ebenso gedacht wie als individuelles Schmarotzertum[12] an der Wirtsnation. Dem wird eine moralische Disposition unterlegt, die die Juden aus sich heraus unfähig zu nationaler Größe und nationaler Moral sein lässt. Zum religiösen antisemitischen Klischee des Ewigen Juden, der wegen des Gottesmordes ruhelos über die Länder zu irren verdammt ist, tritt nun das Bild des vaterlandslosen Gesellen, mit dem ursprünglich Gesellen auf der Walz und ihre europäischen Netzwerke in Auseinandersetzungen mit Meistern diskreditiert wurden. Es war dieser aus Nationalismus geborene Antisemitismus, der die zionistische Reaktion hervorrief, womit sich auch die jüdische Geschichtsschreibung von religiös zu national änderte.
Zweierlei geschah in diesem Zusammenhang um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jhdt.: Einerseits geht die Auswanderung aus Osteuropa, dem Yiddishland, in dem der Antisemitismus durch nationale, ethnische und soziale (die Rolle von Juden als Verwalter der feudalen Güter und Eintreiber der Abgaben ist nicht vergessen) Angriffe zu bisher nicht gekannten blutigen Pogromen ansteigt, durchaus mit Assimilation einher. Die wichtigsten Länder der Westmigration waren Deutschland und Österreich, wo eine Sprache gesprochen wurde, die nicht gänzlich neu erlernt werden musste. Assimilation, etwa in Frankreich und England und vor allem in den Vereinigten Staaten des späten 19. Jhdts., war aber auch an den mit Aufklärung und Emanzipation gedüngten Boden der bürgerlichen Gesellschaft gebunden. Der Eintritt in eine bürgerliche Gesellschaft, wo religiöse Abschottung keine Rolle mehr spielte, sei es als Unternehmer, sei es als Proletarier, sei es als leitender Angehöriger der organisierten Kriminalität[13], war also nur logisch. Der Zionismus aber bekämpfte die Assimilation und argumentierte gegen sie, teils sogar mit abstrusen Behauptungen wie der vom „jüdischen Selbsthass“.
Andererseits ging der Zionismus in seiner antiassimilatorischen Ausrichtung und der Propagierung einer Einwanderung in das Gelobte Land ein Bündnis mit dem englischen Imperialismus ein, der ja nicht nur ein nationales, sondern auch ein supranationales Projekt war (und ein wenig auch mit dem französischen Imperialismus, aber hier kaum auf politischer, sondern mehr auf ökonomischer marktwirtschaftlicher Ebene). In der Zeit der ersten zionistischen Einwanderungen bis in die Mandatszeit der Briten für Palästina blieb die Bevölkerungszahl der jüdischen Einwohner zwar gering und unter den Erwartungen der Agenturen (ab 1929 der Jewish Agency for Palestine, als Vertreter und Ansprechpartner der Zionisten gegenüber der britischen Mandatsverwaltung), aber die Auswirkungen auf die Wirtschaft Palästinas waren enorm und trugen massiv zur Verarmung der Araber bei. Dazu kam die Verbitterung der arabischen Bevölkerung Palästinas gegenüber den Briten, die gemachte Zusagen während des Ersten Weltkriegs gegenüber den Arabern nicht eingehalten hatten, sich aber, auch was die Industrialisierung des Mandatsgebiets und dessen Besiedlung durch Zionisten betrifft, auf deren Seite gestellt hatten, was im Arabischen Aufstand von 1936 mündete, der gerne als Beispiel für arabischen Antisemitismus herangezogen wird.
Die Vorgeschichte dazu reicht in den Ersten Weltkrieg und in die währenddessen und danach geführten Friedensgespräche und geheimen Abkommen zurück. Ab 1916 unterstützte die Entente, vor allem federführend Großbritannien, um das Osmanische Reich in einen Zweifrontenkrieg zu zwingen, die arabische Revolte unter dem Scherifen von Mekka, Hussein bin Ali, und mit T. E. Lawrence als Verbindungsmann. Als Anreiz zur Erhebung diente das Versprechen, ein arabisches Königreich in den arabischen Provinzen des Osmanischen Reichs zu etablieren. In einem – inoffiziell-offiziellen – Briefwechsel zwischen Hussein bin Ali und Henry McMahon (britischer Hochkommissar in Ägypten 1915-1916), der so genannten Hussein-McMahon-Korrespondenz, fand diese Verständigung über die Nachkriegsordnung statt. Diese wurde allerdings durch das Sykes-Picot-Abkommen zwischen England und Frankreich konterkariert, das eine Aufteilung der arabischen osmanischen Provinzen zwischen ihnen beiden vorsah. Darin waren Herrschaftsgebiete und Einflussbereiche für Frankreich und Großbritannien festgeschrieben, in denen aber nach Gutdünken der Imperialisten ein arabisches Königreich etabliert werden konnte.
Ab 1917 trat zu diesen Abkommen, die geheim geblieben waren, die Balfour Declaration hinzu, die im Gegensatz zur vorigen Diplomatie sofort veröffentlicht wurde; nicht zuletzt, um auch die Zionisten dazu zu bewegen, ihren Einfluss zur Kriegsunterstützung der Entente geltend zu machen. Der Zionist und spätere erste Staatspräsident Israels Chaim Weizmann hatte das englische Parlament glauben gemacht, diesen Einfluss gebe es und sowohl US-Präsident Wilson als auch der russische Ministerpräsident Kerenski würden auf die Zionisten hören. 1918 konnten dann auch tatsächlich zwei jüdische Bataillone der Royal Fusiliers aufgestellt werden, womit sich der Kampf um die Nachkriegsordnung zuspitzte; die Franzosen ihrerseits schickten ein Corps des Détachement Français de Palestine et de Syrie ins Feld, das aus armenischen Flüchtlingen bestand, die die Franzosen vom Musa Dagh gerettet hatten. Die Balfour Declaration wurde von arabischen Würdenträgern und Diplomaten zur Gänze erbost abgelehnt, da den Engländern nicht zugestanden wurde, über ein Gebiet zu verfügen, das ihnen nicht gehörte.
Dennoch muss in diesem Zusammenhang von einem weiteren Abkommen gesprochen werden, das in diese diplomatischen Verirrungen des Imperialismus hineinfällt und dessen Nichtverwirklichung eine typische Facette der Friedensverhandlungen in den Pariser Vororten[14] ist: das Faisal-Weizmann-Abkommen. Dieses Abkommen wurde zwischen Chaim Weizmann und dem Sohn Hussein bin Alis, Faisal bin as-Scharif Hussein bin as-Scharif Ali al-Haschimi, der die arabische Revolte militärisch geführt hatte, ausgehandelt. Es enthielt im Großen und Ganzen einen Teilungsplan für das palästinensische Gebiet, in dem jüdische Niederlassungen entsprechend der Balfour Declaration garantiert worden wären. Faisal behielt sich die Unterzeichnung bis zu einem vereinigten arabischen Königreich und zur Unabhängigkeit aller Emirate vor, die aber schließlich nicht zu Stande kamen. So traten zionistische und arabische Nationalbewegungen wieder auseinander.
Zurück in die Mandatszeit: Der arabische Aufstand wurde niedergeschlagen, aber der Großmufti von Jerusalem, Muhammad Amin al-Hussein, verfolgte als Führer eines islamischen palästinensischen Nationalismus weiterhin eine Politik gegen Briten und Zionisten, wobei er sich der Hilfe des NS-Regimes vergewisserte, es durch Rekrutierungen unterstützte und von 1941 bis 1945 in Deutschland lebte.[15] Nach seiner Rückkehr 1946 verlor er im Asyl in Ägypten an Einfluss, wenn auch nicht an Renommee. Ein Auslöser für den arabischen Aufstand war im Übrigen das Prinzip der „Jüdischen Arbeit“, das noch vor den Weltkriegen die Anstellung von jüdischen Arbeitern in jüdischen Betrieben propagierte und so wesentlich zur Verarmung der arabischen Bevölkerung beitrug. Eine Reaktion darauf war, dass sich der Großmufti für die Blockade von Fluchtwegen für Ostjuden einsetzte, die vor den Nazis mit dem Ziel Palästina flohen.
Ab 1947 bestanden Pläne zur Teilung Palästinas und zur Aufgabe des Völkerbundmandats durch die Briten, was am 14. Mai 1948 durch Beschluss der UN-Vollversammlung geschah. So war der Staat Israel geboren, während sich das Versprechen eines vereinigten arabischen Königreichs darauf beschränkte, dass im Irak und in Jordanien (das als Transjordanien im britischen Mandatsgebiet Palästina gegenüber Cisjordanien abgetrennt worden war) Söhne des Scherif Hussein bin Ali inthronisiert waren, nämlich Faisal im Irak[16] und Abdallah in Transjordanien (als Jordanien seit 1950). Hussein bin Ali selbst versuchte 1924 im Hedschas, als Kalif die Oberhoheit nicht nur über die Heiligen Städte Makka (Mekka) und al-Madina (Medina), sondern über die Muslime insgesamt zu reklamieren. Dieser Anspruch wurde von der adligen Familie al-Saud politisch und militärisch in Frage gestellt bzw. selbst übernommen. Hussein, dessen Unterstützung durch Großbritannien sich auf den Krieg gegen die Osmanen bezogen hatte, während die Briten schon früher mit den al-Saud längerfristige Verträge abgeschlossen hatten, dankte zu Gunsten seines Sohns Ali ab, der aber auch nicht erfolgreich war und schließlich mit seiner Familie ins Exil in den Irak ging.
Die Gründung des Staats Israel bedeutete jedoch nicht, dass mit der Souveränität des neuen Staats der imperialistische Einfluss abnahm oder gar aufhörte. Schon der Abzug der Briten aus dem Mandatsgebiet war mit einem Zurücklassen der militärischen Infrastruktur verbunden, was zwar keine formelle Übergabe der Bewaffnung, aber doch ein Verhalten zu Gunsten der Zionisten und ihres neuen Staats war, wenngleich auch Araber von den zurückgelassenen Mitteln zu profitieren versuchten. Der Israelisch-Arabische Krieg 1948 und der Waffenstillstand 1949 führten zu einer Erweiterung des vom ursprünglichen Teilungsplan vorgesehenen Staatsgebiets. Als arabisch einheitliche Siedlungsgebiete blieben der Gazastreifen (als „Protektorat Gesamt Palästina“ von der Arabischen Liga gegründet und anerkannt) und das Westjordanland, das 1950 von Transjordanien annektiert wurde, das sich von nun an Jordanien nannte. 1956, in der so genannten Suez-Krise, wurde die imperialistische Zusammenarbeit zwischen Großbritannien, Frankreich und Israel noch einmal bei dem Versuch deutlich sichtbar, den von Ägypten verstaatlichten Suezkanal wieder unter ihre Kontrolle zu bringen, wenngleich USA und UdSSR gegen die drei Kriegführenden und zu Gunsten Ägyptens intervenierten. In der Folge führte die Schwächung der ehemaligen Kolonialreiche dazu, dass die USA ihre geostrategische Position im Nahen Osten ausbauten und im Zuge dessen zum wichtigsten Partner und Unterstützer Israels wurden, wenn auch die Diplomatie im Kalten Krieg immer wieder die UdSSR und die USA zu gemeinsamen politischen Interventionen kommen ließ, nicht zuletzt, um die jeweiligen Einflusszonen abzusichern.
Ideologie und Legitimation
Aber was bedeutet die Gründung des Staats Israel 1948 auf ideologischer und legistischer Ebene? Welche Aussagen von Staatsraison und Legitimation sind damit verbunden? Damit kommen wir zur Ausgangsfrage dieses Aufsatzes zurück, zu der nach der angenommenen Bedeutung Israels als sicherer Hafen für alle verfolgten Juden der Welt, ja noch mehr: als Staat aller Juden dieser Welt.
In der Unabhängigkeitserklärung Israels durch den Nationalausschuss finden sich in den ersten beiden Paragrafen schon die historischen Legitimationsmuster, die im ersten Teil des Aufsatzes besprochen wurden: die Behauptungen einer historischen Heimstatt, aus der man mit Gewalt vertrieben wurde, der man aber über Jahrhunderte hinweg treu geblieben und nach der die Sehnsucht nie gestorben war. Im dritten Paragrafen kommt die zivilisatorische Mission der Einwanderung ins Spiel, die „allen im Lande die Segnungen des Fortschritts brachte“, ein Passus, der sich gezielt gegen arabische Rückständigkeit und die Unfähigkeit richtete, das Land zu kultivieren (also dem Weltmarkt zu öffnen), und der oft zur Legitimierung der zionistischen Herrschaft herangezogen wurde. Im vierten Paragrafen wird von der internationalen Anerkennung des Zionismus, der „die historische Verbindung des jüdischen Volkes mit dem Lande Israel und seinem Anspruch auf die Wiedererrichtung seiner nationalen Heimstätte“ behauptet, durch Völkerbundmandat und Balfour Declaration gesprochen.
Es ist der folgende fünfte Paragraf, der den Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Deutschlands und Osteuropas erwähnt, was als Beweis genommen wird, „dass das Problem der jüdischen Heimatlosigkeit durch die Wiederherstellung des jüdischen Staates im Lande Israel gelöst werden muss, in einem Staat, dessen Pforten jedem Juden offenstehen, und der dem jüdischen Volk den Rang einer gleichberechtigten Nation in der Völkerfamilie sichert“; als ein Beweis, wenn auch ein drastischer – es wird von einer Katastrophe gesprochen –, aber keineswegs als Auslöser für die zionistische Bewegung, heißt es doch im folgenden Paragrafen: „Die Überlebenden des schrecklichen Nazigemetzels in Europa sowie Juden anderer Länder scheuten weder Mühsal noch Gefahren, um nach dem Lande Israel aufzubrechen…“
Sand bemerkt dazu, dass der Zionismus den Judenmord entgegen seinem Anliegen von Sicherheit für die Juden nicht verhindern konnte, dass aber neben dem britischen Kolonialismus der Judenmord „zu einem Teil die Konkretisierung des zionistischen Projekts möglich gemacht hat“[17]. Ebenso hat die Schließung der Grenzen der Vereinigten Staaten für die Einwanderung 1924 zu einem Anwachsen der Migration nach Palästina beigetragen wie auch das Schließen der Grenzen eines Großteils der europäischen Nachbarstaaten des Nazireichs nach der Machtergreifung gegenüber den Verfolgten, aber auch nach der Niederlage des Dritten Reichs gegenüber den Überlebenden.
Noch vor dem formellen Abzug der Britischen Mandatsverwaltung 1948 und nach dem Bekanntwerden des Teilungsplans der UNO 1947 versuchten palästinensische Juden und palästinensische Araber mit militärischen Mitteln strategisch wichtige Positionen einzunehmen, aber dies auch mit Vertreibungen und Massakern umzusetzen: Palästinakrieg seit 1947 zwischen Haganah und arabischen Milizen, nach der Gründung 1948 zwischen den Israelischen Verteidigungskräften (IDF bzw. Zahal nach dem hebräischen Akronym) – der regulären Armee, in die sich die Haganah entwickelt hatte – und den Armeen von Ägypten, Syrien, Jordanien und dem Irak. Der Israelisch-Arabische Krieg war die Folge, der, wie schon erwähnt, mit der Vergrößerung des ursprünglich vorgesehenen israelischen Staatsgebiets endete.
Der zionistische Staat sicherte sich aber nicht nur militärisch, sondern auch legistisch und ideologisch. Zwei Gesetze betrafen das Staatsgebiet und dessen Grund und Boden: das Gesetz über das Eigentum von Abwesenden aus dem Jahr 1950 und das Gesetz über den Erwerb von Land von 1953. Mit dem Gesetz aus dem Jahr 1950 brachte der Staat das Eigentum der Vertriebenen und Geflohenen, die außerhalb Israels sich niedergelassen hatten und nun als „Abwesende“ bezeichnet wurden, an sich. Das bezog sich nicht nur auf Grund und Boden, sondern auf alle zurückgelassenen Vermögen, Bankkonten inklusive. Es war das legalistische Vorgehen, den Wildwuchs von privaten Aneignungen durch die Juden nach der Nakba zu kanalisieren. Allerdings bezog sich dieses Gesetz auch auf „anwesende Abwesende“, d.h. auf Binnenvertriebene, also palästinensische Araber, die innerhalb der Grenzen des neuen Staats geblieben waren und nach und nach israelische Staatsbürger wurden. Auch ihnen wurde wie den außer Landes Geflohenen die Rückkehr auf ihre angestammten Wohnsitze verwehrt, die somit unter diese neue gesetzliche Regelung für „abwesende Eigentümer“ fielen.
Der Staat, der dieses herrenlos gemachte Eigentum übernommen hatte, hatte das Land zunächst einer Treuhand übergeben, später aber an den Jüdischen Nationalfonds verkauft, der gemäß seiner Satzung kein Land an Nichtjuden verkaufen oder verpachten durfte. Danach wurde der Anwendungsbereich des Gesetzes auf so genanntes Waqf-Land erweitert, also auf Land (und Vermögen) religiöser Stiftungen und Institutionen, denen der Verkauf von Waqf-Eigentum verboten war und die das Vermögen nur zu religiösen und sozialen Zwecken verwenden durften.[18] Und ab 1967 galt dieses Gesetz auch für die im Sechstagekrieg eroberten Gebiete.
Das Gesetz von 1953 wiederum sollte den Aneignungs- und Enteignungsprozess der frühen Staatsgründung zum Abschluss bringen, was auch die eine oder andere Restitution beinhaltete, aber im Allgemeinen den Zugang der palästinensischen Araber zu ihren früheren Wohnstätten verweigerte. Das Gesetz war nur für ein Jahr gültig, das genügte aber, um die Enteignungen immer stärker anzutreiben; die enteigneten Eigentümer mussten nicht einmal über die Konfiskationen informiert werden…
In diesem Zusammenhang sei ein kurzer Verweis auf die Geschichte der USA erlaubt, die typisch für Verhältnisse in Siedlerkolonien ist. Im Jahr 1862 wurde das Bundesgesetz des Homestead Act beschlossen, das jedem erwachsenen Siedler erlaubte, 160 acres Land abzustecken, zu besiedeln und zu bebauen. Das Land sollte nach fünf Jahren permanenter Bewirtschaftung kostenlos in sein Eigentum übergehen, konnte aber auch schon vor Ablauf dieser Zeit käuflich erworben werden, was dieses Gesetz zum Auslöser von Landspekulationen einerseits und von oft blutigen Auseinandersetzungen zwischen Siedlern (squatters) und Viehzüchtern anderseits machte, die freie Weiden für ihre Rinderherden beanspruchten und diese nicht zersiedelt sehen wollten. Dass dieses „freie“ Land ursprünglich von Native Americans besiedelt war[19], wird in der historischen (und filmischen) Darstellung dieser Epoche oft und gerne übersehen; zugleich ist es von nicht unerheblicher Bedeutung, dass dieses Gesetz nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs beschlossen wurde.
Im selben Jahr wie die Emancipation Declaration beschlossen, wurde der Homestead Act auch als Gegenstück zu Plantagenwirtschaft und Sklaverei angesehen und war daher schon vor dem Bürgerkrieg, als er 1860 den Kongress passierte, vom damaligen Präsidenten Buchanan (ein Demokrat; Lincoln hingegen war Republikaner, also ein Vertreter der damals moderneren Partei) mit Veto belegt. Aber wie nicht ganz hundert Jahre später in Israel zeigt sich die enge Verbindung von Landeigentum, das der Staat an sich gezogen und auf dem er sich gegründet hat, nahezu kostenloser Besiedlung und Bebauung und kriegerischen Rahmenbedingungen. Durch die Besiedlung (oder Spekulation) wird dann auch die Verantwortung für das Geschehen aus der Staatshand in private Hände überführt, was die Staatsideologie von Neutralität und schiedsrichterlicher Weisheit natürlich fördert.
Israel hatte also sein Staatsgebiet militärisch und legistisch definiert, aber nicht seinen Umfang.[20] Die Unabhängigkeitserklärung bezog sich in ihrem ersten Absatz auf das „Land Israel“. Dieses „Land“ (eretz) wird nicht weiter definiert, außer als historische und gegenwärtige Heimstatt des jüdischen Volks. Es ist aber nicht unbedingt mit dem aktuellen Staatsgebiet identisch. Es wurde bei der Abfassung der Unabhängigkeitserklärung bewusst manches in Schwebe gehalten. Beispielsweise wurde der demokratische Charakter des Staats oder die Gleichheit vor dem Gesetz aus der endgültigen Fassung gestrichen. Die Autoren waren der Meinung, die Berufung auf die „Grundsätze der Charta der Vereinten Nationen“ genüge. Auffällig ist, dass der religiöse Charakter in der Unabhängigkeitserklärung eine prominente Rolle spielt. Datiert ist die Beendigung des Mandats Großbritanniens mit „dem sechsten Tage des Monats Ijar des Jahres 5708, dem 15. Mai 1948“, der Staat „wird auf Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden im Sinne der Visionen der Propheten Israels gestützt sein“.
Beschlossen worden war also mit der Abfassung der Unabhängigkeitserklärung ein „jüdischer Staat“. Das 2018 beschlossene Nationalstaatsgesetz hat die Prinzipien der Unabhängigkeitserklärung noch einmal bekräftigt, auch mit der Unterstützung und Förderung weiterer Siedlungen – und ohne territoriale Definition oder Beschränkung, im Gegenteil wird die „Weiterentwicklung von jüdischen Siedlungen“ für „einen nationalen Wert“ angesehen (Absatz 7). Die Frage, wer denn nun als Jude in diesem Staat zu gelten habe, ist im Rückkehrgesetz von 1950 geregelt, und zwar wieder religiös, entsprechend der Halacha (rechtliche Auslegungen der Tora). Als Jude gilt, wer eine jüdische Mutter hat oder konvertiert ist. Als Folge davon gibt es in Israel keine Ziviltrauung, geheiratet werden muss nach rabbinischem Ritus. Das Oberrabbinat legt auch fest, wer vor der Trauung konvertieren muss; für andere Religionsangehörige ist die jeweilige Gemeinschaft zuständig. Der Konversionsprozess, an dessen Ende eine Prüfung durch das Oberrabbinat steht, umfasst nicht nur ein Glaubensbekenntnis, sondern auch Anleitungen zu korrekter Küche und Kleidung und Ähnliches. Vor allem Einwanderer aus Staaten mit ausgeprägten säkularen Milieus haben Probleme, in Israel als Juden anerkannt zu werden, wenn beispielsweise nur der Vater Jude war.
Wer allerdings als Jude im Sinn dieser religiösen Auslegung gilt, hat das Recht auf einen israelischen Personalausweis, das Recht auf israelische Staatsbürgerschaft. In den Artikeln fünf und sechs des Nationalstaatsgesetzes wird dies mit den Formulierungen zum Ausdruck gebracht: „Der Staat ist offen für die jüdische Einwanderung und die ,Einsammlung der Exilierten‘.“ Weiters: „Der Staat Israel vertieft die Beziehungen zur jüdischen Diaspora. Er bewahrt das kulturelle, historische und religiöse Erbe der Diaspora.“ Allerdings muss man zu den Begriffen Diaspora (Zerstreuung) und deren Erbe sowie zur Exilierung, die beide mit Vertreibung (durch Babylonier, dann durch Römer) in Zusammenhang gebracht werden, anmerken, dass Exil in der Antike keine angewandte Strafe oder Behandlung für im Krieg Unterworfene war. Es gab als Strafe die Verbannung (für einzelne, glücklose Heerführer beispielsweise), Hinrichtung (auch für einzelne, geschlagene Heerführer beispielsweise, eigene oder feindliche), die Versklavung (kleinerer oder größerer Teile der unterworfenen Bevölkerung, aber auch das wurde nicht als Zerstreuung unter die Völker angesehen) und es gab die Umsiedlung oder Mitnahme großer Teile der Elite (was man sich wohl als Geiselstellung in großem Umfang vorstellen kann). Es wird also hier zwar mit biblischen Begriffen hantiert, die auf prophetische Ermahnungen oder Verfluchungen zurückgehen; mit dem „Zerstreuen unter die Völker“ ist aber in diesem Zusammenhang keine Diaspora gemeint, die angeblich ihr reines, unverfälschtes Erbe auf der ganzen Welt bewahrt, sondern das blanke Gegenteil. Gott wendet sich vom sündigen Volk ab, sieht es nicht mehr als sein auserwähltes an und straft es, weil es so ist wie die anderen Völker (Heiden, Götzendiener), damit, dass es in deren Masse untergeht. Ob diese Strafe von den Propheten und Gott nur angedroht oder wirklich durch andere Völker vollzogen wurde, steht natürlich auf einem anderen Blatt und hat mit der zionistischen Diaspora nichts zu tun.
Ein Paradoxon des Staats Israel ist es also, als laizistischer Staat keine Trennung von Staat und Kirche (Oberrabbinat) zu kennen, auch wenn die Bibel weniger wegen ihres religiösen Inhalts hochgehalten wird, denn als nationaler Mythos, sogar als historische Quelle.[21] In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach der demokratischen Legitimierung des Staats. Aber hier kann einschränkend gesagt werden: Bloße formale Trennung von Legislative, Exekutive und Judikative und das regelmäßige Abhalten von Wahlen sind in fast allen Nationalstaaten vorzufinden wie auch die Betonung einer Staatsreligion. Ausschlaggebend ist aber doch eine, wenn auch höchst fragile und prekäre liberale Haltung von Moral, die in keiner Verfassung verankert ist.
Ein weiteres Paradoxon des Staats Israel ist, dass er nicht der Staat seiner Staatsbürger ist, sondern der Staat aller Juden der Welt, selbst wenn sie nicht in diesem Staat leben. Die illusionäre Vision von Reinheit der Abstammung und gemeinsamer jüdischer Kultur der Diaspora, die nicht nur an religiösen, sondern auch an laizistischen, atheistischen Juden wahrzunehmen sei, führt dann zu den sonderbarsten Verrenkungen wissenschaftlicher Natur. Es erinnert an Lyssenko, wenn eine biologistische Erklärung für das Judentum (Chaim Sheba) ebenso versucht wurde wie das Feststellen einer jüdischen DNA (Harry Ostrer). Auch hier wieder eine paradoxe Situation: Solches Unterfangen wurde einst nicht zu Unrecht als antisemitisch beschrieben und verpönt.
Zur Diskussion um die Verteidigung Israels
In apologetischen Stellungnahmen zum Staat Israel wird immer sein demokratischer Charakter ins Treffen geführt, den Israel angeblich als einziges politisches Gemeinwesen im Nahen Osten aufweise. Die oben beschriebenen Einschränkungen stellen dieses Argument in Frage, wie auch dieselben Einschränkungen Staaten wie Ägypten oder Jordanien als Demokratien zu bezeichnen erlauben würden. Zu der Bezeichnung als demokratischer Staat tritt nun sein Anspruch als sicherer Zufluchtsort für alle Juden vor Verfolgung hinzu. In wertkritischen und antideutschen Kreisen wird in diesem Zusammenhang ein „Doppelcharakter“ des israelischen Staats betont: Während Israel als bürgerlicher, demokratischer und nota bene kapitalistischer Staat derselben Gesellschaftskritik wie jeder andere heutige Nationalstaat unterliege, so sei er durch seine Funktion und seinen „Sonderstatus“ als (vorgeblich) sicherer Hafen der jüdischen Weltbevölkerung dennoch „kein Staat wie jeder andere“ und daher gegen alle Kräfte bedingungslos zu verteidigen, die ihn bedrohen und ihm seine besondere Existenzberechtigung streitig machen.
Das ist meines Erachtens eine wenig überzeugende theoretische Setzung. Man könnte hier bereits, wie Sandrine Aumercier in einem rezenten Kommentar zur aktuellen Diskussion um Israel und die Eskalation des Nahostkonflikts, die Frage aufwerfen, wie ein kapitalistischer Nationalstaat überhaupt, und erst recht unter den Bedingungen der fortschreitenden Krise des warenproduzierenden Systems, die Funktion einer Schutzbastion gegen den weltweiten Antisemitismus und einer Zuflucht für verfolgte Juden erfüllen soll[22] – zumal auch empirisch evident ist, dass die Sicherheit von Juden heute wahrscheinlich nirgendwo weniger gewährleistet ist als in Israel und gerade die derzeitige israelische Regierung tatkräftig daran arbeitet, das Leben in Israel immer noch unsicherer zu machen. Es lassen sich aber auch noch andere, nicht weniger gewichtige Argumente dagegen anführen. Ich will hier Shlomo Sand anstatt meiner sprechen lassen, und zwar ausführlicher und mit seinen Worten. Ich übersetze aus dem Kapitel „Erinnerung an all die Opfer“ aus seiner Streitschrift Comment j’ai cessé d’être juif (Wie ich aufgehört habe, Jude zu sein):
„In der Folge und nach mehreren Erlebnissen dieser Art habe ich oft genug, zufällig und bei verschiedener Gelegenheit – ein Abendessen in der Stadt, eine Vorlesung an der Universität, zu verschiedenen Diskussionen – gefragt: ,Wie viele Menschen haben die Nazis in den Konzentrations- und Vernichtungslagern und bei anderen nicht üblich begangenen Massakern getötet?‘ Es kam ausnahmslos dieselbe Antwort: sechs Millionen. Wenn ich unterstrich, dass sich meine Frage auf die Zahl der Menschen im Ganzen bezog und nicht nur auf die Zahl der Juden, zeigten meine Gesprächspartner ihre Überraschung, und es war selten, dass jemand die Antwort wusste. Jeder, der den Kurzfilm Nacht und Nebel von Alain Resnais aus den 1950er Jahren gesehen hat, könnte antworten: elf Millionen Tote. Aber die Zahl der ,nicht üblichen‘ Opfer wurde von der Festplatte des kollektiven Gedächtnisses gelöscht.“[23]
Zwei Seiten weiter schreibt Sand zum Film Shoah von Claude Lanzmann[24]: „Während also der größte Teil des Films in Polen gedreht wurde, wird der Zuseher darüber im Unklaren gelassen, dass hier fünf Millionen Polen ermordet wurden: zweieinhalb Millionen jüdischen und zweieinhalb Millionen katholischen Ursprungs. Dass das Lager von Auschwitz ursprünglich für polnische nichtjüdische Kriegsgefangene errichtet worden war, verdient in Shoah auch keine Erwähnung.“[25]
Sand kritisiert ebenso an anderen Stellen, wie die israelische Propaganda und Pädagogik den Völkermord sich für Ideologie und Apologetik zu Nutze macht, während dies in den ersten Jahren des Staats noch keine Rolle gespielt hat: Die Überlebenden, meint er, seien traumatisiert und voll Scham, dass sie davongekommen sind, und wollten über ihr Glück oder den Preis, den sie dafür zahlen mussten, nicht sprechen. Der junge Staat selbst wollte nicht mit einer offensichtlichen Schwäche in Zusammenhang gebracht werden und ließ sich unter der Hand eher verächtlich über „Seifen“ und „Schlachtvieh“ aus[26], das nicht zum Bild des heroisch vorwärts stürmenden Pioniers des Zionismus oder des jungen Sabras[27] in Israel passte.
Weiters beschreibt Sand recht überzeugend, dass der Antisemitismus des 19. und 20. Jhdts. als global anzutreffendes Phänomen seine gesellschaftliche Stellung eingebüßt hat. In Europa, den USA, auch in Russland ist Antisemitismus zu einer geächteten Randerscheinung verkommen. Niemand bemüht sich noch, jüdische Verschwörung, Überlegenheit, Dominanz als schmarotzende, vampirhafte Rasseneigenschaft darzustellen, geschweige denn nachzuweisen. Aber Sand räumt ein, dass „eine neue Judeophobie sich bei radikalen Muslimen zeigt, die direkt an den israelisch-palästinensischen Konflikt gebunden ist“[28]. In diesem Zusammenhang ist es meines Erachtens ebenso typisch wie verräterisch, wenn die öffentliche Meinung im so genannten demokratischen Westen von einem muslimischen oder arabischen Antisemitismus spricht, der dann seinerseits als Zeichen von Rückständigkeit oder – was allzu gerne, oft und völlig dümmlich behauptet wird – als Fehlen der Aufklärung im Islam ins Spiel gebracht wird.[29]
Jedenfalls wird die muslimische Judeophobie, die Sand bemerkt, im westlichen, auch zionistischen Diskurs als neuer Faschismus gesehen und als solcher vorgestellt. Als europäisches oder westliches Phänomen existiert der überkommene Antisemitismus aber nur noch als Randerscheinung; wo jedoch die Verteidigung gegen den Antisemitismus zur Staatsraison erhoben wird, muss der Antisemitismus erhalten bleiben. Das führt zu Konstruktionen wie dem „strukturellen Antisemitismus“ oder auch dem „linken Antisemitismus“[30], mittlerweile auch zur Denunzierung jedweder Kritik am Handeln des israelischen Staates (und sei dieses noch so mörderisch wie derzeit in Gaza) als „israelbezogenen Antisemitismus“. Das Zurückweichen und tendenzielle Verschwinden des Antisemitismus allerdings muss in Verbindung mit dem zionistischen Staat gesehen werden. Die Lösung des europäischen Antisemitismus wurde erfolgreich ausgelagert und von den Zionisten zu Lasten der einheimischen Bevölkerung Palästinas übernommen. Insofern hat sich auch das Verhältnis des zionistischen Staats gegenüber dem „Westen“ geändert. Die jüdischen Gemeinden in Amerika und Europa werden nicht mehr als Reservoir der Aus- bzw. Einwanderung gesehen, sondern als pressure groups, die die jeweils nationalen Regierungen in Richtung politischer und finanzieller Unterstützung Israels drängen und für eine gute Presse sorgen sollen.
Die Lösung der „Judenfrage“ beziehungsweise des Antisemitismus durch Auslagerung war für den Zionismus aber kein Nebeneffekt des Nationalismus des 19. Jhdts., sondern in diesem Zusammenhang bewusst gewählte Strategie. Der Antisemitismus wurde dabei im Zionismus hauptsächlich über die Fehlstelle des historisch immer schon besiedelten Landes gesehen: Gäbe es dieses Land, gäbe es keinen Antisemitismus. Insofern waren Zionismus und Antisemitismus über zweierlei verbunden: Einerseits wurde eine völkische Reinheit propagiert, was zum Vorwurf ebenso gereichen konnte wie zum zu verteidigenden Ideal des Judentums. Andererseits war der Nationalismus ein durch und durch modernes Projekt. So bezog sich etwa die Schrift Rom und Jerusalem von Moses Hess, einem frühen, vorzionistischen Verfechter jüdischer Eigenstaatlichkeit, auf den italienischen Einigungskampf, und Hess rief nach einem jüdischen Garibaldi. Und so trafen sich beide, Antisemitismus und Zionismus, in der Ablehnung der Assimilation.
Herzl war da tonangebend, wenn er den Imperialisten den kommenden zionistischen Staat als Bollwerk gegen die asiatische Barbarei anpries oder dem türkischen Sultan anbot, seinen journalistischen Einfluss zu benutzen, um den Massenmord an den Armeniern herunterzuspielen oder gar zu verheimlichen im Austausch für günstigen Landkauf in Palästina. Es sind diese Seiten aus der vorstaatlichen Geschichte des Zionismus, die oft verdrängt werden zu Gunsten einer Unterstützung des Staats Israels seit seiner Gründung 1948, wobei der Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Europas zur moralischen Legitimierung der Schaffung und der Existenz des zionistischen Staats herangezogen wird, dies aber – wie oben dargestellt – nur allmählich und als ein apologetisches Argument neben anderen.
Verweise auf diese Instrumentalisierung werden ignoriert oder als antisemitische Argumentationsmuster denunziert und abgewiesen. Auf der anderen Seite ist der Versuch, dem Vorwurf des Antisemitismus zu entgehen, indem man sich auf die Position legitimer politischer Kritik beruft, die doch möglich sein müsse, insofern zum Scheitern verurteilt, als damit wiederum die Lösung des Nahostkonflikts Israel und Palästina überlassen wird, dies also eine Stellungnahme zu Gunsten einer kriegführenden Partei voraussetzt, ohne die Verantwortung des europäischen Imperialismus, wie ich sie oben skizziert habe, auch nur im Geringsten zu erwähnen. Natürlich erschiene die Forderung an die damals federführenden imperialistischen Mächte von Großbritannien und Frankreich, ihrer Verantwortung gerecht zu werden, allzu unrealistisch, wenn es auch immanent eine logische politische Konsequenz wäre.
Stattdessen werden Terrorismus und Massaker gegen Rechtsradikalismus und siedlerfaschistische Überfälle aufgerechnet (in Wirklichkeit gar nicht!), ohne zu begreifen oder in den Diskussionen und politischen Auseinandersetzungen klar zu machen, dass auch eine liberale Regierung in Israel oder eine moderate Führung in Palästina oder ein Regime Change im Iran nicht das Geringste an der Situation, nichts an den zionistischen Widersprüchen, nichts an der Enteignung der verzweifelten arabischen Bevölkerung ändern würde.
Die imperialistischen Projekte von Zweistaatenlösung und Teilungsplan, verbunden mit der Existenz eines Brückenkopfs des Fortschritts und der Herrschaft der kapitalistischen Ordnung, können nicht realisiert werden, genauso wenig wie der Anspruch „Vom Jordan bis zum Meer“, egal wer ihn erhebt. Ob allerdings eine Einstaatenlösung, eine gemeinschaftliche Besiedlung des Lands, eine Konföderation zweier Republiken, wie sie Shlomo Sand erträumt oder auch Moshe Zuckermann, in Zeiten einer Verfallsentwicklung bürgerlicher Gesellschaft mehr sein kann als die resignative Erinnerung an eine Illusion von revolutionärer Politik, muss dahingestellt bleiben – vor allem, wenn in Rechnung gestellt wird, dass friedliche Lösungen, wie sie einst Faisal und Weizmann propagierten, noch immer an Nationalismus und bürgerlichen Staat und damit ebenso an illusionäre Vorstellungen von Freiheit und Gleichheit gebunden waren.
Die einzige Konsequenz, die aus dieser Tatsache zu ziehen ist, hat ebenfalls bereits Andreas Urban in seinem eingangs zitierten Beitrag zur Nahost-Eskalation angedeutet: das Aufgeben der Solidarität für welche kriegführende Partei auch immer. Selbst wenn ein antiimperialistisches Moment zu einer Unterstützung palästinensischer politischer Forderungen drängen mag oder ein moralisches Ressentiment zur Verteidigung Israels, so bleibt im Hintergrund noch immer die perspektivlose Nationalstaatlichkeit, die dann zu den sonderbarsten Ergebnissen bürgerlich-kapitalistischer Krisenverwaltung führen wird. Als Beispiel mögen das übertragbare Schicksal Indiens (Israel), Pakistans (Westjordanland) und Bangla Deshs (Gaza) dienen, wie auch in jüngerer Vergangenheit die Zerfleischung Jugoslawiens und die Verwaltung von dessen Restbeständen durch die „internationale Staatengemeinschaft“ – ein Euphemismus, der den Verlust des (wenn auch illusionären) Völkerrechts zu Gunsten einer „regelbasierten Ordnung“ pragmatischer imperialistischer Ansprüche kaschieren soll.
[2] Andreas Urban, Ein neues Kapitel im globalen Barbarisierungsprozess, 2023, wertKRITIK.org
[3] Im Folgenden und immer wieder in diesem Aufsatz beziehe ich mich auf Shlomo Sand, Die Erfindung des Landes Israel. Mythos und Wahrheit (Berlin, Ullstein, 2012), Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand (Berlin, Ullstein, 2010) und Une race imaginaire. Courte histoire de la judéophobie (Paris, Édition du Seuil, 2020). Ebenso auf Ilan Halevi, Auf der Suche nach dem Gelobten Land. Die Geschichte der Juden und der Palästina-Konflikt (Hamburg, Junius, 1986). Es könnte sein, dass diese Autoren zum „traditionsmarxistischen Antizionismus speziell trotzkistischer Provenienz“ zählen, wie Robert Kurz in seiner Philippika „Die Kindermörder von Gaza“ etwas despektierlich schreibt (exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft #6/2009, S. 237). Es stimmt, dass beide der israelischen linken Matzpen-Tendenz zuzurechnen waren, die sich später in mehrere Flügel, darunter einen maoistischen und einen trotzkistischen, spaltete. Zur Ergänzung ihrer Darstellungen habe ich auch zu Abdulkader Irabi, Sozialgeschichte Palästinas (Basel, Lenos, 1981) gegriffen sowie zu Eugene Rogan, Der Untergang des osmanischen Reichs. Der Erste Weltkrieg im Nahen Osten 1914-1920 (Darmstadt, wbg, 2021) und Tim Mackintosh-Smith, Arab. 3000 Jahre arabische Geschichte (Darmstadt, wbg, 2021). Die beiden letztgenannten Autoren sind insofern aufschlussreich, als sie den Zionismus, ebenso wie Sand, Halevi und Irabi, eher an nationalistische, kolonialistische und imperialistische Projekte binden als an den Antisemitismus. Ich habe zum allergrößten Teil auf detaillierte Quellenangaben im Text verzichtet. Lediglich wichtige Zitate sind mit Angaben versehen, allgemeine Argumentationslinien hingegen nicht (ich befleißige mich auch nicht unbedingt akademischer Verhaltensweisen…).
[4] Otto Bauer, Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie. Wien, Verlag der Wiener Volksbuchhandlung Ignaz Brand, 1907. Online verfügarbar unter marxists.org
[5] Jerusalem als Ort des Tempels, Hebron als Begräbnisstätte der Erzväter und -mütter, Tiberias als der Ort der Redaktion des Jerusalemer Talmuds und Safed als Zentrum der mittelalterlichen Gelehrsamkeit und Mystik der Kabbala; bemerkenswert ist hier das Paradoxon eines (modernen, historisch-zionistischen) Narrativs von Vertreibung der Juden in die Diaspora, das durch das (religiös-traditionelle) Festhalten am Verbleiben der Juden im Gelobten Land, wenn auch unter nicht-jüdischer Herrschaft (was Safed betrifft, als Zentrum der Kabbala im 16. Jhdt. und als Ort im Osmanischen Reich) konterkariert wird.
[6] Sand spricht in seinem Buch Crépuscule de l’histoire. La fin du roman national? (Paris, Flammarion, 2015) von einem Semi-Monotheismus ägyptischer und persischer Herkunft, vielleicht in Anlehnung an ähnliche Thesen bei Sigmund Freud oder Jan Assmann. Jedenfalls scheinen Berührungspunkte zwischen Monotheismus und Mysterienkult gegeben gewesen zu sein. Aber auch der persische Zoroastrismus hatte seine Rolle in der Formulierung des „modernen“ Monotheismus. Was den Hellenismus betrifft, ist es verräterisch, dass die hasmonäischen Könige sich mit griechischen Beinamen schmückten, obwohl sie in ihrem religiös (und nicht national) motivierten Aufstand griechische (heidnische, götzendienerische) Seleukiden bekämpft hatten.
[7] Die Annahme der jüdischen Religion wurde immer als eine Sache der Freiwilligkeit angesehen, die verschiedene Ausprägungen annehmen konnte. So gab es auch die so genannten Gottesfürchtigen, von denen in der Apostelgeschichte prominent die Rede ist (sie werden dort auch als „Griechen“ bezeichnet), die die jüdischen Gesetze nicht zur Gänze annehmen wollten, was den Jesusgemeinden leichtere Mission erlaubte und zu Konflikten mit eher orthodox ausgerichteten Jüngern der Jesusgemeinden führte. Dass dabei keine aktive Mission im Spiel war, ist eine fromme Legende, der etwa die Apostelgeschichte mit der Mission des Paulus widerspricht. Die Apostelgeschichte als Geschichte der frühen Mission der Jesusgemeinden wiederum korreliert mit Sands interessanter Darstellung, dass sich das Judentum nach der Zerstörung Jerusalems mit seinem Tempel in zwei Richtungen aufspaltete, religiös wie auch literarisch: in das rabbinische Judentum mit Mischna und Talmud und die zunächst als messianisch-jüdisch verstandene Christus- oder Jesusbewegung mit dem Neuen Testament.
[8] Eine jüdische Religionsgemeinschaft, die sich im byzantinischen Reich, aber auch im islamischen Spanien ausbreitete, nicht aber in Mittel- und Nordeuropa; die Karäer standen in strengem Gegensatz zum rabbinischen Judentum, lehnten Mischna (mündliche Tora) und Talmud ab und ließen nur die hebräische Bibel, den Tanach (Tora, Nevi’im [Propheten] und Ketuvim [Schriften]), gelten – gewissermaßen jüdische Evangelische.
[9] Aschkenasim ist die traditionelle hebräische Bezeichnung für die Deutschen, als deren Stammvater ein Aschkenas angesehen wird; „übersetzen“ heißt auf Yiddish „fardeitschn“.
[10] Moishe Postone, Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch, in: Kritik & Krise – Materialien gegen Ökonomie und Politik Nr. 4/5, 1991, online verfügbar unter kritiknetz.de
[11] Ein toleranter, alles gleich gelten lassender Kosmopolitismus, wie er etwa in Lessings Nathan der Weise verkündet wird, verliert seinen völkerverbindenden Charme für eine bürgerliche Gesellschaft, die Kosmopolitismus mit den kontinentalen Verwandtschaftsbeziehungen des europäischen Hochadels, also des „Konterrevolutionären“, in Beziehung setzt.
[12] Ein beredtes Beispiel ist Richard Wagners Schmähschrift Das Judentum in der Musik, die sowohl jüdische Vaterlandslosigkeit und plagiierendes Schmarotzertum als jüdische Unfähigkeit zur Kunst angreift als auch persönliche Attacken gegen Meyerbeer und Mendelssohn-Bartholdy reitet.
[13] Das von der amerikanischen Presse so bezeichnete „National Crime Syndicate“ war ein informelles, wenn auch zur Durchsetzung seiner Abmachungen fähiges Lenkungsorgan von Bossen der Cosa Nostra und der Kosher Nostra (Meyer Lansky, Bugsy Siegel, Lepke Buchalter et alii) in den USA. Und so stellt sich auch die Frage, ob die Figur des Fagin in Charles Dickens’ Oliver Twist ein antisemitisches Stereotyp ist oder eine realistische Darstellung übler urbaner und moderner Verhältnisse.
[14] In diesem Zusammenhang sei auf Pankaj Mishra, Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens (Frankfurt am Main, Fischer, 2013) verwiesen, bei dessen Rezension ich folgende Bemerkung anbringen konnte: „dass nämlich für die antiimperialistische asiatische Intelligenz Wilson und Lenin auf gleicher Ebene wahrgenommen wurden. Beide versprachen sie den unterdrückten Völkern nationale Selbstbestimmung, beide wurden daran gemessen, wie sie dieses Versprechen einlösten oder damit an der allgemeinen politischen Entwicklung scheiterten. Beide wurden als ‚Westler‘ gesehen.“ (Gerold Wallner, Nota bene: Über Antiimperialismus, geroldwallner.at)
[15] Eine ähnliche Konstellation ist zur gleichen Zeit in Indien zu finden, wo sich Subhash Chandra Bose erst dem Indischen Nationalkongress anschloss, dort lokaler Vorsitzender wie auch Bürgermeister von Kalkutta wurde, aber gegen Gandhi und Nehru für bewaffneten Kampf gegen Großbritannien votierte. In Europa suchte er die Unterstützung von Mussolini, heiratete in Österreich, wandte sich gegen die Nürnberger Rassegesetze, war ab 1939 wieder in Indien, floh 1941 über Moskau nach dem auch für Indien proklamierten Kriegseintritt, der für ihn mit Haft und Hausarrest einherging. Das Naziregime reagierte ablehnend auf Boses Bitte, den Befreiungskampf Indiens zu unterstützen, nahm aber die von Bose aus indischen Kriegsgefangenen rekrutierte Einheit in seinen Dienst. Eine spätere Zusammenarbeit mit Japan, für das er die Indian National Army aufbaute, war ähnlich wenig erfolgreich; aber ein typisches Beispiel für: „Der Feind meines Feindes…“. In der heutigen politischen Folklore wird der Vorwurf von Antisemitismus und Flirt mit den Nazis immer wieder aufgewärmt, ohne dabei die Rolle Großbritanniens zu erwähnen.
[16] Ein Versuch, König von Syrien zu werden, währte gerade ein Jahr und wurde von der französischen Mandatsmacht militärisch niedergeschlagen; die Franzosen versuchten erst gar nicht, wie die Briten einen Schein von arabischer Autonomie zu wahren.
[17] Sand, Une race imaginaire, S. 78 (Übersetzung G.W.)
[18] Hier sei erinnert, dass der Anspruch von Hamas und Iran, Israels Existenzberechtigung zu bestreiten, auch darauf zurückgeführt und damit legitimiert wird, dass die islamischen Würdenträger und Führer der Hamas und Irans Israel zur Gänze als Waqf-Gut betrachten, dessen Eigentümer Gott sei. Das Spiel mit Gesetzen, ob nun konstruiert, den Erfordernissen angepasst oder aus anderer Zeit übernommen, jedenfalls religiös legitimiert, beherrschen sie alle perfekt.
[19] Für genauere und detailreiche Information in diesem Zusammenhang, am Beispiel der Red Lake Ojibwe (amerikanisch als Chippewa bezeichnet), deren erzwungenen Landabtretungen und Kämpfen gegen Vertragsbrüche ab 1863, sei auf Anton Treuer, Warrior Nation. A History of the Red Lake Ojibwe (St. Paul, Minnesota Historical Society Press, 2015) verwiesen, vor allem auf das dritte Kapitel „The Nation Builder: He Who Is Spoken To and the Nelson Act“. Anton Treuer (dessen Ojibwe-Name „Waagosh“ [Fox] lautet), ist der Sohn von Robert Treuer und Margaret „Peggy“ Seelye Treuer (Ojibwe-Namen: Giiwedinookwe [Northwind Woman] und Aazhideyaashiikwe [Crossing Flight Woman]), einer Native American Aktivistin und ersten Native American Anwältin und Richterin. Robert Treuer war ein österreichischer Jude, der den Massenmord überlebt hat, nach Amerika ausgewandert und ihr im Red Lake Reservat begegnet ist. Ihre Kinder sind als Ojibwe aufgewachsen. So schließt die Ironie der Geschichte oder die zynische List der Vernunft den Kreis...
[20] Das Gesetz über das Tragen und Vorweisen der Ausweiskarte von 1982, das den laminierten Personalausweis in Kartenform regelt, schreibt vor, dass der Ausweis die Angabe des Geburtslands beinhalten muss. Dabei gilt für Mandatsgebiet und israelische Siedlungen in besetzten Gebieten als Geburtsland Israel. Ausweise, die vor 2002 ausgestellt wurden, tragen auch noch die Angabe der Nationszugehörigkeit; eine israelische Nationszugehörigkeit ist dabei nicht vorgesehen, nur eine jüdische, arabische, drusische, etc.
[21] Dies wiederum ist aber kein Alleinstellungsmerkmal Israels. Eric Voegelin beispielsweise, ein konservativer christlicher Historiker und Geschichtsphilosoph, beruft sich in seinem Monumentalwerk Ordnung und Geschichte ebenso auf die Bibel als historische Darstellung und Quelle. Allerdings ist er offen religiös und spricht von der Geschichte als der Existenz in Gott – so gesehen war für ihn das jüdische Volk der Schöpfer der Geschichte (bis hin zur christlichen Heilsgeschichte)…
[22] Vgl. Sandrine Aumercier, Remarques sur le congrès allemand „Gegenform: alliance contre la formation autoritaire“, 2025, grundrissedotblog.wordpress.com
[23] Shlomo Sand, Comment j’ai cessé d’être juif. Un regard israélien. Paris, Flammarion, 2013, S. 61 (Übersetzung hier und im Folgenden G.W.)
[24] Mit einer Dauer von neun Stunden und von der israelischen Regierung in Auftrag gegeben und unterstützt.
[25] Sand, Comment j’ai cessé d’être juif, S. 63
[26] Ebd., S. 58
[27] Mit Sabra werden in Israel Geborene bezeichnet; die ursprüngliche Bedeutung ist „Kaktus“.
[28] Sand, Comment j’ai cessé d’être juif, S. 92
[29] Anekdotisch dazu: Gerold Wallner, Über das Christlich-Jüdische am Abendland, in: KP 20, 2017, online unter geroldwallner.at
[30] Meines Erachtens gibt es keinen linken Antisemitismus (wohl aber linke Antisemiten; mir sind schon welche über den Weg gelaufen). Was den strukturellen Antisemitismus betrifft, kann er sehr schnell instrumentalisiert werden, um Diskursen und Kritiken auszuweichen, nicht zuletzt durch Argumente ad personam. Die Theorie des strukturellen Antisemitismus, die die Verbindung Jude-Geld aufnimmt und in der Verbindung Spekulant-Finanzkapital wiederfindet, um damit den Vorwurf der „verkürzten Kapitalismuskritik“ mit latentem Antisemitismus gleichzusetzen und so Diskussionen abzuwürgen, verdiente einen eigenen Aufsatz. Hier können nur schematische Anmerkungen wie diese gemacht werden.