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Nils Meier


Turgenevs Nihilist als warenförmig tote Seele




1. Ein Roman über Väter und Söhne – und genaugenommen auch über Töchter


Der Titel des Romans Otcy i deti von Ivan Sergeevič Turgenev wird herkömmlich falsch als „Väter und Söhne“ übersetzt. Dass eigentlich von „Kindern“ statt von „Söhnen“ die Rede ist, weiß natürlich jeder, der das russische Wort deti kennt. Aber dennoch zeigt die falsche Übersetzung eine bemerkenswerte Beharrungskraft, was wohl damit zu erklären ist, dass ihr ein Missverständnis über den gesamten Roman zugrunde liegt. Denn auch inhaltlich geht es in dem Roman nicht dezidiert um Väter und deren Söhne, sondern um heranwachsende Kinder, und zwar sowohl männliche wie weibliche. Vor einer eingehenden Untersuchung sei in aller Kürze der Handlungsverlauf angegeben. Wer den Roman schon kennt, mag gleich zum folgenden Kapitel springen.



1.1 Figuren


Die wichtigsten Figuren sind ...

... Bazarov und dessen Freund Arkadij,

... deren Bekannte Anna Odincova,

... die Eltern von Bazarov,

... der Vater von Arkadij, Nikolaj Kirsanov,

... Nikolajs Bruder Pavel Kirsanov.



1.2 Handlung


Es gibt im wesentlichen drei Orte der Handlung: Das Gut von Nikolaj Kirsanov, das Gut von Anna Odincova und das Haus von Bazarovs Eltern.


Die Handlung beginnt damit, dass Bazarov und Arkadij dessen Elternhaus, also das Gut von Nikolaj Kirsanov, besuchen und auf diese Weise die beiden älteren Herren Nikolaj und Pavel mit der altersgemäßen Neigung junger Erwachsener zur weltanschaulichen Selbstvergewisserung konfrontieren. Bazarov ist Medizinstudent kurz vor dem Studienabschluss. Die Figur verkörpert die aufklärerische Neigung, ausschließlich der Naturwissenschaft vertrauen zu wollen und sonst keinerlei Autorität anzuerkennen. Eine Figurenrede bezeichnet diese Einstellung als „Nihilismus“. Arkadij eifert dem etwas älteren Bazarov anfänglich nach und gelangt erst im Laufe der Handlung zur Selbständigkeit. Oberflächlich betrachtet kommt es zu einem Konflikt über die Weltanschauung insbesondere zwischen Bazarov und Pavel, aber näher besehen sind sich die vermeinlichten Kontrahenten sehr ähnlich.


Von Nikolaj Kirsanovs Gut begeben sich Bazarov und Arkadij auf eine Reise und besuchen die verwitwete aber noch recht junge und kinderlose Gutsbesitzerin Anna Odincova. Beide verlieben sich in sie, und auch Anna findet gefallen an ihnen, insbesondere an Bazarov. Arkadijs Neigung wird hingegen bald zu Annas jüngerer Schwester umgeleitet, während sich Anna und Bazarov in gewisser Weise näher kommen. Aber sie erleben eine innere Hemmung, die vordergründig unerklärlich scheint und eine Liebesbeziehung verhindert.

Zwischen den verschiedenen Begnungen mit Anna Odincova besuchen Arkadij und Bazarov dessen Eltern. Hier ergibt sich das Bild einer ungünstigen Familiendynamik, die jene Charakterschwäche motiviert, welche die Figur Bazarov verkörpert. Vor diesem Hintergrund wird dem Leser ermöglicht, die Lieblosigkeit Bazarovs und im Anschluss daran auch Annas zu verstehen.


Bazarov und Arkadij kehren zurück zu dem Gut von Nikolaj Kirsanov. Aus dem Figuren-Duo, in welchem Arkadij bisher als sputnik – als ein unselbständiger Weggefährte beziehungsweise Mitläufer – Bazarovs fungiert hat, werden zwei deutlich unterschiedliche Figuren. Der Unterschied entsteht dadurch, dass die Arkadij-Figur eine Charakterreifung zeigt, während die Bazarov-Figur in ihrer bisherigen Charakterschwäche verharrt. Bazarov zerstreitet sich mit Arkadij, intensiviert seine medizinisch-naturwissenschaftliche Arbeit, steckt sich dabei leichtfertig mit Typhus an und stirbt. Arkadij hingegen heiratet Annas Schwester und das literarische Bild fügt beide Figuren in die stereotype Erscheinung eines jungen Glücks.



2. Nihilismus bei Turgenev


Nihilist und Nihilismus (russ.: „nigilist“, „nigilizm“) sind Begriffe, die der russische Dichter Ivan Turgenev auf so diskurswirksame Weise eingesetzt hat, dass ihm vielfach zugutegehalten wird, sie geprägt zu haben. Auch wenn dieses Lob einer kritischen Prüfung nicht standhält (Thiergen 1993, 343-345, 354), so lässt sich doch festhalten, dass Turgenev mit seinem Roman Otcy i deti (dt.: Väter und Söhne, wörtlich: „Väter und Kinder“) dem Begriff zu einiger Berühmtheit verholfen hat (vgl. Gerigk 2015, 107, 109).


Bisherige Deutungsversuche, die das Problem des Nihilismus im Kontext eines „Generations- und Weltanschauungskonflikt[es]“ verorten (Lauer 2000, 341; s.a. Bogdanova 2018, 6, 34) und diesen Konflikt teils innerfiktional dargeboten sehen, teils in einer Debatte zur Mitte des 19. Jahrhunderts veranschlagen, in der Turgenev mit seinem Roman habe intervenieren wollen (vgl. Lauer 2000, 343; Bogdanova 2018, 3; Gerigk 2015, 99; Thiergen 1993, 357-359; Haberman 2023, 58, 67), greifen insofern zu kurz, als ihnen jene tiefer zugrunde liegende Bedeutungsebene verschlossen bleibt, auf der Turgenev eine spezielle Problematik des modernen Subjekts entfaltet. Wäre das Wort Entfremdung nicht bis zur Bedeutungslosigkeit ausgeleiert (kritisch: Wollenhaupt 2018, 9; vgl. Ghisu 1997, 3:471), könnte man kurzerhand davon sprechen, dass es Turgenev um eben diese Entfremdung geht. Aber einstweilen führt die abgedroschene Rede von „Entfremdung“ nur dahin, dass man Entfremdung zwar intuitiv als Problematik erkennt  (z.B. Gerigk 2015, 100, 107), und Turgenev sogar einen Beitrag zu einer Art philosophisch-psychologischer Subjektkritik mit literarischen Mitteln bescheinigt (Nohejl 1995, 123; Thiergen 1993; Woodward 1990, 149), um letztlich doch an der vermeintlich alle Begriffe übersteigenden Vielgestaltigkeit des Figurenensembles zu resignieren. So gilt es mittlerweile als ausgemacht, dass sich etwa die Hauptfigur von Otcy i deti, Evgenij Vasilʹevič Bazarov, einfach „nicht auf den Begriff bringen“ lasse (Gerigk 2015, 87).


Dagegen wird im Folgenden das Thema der sogenannten Entfremdung im Rahmen jener wertkritischen Subjektkritik gefasst, die die einschlägige Problematik längst in den Begriff des Narzissmus überführt hat (Meier 2026, 155f.; vgl. Kurz 2004, 198, 33, 133f.; Jappe 2020a, 29, 141-148; 2020b, 172). Unter dieser Voraussetzung muss nicht mehr eine explizite Philosophie als das gedankliche Substrat von Turgenevs literarischen Bildern unterstellt werden; sondern es kann jetzt vielmehr gezeigt werden, dass es statt der Philosophie vielmehr deren

implizites Bekenntnis zur Warenförmigkeit der Psyche ist, welches das gedankliche Substrat bildet.[1]



3. Der Narzissmus des warenförmigen Subjekts


In den Arbeiten der Kritischen Theorie und in den Beiträgen einer daran anschließenden Wertkritik wird die Psyche des modernen Subjekts auf den Begriff des Narzissmus gebracht (Adorno GS 8:33, 9.1:467; Jappe 2020a, 29f.; Meier 2026, 155). Narzissmus hat Ichschwäche zur Folge (vgl. GS 9.1:466, 505); während ein „starkes Ich […] nach älterer Sprache“ das Vorhandensein von „Charakter“ bedeutet (GS 6:237), regrediert das warenförmige Subjekt aufgrund seiner Ichschwäche zum „Menschen von der Stange“ (Kurz 2004, 56), ihm kommt jegliche individuelle „Psychologie“ abhanden (GS 8:83); mit Gogolʹs berühmtem Romantitel kann man diesen Umstand so ausdrücken, dass das warenförmige und also tendenziell narzisstische Subjekt eine tote Seele ist.


Nachdem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Problematisierung des Narzissmus zunehmende Aufmerksamkeit erhalten hat, und in disparaten Debatten die Bestimmung des entsprechenden Begriffs zur Undeutlichkeit zerfasert ist (vgl. HPG 600), geht mittlerweile die Tendenz dahin, etwaige Begriffsbestimmungen zugunsten der Annahme einzuebnen, dass es sich beim Narzissmus um eine psychische Normalität handele (kritisch: Jappe 2020a, 136f.). Gerade diese Tendenz bestätigt aber jene Kritik, die den Narzissmus als psychisches Symptom der Warenform versteht: Soweit der Narzissmus Symptom der Warenform ist, muss sich im Zeichen der Warenform mit der Zeit eine psychische Normalität einstellen, deren gewöhnlicher Modus Narzissmus ist (vgl. Jappe 2020a, 138-141). Im Rahmen dieser Kritik sind die Begriffe mittlerweile soweit herangereift, dass man Narzissmus unmittelbar logisch aus der Warenform ableiten kann:


„The narcissistic subject [...] has never enriched himself in relations with external objects and has rather remained a prisoner of his fantasies. […] this denial of the diversified qualities of the real in favour of a single equal substance (the Ego), which for its part is devoid of quality and is abstract, is what characterizes narcissism – but characterizes equally the logic of value and abstract labour.“ (Jappe 2020b, 172)



3.1 Begriffliche Grundlage nach Freud


Es sind die Kernaussagen von Freuds Bestimmung von Narzissmus, die unbeschadet aller anschließenden Kontroversen in Detailfragen bis heute Geltung haben und deswegen an dieser Stelle aufgegriffen werden sollen, um die anthropologisch konstanten Aspekte von Narzissmus mit dessen historischer Spezifik im Zeichen einer bis heute andauernden Warenform in Verbindung bringen zu können.


Die anthropologische Konstante ist darin zu erblicken, dass jeder Mensch – unabhängig von historischen und kulturellen Umständen, aber im Unterschied zu den anderen Säugetierarten – als besonders hilfloses Wesen geboren wird. Aufgrund der spezifisch menschlichen Größe des Gehirns und entsprechender Raum- und Versorgungsansprüche dieses Organs einerseits und der physischen Kapazitäten des Mutterorganismus andererseits musste die Natur zu dem Kompromiss finden, dass der Nachwuchs beim Menschen zum Zeitpunkt der Entbindung zwar die Anlage zu einem großen Gehirn besitzt, aber insgesamt noch wenig gewachsen ist. Die daraus resultierende, spezifisch menschliche „Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit“ des Neugeborenen (GWC 8:195; s.a. 13:263) disponiert dieses dazu, jenen vorgeburtlichen, quasi paradiesischen Zustand prolongieren zu wollen, in welchem die gesamte wahrnehmbare Welt nur dazu da ist, um alle Bedürfnisse sofort zu befriedigen. Freud bezeichnet diese Disposition als „Narzissmus“ (GWC 17:72; s.a. GWC 10:137-170; HPG 576, 601; Jappe 2020a, 30f., 87f.). Im Narzissmus kann das Kind der Mutter und darüber hinaus allem, was es außerhalb seiner selbst gibt, keine vollgültige Autonomie zugestehen, sondern muss stattdessen alle Menschen und die ganze Welt so auffassen, als gehörten sie in gewisser Weise ihm. In einer derartigen Verschmelzung mit der Welt erscheint eine illusionäre „Allmacht“ (GWC 10:140), die als solche aus der Angst vor dem frühkindlichen „Zustand traumatischer Hilflosigkeit“ resultiert (HPG, 972, s.a. 969). Das heißt, dass die eingebildete Allmacht stets mit dem Gefühl der Ohnmacht einhergeht. Das Bedürfnis nach Allmacht setzt voraus, dass man insgeheim an die eigene Ohnmacht glaubt, diese aber ängstlich abzuwehren versucht. Auf die Ohnmacht kann man das Gefühl der Scham zurückführen; Scham gilt deswegen als „die Kehrseite des Narzissmus“ (Morrison 1997, Untertitel).


Im Zustand des Narzissmus bleibt der von Freud sogenannte „Liebestrieb“ (GWC 17:70) ganz im Ich aufgehoben (ebd., 72), er kann sich nicht so äußern, dass das Individuum zu „Objekten“ (ebd., 73) also zu Mitmenschen und sonstiger Umwelt, Beziehungen aufnimmt, die eine über den Augenblick hinausreichende attraktive Wirkung haben. Stattdessen wird die Realität weitgehend abgewehrt oder verdrängt (GWC 13:221), so dass ein „Realitätsverlust“ droht (ebd., 368). Insbesondere kann das narzisstische Individuum anderen Menschen keine individuelle Autonomie zugestehen, seine Beziehungen zu diesen Menschen tendieren stets zum Benutzen (Jappe 2020a, 96, 142). Das narzisstische Individuum wirkt unnahbar, kalt, hochmütig, verachtungsvoll oder stolz. Wenn sich der Liebestrieb nicht äußert, nimmt der sogenannte „Todestrieb“ überhand, der sich im Hang zum Auflösen von Zusammenhängen äußert (GWC 17:71).


Jeder Mensch kommt also mit dem Glauben an die Alternative von Allmacht und Ohnmacht zur Welt. Zum Reifeprozess gehört, dass der Mensch zu einer Auffassung von sich und der Welt findet, die weder in das eine noch in das andere Extrem verfällt. Die historische Spezifik liegt in der Art des Reifeprozesses. Freud hat zwar die historische Spezifik nicht mitgedacht, aber er hat für den modernen, europäischen, männlichen Bürger des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zutreffend das Muster einer individuellen Charakterreifung entworfen, die in der Auflösung eines sogenannten Ödipuskomplexes und der Ausbildung eines Überich gipfelt (vgl. HPG 658f.; GWC 13:260-262): Der Ödipuskomplex entsteht, weil das Kind seine Ansprüche auf Liebe zur und von der Mutter nicht in ihrer anfänglich scheinbaren Exklusivität aufrechterhalten kann, sondern stattdessen die Ansprüche der Umwelt, herausragend repräsentiert durch den Vater, berücksichtigen muss (vgl. GWC 13:260). Die Auflösung des Ödipuskomplex vollzieht sich in einer Ablösung von der Mutter und einer reifen Identifikation des Kindes mit seinen Eltern in Form eines verträglichen Überich (GWC 14:85, 13:262). Die Verträglichkeit des Überich kommt dadurch zustande, dass die sonst bisweilen furchterregenden oder brutalen Einsprüche eines Gewissens durch die „Vernunft und Besonnenheit“ des Ich relativiert werden (GWC 15:83). Andererseits gewinnt gerade durch die Verträglichkeit des Überich dessen Einspruchsrecht an Geltungskraft, so dass die „ungezähmten Leidenschaften“ des Menschen umso zuverlässiger einer kultivierten Beherrschtheit des reifen Charakters unterliegen (ebd.). Im Narzissmus ist das Widerspiel zwischen Gewissen und Trieben mangelhaft kultiviert, so dass bisweilen rohe Impulse durchbrechen (vgl. GWC 13:253; GS 9.1:201; Lasch 1980, 225; Jappe 2020a, 97, 123).



3.2 Die philosophische Einkleidung


In Hinblick auf Turgenev, der aufgrund der Lebensdaten selbstverständlich nicht von Freud ausgehen konnte, ist von Bedeutung, dass die grundlegende Einstellung des warenförmigen Subjekts bereits jene neuzeitliche europäische Philosophie geprägt hat (Kurz 2004, 8), deren Einfluss auf Turgenevs Werk wiederum erheblich ist (Lauer 2000, 336, 339; Nohejl 1995, 109). Dies gilt besonders für die Philosophie Schopenhauers (Gerigk 2015, 121; Nohejl 1995, 128; Thiergen 1993, 347); darüber hinaus ist der „philosophisch ambitionierte[-] Schriftsteller Turgenev“ (Nohejl 1995, 129) nicht nur auf einen einzigen Philosophen festgelegt, sondern hat vielmehr gleichsam „im ‚Meer‘ der deutschen Philosophie“ ein umfängliches „Bad“ genommen (ebd., 113; s.a. Time 1995, 181f.).


Ohne Schwierigkeiten, wenngleich gegenüber dem exegetischen Mainstream auf unorthodoxe Weise, kann man bestimmte Charakteristika des Narzissmus in der Philosophie Schopenhauers, aber auch im Fundament der Philosophie der Aufklärung, nämlich bei Descartes und Kant, identifizieren: Im Zuge der Erosion vormoderner Auffassungen vom Menschen, der in eine göttliche Ordnung aufgehoben sei, entstanden Konzepte vom Individuum, das sich alleine gegen eine Welt zu behaupten hat. In der philosophischen Konzeption des modernen Menschen bricht sich insofern ein Todestrieb Bahn, als ihr ein allseitig obwaltendes Prinzip der Dissoziation zugrunde liegt. Seit Descartes figuriert der Mensch (zunächst nur der männliche) als ein Subjekt, das streng genommen nur abstrakt als ein rein existierendes und denkendes Ich gemeint ist. Die Abstraktheit erscheint nicht zuletzt darin, dass dem Subjekt gegenüber sogar die konkrete Gestalt des dazugehörigen Körpers, aber auch sonstige Anteile der Psyche als Objekte gelten (sofern sie überhaupt zur Geltung kommen) (vgl. Jappe 2020a, 37). Turgenevs Figur Bazarov stellt nicht nur die bekannte, sehr direkte und entsprechend deutliche Anspielung auf den „Vulgärmaterialismus“ Ludwig Büchners dar (Thiergen 1993, 347; s.a. 345; PSS 7:45), sie spielt auch auf die von Descartes begründete Subjektkonzeption an, wenn sie Liebe für eine rein körperliche Funktion hält, die dem streng objektivierenden Blick des Naturwissenschaftlers unterliegt:


И что за таинственные отношения между мужчиной и женщиной? Мы, физиологи, знаем, какие это отношения. Ты проштудируй-ка анатомию глаза: откуда тут взяться, как ты говоришь, загадочному взгляду? Это всё романтизм, чепуха, гниль, художество. (PSS 7:34)


„Und was heißt das, [sic] geheimnisvolle Beziehungen zwischen einem Mann und einer Frau? Wir Physiologen wissen Bescheid, was das für Beziehungen sind. Studier nur einmal die Anatomie des Auges durch, woher willst du da, wie du sagst, einen rätselhaften Blick hernehmen? Das ist alles nichts als Romantismus, ist Quatsch, ist Krankheit und Künstelei.“ (Turgenev 1952, 243)


In einer späteren Szene bringt Bazarov seine erste Begegnung mit Anna Sergeevna Odincova unter Verleugnung subtiler Erotik und gegen alle Einwände seines Freundes stur auf die dissoziierend-objektivierende Formel, dass Anna „ein wunderbarer Körper“ sei („bogatoe telo“ PSS 7:75).


Bazarovs Nihilismus (PSS 7:25, 48-53) wird von Descartes vorweggenommen und implizit, aber aus heutiger Sicht erkennbar, auf einen Narzissmus zurückgeführt, indem das cartesische Subjekt gegenüber einer feindlich erlebten Welt zwischen Allmacht und Ohnmacht schwankt und im Zuge dessen auf die Vernichtung der Welt, also mit anderen Worten auf den narzisstischen Realitätsverlust kommt (vgl. Jappe 2020a, 41-43). Die Übereinstimmung zwischen Bazarov und Descartes geht bis in das methodische Detail, dass beide sich durch „Neg[ation]“ ganz allgemein den „Platz freimachen“ wollen („my otricaem […] mesto rasčistitʹ“ PSS 7:49; Jappe 2020a, 44). Das narzisstische Überhandnehmen des Todestriebs erscheint sinnbildlich und leitmotivisch in Bazarovs Sucht, Frösche zu sezieren (PSS 7:21, 26, 53, 132), womit sowohl die Angleichung von lebendem Wesen und toter Materie im Blick des objektivierenden Subjekts (Jappe 2020a, 33), als auch der Hang zum Auflösen von Zusammenhängen ins literarische Bild gehoben werden.


Die eben genannten Prinzipien, die das cartesische Subjekt implizit zum Narzissmus disponieren, kann man ohne Schwierigkeiten auch bei Kant vorfinden (vgl. ebd., 55-57). Außerdem läuft dessen Konzeption auf ein Erkenntnismodell hinaus, in welchem das antagonistische Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt im Prinzip nach Zerstörung des Objekts verlangt, nämlich nach der Sezierung sinnlich erfahrbarer Zusammenhänge zugunsten einer gefühllosen Sammlung von Daten, die anschließend ein von diesem Verhältnis vermeintlich unbelasteter Verstand anhand von Kategorien ordnet, die vermeintlich seine eigenen sind (Böhme 1986, 209). Entsprechend den narzisstischen Bedürfnissen kommt in einer solchen Erkenntnishaltung nicht das Objekt in einem – auch gefühlvollem – Verstehen möglichst vollständig zur Geltung, sondern es wird lediglich dem zweckrationalen und kalkulierenden Interesse des Subjekts unterworfen (ebd., 201, 203, 209; Lukács 1923, 97f., 143, 145, 218).


In dem sezierenden Positivismus, der auf vermeintlich isolierbare Fakten fixiert ist und der die aus den jeweiligen konkreten Umständen resultierende Bedingtheit der Fakten sowie die Bedingtheit ihrer Wahrnehmung vernachlässigt, kann man abermals eine Äußerung des Todestriebs erblicken. Der Frösche sezierende Bazarov bekennt sich zu Zweckrationalität und Positivismus, wenn er „Nützlich[keit]“ über

„Logik“ und „Begrifflichkeit“ stellt.[2] Die zweckrationale Einstellung weist Bazarov, der unablässig „arbeitet[-]“[3], als jenen „Arbeiter“ aus, als den die Aufklärung das Subjekt letztlich konzipiert hat (Jappe 2020a, 52).


Die Orientierung an Arbeit und positivistischer Berechnung der Realität kulminiert in einer strengen Zeiteinteilung des Tagesablaufs (PSS 7:85), für den die Figur Anna Odincova steht. Sie errichtet in ihrem Hause jene „Tyrannei der Zeit“, die realhistorisch in Kraft getreten ist, als die Gesellschaftlichkeit des Menschen diesen auf den ständigen Kauf und Verkauf von Waren, darunter nicht zuletzt die in Zeit gemessene Ware Arbeitskraft, verpflichtet hat (Postone 2003, 326; s.a. Jappe 2005, 43). Annas Erklärung, dass die strenge Regelmäßigkeit und Vorhersagbarkeit des Tagesablaufs ein Mittel gegen „Langeweile“ sei („skuka“ PSS 7:85), kann nur so verstanden werden, dass aus ihren Worten das warenförmige, strukturell narzisstische Subjekt spricht, das aufgrund seiner psychischen Hemmnisse unter einer „inneren Leere“ leidet (Jappe 2020a, 97), so dass ihm im Extremfall die „Lust zu leben“ abhandenkommt („net vo mne želanija, ochoty žitʹ […] ja malo želaju žitʹ“ PSS 7:92) und dem im Rahmen seines verkümmerten Bezugs zu allem nur die Strategie bleibt, den Lebensvollzug berechenbar zu machen (vgl. Lukács 1923, 97-102) beziehungsweise seine Lebenszeit zu nutzen. Wie gesagt wird dadurch der Realitätsbezug selbst dem Modus von Arbeit angeglichen, also jener Art von Realitätsbezug, auf die sich das moderne warenförmige Subjekt konzentriert (vgl. Jappe 2020a, 19f., 52). Das berechenbare Verhalten macht das Subjekt „automatenhaft“ (GS 9.1:201); zusammen mit seiner Arbeitsorientierung wird es zur „Maschine“ – wie es auch die Figur Bazarov über sich selbst sagt („mašina“ PSS 7:104).


Der narzisstische Glaube an die Allmacht erscheint im Fall von Bazarov als dessen Figuralisierung von „Hybris“ (vgl. Thiergen 1993, 351). Gefördert wird Bazarovs Einstellung durch seine Eltern, die ihn beide „vergöttern“ („bogotvor[jat]“ PSS 7:116), so dass er konsequenterweise für sich selbst den Vergleich mit „Gott“ nicht scheut („bogam […] ty bog?“ PSS 7:102). Vordergründig betont Bazarov in der narzisstischen Alternative von Allmacht und Ohnmacht den Pol der Allmacht. Wie im Folgenden gezeigt werden soll, gehört aber auch das komplementäre Ohnmachtsgefühl zu der Figur. Es wurde bereits bemerkt, dass mit der Figur, vor allem in ihrer Begegnung mit der weiblichen Figur Anna Odincova und der daraus motivierten Anforderung an Liebesäußerungen, die Allmachts-Attitüde dementiert wird (Gerigk 2015, 87). Gewendet auf philosophische Vorbilder wurde erkannt, dass „in Bazarovs Weltbild die Theorien Büchners von der Philosophie Schopenhauers abgelöst worden sind“ (Thiergen 1993, 351). Schopenhauers Denken betont implizit den narzisstischen Aspekt der Ohnmacht, die aus Angst vor der eigenen Hilflosigkeit Motiv der Resignation ist (Jappe 2020a, 72). Wie gesagt ist die Ohnmacht ebenso unbewusstes Motiv der Scham, von der wiederum im Folgenden gezeigt werden soll, dass sie ein Leitmotiv des Romans Otcy i deti ist.



4. Figurationen des Nihilismus in Otcy i deti


Im Roman Otcy i deti scheitert die Hauptfigur Bazarov an dem Problem einer Charakterreifung, die im paradigmatischen Sinne das Individuum über die Extreme von Allmacht und Ohnmacht erhaben machen soll. Auch das zweite der titelgebenden „Kinder“, die Figur Anna Odincova, deutet ein ähnliches Scheitern an. Es bleibt dem dritten der Kinder, Arkadij Nikolaevič Kirsanov, vorbehalten, eine Lösung für das Problem zu finden.


Aus der Dynamik der Figurenkonstellation kann man vier Aspekte der Problemstellung analysieren: Die Figuren in Nikolaj Kirsanovs Gut Marʹino, die Beziehung zwischen Bazarov und seinen Eltern, die Beziehung zwischen Bazarov und Anna Odincova und Arkadijs Werben um

Ekaterina Sergeevna Lokteva, genannt Katja.[4]



4.1 Nikolaj Kirsanovs Gut Marʹino – Ort der Ohnmacht und Scham


Die Romanhandlung beginnt mit einem Besuchs Bazarovs und Arkadijs auf dem Gut Marʹino, welches Arkadijs Vater, Nikolaj Petrovič Kirsanov, gehört. Der Witwer Nikolaj ist eine nicht-standesgemäße Verbindung zu Fedosʹja Nikolaevna, genannt Fenečka, eingegangen und lebt zusammen mit dieser und seinem Bruder Pavel Petrovič Kirsanov in einem kleinen Gutsbesitzer-Anwesen. Leitmotivisch verbindet sich das Auftreten der Figur Nikolaj mit einer bestimmten Schamgeste, nämlich damit, dass Nikolaj sich mit einer Hand über seine Augenpartie fährt (vgl. Tiedemann 2007, 15).[5] Auch darüber hinaus zeigen die Figuren Nikolaj, Fenečka und der Diener Prokofʹič durchweg Schamsignale.[6] Gegenüber den Anforderungen, die die Leitung des Guts an Nikolaj stellt, erweist sich dieser als überfordert und hilfsbedürftig („Sil moich net!“ dt.: „mir fehlt die Kraft“ PSS 7:131; s.a. PSS 7:35 et passim). In 14 der 28 Kapitel des Romans ist der fiktive Ort des Geschehens das Gut Marʹino. Aufgrund der intensiv inszenierten Scham und aufgrund der Hilflosigkeit des Vaters figuriert dieser Ort als Bereich der Ohnmacht. Arkadij obliegt es, sich von dieser Ohnmacht zu befreien. Sein erster Ansatz besteht darin, dass er sich an seinem älteren Freund Bazarov orientiert, dessen Nihilismus eine individuelle Befreiung und Selbstermächtigung in Aussicht stellt („ne sklonjaetsja ni pered kakimi avtoritetami“ dt.: „er beugt sich keinerlei Autoritäten“ PSS 7:25). Der Erzähler kontrastiert die Figur Bazarov mit dem Reich der Ohnmacht, indem er ihre Zwanglosigkeit und das Fehlen jeglicher Schüchternheit hervorhebt:


Его аристократическую натуру возмущала совершенная развязность Базарова. Этот лекарский сын не только не робел, […]. (PSS 7:27)


„Die absolute Ungezwungenheit Basarows empörte seine aristokratische Natur. Dieser Sohn eines Arztes war nicht nur keineswegs schüchtern, […].“ (Turgenev 1952, 232)


Die Rede ist hier von Pavels Gedanken über Bazarov. Vordergründig scheint Pavel ein Gegner von Bazarovs Einstellung zu sein. Genauer besehen überwiegt jedoch die Ähnlichkeit zwischen Pavel und Bazarov (Lowe 1983, 37-43; Woodward 1990, 138; s.a. Literaturangaben in Lowe 1983, 144 EN 19, Woodward 1990, 170 EN 31), während andererseits Bazarov eine Gegenposition zu Scham und Ohnmacht nicht durchhält. Um dies zu erklären, muss näher auf die Figur Bazarov eingegangen werden.


Wer Bazarov ist, offenbart sich nach und nach im Zuge der Handlung. Neben dem Auftreten dieser Figur im Hause von Arkadijs Vater ist insbesondere Bazarovs Verhältnis zu Anna Odincova und zu seinen Eltern zu beachten.



4.2 Bazarov und dessen Eltern


Die familiäre Herkunft Bazarovs legt diesen auf jenen militärischen Kontext fest, welchem auch das moderne, warenförmige Subjekt entstammt.[7] Bazarovs Vater bemerkt, dass in seinem Haus, „alles […] nach Soldatenart“ ist („vsë […] na voennuju nogu“ PSS 7:106). Dass Bazarovs Leben ganz und gar im Horizont des Soldaten verbleibt, verdeutlicht seine Reduktion des „wirklichen Mensch“-Seins auf „Gehorchen oder Hassen“ („Nastojaščij čelovek […] slušatʹsja ili nenavidetʹ“ PSS 7:120), in diesem Zusammenhang bringt er namentlich Puškin mit „Kampf“ und „Kriegsdienst“ in Verbindung („boj“, „voennoj službe“ PSS 7:121). Der Hass steht bei Bazarov für „Selbstvertrauen“ („na sebja nadeešʹsja“ PSS 7:120), die Alternative zum Hass auf Andere ist für ihn jene „Schüchtern[heit]“, die in Arkadijs Elternhaus dominiert („robeešʹ“ PSS 7:120), und die in der unreifen Alternative von Allmacht und Ohnmacht die Seite der Ohnmacht repräsentiert.


Die Figur der Mutter von Bazarov verkörpert eine regressive Sehnsucht nach Verschmelzung mit einer vormodern aufgefassten Welt (PSS 7:113f.). Ihrem Sohn gilt nicht nur ihre „Hingebung und Zärtlichkeit“ („predannostʹ i nežnostʹ“ PSS 7:125), sondern sie „fürchtet“ ihn auch („bojalasʹ“ PSS 7:114, 171) „unsäglich“ („neskazanno“ PSS 7:114) und hat vor ihm „Angst“ („strachom“ PSS 7:125). Diese Ambivalenz und insbesondere der stumme „Vorwurf“, den sie ihm beständig macht und dem sie im Zeichen einer unbestimmten „Demut“ den falschen Schein der Harmlosigkeit verleiht („kakoj-to smirennyj ukor“ PSS 7:125), stellt ein Hindernis für die Individuation ihres Sohnes dar. Die Figur des Vaters zeigt die narzisstische Illusion der Verschmelzung mit seinem Sohn, so dass der Vater in übertriebener Weise empfänglich für anerkennende Worte, die eigentlich seinem Sohn gelten, ist und den Wert seiner Biographie aus dem Ruhm seines Sohnes ableitet (PSS 7:115-117).


Während also die Figureneigenschaften der Eltern darauf schließen lassen, dass diese ihrem Sohn schwerlich echte Eigenständigkeit zugestehen, vervollständigt die Figur Bazarov das Bild, indem deren Charakter aus den einschlägigen Symptomen des Narzissmus besteht und somit darauf hinweist, dass sich Bazarov unbewusst nicht von seiner Mutter gelöst hat. Die narzisstische Weigerung, der Mutter und anschließend jeglichen Menschen eine eigene Individualität zuzugestehen, kleidet Bazarov in die Theorie, dass die Menschen, da sie alle

gleich seien, keine individuelle Beachtung verdienten (PSS 7:78f.).[8] Da aber die anderen Menschen den narzisstischen Ansprüchen auf prompte Bedürfnisbefriedigung durchweg nicht gerecht werden können, liegt Bazarov die „Veracht[ung]“ von Menschen und sonstigen Teilen der Realität besonders nah.[9] Nicht zuletzt trifft Bazarovs Verachtung die eigenen Eltern (PSS 7:57, 75, 125, et passim). Die gegenseitigen narzisstischen Ansprüche von Bazarov und seinen Eltern bleiben durchweg unbefriedigt und verursachen ein innerfamiliäres Arrangement gegenseitiger Manipulation. Alle drei haben akzeptiert, dass die Eltern für ihren Sohn kaum anders denn in der stereotyp mütterlichen Funktion des Nahrungs- und Genussmittelspenders zur Geltung kommen können. Die Eltern nutzen gezielt Mahlzeiten und „Rotwein“ als ein Mittel, um trotz gegenseitigen Befremdens Erlebnisse der Gemeinschaft mit dem Sohn zu erwirken („krasnoe vino“ PSS 7:127; s.a. 108, 125, 126, 171).


Der ungelöste Ödipuskomplex erscheint schließlich in Figureneigenschaften, die mit heutigen Begriffen als Fehlen eines verträglich integrierten Überich zu verstehen sind. Bazarovs Ich wird von „ungezähmten Leidenschaften“ (s.o.; GWC 15:83) überwältigt, weil es nicht in zuverlässigem Zusammenspiel mit dem Überich allfällige Triebregungen beherrschen kann:


Он задыхался; всё тело его видимо трепетало. Но это было не трепетание юношеской робости, не сладкий ужас первого признания овладел им: это страсть в нем билась, сильная и тяжелая — страсть, похожая на злобу и, быть может, сродни ей ... Одинцовой стало и страшно и жалко его. […] Она не тотчас освободилась из его объятий; […]. Он рванулся к ней... […]. Казалось, шагни он еще раз, она бы вскрикнула ... (PSS 7:98)


„Er keuchte; man konnte sehen, daß sein ganzer Körper bebte. Allein das war nicht das Beben knabenhafter Schüchternheit, das war kein süßes Entsetzen eines ersten Geständnisses, das seiner Herr geworden, dies war Leidenschaft, die so in ihm pulste, gewaltige und schwere Leidenschaft, fast der Wut gleich und vielleicht sogar ihr verwandt ... Die Odinzowa empfand Schrecken, und doch tat er ihr leid. […] Sie vermochte sich nicht gleich aus seiner Umarmung zu befreien; […]. Er stürzte auf sie zu ... […] Ja es sah fast so aus, als ob sie, wenn er noch einen Schritt zurückgelegt, aufgeschrien hätte ...“ (Turgenev 1952, 331f.)


Dass Bazarovs „Gesichtsausdruck fast tierisch“ ist („počti zverskoe lico“ PSS 7:98), besagt, dass die fiktive Psyche der Figur so konstruiert ist, dass Bazarov stets „die Kontrolle über seine Emotionen verlieren könnte“ (GS 9.1:203). Dementsprechend scheut Bazarov „das genuine Gefühl“ und gleicht damit dem narzisstischen Typus des „anti-intrazeptiven Individuums“ (ebd.). Diesem bleibt der „Zugang zum Großteil seines Innenlebens“ verwehrt, und er lehnt es ab, über Gefühle zu sprechen (ebd.). So gehört es sich auch für die Figur Bazarov nicht, „sich auszusprechen“ („ne privyk vyskazyvatʹsja“ PSS 7:97), und im Falle einer Ausnahme „ärgert sich“ Bazarov „über sich selbst“ („Emu vdrug stalo dosadno na samogo sebja“ PSS 7:51). Er ist ein „Feind jeglichen Gefühlsergusses“ („On vrag vsech izlijanij“ PSS 7:116), lehnt es vehement ab, darüber zu sprechen, was in ihm „vorgeht“, denn dies sei „in jedem Fall überhaupt nicht interessant“ („Proischodit! […] Vo vsjakom slučae ėto vovse ne ljubopytno“ PSS 7:97). Folglich spricht Bazarov „nie von sich selbst“ („nikogda o sebe ne govorite“ PSS 7:91).



4.3 Bazarovs Narzissmus


Eine Figurenrede problematisiert, dass Bazarov kein Organ zur Beherrschung „ungezähmter Leidenschaften“ (s.o.; GWC 15:83) hat und stellt dem Ideal des „gezähmt“-Seins Bazarovs „raubgierig“-Sein gegenüber („On chiščnyj, a my s vami ručnye“ PSS 7:156). In dem Wort chiščnyj (dt. „raubgierig“, „raubtierhaft reißend“) kommen drei Aspekte von Bazarovs Narzissmus kompakt zum Ausdruck: Es ist erstens das Verächtliche und deswegen prinzipiell Feindselige, zweitens das Unbeherrschte und drittens die regressive Illusion von einer Welt, die vor allem als Nahrungs- und Genussmittelspender zu dienen hat.


Der Narzissmus der Figur wird früh angedeutet, nämlich dadurch, dass Bazarov von Anfang an die Neigung zeigt, sich auf andere bevorzugt durch den Empfang von Nahrung zu beziehen: Er führt das Begrüßungsritual mit Nikolaj ohne echte Anteilnahme durch (PSS 7:11) und verlangt, im Hause von Nikolaj angekommen, sogleich nach Essen (PSS 7:18). Dabei vermittelt er seinem Gastgeber solche Dringlichkeit, dass dieser mit sonderbarer Emphase das Auftragen von Essen befiehlt (PSS 7:18). Bei den Mahlzeiten während seines Besuchs zeichnet sich Bazarov dadurch aus, dass er viel isst, aber kaum am Tischgespräch teilnimmt (PSS 7:19 et passim).


Die anderen Figuren spüren Bazarovs Verachtung[10], haben durchweg vor ihm Angst[11] und erkennen sein problematisches Maß an „Eigenliebe“ („samoljubi[e]“ PSS 7:45, 102). Bazarov wiederum erlebt sich als „einsam und alleine“ („Živu ja odin, bobylem“ PSS 7:136) von „Leere“ bedroht („pustoty“ PSS 7:169) und zeigt damit die typischen Symptome des Narzissmus. Bazarovs Mischung aus Verachtung und Volksnähe[12] weist der Erzähler als narzisstische Verkennung der Realität aus:


Увы! презрительно пожимавший плечом, умевший говорить с мужиками Базаров (как хвалился он в споре с Павлом Петровичем), этот самоуверенный Базаров и не подозревал, что он в их глазах был все-таки чем-то вроде шута горохового... (PSS 7:173)


„O weh! Der gleiche Basarow, der verächtlich die Achsel gezuckt und der immer behauptet hatte, er verstünde mit den Bauern zu sprechen (wie er dies in seinem Streit mit Pawel Petrowitsch getan), dieser gleiche selbstbewußte Basarow ahnte nicht einmal, daß er in ihren Augen immerhin nichts anderes als eine Art von Hansnarr war.“ (Turgenev 1952, 438)


Diese Art Verkennung der Realität ist eine der Eigenschaften, in denen Bazarov mit Pavel übereinstimmt. Zwar spielt die Figur Pavel vordergründig den Antagonisten zu Bazarov (Bogdanova 2018, 7). Allerdings stellt die Duell-Szene zwischen den beiden (PSS 7:144f.) eine „Ironisier[ung]“ dieses „antiquiert[en]“, „konventionelle[n] Ritual[s]“ dar (Gerigk 2015, 87). Ein derartiges Selbstdementi des Antagonismus erscheint gerechtfertigt aufgrund jener weitreichenden Übereinstimmung zwischen Pavel und Bazarov, die sich im Lichte des Narzissmus-Begriffs offenbart.



4.4 Pavels Narzissmus


Das siebte Kapitel des Romans besteht im Wesentlichen aus Pavels Biographie, die der Erzähler aus Arkadijs Perspektive formuliert. Eine grundlegende Übereinstimmung der Figuren Bazarov und Pavel besteht in dem zwar unterschiedlich gearteten, aber dennoch jedenfalls vorhandenen Bezug zum Soldatendasein (PSS 7:30; s.o. PSS 7:106). Zur Begrüßung zwischen Bazarov und Pavel verweigert dieser jenem den Händedruck (PSS 7:19), was auf Bazarovs Verhalten anspielt (s.o. PSS 7:11).


Dass Pavel die Begrenztheit der Mutterliebe als frühes Trauma erfahren und auf narzisstische Weise nicht bewältigt hat, deutet sich an in der übertrieben wirkenden Emphase, mit der er darauf besteht, dass nichts „schrecklicher sein kann, als lieben und nicht geliebt zu werden“ („možet bytʹ užasnee, kak ljubitʹ i ne bytʹ ljubimym!“ PSS 7:152).


Pavel war zumindest als junger Mann von der narzisstischen Illusion beherrscht, dass er mit einer Welt verschmilzt, die ihm seine unreifen Bedürfnisse erfüllt:


Он с детства отличался замечательною красотой; к тому же он был самоуверен, немного насмешлив и как-то забавно желчен — он не мог не нравиться. Он начал появляться всюду, как только вышел в офицеры. Его носили на руках, и он сам себя баловал, даже дурачился, даже ломался; (PSS7:30)


„Schon als Kind hatte er sich durch bemerkenswerte Schönheit ausgezeichnet; zudem war er selbstbewußt, ein wenig spöttisch und auf lustige Weise gallig – wie hätte er nicht gefallen sollen? Kaum war er Offizier geworden, da sah man ihn schon überall. Man trug ihn auf Händen, indes nicht genug damit, er selber ließ sich auch recht gehen, er gab reichlich an, ja er affektierte sogar;“ (Turgenev 1952, 236)


Solange Pavel Erfolg hatte, äußerte sich seine narzisstische Verachtung in der abgemilderten Form von Spott und galligem Humor. Nach einem besonderen Misserfolg hat sich Pavel von der Welt zurückgezogen (PSS 7:33). Gleich Bazarov wirkt Pavel nun auf andere Menschen unnahbar und hochmütig („gordecom“ dt.: „stolzer Snob oder Wichtigtuer“ PSS 7:33, 44). Die Menschen respektieren ihn zwar aufgrund zahlreicher Eigenschaften, aber diese Eigenschaften sind ausschließlich Äußerlichkeiten (PSS 7:33), so dass der Figur implizit eine ebensolche narzisstische Leere zugeschreiben wird wie Bazarov (s.o.; PSS 7:169). So wie der junge Bazarov aus seiner narzisstischen Perspektive die Menschen und die sonstige Realität verkennt (s.o.; PSS 7:173), so verkennt auch der scheinbar so weltgewandte und einst so gesellige Pavel die Menschen. Da er die Welt bevorzugt in dem narzisstischen Sinne einer Erweiterung seiner selbst erlebt, fehlt ihm der erkennende und verstehende Blick für die Menschen:


Я человек мягкий, слабый, век свой провел в глуши,— говаривал он [Николай Петрович],— а ты недаром так много жил с людьми, ты их хорошо знаешь: у тебя орлиный взгляд». Павел Петрович в ответ на эти слова только отворачивался, но не разуверял брата. (PSS 7:35)


„‚Ich bin ein weicher und schwacher Mensch, der sein Leben in Weltabgeschiedenheit verbracht hat‘, pflegte er [Nikolaj Petrovič] zu sprechen, ‚du jedoch hast nicht umsonst soviel unter Menschen gelebt, du kennst sie daher gut; du hast den rechten Adlerblick.‘ Pawel Petrowitschs Antwort auf solche Worte bestand nur darin, daß er sich abwandte, allein er versuchte nicht, den Bruder eines anderen zu überzeugen.“ (Turgenev 1952, 244)


Pavel hat also allen Grund, in Bazarov seine eigene, uneingestandene Charakterschwäche zu erkennen und folglich „Bazarov mit allen

Kräften seiner Seele [zu] hass[en]“ („vsemi silami duši svoej voznenavidel Bazarova“ PSS 7:44).[13]



4.5 Annas Narzissmus


Dem Kontext der narzisstischen Verachtung entstammt – im fiktiv-biographischen Sinne – auch die Figur Anna Odincova. Annas Vater und dessen Nachbarn „verachteten“ einander („on ich preziral, i oni ego prezirali“ PSS 7:72). Von ihm, von Anna und von anderen Figuren heißt es, dass sie sich jeweils von Gesellschaft fernhalten (PSS 7:33, 35, 72, 73 et passim) – und zwar aus gutem Grund, denn der Einzelne hätte sonst die missgünstigen und zudem unrealistischen „Spinnereien“ der Gesellschaftsmitglieder zu gewärtigen („nebylicy“ PSS 7:73). So stellt sich die „soziologische Wurzel des Narzißmus“ dar, nämlich die Tatsache, dass jeder „dazu gezwungen wird, seine ungenutzten Triebenergien auf sich selbst zu lenken“ (GS 8:33), das heißt, den Liebestrieb nicht äußern zu können. Metaphorisch schlägt sich dies im Figurennamen Odincova nieder, der als solcher die Bedeutung von „einzig“ und „allein“ trägt.


Während also die abweisende Realität Anna eine narzisstische Disposition nahelegt, ähnelt die Figur Anna der Figur Bazarov darin, dass sie in der unreifen Alternative von Allmacht und Ohnmacht äußerlich den Pol der Allmacht betont: Man sieht Anna einen „freiheitsorientierten und energischen Charakter“ an („charakter u neë byl svobodnyj i dovolʹno rešitelʹnyj“ PSS 7:73), scharfblickende Beobachter erkennen eben darin ihren narzisstischen „Stolz“ („gorda“ PSS 7:156); ihrem Gast lässt sie keine Chance im Kartenspiel (PSS 7:82); weibliche Schönheit versteht sie als ein Machtmittel (PSS 7:158f.).


In symptomatischer Weise ist es Anna verwehrt, ihren Liebestrieb zu äußern. Davon kündet die Stimme des Erzählers, und zwar sowohl in dem schon vordergründig eindeutigen Sinne, dass es Anna „versagt blieb, zu lieben“ („ne udalosʹ poljubitʹ“ PSS 7:84), als auch durch die Hinweise darauf, dass Anna keine „Leidenschaft“ und keinen tiefempfundenen Gefallen an irgendetwas hat („strastʹ“, „ničto ne udovletvorjalo eё vpolne“ dt.: „nichts konnte sie ganz zufriedenstellen“ PSS 7:83) und sich stattdessen „langweilt[-]“ („skučala“ ebd.). Sie bemerkt schließlich selbst ihren Narzissmus, wenn sie auf die „Nichtigkeit des Lebens“ kommt („ničtožnosti žizni“ PSS 7:84). Jedoch entbehrt ihr scheinbar so energischer Charakter, der sich gegen diese Erkenntnis vordergründig auflehnt, der Festigkeit und beim kleinsten Widerstand produziert die Figur eine einschlägige Schamgeste („sožmetsja“ dt.: „sich zusammenkrümmen“ PSS 7:84; Tiedemann 2007, 15), so dass sie präzise den narzisstischen Horizont zwischen Allmacht und Ohnmacht ausfüllt.


Die Figur Anna zeigt den vordergründigen Schein einer „triumphierenden Persönlichkeit“, hinter dem sich aber jener „arme Tropf“ verbirgt, zu dem die narzisstische Disposition das warenförmige Subjekt verdammt („personnage triomphant […] pauvre hère“ Jappe 2020a, 97):


эти сплетни […] я слишком горда, чтобы позволить им меня беспокоить. Я несчастлива оттого... что нет во мне желания, охоты жить. Вы недоверчиво на меня смотрите, вы думаете: это говорит «аристократка», которая вся в кружевах и сидит на бархатном кресле. […] в то же время я мало желаю жить. […] Позади меня уже так много воспоминаний […], а вспомнить нечего, […] я не удовлетворена. Кажется, если б я могла сильно привязаться к чему-нибудь ... (PSS 7:92f.)


„Die Klatschereien […] ich bin andererseits viel zu stolz, um mich von so was aus der Ruhe bringen zu lassen. Unglücklich bin ich dagegen . . . weil ich in mir keinen Wunsch verspüre, nicht die geringste Lust, zu leben. Da sehen Sie mich ungläubig an und denken: das spricht ja nur die ,Aristokratin‘, die ganz in Spitzen auf einem Samtsessel sitzt. […] gleichzeitig jedoch spüre ich kein rechtes Verlangen in mir, [sic] zu leben. [...]. So viele Erinnerungen liegen bereits hinter mir [...] und dabei nichts [sic] woran man sich recht erinnern könnte, [...] ich bin unbefriedigt, mir scheint, wenn ich mich nur ganz fest von etwas fesseln lassen könnte ...“ (Turgenev 1952, 323f.)


Deutlich sind die Symptome des Narzissmus ausgesprochen. Bazarov nähert sich dem einschlägigen Begriff, indem er treffend diagnostiziert, dass Annas „Unglück“ darin besteht, dass sie „lieben“ wolle, es aber „nicht könne“ („nesčastie“, „poljubitʹ“ „ne možete“ PSS 7:93). Allerdings korrigiert Bazarov sein Urteil rasch, denn er lehnt es selbst ab zu lieben (ebd.).



4.6 Bazarov und Anna


Bazarov und Anna bemerken die Attraktivität des jeweils anderen (PSS 7:83, 87), vermögen aber nicht, eine Liebesbeziehung einzugehen. Beide können nicht im anderen das autonome Individuum erkennen (was Voraussetzung für eine Liebesbeziehung wäre). Sobald Bazarov gegenüber Anna beansprucht, von ihr erkannt zu werden, bekommt sie plötzlich Angst (PSS 7:100). Aus dem Narzissmusbegriff lässt sich ableiten, dass es die Angst vor der Eigenständigkeit des anderen ist, den das narzisstische Ich lediglich als Nutz-Objekt gelten lassen kann.

[14] Es ist mithin die unbewusste Angst vor der eigenen Ohnmacht, die einsetzt, sobald sich die Mutter als selbständige Person erweist. Anna macht diesen Zusammenhang explizit, wenn sie die Rede von Zuneigung, Angst und Ohnmacht auf eine Weise aneinanderreiht, die erst im Kontext des Narzissmus-Begriffs einen schlüssigen Sinn ergibt:


[…] Вы знаете, что я вас боюсь ... и в то же время я вам доверяю, потому что в сущности вы очень добры. […] мы не властны... (PSS 7:166f.)


[…] Sie wissen, ich fürchte Sie ja ... und gleichzeitig vertraue ich Ihnen, denn in Wirklichkeit sind Sie ein sehr guter Mensch. […] wir sind ja machtlos …“ (Turgenev 1952, 429)


Auch Bazarov demonstriert ein untergründiges Ohnmachts-Gefühl, indem er in der Begegnung mit Anna laufend Schamsignale zeigt.[15] Um nicht von Ohnmacht überwältigt zu werden, muss er in den Gestus der Allmacht verfallen, oder aber jegliche Parallele zu „seiner Mutter“ – die er unbewusst eigentlich in Anna sieht („Odincova […] že byla ego matʹ“ PSS 7:143) – abstreiten, indem er seine Liebesbedürfnisse leugnet („ljubovʹ... vedʹ ėto čuvstvo napusknoe” dt.: „Liebe ... das ist noch ein aufgesetztes Gefühl“ PSS 7:162). Die Allmachtsorientierung zeigt die Figur in einer mehr oder weniger misogynen Einstellung, die sich auf eine angebliche Norm männlichen „ungebärdig“-Seins beruft („svirep“ PSS 7:104f.), oder die in Gesprächen mit Arkadij über die Begegnungen mit Anna maßlos auftrumpft[16] oder die die anfängliche Sympathie einer Frau als Gelegenheit zur Übergriffigkeit nutzt (PSS 7:139). Projektiv erscheint schließlich die Allmachtsorientierung darin, dass Bazarov Arkadij prophezeit, dieser werde durch dessen künftige Ehefrau Katja beherrscht werden (PSS 7:169). Der narzisstische Realitätsverlust, der diese Projektion erst ermöglicht, wird durch den vorangegangenen Erzählerbericht ausgewiesen, denn dieser besagt, dass Katja eine entsprechende Machtorientierung zuwider ist (PSS 7:159).


Auf tiefenpsychologischer Ebene erscheint bei den Figuren Anna und Bazarov das Fehlen eines liebesfähigen Charakters darin, dass die gegengeschlechtliche Attraktion im Rahmen einer „ungezähmten Leidenschaft[-]“ verbleibt (s.o.; GWC 15:83), die im Falle von Bazarov erkennbar nicht in ein geübtes Zusammenspiel von Ich und Überich integriert wird (s.o.). Im Fall von Anna deutet sich dasselbe Defizit darin an, dass sie die Beziehung zu einem Mann mit „hässlicher Unordnung“ assoziiert („bezobrazie“ PSS 7:99).


Beiden Figuren ist die fehlende Äußerung des Liebestriebes gemein. Die Figur Anna verkörpert das Fehlen des Liebestriebes negativ als eine „Frau[-, der …] es versagt blieb, zu lieben“ (s.o. „ženščiny, kotorym ne udalosʹ poljubitʹ“ PSS 7:84), und die Bazarovs Liebespotential als eine „Gefahr“ einstuft („opasnosti“ PSS 7:163). Darüber hinaus verkörpert die Figur Bazarov das Überhandnehmen des Todestriebes, welches nach psychologischen Begriffen aus der fehlenden Äußerung des Liebestriebes abzuleiten ist. Bazarovs Sezieren von Fröschen setzt den Todestrieb leitmotivisch in Szene. Der somit unterstellbare Todestrieb motiviert auch Bazarovs leichtsinne Ansteckung mit Typhus, die ihm schließlich ein frühzeitiges Ende bereitet (PSS 7:174).



4.7 Arkadij


Die Figur Arkadij zeigt früh ein Abweichen von der leitmotivischen Scham und Ohnmacht des Elternhauses (PSS 7:15), scheint dabei aber zunächst sehr abhängig von Bazarov zu sein: Arkadij übernimmt Bazarovs Thesen auch dann, wenn sie anstößig erscheinen (PSS 7:79 et passim) und lässt sich im Namen von Bazarovs Nihilismus zu anmaßendem Verhalten gegenüber seinem sonst sehr geachteten Vater hinreißen (PSS 7:45f. vs. z.B. PSS 7:22). Die anfängliche Symbiose der Figuren Arkadij und Bazarov erhält eine szenische Form, indem zu Beginn des Romans beide gemeinsam auftreten, nachdem der Erzähler allein das Auftreten Arkadijs in Aussicht gestellt hat (PSS 7:11).


Erst als sich Bazarov mit „Gott“ gleichsetzt (s.o. PSS 7:102), kommt Arkadij jäh „Bazarovs ganze bodenlose Eigenliebe“ zu Bewusstsein („tut tolʹko otkrylasʹ emu na mig vsja bezdonnaja propastʹ bazarovskogo samoljubija.“ ebd.). Arkadij begreift das zugrundeliegende Problem des Narzissmus und die mangelnde Äußerung des Liebestriebs, wenn er bemerkt, dass man „das Leben so einrichten müsste, dass jeder Augenblick in ihm bedeutsam wäre“ („Nado by tak ustroitʹ žiznʹ, čtoby každoe mgnovenie v nej bylo značitelʹno“ PSS 7:119). Im Zuge dieser Einsicht macht sich Arkadij von Bazarovs „Einfluss frei“ („osvobodilsja iz-pod ego vlijanija“ PSS 7:155). Figur und Erzählerkommentar bekunden, dass Arkadij die narzisstische Alternative von Allmacht und Ohnmacht hinter sich lässt, indem er einerseits auf seine „eigenen Kräfte“ vertraut und Mut zum Wagnis schöpft („svoi sily“ PSS 7:132) – und zwar dezidiert im Kontrast zu dem Ohnmachtsbekunden seines Vaters (s.o. PSS 7:131) –, andererseits von grandiosen Vorhaben Abstand nimmt (PSS 7:165). Die entsprechende Äußerung des Liebestriebes erhält die eingängige Form der Werbung um die Liebe einer Frau. Arkadij beruft sich auf ein „Gefühl“ dem er gefolgt sei („čuvstvu“ ebd.). Dieses Bekenntnis wird kontrastiert mit einem Dialog zwischen Bazarov und Anna, die zeitgleich in den Extremen von Allmacht und Ohnmacht befangen bleiben („my ne vlastny […] Vedʹ vy svobodny“ dt.: „wir sind ohnmächtig [...] Aber Sie sind ein freier Mensch“ PSS 7:167). Die Annährung von Arkadij und Katja entwickelt sich über mehrere Szenen und stilisiert beide als jeweils autonome Individuen, die das schließlich gegebene Jawort tief bewegt und mit Glück erfüllt (PSS 7:167). Im Kontrast dazu steht Bazarov, dessen narzisstische Gleichgültigkeit den Eindruck einer „Parodie“ erweckt (Woodward 1990, 130), wenn er Fenečka zu verführen versucht (PSS 7:139). Arkadijs Entwicklung erteilt Bazarov eine rigorose Absage:


В тебе нет ни дерзости, ни злости, а есть молодая смелость да молодой задор; для нашего дела это не годится. (PSS 7:169)


„In dir ist weder Frechheit [/ Arroganz / Verwegenheit] noch Bosheit; in dir steckt junge Kühnheit und junges Selbstvertrauen; für unsere Sache taugt das nichts.“ (Turgenev 1952, 433; Ergänzung NM)



5. Schluss


Mit den soeben zitierten Worten plädiert Bazarov nicht nur für den Nihilismus („unsere Sache“), sondern er formuliert ebenso das Credo desjenigen, der zu Beginn seines Lebens den Mut zur Individuation nicht gefunden hat und seine narzisstische Ohnmacht durch Gesten der vermeintlichen Allmacht („Arroganz / Verwegenheit“) zu kompensieren sucht. Der Roman zeigt, dass der Nihilismus die Äußerungsform eines psychischen Defizits ist, welches besonders das warenförmige Subjekt bedroht und mittlerweile als Narzissmus bezeichnet wird. Das Defizit ist das Ergebnis des Scheiterns an einer Anforderung, die das Leben jedem Menschen stellt und die insofern an keinen historischen oder kulturellen Kontext gebunden ist. Die Kritik, die die von Europa ausgegangene Moderne seit ihrem Bestehen begleitet, hat offengelegt, inwiefern gerade auch die modernen Lebensumstände – aller Individualitätsemphase zum Trotz – ein Scheitern der Individuation begünstigen, so dass man dem Roman durchaus eine modernekritische Bedeutung entnehmen kann.


Die Figuren der Väter wirken schwach. Unverkennbar gilt dies für Nikolaj Kirsanov; doch auch Pavel Kirsanov bezeichnet der Erzähler als „einen Toten“ („mertvec“ PSS 7:154), der sein „ganzes Leben vertan[-]“ habe („celaja pogibšaja žiznʹ“ PSS 7:152), die fundamentale Schwäche von Bazarov Senior erscheint nicht zuletzt in seiner Abhängigkeit von seinem Sohn (s.o. PSS 7:115-117). Die Nachkommen solcher Väter sind Kinder, denen der Narzissmus naheliegt. Dem Narzissmus entkommt einzig Arkadij. Diese Figur zeigt eine Entwicklung und erfüllt damit das dramatische Strukturmoment einer heldenhaften Lösung des ihr gestellten Problems. Dagegen ist in der Figur Bazarov ein tragisches Scheitern zu erblicken.


Man kann in der relativen Vaterlosigkeit eine Allegorie auf die historische Situation im Russland um 1860 erblicken (vgl. Gerigk 2003, 60). Eine solche historisierende Lesart ist jedoch nicht zwingend. In jedem Fall wird der entscheidende „Konflikt“ verfehlt, wenn man annimmt, dass dessen Fronten zwischen den Generationen verliefen (z.B. Bogdanova 2018, 4-7, 18, 34). Vielmehr zeigt der Roman Symptome und Ursachen innerpsychischer Konflikte, die sich im Kontext psychoanalytischer Begriffe mühelos zum Bild des warenförmigen Narzissmus fügen (der in beiden Generationen anzutreffen ist). Turgenevs Figurenpsychologie erreicht damit eine Tiefe, die ihr bisher vielfach abgesprochen wird (vgl. Lowe 1983, 30f.).


Die bereits anderweitig getroffene Diagnose einer „nihilistische[n] Tendenz der Warenform“ (Meier 2025b, 51-54, 89) bestätigt das Ergebnis der vorliegenden Untersuchung, nämlich die Übereinstimmung von modernem Nihilismus und warenförmigem Narzissmus. Die darin enthaltene Zerstörung der Psyche hat Gogolʹ auf den treffenden Romantitel Mërtvye duši (dt.: Tote Seelen) gebracht. Angesichts ähnlicher Untersuchungsergebnisse in Hinblick auf Dostoevskijs Roman Prestuplenie i nakazanie (Meier 2025a, 341-343) und dazu passender

Anhaltspunkte in den Romanen von Gončarov[17] darf vermutet werden, dass der warenförmige Narzissmus geradezu einen Topos der russischen Literatur bildet – und zwar insbesondere in jener Zeit, als man ihr weithin den Rang von Weltliteratur zugestand.




Literatur


Quellen und Siglen


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Thiergen, Peter (Hg.) 1994: Ivan A. Gončarov. Leben, Werk und Wirkung. Köln: Böhlau.


Thiergen, Peter (Hg.) 1995: Ivan S. Turgenev. Leben, Werk und Wirkung. München: Sagner.


Tiedemann, Jens León 2007: Die intersubjektive Natur der Scham. Berlin, URL: https://refubium.fu-berlin.de/handle/fub188/4758, 15.12.2025.


Time, Galina Alʹbertovna 1995: „K voprosu o vere i religioznosti v tvorčestve I. S. Turgeneva“. In: Thiergen, Peter (Hg.): Ivan S. Turgenev. Leben, Werk und Wirkung. München: Sagner, 181-202.


Weber, Carsten 2007: „Der Urschrei des Subjekts“. In: exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft 4, 107-144.


Wollenhaupt, Jonas 2018: Die Entfremdung des Subjekts. Bielefeld: transcript.


Woodward, James B. 1990: Metaphysical conflict. A study of the major novels of Ivan Turgenev. München: Sagner.


Zinn, Karl Georg 1989: Kanonen und Pest. Über die Ursprünge der Neuzeit im 14. und 15. Jahrhundert. Opladen: Westdeutscher Verlag





Endnoten


[1] Damit seien jene mystischen „realioria“ etwas präziser als sonst angegeben, von denen bisher nur geraunt wurde, dass sie irgendwie das „menschliche Leben beherrschen“, während sie anerkanntermaßen von Turgenevs realistischer Kunst evoziert werden (Woodward 1990, 150).


[2] „poleznym”, „čto nam ėta logika? […] Kuda nam do ėtich otvlečennostej!” PSS 7:48; s.a. „Mne skažut delo, ja soglašajusʹ, vot i vsë.“ PSS 7:28; „Važno to, čto dvaždy dva četyre, a ostalʹnoe vsë pustjaki. […] Priroda ne chram, a masterskaja, i čelovek v nej rabotnik.” PSS 7:43.


[3] „rabotal“ PSS 7:43, 134, 162; s.a. 171; „na nego našla lichoradka raboty“ PSS 7:133.

[4] Auf die Figur Katja wird im Folgenden nicht näher eingegangen. Zu deren „Unvollständigkeit“ siehe Lowe (1983, 74).

[5] „potiraja lob i brovi rukoju“ PSS 7:14; „prodolžal teretʹ sebe lob“ PSS 7:15; „palʹcy ego opjatʹ zachodili po brovjam i po lbu“ PSS 7:23; „poter sebe lob“ PSS 7:38; „provel rukoj po licu“ PSS 7:54; „potiral sebe brovi“ PSS 7:136


[6] Schamsignal Erröten (Tiedemann 2007, 14): „Nikolaj Petrovič pokrasnel [...] vsë bolee i bolee krasneja“ PSS 7:15; „s lica ne schodila kraska“ PSS 7:23; „vsja pokrasnela ot smuščenija [...]. Ona bojalasʹ“ PSS 7:36

Schamsignal „Grinsen“ (Tiedemann 2007, 15): „osklabilsja [...] osklabilsja opjatʹ“ PSS 7:18

Schamsignal „drehende Bewegung […] Hinauswinden“ (Tiedemann 2007, 15): „slegka otvernulsja“ PSS 7:22

Sonstige Hinweise auf Scham: „ona styditsja ...“ PSS 7:23; „vsja zastydilasʹ: gorjačaja krovʹ razlilasʹ aloju volnoj pod tonkoju kožicej [...] ej i sovestno bylo“ PSS 7:26; „dičilasʹ i [...] zašla v vysokuju, gustuju rožʹ [...] čtoby tolʹko ne popastʹsja emu na glaza“ PSS 7:40


[7] Auf den militärischen und gewaltförmigen Ursprung des warenförmigen Subjekts hat in letzter Zeit Jappe (2020a, 252) hingewiesen. Zur historiographischen Herleitung siehe detaillierter Carsten Weber (2007, 141-143) sowie Kurz (2012, 113-117), der wiederum einschlägige Arbeitsergebnisse, vor allem den „Ausflug in die Historiographie“ (ebd., 114) des Wirtschaftswissenschaftlers Karl Georg Zinn (1989), referiert.


[8] Bazarovs Darlegung seiner Theorie folgt der Auftritt der boshaften Tante, Fürstin Avdotʹja Stepanovna Ch… (PSS 7:79). Es erweist sich, dass ihr Schicksal darin besteht, von niemandem beachtet zu werden (PSS 7:80; „zabytaja v samyj denʹ smerti“ PSS 7:186). Ihr hässlicher Charakter erscheint somit als Frucht der Nichtbeachtung und bringt also Bazarovs Theorie in Misskredit.


[9] „s prezritelʹnoju usmeškoj“ PSS 7:28; „preziratʹ […] preziraet“ PSS 7:34; „preziraet“ PSS 7:44; „preziraete ego [...] on zasluživaet prezrenija“ PSS 7:50; „s prezritelʹnym chochotom“ PSS 7:87; „prezrenie“ PSS 7:87; „lico […] s otpečatkom prezritelʹnoj rešimosti“ PSS 7:99; „prezritelʹno“ PSS 7:139, 172, 173.


[10] „ničego ne uvažaet“ dt.: „er ehrt und achtet nichts“ PSS 7:25; „vy nas vsech preziraete“ dt.: „Sie verachten uns alle“ PSS 7:97; s.a. 44.

[11] „pobaivalsja“ dt.: „jmd. graute“ PSS 7:44; „užasno vas bojusʹ“ dt.: „ich habe schreckliche Angst vor Ihnen“ PSS 7:64; „čelovek[-], kotoryj ne spasoval by peredo mnoju“ dt.: „ein Mensch, der nicht vor mir zurückweichen würde“ PSS 7:120 et passim.


[12] Z.B. „Slugi takže privjazalisʹ k nemu, chotja on nad nimi podtrunival“ dt.: „Die Diener hingen ebenfalls an ihm, obwohl er sich über sie lustig machte.“ PSS 7:44.


[13] Zu dem hier unterstellbaren psychischen Mechanismus der Projektion siehe Brenner (2017, 91f).

[14] Die zweckrationale Fixierung artikuliert Annas Figurenrede, die das Ausbleiben der Liebe damit begründet, dass sie „einander nicht benötig[en]“ („my ne nuždalisʹ drug v druge“ PSS 7:166).


[15] „ispugalsja“ PSS 7:72; „pokrasnel“ PSS 7:74; “On medlenno provodil svoimi dlinnymi palʹcami po bakenbardam, a glaza ego begali po uglam.“ PSS 7:79 dazu vgl. Tiedemann (2007, 15); „kak budto stydilsja ego […] Nastojaščeju pričinoj […] bylo čuvstvo, vnušennoe Bazarovu Odincovoj“ PSS 7:87.


[16] „bogam […] ty bog?“ PSS 7:102; Anspielungen in PSS 7:119-122, Thema setzend: „babenka menja ne slomaet“ PSS 7:119, Signalwort: „despotizm“ PSS 7:122.


[17] Auch hier stehen die Hauptfiguren im Grunde vor dem Problem der Persönlichkeitsbildung (Stilman 1948, 63; Heier 1994, 52) im Zeichen der heraufziehenden Moderne (Stilman 1948, 51, 63; Klein 1994, 220, 225, 233, 239, 244; Koschmal 1994, 249) und unter dem Hemmnis der „Vaterlos[igkeit]“ (Stilman 1948, 50). Die warenförmig zerstörte Psychologie erscheint auch hier als ein Ich, das teilweise ins „Unbewusste“ verdrängt und auf andere „proj[iziert]“ wird (Baratoff 1994, 194), sowie als narzisstischer Rückzug von der Realität und einem Schwanken zwischen Allmacht und Ohnmacht (vgl. Stilman 1948, 53, 57f., 63, 65f.; Józsa, 2022). Eine Allegorie jenes Narzissmus, der die warenförmig zerstörte Psychologie charakterisiert, ist in der Figur Oblomov zu vermuten, da Oblomov in verdinglichter Weise „nicht richtig leben kann, sondern gelebt werden möchte“ (Beland 2008, 217; vgl. Lukács 1923, 147), seine psychische Entwicklung in Richtung auf einen „vorgeburtlichen“ Zustand umkehrt (vgl. Stilman 1948, 68) und somit eine eminent narzisstisch motivierte Selbstzerstörung, nämlich den „seelischen Tod“ (Beland 2008, 225) inszeniert.