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Emmerich Nyikos


Auf dem Weg ins dysfunktionale Absurde

Ein Blick aus dem Off einer vergangenen Epoche

 

 

Zuerst veröffentlicht in: Streifzüge, Nr. 92, S. 31-37





„Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotive der Weltgeschichte.

Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff

des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.

(Walter Benjamin)


 


I.

 

Betrachtet man die Technologien der Menschheit historisch, so ist es bis jetzt immer darum gegangen, durch das Dazwischenschieben von Artefakten der verschiedensten Art zwischen Hand und Werkgegenstand, durch den Einsatz von selbst wieder fabrizierten Instrumenten im Arbeitsprozess (vom Faustkeil bis hin zur Maschine), den Wirkungskreis der manuellen Tätigkeiten immer mehr auszuweiten. Das heißt, es ging letztlich darum, Dinge fabrizieren zu können, die ohne diese Artefakte in den allermeisten Fällen gar nicht produziert werden könnten. Mit der Wissenschaft des Digitalen, der Kybernetik, der Informatik, der Cognitive Science, der Artificial Intelligence auf der Basis Künstlicher Neuronaler Netze, oder was auch immer in diesen Bereich fallen mag, ist nun aber die wissenschaftliche Basis gegeben, nicht nur das Werken als solches in seiner Gesamtheit, sondern auch, darüber hinaus, das menschliche Denken in Apparaturen auszulagern, die selbsttätig Resultate erzielen, seien diese nun materiell oder geistig.


Dieses „Outsourcing“ nun, die Delegierung spezifisch menschlicher Fertig- und Fähigkeiten an Apparate der verschiedensten Art, macht vor nichts halt: Sie setzt sich fest in der Produktion im engeren Sinn, in der Erzeugung des Gebrauchswertreichtums in handfester Form (Automatisierung mittels Robotik in den Fabriken), im Transport (autonomes Fahren), in den Services (Computerisierung kommerzieller, juristischer und administrativer Routine und darüber hinaus), in der Wissenschaft (Automatisierung im Bereich des Experimentierens, Computerisierung der Berechnung, der Beweisführung und der Modelle), im Bereich der Management- und Investitionsstrategien (Data Mining, Übernahme von Planung und des decision making durch autonome KI-Agenten), im Militärapparat (Drohnen, Kampfroboter usw.) und schließlich auch im Feld der Ästhetik (Programme zur Generierung von Musik, in den Bereichen Komposition und Performance, von visuellen Repräsentationen, nicht zuletzt auch von Texten, inklusive Sprach-Übersetzung), ganz zu schweigen vom profanen Alltag (Smartphone mit den unterschiedlichsten Apps, sprachliche Steuerung diverser Geräte, GPS, ChatGPT, AI Study Buddy und was es davon noch mehr geben mag).


 

II.

 

Es wäre nun naiv anzunehmen, dass dies alles nur so, umstandslos, vom Himmel gefallen sein sollte, so wie das Manna in der Wüste. Vielmehr ist es ein direkter Effekt der Profitmaximierungstendenz des Kapitalsystems selbst, dem es immer darum zu tun ist, einerseits die Kosten im produktiven Bereich auf ein Minimum zu senken, was durch die Erhöhung des Produktivkraftniveaus seit jeher effektuiert wird, eine Tendenz, die, wie man weiß, durch die Konkurrenz, insbesondere auch die monopolistische der post-modernen Phase des bürgerlichen Systems – die Konkurrenz auf der Ebene des Aktionärseigentums –, rigoros aufgezwungen wird; dem Kapital geht es andererseits aber auch darum, durch die Lancierung neuer Produktkategorien den Warenabsatz im Bereich des finalen Verbrauchs ständig zu steigern, was Innovation zu einer systemimmanenten Forderung macht – auf der Basis der Neigung des konsumaffinen Publikums, das innovativste Produkt, das diesen oder jenen Vorteil verspricht oder auch nur einen modischen Trend zu setzen vermag, auch stets blauäugig und unhinterfragt zu erwerben.


Es verwundert daher nicht, dass das Kapital die Wissenschaft für sich vereinnahmt hat: Entweder dirigiert es direkt die Forschung unter eigener Regie oder es „fördert“ gezielt die institutionellen Forschungsprogramme in den Universitäten, Research-Centers und Technologieinstituten.


Diese systemimmanente Tendenz zur Übertragung der manuellen Tätigkeiten und, a fortiori, des menschlichen Denkens als solches auf eine Apparatur, ein „Outsourcing“ auf einem qualitativ gänzlich neuen Niveau, hat dann freilich auch tiefgreifende und breit gefächerte Folgen, die unweigerlich dafür sorgen werden, dass sich die post-moderne Gesellschaft völlig umkrempeln wird, unweigerlich nicht zuletzt deshalb, weil es sich, weit davon entfernt, eine Marotte zu sein, um einen systemgenerierten Prozess, der im Rahmen des gegebenen Gesellschaftssystems definitiv nicht zu stoppen ist, handelt.


 

III.

 

Gehen wir einmal davon aus – und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dem nicht so wäre –, dass sich der Trend zur Automatisierung und Robotisierung der Gebrauchswert-Produktion (und der Logistik und des Verkehrs, die ja integraler Bestandteil des Produktionskomplexes sind, sowie, was oft vergessen wird, der Entsorgung des Mülls) bis zu seinem definitiven Endpunkt fortsetzt, sodass am Ende die Arbeit, verstanden als Tätigkeit, die den Stoffwechsel mit der Natur effektuiert, aus dem produktiven Universum gänzlich verschwunden sein wird. Das würde dann heißen, dass der produktive Apparat, völlig unabhängig von menschlichem Bemühen, Gebrauchswerte liefert, die gewissermaßen denselben ontologischen Status besitzen wie die Luft oder die Landschaft oder, wenn man so will, wie die Beeren am Waldrand, die man als Wanderer nur zu pflücken braucht, um sie verzehren zu können. Sie sind da, wie Naturdinge da sind. Sie haben aber genau deswegen auch keinen Wert (wie groß ihr Gebrauchswert auch sonst sein mag), wenn man mit Marx unter „Wert“ die (gesellschaftliche) Tauschfähigkeit der Waren, und quantitativ gesprochen, ihr „relatives gesellschaftliches Gewicht“ versteht, ein „spezifisches Gewicht“, das sich aus dem Arbeitsquantum ergibt, das gesellschaftlich zu ihrer Produktion aufgewandt werden muss.


Das ist keine Hexerei: Denn Dinge, die, in einem Warensystem, nicht an der gesellschaftlichen Gesamtarbeitszeit in der einen oder anderen Form partizipieren, stehen für alle, im Prinzip wenigstens, unterschiedslos frei zur Verfügung, sodass es sinnlos wäre, sie tauschen, also verkaufen oder kaufen, zu wollen. Die Dinge dagegen, die von den diversen Warenakteuren (arbeitsteilig) mit ihren eigenen Produktionsinstrumenten fabriziert werden müssen – wir sprechen hier von der „Basis-Ebene“ des Warensystems –, sind nicht für alle verfügbar, insofern ihnen privat eine Gebrauchswertdimension hinzugefügt wurde, die es ohne die auf sie verwandte Arbeit eben so nicht gäbe – die Arbeit schließt, wenn man so will, durch ihr Wirken die Waren aus dem Kreis der Naturdinge aus. Sie erhalten dadurch, den gesellschaftlichen Zusammenhang der Privatarbeiten präsupponiert, ihre Tauschfähigkeit, ihren gesellschaftlichen Wert, nach Maßgabe der abstrakten Arbeit, d.h. der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, die in ihnen vergegenständlicht ist.


Wenn aber die Automatisierung der Produktion (was letzten Endes die Produktion von Automaten durch Automaten und die automatisierte Programmierung miteinschließt) nun dazu führt, dass die Produkte ohne die Dazwischenkunft lebendiger Arbeit, in ihrer gesellschaftlichen Dimension, hergestellt werden, da diese gänzlich aus dem Produktionskomplex eliminiert worden ist, wodurch diese Dinge gleichsam äquivalent zu „Naturdingen“ werden, dann geht die Tauschfähigkeit im Prinzip völlig verloren. Das aber heißt, dass der Austausch und damit auch das Geld, das Kapital und all die anderen Kategorien, die auf dem Austausch beruhen, sich schlicht und einfach zu Absurditäten mausern. Wenn die Dinge jedoch nicht mehr tauschfähig sind, insofern sie, im Prinzip und der Natur der Sache nach, frei zur Verfügung stehen, oder, wenn man so will, wert-los sind, dann verliert auch das Privateigentum an den Produktionsmitteln als gesellschaftliches Institut, das den Rahmen und das Fundament der Warenproduktion und ihrer Funktionsweise darstellt, jeglichen Sinn – es hängt förmlich in der Luft, ohne freilich dadurch aufzuhören, die definitive Bedingung und Garantie dieser Absurditäten zu sein.


Das alles kann, trotz dieser Absurdität, also weiterfortexistieren, insofern genau dieses Monopol des Privateigentums, als rein juristischer Komplex, all das konserviert, was die kapitalistische Warenproduktion an (Oberflächen-)Kategorien und Erscheinungsformen aufweist.


Nebenbei sei bemerkt, dass es, rein formal und mathematisch konsistent, ein Preissystem und daher auch Profit, Zins, Dividenden usw. auch ohne Wert- und, a fortiori, Mehrwertproduktion durchaus geben kann – wie man Preise seit jeher für Dinge bezahlt, die, gesellschaftlich gesprochen, keinen Wert besitzen (antike Münzen oder Autographen zum Beispiel) – wenn auch in letzter Konsequenz als leere äußere Hülle, die uns vorzugaukeln vermag, dass alles so ist, wie es immer schon war. Das ist eben das Absurde: die Fiktionalität des Warensystems – analog, wenn man so will, zum „fiktiven Kapital“ –, eine Fiktionalität, die sich nunmehr ungehemmt im gesamten Gesellschaftskörper krebsartig fortpflanzt – ein Zustand der „Unwirklichkeit“, wenn man so will, auf den die bürgerliche Gesellschaft unbeirrt Kurs nimmt.


 

IV.

 

Nun ist es so, dass die Forschung zur Künstlichen Intelligenz, d.h. die Implementierung ihrer Resultate, nicht nur den Produktionssektor in Mitleidenschaft zieht, was die Eliminierung der Arbeitskraft angeht, sondern auch darüber hinaus den Dienstleistungssektor – Administration, Kommerz, Reklame, Banken, Versicherungen, Consulting und was es dergleichen noch an services gibt. Die Arbeitskraft als Ware wird auf breiter Front obsolet. Das aber hat zur Konsequenz, dass die Revenue der Lohn- und Gehaltsempfänger, in welchem Sektor sie auch immer beschäftigt gewesen sein mögen, dabei ist, sich in Luft aufzulösen.


Dieser Schwund der Masseneinkommen aus Lohn und Gehalt ist nun eine Medaille, die zwei Seiten hat: Man kann sie aus der Perspektive des Absatzes der produzierten Waren betrachten, aber auch aus derjenigen der Subsistenz der Träger der unverkäuflichen Ware, zu der die Arbeitskraft wird – ein Ladenhüter in Permanenz sozusagen.


Zuerst einmal: Fällt die Massenrevenue aus dem privaten Sektor dem Schicksal aller vergänglichen Dinge anheim, so wird offenbar auch der Absatz der Waren, die für den finalen Konsum der Gesellschaft bestimmt sind, empfindlich geschmälert, damit aber auch, als dessen Konsequenz, der Absatz der Produktionsmittel, die für deren Herstellung notwendig sind.


Als Kompensation bleibt dann vorerst nur der Luxuskonsum der Bourgeoisie, der aber solange das Kraut nicht fett machen kann, solange es nicht, um einen Gedanken Brechts aufzugreifen, möglich sein wird, die Konsumtionskapazität der Kapitaleigentümer dadurch im notwendigen Ausmaß zu steigern, dass man deren „Verdauungstrakt“, metaphorisch gesprochen, substantiell expandiert. Solange dies nicht gelungen sein wird, wird man einräumen müssen, dass es unmöglich ist, durch den Verkauf von Luxusyachten, Luxuslimousinen, Luxusprivatjets und Luxusresorts den Ausfall der Massenrevenue nur irgendwie auszugleichen.


Was übrig bleibt an Kompensationsmöglichkeiten, reduziert sich so letztlich auf den Konsum durch den Staat: den direkten Konsum des Staatsapparats (der Ankauf von Infrastruktur und vor allem von Waffensystemen) oder aber den indirekten Konsum, der auf Staatsausgaben gründet: den Warenankauf vermittelt über das Gehalt des Staatspersonals (sofern es nicht auch zu großen Teilen wegrationalisiert werden wird), über Subventionen für die „Zivilgesellschaft“ (NGOs, Institute usw.) und nicht zuletzt über Transferzahlungen an die freigesetzte Arbeitskraft („Bürgergeld“, „Grundeinkommen“) oder an die Rentner.


Damit kommen wir gleich zum zweiten Aspekt: Wenn die autonomen durch Lohnarbeit garantierten Einkommensquellen (d.h. die Gehälter und Löhne im privaten Sektor) sich in der Perspektive auf Null reduzieren, dann ist die Subsistenz der Träger der freigesetzten Arbeitskraft nur durch den Staat sicherzustellen, da man davon ausgehen kann, dass die Charity der Bourgeoisie, d.h. der Ladys der Oberen Zehntausend, sofern es überhaupt noch diesen Drang dazu gibt, oder sonstiger welfare-organizations, angesichts der Dimensionen, hier völlig überfordert wäre: Mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein kann es nicht sein.


Es ergibt sich nun freilich als paradoxes Ergebnis, dass der Staat, um überhaupt seiner Rolle im Zusammenhang mit dem finalen Verbrauch nur irgendwie genügen zu können – Staatsbeschäftigung, Transferzahlungen, Subventionen und direkter Staatskonsum –, sich auch finanzieren muss: entweder durch Steuern oder durch Kredit (Verschuldung des Staates). Da aber die Masseneinkommen nunmehr, direkt oder indirekt, vom Staat selbst abhängig sind, machen indirekte Steuern offenbar gar keinen Sinn: Das, was man dadurch einnehmen kann, hat man ja zuvor schon (in der Form von Beamtengehältern, Transferzahlungen und Subventionen) selbst ausgegeben. Steuern auf Lohn (als ein vom Staat unabhängiges Salär) wird es aber, wie gesehen, dann nicht mehr geben, während für die Steuern auf die vom Staat direkt oder indirekt gezahlten Gehälter, das „Bürgergeld“ und die Renten das mit Bezug auf die indirekten Steuern Gesagte ebenso gilt. Bleiben nur die Steuern auf Profit, die aber, in einem hochmonopolisierten System, gar nicht eintreibbar sind: Die Globalisierung und Transnationalisierung des Kapitals ermöglicht es zwanglos, Steuerevasion in großem Stil zu betreiben („Steueroasen“), ganz zu schweigen davon, dass die Großen Vermögen in „Stiftungen“ steuervermeidend geparkt sind.


Ist das aber so, dann bleibt als Ausweg nur der Kredit, d.h. die Verschuldung des Staates, ein Modell, das für das Globalkapital den doppelten Vorteil besitzt, dass man 1. Waren absetzen kann, Waren, die der Staat mittels Kredit direkt oder indirekt kauft, und dass man 2. dann noch sich über die Zinsen auf die Kredite bereichert. Indes, der Witz an der Sache ist, dass das auf lange Sicht nie gutgehen kann: Irgendwann ist der Staat nicht mehr fähig, Kredite und Zinsen comme il faut zu bedienen. Oder anders gesagt: Unter einer exorbitanten, exponentiell wachsenden Schuldenlast brechen Staaten früher oder später immer zusammen. Und damit auch das Verschuldungsmodell. Turbulenzen sind also so oder so vorprogrammiert.


 

V.

 

Was bedeutet nun aber der Wegfall der Lohnarbeit in großem Stil und auf breiter Front für die Eigentümer der Ware Arbeitskraft, einer Ware, die auf dem Weg ist, unverkäuflich zu werden? Nun, fällt die Arbeitszeit weg, die Zeit, die, wie auch immer, ausgefüllt ist – und sei es mit an sich für das Subjekt inhaltsleeren, monotonen Tätigkeiten, die zumeist noch dazu, für die Gesellschaft als solche, überflüssig sind (Rüstung, Kommerz, Reklame usw.) –, dann bleibt nur mehr tote Zeit übrig – Zeit, die, mit anderen Worten, totzuschlagen ist. Denn der Alltag wird leer (auch wenn, wie gesagt, das, was diese Leere zuvor ausgefüllt hatte, nicht unbedingt „erfüllt“ gewesen sein mag). Der horror vacui aber fordert seinen Tribut. Da nun jedoch, so wie die Dinge nun einmal liegen, die bürgerliche, post-moderne Gesellschaft fragmentiert und die Subjekte atomisiert sind, bietet sich nur eine auf das Subjekt limitierte Tätigkeit an: das Spiel mit dem Smartphone, Videoclips, Chats (womöglich mit bots), Computerspiele, Fernsehprogramme und was es dergleichen noch mehr gibt.


In diesem Mikrokosmos des Alltags wird somit das Spielverhalten, in seiner niedrigsten, passiven Form, auf die eine oder andere Weise beherrschend, ein Verhalten, eine Beschäftigung, die nicht nur in dem Sinne ein Spiel ist, als sie sich, wie das für jedes Spiel überhaupt zutrifft, in einem aparten Bezirk jenseits der Tätigkeiten, die funktionalen Charakter besitzen und daher nicht auf sich selbst bezogen sind, und davon losgelöst vollzieht – was an sich ja nicht verwerflich wäre –, sondern auch, darüber hinaus – und das ist bedenklich –, exklusiv zum Lebensinhalt wird, ja, zum einem Spiel in einem potenzierten Sinne, insofern nämlich, als dieser aparte Bezirk eine virtuelle Welt in reinster Ausprägung darstellt – eine Scheinwelt katexochen, die auch schon rein physisch von der realen Welt geschieden ist: Sie ist digital, eine

Abfolge von Einsen und Nullen. Wie Freud es korrekt ausgedrückt hat: „Der Gegensatz zum Spiel ist nicht Ernst, sondern – Wirklichkeit.“[*] Dieser Umstand findet im Virtuellen nun seinen adäquatesten Ausdruck.



VI.


Wenn ein Apparat die strategischen Aufgaben des Kapitals übernimmt und sie im Sinne dieses Kapitals, im Sinne der Maximierung des Profits, „gewissenhaft“ ausführt – und es wäre töricht, ja „geschäftsschädigend“, die Vorteile, die eine Artificial Intelligence diesbezüglich bietet, zu ignorieren –, dann wird auch die Funktion der Kapitaleigentümer, nicht nur im Tagesgeschäft, das schon längst das Management der corporations übernommen hat, sondern auch, was die Allokation der Kapitalquantitäten, das Management der Aktienfonds, anbelangt, mehr und mehr überflüssig, eine Funktion übrigens, die insofern schon extrem auf einen kleinen Kreis von Akteuren eingeschränkt ist, als sie seit geraumer Zeit von „Kapitalsammelstellen“ oder „institutionellen Anlegerclubs“ (BlackRock und Konsorten) ausgeführt wird.


Ist dies aber so, dann bleibt für die Bourgeoisie, die Elite der Kapitaleigentümer, die Aktionäre als solche, als Beschäftigung nur die „Philanthropie“ im Rahmen ihrer Foundations: Steckenpferde mithin, wie es „Virus-Pandemien“, „die Klima-Katastrophe“, „Diversity“, „die Kolonisierung des Mars“, „digitale Kontrolle“, „die transhumanistische Verschmelzung von Maschine und Mensch“, „Geburtenreduktion“, „Human Rights“, „Freedom and Democracy“, „die Liquidierung imperial-aggressiver Diktatoren“ oder geradewegs die Funktion des „Staatslenkers“ sind – wobei es sich hier um eine Liste von „Freizeitvergnügungen“ handelt, die insofern nur provisorisch sein kann, als sie laufend durch Neues ergänzt, manchmal aber auch dadurch bereinigt wird, dass Altes mit der Zeit aus dem Aufmerksamkeitsfokus verschwindet, wie das ja bei Hobbys auch sonst nicht so selten vorkommen soll.


Man hat es hier, um es gleich vorwegzunehmen, mit Aktivitäten zu tun, die in letzter Konsequenz auf die eine oder andere Weise natürlich auch lukrativ sind, denn wäre es klar, dass sie es nicht sind, oder würde die Aussicht bestehen, dass sie sogar, horribile dictu, die Profite der Konzernwelt schmälern, deren Eigentümer diese „Philanthropen“ sind – direkt oder über die Bande –, so würde man sie durchaus unterlassen. Steckenpferde werden, was sich von selbst versteht, immer so gewählt, dass sie prima facie dem „Reiter“ nicht schaden.


Worauf es hier jedoch ankommt, ist zu betonen, dass wir in diesem Zusammenhang nicht mit banalen Geschäften, wie sie auch sonst vorkommen mögen, mit business as usual demnach, konfrontiert sind, dass es sich bei all dem also nicht um simple sales promotion handelt, die sich nur raffinierterer und immersiverer Strategien bedienen würde, als sie sonst gang und gäbe sind. Oder anders gesagt: Der Impuls ist nicht das Geschäft, sondern der Spleen, das Wahnbild imaginierter „Bedrohungen“ oder „Gefahren“, die man glaubt, zum Wohle der Welt meistern zu müssen, oder aber auch „Visionen“ und schimärische Chancen, denen es zum Durchbruch zu verhelfen gilt – alles im Einklang natürlich mit den Prinzipien der bürgerlichen Gesellschaft.


Das erscheint zunächst einmal ziemlich bizarr, wenn man indessen bedenkt, dass das „Geschäft“ der Profitmacherei sich ganz von alleine abspulen kann, dann wird man einräumen müssen, dass es nicht so abwegig ist, dass sich die Geld-Oligarchen Betätigungsfelder anderswo suchen. Denn die Leere, die die operative Funktionslosigkeit in diesen Tycoons hinterlässt, muss schließlich irgendwie ausgefüllt werden. Was aber böte sich sonst an, was wäre besser geeignet, die Leere zu füllen, als das „Wohltätertum“ – und zwar, was nicht verwundern darf, nicht unter dem Niveau von Aktivitäten zur „Rettung der Welt“ oder, mindestens, zu ihrer „Optimierung“? Denn sobald man die Dimensionen, in denen die Milliardäre sich angesichts der exorbitanten Vermögen, die sie bis dato aufgehäuft haben, logischerweise bewegen, erwägt, kann es sich offenbar nicht um Petitessen handeln, wenn es um adäquate Betätigungsfelder für die crème de la crème der Elite zu tun ist, einer Elite, die sich ihrer Funktion als Kapitäne der Kapitalprozesse beraubt und sich aus ihrer angestammten Rolle konsequent hinausgedrängt sieht.


Was nun aber das Spleen-Format dieser Betätigungsfelder betrifft, so ist es nicht schwer zu erraten, dass die realen Probleme der Welt, die aus der Funktionsweise des Kapitalsystems selber entspringen, nicht in das Blickfeld geraten. Was bleibt, sind Phantastereien. Wir haben es hier offenbar mit einer neuen Qualität zu tun.


In diesem Kontext ist dann durchaus davon auszugehen, dass diese Magnaten und Tycoons an all das, was sie als „Philanthropen“ tun – direkte Folge dessen, dass sie gelangweilt sind und sich daher auf die eine oder andere Weise unterhalten müssen –, als Aktionen zur „Rettung“ oder „Verprogressivierung“ der Welt wirklich glauben, dass sie mithin daran glauben, dass die „Gefahren für die Welt“, die sie abzuwenden gedenken, oder die „Chancen“, die es zu ergreifen gilt, in der Tat existieren. Denn dass Glauben und Tun eklatant divergieren, würde die mentale Balance auch solcher Geldmagnaten dann doch zu sehr strapazieren. Das macht die Sache indes nur umso fataler.


Dem steht nun durchaus nicht entgegen – um hier nochmals den Akzent darauf zu legen –, dass das, was ihnen an Spleens in den Sinn kommen mag, sich für sie im Endeffekt als lukrativ erweist. Vielmehr ist es so, dass dies Teil des Ganzen ist, da man banalerweise Geld-Ressourcen braucht, um in diesen Dimensionen „Philanthrop“ sein zu können, ja immer mehr davon, da die „Probleme“ und „Anforderungen“, wie man sich das so ausmalt, ja auch immer drängender werden. Der Gedanke ist so abwegig nicht, dass es sich hier um eine Art „prästabilierter Harmonie“ handeln dürfte.


Der springende Punkt ist indessen: Diese Unsinnigkeiten können sich nur auf der Basis des Umstands vollziehen, dass die post-moderne Gesellschaft als solche derart „konfus“ und geistig paralysiert ist, dass sie selbst von sich aus alles Mögliche zu glauben bereit ist, wie abstrus es auch sein mag. Damit sich dann eine bestimmte Wahnidee auf breiter Front durchsetzt, bedarf es lediglich der Promotion dieses Spleens, ein Unterfangen, das wahrlich nicht schwer ist, da die Foundations der Milliardäre den ganzen Apparat an Manipulationsagenturen, die Think Tanks, Universitäten, Institute, die globalen Organisationen, die Medienwelt usw., über „großzügige Zuwendungen“ in der Form eines Geldregens in die gewünschte Richtung zu steuern vermögen, ganz einfach dadurch, dass sie gerade die Leute promoten, die von sich aus schon mit dem mind set ihrer Gönner sympathisieren. Und davon gibt es genug. Der entscheidende Punkt aber ist, wie gesagt, die Konfusion und geistige Paralysierung der post-modernen Gesellschaft.


Denn ohne diese Disposition, alles zu glauben, was vorgesetzt wird, eine Anfälligkeit, die (fast) die gesamte Gesellschaft (einschließlich des Staatspersonals) an den Tag legt, würde weder die Konditionierung von Seiten der agents of influence fruchten, noch wäre es möglich, a fortiori, irgendeine Sache im Hinblick auf die Absatzerhöhung bestimmter Waren zu „planen“, wenn dies denn doch geschehen sollte.  


Diese „Verwirrung“ aber ist direkte Konsequenz dessen, dass es für diese Gesellschaft nur mehr die Gegenwart gibt, eine Fixierung, die das Denken selbst eindimensional werden lässt, denn komplexes Denken im Universum der Gesellschaft setzt den Blickpunkt der Geschichte voraus – der Geschichte als eines systemischen Prozesses, der (noch) nicht abgeschlossen ist –, was ein ganz anderes Vorgehen ist, als vergangene Gegenwarten mit der gegenwärtigen Gegenwart zu vergleichen, um daraus „Lehren zu ziehen“.



VII.


Gehen wir einen Schritt weiter: Das, was soeben skizziert worden ist, sind in Wirklichkeit „Spiele“, Spiele im Makrokosmos der bürgerlichen, post-modernen Gesellschaft, an denen das Publikum, die „Zivilgesellschaft“ mithin, auf die eine oder andere Weise, so wie im Karneval, breitflächig partizipiert, Spiele in dem Sinne, dass diese Aktivitäten völlig losgelöst sind von den realen Problemen, denen die Gesellschaft sich gegenübersieht, ja nicht nur die Gesellschaft als solche, sondern, genauer betrachtet, auch das Kapitalsystem selbst. Denn Spiele weisen die Eigenart auf, dass sie durch eine ausgedachte Aufgabenstellung mitsamt dem dazu gehörigen Regelwerk festgelegt sind, was impliziert, dass man sie genauso gut unterlassen könnte, ohne dass dies dazu führte, dass die Realität jenseits des Spiels nicht ebenso, wie bisher, weiterlaufen würde – in unserem konkreten Fall würde dies heißen, genauso dysfunktional wie auch sonst.


Wir sehen hier mithin Spiele auf dem Spielfeld der Superstruktur der Gesellschaft, eines Feldes, auf dem die Institutionen und Aktivitäten selbstreflexiv, also nur auf sich selbst bezogen sind, eines Terrains jenseits des instrumentellen Feldes dieser Superstruktur, welches letztere klassischerweise vom bürgerlichen Staat als volonté générale der Bourgeoisie okkupiert ist, desjenigen Bereichs mithin, der dafür sorgt oder sorgen sollte, dass das bürgerliche System und insbesondere die Infrastruktur, die Produktionsweise desselben, im Rahmen dessen, was überhaupt als möglich erscheint, mehr oder weniger friktionslos ablaufen kann – im Hinblick auf die Gewährleistung der Stabilität und Prosperität des Gesamtsystems. Zumindest galt dies noch bis vor einiger Zeit.


Es galt, denn das ändert sich nun: Denn nicht nur, dass diese makrokosmischen Spiele immer mehr an Raum hinzugewinnen können, insofern das wachsende Surplus, im Prinzip wenigstens, beständig den Rahmen erweitert, innerhalb dessen man sie spielen kann, sie infizieren auch zunehmend das instrumentelle Feld der Superstruktur, in dem Sinne nämlich, dass das Konglomerat aus public-private-partnerships, das im Hinblick auf die Steckenpferde der „Philanthropen“ auf- und ausgebaut wird, das Spielfeld bis hinein in die funktionalen Aufgaben des bürgerlichen Staates verschiebt, mit dem Resultat, dass von einem rationalen, d.h. funktionalen Staatsmanagement („funktional“ bezogen auf das Kapitalsystem in seiner Gesamtheit und nicht auf dieses oder jenes Kapitalsegment) nicht mehr die Rede sein kann. Indessen, und das ist der Witz an der Sache, dieses Staatsmanagement kann gar nicht mehr funktional sein, da das System, auf das es sich bezieht, selbst, wie wir sahen, dysfunktional geworden ist. Denn das an sich Dysfunktionale (und es ist dysfunktional selbst mit Bezug auf die Maßstäbe, Kriterien und Standards des Kapitalsystems selbst) kann man rational eben nicht regeln. Ist das aber so, dann erhält die Diagnose „Spiel“ (sofern es sich um einen Aspekt des Staatshandelns handelt) von hier aus eine tiefere Begründung: Denn „Spiel“ kann man auch so definieren, dass ein Spiel als ein solches gar nicht in der Lage ist, jenseits seiner selbst eine Funktion zu erfüllen – sei es aufgrund seines spezifischen Designs, in diesem Fall aber deswegen, weil es überhaupt, eben aufgrund der post-modernen Verfasstheit der Produktionsweise selbst, unmöglich ist. Das dürfte dann auch der tiefere Grund dafür sein, dass die Unsinnigkeiten mehr und mehr überhandnehmen können: Es ist ohnehin schon egal.


Um hier nicht missverstanden zu werden: Auch wenn die Spiele sich als funktionslos im Hinblick auf die „Wirklichkeit“ in ihrer systemischen Dimension präsentieren, so können sie nichtsdestotrotz Impacts auf diese Wirklichkeit haben, und zwar mehr und mehr desaströse, so wie das Spiel im Casino eben auch zum Ruin des Spielers führen kann. Nicht jedes Spiel ist unbedingt harmlos.



VIII.


Wir steuern mithin unaufhaltsam auf die Sinnentleerung des bürgerlichen Systems nicht nur aus der Perspektive der Gesellschaft als solcher oder, wenn man so will, der Geschichte zu, sondern auch aus der Perspektive der kapitalistischen Produktionsweise selbst: Das System ist dysfunktional geworden, es dreht durch, buchstäblich und metaphorisch. Alles das, was gemacht wird, läuft im Endeffekt ins Leere, eben weil es sich selbst, systemisch, untergräbt. Da verwundert es nicht, dass, da das System selbst gerade dabei ist, „die Kontrolle über sich selbst zu verlieren“, sich die Absurdität in wahnhafter Form überall einzunisten beginnt.


Man kann sich hier des Eindrucks kaum erwehren, daß die Jämmerlichkeit auf allen Niveaus der Endpunkt der Geschichte ist. Es scheint mithin so, als ob das „Projekt Homo sapiens sapiens“ gerade dabei ist, kläglich zu scheitern. Würde man das Ganze geschichtsphilosophisch betrachten, so müsste man sagen: Das „Herausarbeiten“ aus dem Tierreich hat damit geendet, dass man die Potentialitäten, die sich, im Wissen und in der Technologie, im Laufe der Geschichte akkumulierten, wie Perlen vor die Säue wirft. Es ist gleichsam so, als ob man die Instrumente eines Orchesters und die Partitur der Fünften Symphonie einer Horde von Primaten übergeben hätte, die dann freilich damit sich „vergnügen“, was aber herauskommt, ist alles, nur nicht Musik. War demnach, nüchtern betrachtet, die Geschichte gänzlich umsonst? Es mag wirklich so sein, sofern man nicht doch noch die Notbremse zieht.




Endnote


[*] Sigmund Freud, "Der Dichter und das Phantasieren", in: Studienausgabe Bd. X, Fischer (1969), S. 171