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Anselm Jappe


Narzissmus und Kapitalismus


Auszug aus dem Buch Die Abenteuer des Subjekts. Kapitalismus, Maßlosigkeit, Selbstzerstörung, erschienen im März 2026 bei Mandelbaum
(S. 122-137)


 


Eine kleine Geschichte des Narzissmus


Allem Anschein nach hat es den Narzissmus immer gegeben. Beispiele „narzisstischer Wut“ fehlen in keiner geschichtlichen Epoche. Alexander der Große erschlug in einem Wutanfall seinen besten Freund Cleitos, was er später bitterlich bereute, weil dieser sich gegen ihn gestellt hatte. Um 1300 schrieb der toskanische Dichter Cecco Angiolieri aus Wut über seinen Vater, der für die Befriedigung seiner Laster nicht aufkommen wollte, das berühmte Sonnett Nr. 86:


S’i’ fosse foco, arderei ’l mondo;
s’i’ fosse vento, lo tempesterei;
s’i’ fosse acqua, i’ l’annegherei;
s’i’ fosse Dio, mandereil’en profondo;


s’i’ fosse papa, sare’ allor giocondo,
ché tutti cristïani imbrigherei;
s’i’ fosse ’mperator, sa’ che farei?
A tutti mozzarei lo capo a tondo.


S’i’ fosse morte, andarei da mio padre;
s’i’ fosse vita, fuggirei da lui:
similemente farìa da mi’ madre.


S’i’ fosse Cecco, com’i’ sono e fui,
torrei le donne giovani e leggiadre:
e vecchie e laide lasserei altrui.[1]


Warum aber ist im Lauf des zwanzigsten Jahrhunderts der Narzissmus zur dominierenden Krankheit geworden, die die „klassischen“ Neurosen, die Freud seinerzeit behandelte, entthront hat?


Die Verbindung des perversen Narzissten mit der kapitalistischen Logik ist deutlich genug: Verschlimmerung der Konkurrenz, Kälte, Egoismus, nicht nur im beruflichen, sondern auch im familialen Rahmen, mangelnde Empathie … Das alles stimmt auf der Ebene der sozialen Psychologie und des beobachtbaren Verhaltens. Von unserem Standpunkt aus ist die narzisstische Perversion – oder das Quasiäquivalent „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ – nur das „Phänomen“. Die „Essenz“ aber ist vom sekundären Narzissmus als Ökonomie der Libido bestimmt. Man kann einerseits zwischen Personen unterscheiden, die offensichtlich von narzisstischer Perversion betroffen sind – daran nicht unbedingt leiden, weil sie sich dessen nicht bewusst sind –, und andererseits den Narzissmus im Allgemeinen als einen ausgeprägten Bestandteil der Quasitotalität zeitgenössischer Psychen sehen, so wie man oft behauptet, wir alle seien mehr oder weniger Neurotiker. Es handelt sich dabei nicht so sehr um eine klare Abgrenzung zwischen narzisstisch und nicht-narzisstisch als um eine Verbreitung narzisstischer Haltungen in verschiedener Ausprägung. Im Lauf des zwanzigsten Jahrhunderts hat in der Gesellschaft eher ein regelrechter „Anstieg der Narzissmusraten“ stattgefunden als ein Anstieg der Zahlen völlig narzisstischer Personen.


Der Sieg des Narzissmus ist in den letzten Jahrzehnten so überwältigend gewesen, dass er sich schließlich selbst nichtig gemacht hat. So haben die Medien 2012 verkündet, dass der Eintrag „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ aus der fünften Auflage von Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, dem Handbuch der Vereinigung amerikanischer Psychiater, verschwinden werde. Es wird auf der ganzen Welt verwendet, um seelische Störungen zu klassifizieren, ist aber auch aufgrund seines positivistischen und rein deskriptiven Zugangs Gegenstand heftiger Kritik. Narzissmus-Symptome gelten nun nicht mehr als pathologisch oder werden anderen Störungen zugerechnet. Obwohl der Narzissmus in der endgültigen Fassung des Handbuchs von 2013 schließlich doch noch einmal „gerettet“ wurde, ist das Fazit klar: Der Narzissmus wird sehr oft nicht mehr als Krankheit wahrgenommen, weil er überall verbreitet ist. Das ist eine Anwendung des englischen Sprichworts: Wenn zu viele Leute das Verbot missachten, den Rasen zu betreten, entfernt man eben das Verbotsschild.


Die Erforschung der historischen Ursachen für den Aufstieg des Narzissmus muss auch ein anderes Element berücksichtigen: Im Zurück zur allerersten Kindheitsphase – der vorödipalen Phase – geht man zugleich zu einem Lebensstadium zurück, das außerhalb jeder sozialen Logik steht. In der ödipalen Auseinandersetzung tritt der Vater schon als der Vertreter der gesellschaftlichen und „patriarchalen“ Ordnung auf, der den Respekt vor den von der Zivilisation, der das Kind angehört, festgelegten Gesetzen durchsetzt. Er ist der Vertreter der „Zivilisation“ und der Gesetze, die das vollkommen „natürliche“ Leben, das Mutter und Kind in ihrer Symbiose führen, stört. Er zwingt das Kind dazu, diese Natürlichkeit zu verlassen. Die psychoanalytischen Interpretationen, die den Hauptschauplatz der Konflikte in die vorödipale Phase verschieben, laufen Gefahr, in eine noch „biologistischere“ Sichtweise als die, die man Freud oft vorwirft, zu versinken. Je früher die Phase ist, um die es geht, desto mehr ähneln sich alle Kinder – unabhängig vom soziohistorischen Zusammenhang – insofern, als sie rein von denselben Bedürfnissen bestimmt sind. Alle Kinder saugen, lutschen am Daumen, wollen gestreichelt werden, fürchten sich, wenn die Mutter weggeht … Soll man dennoch der oben erwähnten kulturalistischen Schule folgen, die sich auf die vergleichende Anthropologie stützt, um verschiedene Arten des Abstillens und verschiedene Formen der ersten Erziehung zu untersuchen, um daraus auf Verhaltensweisen zu schließen, die in dieser oder jener Kultur überwiegen?


Die gesellschaftliche Formung des Neugeborenen geschieht in Wirklichkeit über andere Wege. Einerseits sind es die Erwachsenen, die dem Kind von Anfang an vermitteln, wie man auf der Welt sein soll. Ein besonders schlagendes Beispiel ist die heute oft anzutreffende Unmöglichkeit für Kinder, auf den Blick der Mutter zu treffen, welcher ihr Leben anregen und auf ihren (gesunden) primären Narzissmus antworten sollte: Eltern, hinter Sonnenbrillen versteckt und damit beschäftigt, in ein Mobiltelefon zu sprechen, während sie den Kinderwagen schieben, stoßen die Kinder in eine ungesunde Einsamkeit, umso mehr, als diese Unaufmerksamkeit der Erwachsenen sich bei anderen Tätigkeiten wiederholt. Das mag harmlos erscheinen, aber die Anhäufung hat eine deutlich andere Umwelt zur Folge, als sie Kinder anderer Epochen kennen konnten. Ebenso spielt die frühzeitige Aussetzung in die Welt der technologischen Geräte eine wichtige Rolle. Darüber hinaus tragen die Änderungen, die sich der gesellschaftlichen Entwicklung verdanken, wie das häufige Fehlen eines Vaters, die allzu frühe Sozialisation (in der Kinderkrippe) oder die Abfolge von Neuzusammensetzungen der Umgebung des Kinds ebenfalls zum Wandel der Bedingungen der frühen Kindheit bei.


Vor allem aber darf man sich nicht vorstellen, dass die Schwierigkeiten, die aus dem Ausgang aus dem primären Narzissmus resultieren, wie eine Art endgültige und unwiderrufliche Weichenstellung für den Rest des Lebens fungieren. Es sind die gesellschaftlichen Faktoren, die dafür entscheidend sein können, ob eine erste Verweigerung des Kinds, echte Objektbeziehungen einzugehen, sich zu einer permanenten Struktur verfestigen oder nicht, indem sie narzisstisches Betragen auslösen, es ermuntern und hochschätzen oder es im Gegenteil bestrafen, wie es in vormodernen und nicht modernen Gesellschaften im Allgemeinen der Fall war. Zwar beginnt die Ausbildung des sekundären Narzissmus in dem Augenblick, in dem das Kind den primären aufgeben sollte, aber er formt sich nur dann wirklich aus, wenn er in jeder Etappe der psychischen Entwicklung auf Unterstützung stößt.


Der Konkurrenzgeist und die Affirmation des vereinzelten Ichs auf Kosten seiner sozialen Beziehungen charakterisiert die gesamte moderne kapitalistische Gesellschaft; nicht nur die Phase, in der der Narzissmus sichtbar geworden ist (im Wesentlichen nach dem Zweiten Weltkrieg), sondern auch und vor allem die „liquide Moderne“, die sich ab 1968 nach und nach verbreitet hat. Die Hauptpathologie zu Freuds Zeiten war die Zwangsneurose. Sie entsprach genau den vorherrschenden Zügen des „klassischen“ Kapitalismus. Arbeiten und Sparen bildeten die Grundlage des vorherrschenden Sozialcharakters zu einem Zeitpunkt, da das Kapital alle verfügbare Arbeitskraft und alles verfügbare Geld brauchte. Diese Gesellschaft lenkte die libidinöse Energie auf die Arbeit und unterdrückte die Sexualität, vor allem ihre unorthodoxen Formen. Der Exzess an Verboten und Repression brachte Persönlichkeiten hervor, die durch die Verdrängung ihrer Begierden verkümmerten. Der Lehrer, der die Schüler prügelt, und der Unteroffizier, der die Rekruten schikaniert, waren paradigmatische Figuren dieser Gesellschaft, ebenso wie die hysterische oder „neurasthenische“ Frau, weil sie von ihrer Lust abgeschnitten war. Wilhelm Reich hat in den 1920ern die „Charakterpanzerung“ beschrieben. Was Erich Fromm betrifft, so haben wir schon gesehen, dass er vom „analen Charakter“ des Bourgeois spricht: Ein Individuum verbleibt in einem Stadium, in dem sich alles um „Geben und Zurückhalten“ dreht, sein Leben ist der Anhäufung von Dingen und Reichtümern geweiht. Die Gewalt, mit der es sich von allen anderen Wünschen distanziert, macht es zu einem strengen (vor allem in der zwanghaften Sauberkeit, die zu einem Kult der „Reinheit“ führt) und hasserfüllten Wesen.


Die darauffolgenden Phasen der Moderne haben zwecks Warenkonsums nach und nach die andauernde Anstachelung der Wünsche an die Stelle der Unterdrückung der Lust gesetzt. Das anale Sparen ist – nicht zur Gänze, natürlich – der oralen Gier als gesellschaftlich geschätztem Verhalten gewichen. Die allgemeine Regression zu oralen Verhaltensweisen – die also auf die allererste, die „archaischste“ Lebensphase zurückgehen – ist Teil einer Infantilisierung, die einen der markantesten Züge des postmodernen Kapitalismus darstellt und mit der wir uns im folgenden Kapitel befassen werden. In mancherlei Hinsicht ist die narzisstische Organisierung der Persönlichkeit das Gegenteil der neurotischen. Der Narzissmus ist ebenso an den postmodernen, liquiden, flexiblen und „individualisierten“ Kapitalismus – dessen vollendeter Ausdruck das „Netzwerk“ ist – gebunden wie die Zwangsneurose an den fordistischen, autoritären, repressiven und hierarchischen, der seinen charakteristischen Ausdruck im Fließband fand.


Einer der historischen Fakten, die zum Aufstieg des Narzissmus am meisten beigetragen haben, ist die Entwicklung der Technologie seit den 1950ern und vor allem ihre Anwendung auf Produkte und Prozesse des täglichen Lebens mit dem Aufschwung der „Konsumgesellschaft“[2]. Mit der den Alltag beherrschenden Technologie machen die Subjekte eine andauernde Erfahrung von enormer Macht, die nicht das Ergebnis eines individuellen Kompromisses mit der Realität ist, sondern die alle Züge von Magie zeigt: Es genügt, auf einen Knopf zu drücken. Die individuelle Teilnahme an dem von der Technologie verschafften Allmachtsgefühl nimmt zwei Formen an: die individuelle Ausübung dieser Macht – indem man das Gaspedal durchtritt oder eine Maschine das Geschirr waschen lässt – oder die Identifikation mit den technischen Hervorbringungen im großen Maßstab – die Begeisterung für die Raumfahrt oder den Fortschritt in der Medizin. Stets ist der Kampf gegen Ohnmachtsgefühle im Spiel, die die Hilflosigkeit des Neugeborenen reaktivieren.


Man denke beispielsweise an die häusliche Beheizung. In einer traditionellen bäuerlichen Umgebung, zumindest auf dem Land, heizte man, indem man Holz vor seiner Haustür hackte. Das konnte ermüden und viel Zeit beanspruchen, aber man war nur von sich selbst und seiner unmittelbaren Umgebung abhängig. Heute genügt es, an einem Knopf zu drehen, was einen jeden an die Stelle eines allmächtigen Zauberers versetzt, der nur zu sagen braucht: „Ich will es!“ Gleichzeitig sind wir abhängiger denn je: Es genügt, dass ein Machthaber am anderen Ende der Welt sich entschließt, die Lieferungen fossiler Energie zu reduzieren und man steht ohne Heizung da, ohne zu wissen, warum, und ohne in den Wald zurückkehren zu können. Das ist das Ergebnis der „zunehmenden Integration der Welt“, durch die man auch seine Arbeit verlieren kann, weil beispielsweise die Börse in Tokyo wegen einer lokalen Wahl eingebrochen ist. Die Lage des narzisstischen Menschen beruht also auf der Dialektik von Allmacht und Ohnmacht. Die „Komplexität“ und die „allgemeine Interdependenz“ haben zur Folge, dass man nie nur von sich selbst und seinen eigenen Kräften abhängt, nicht einmal was die einfachste Dinge betrifft, wie eine Tür zu öffnen (man muss den Knopf eines Türöffners drücken) oder mit dem Nachbarn, der Nachbarin von nebenan zu sprechen (man schickt vorher ein SMS). Selbst die Fähigkeit, sich biologisch fortzupflanzen, einst ein unveräußerliches Gut des eben deshalb so genannten „Proletariats“, ist dabei, der Menschheit entzogen zu werden, vor allem durch die „künstliche Befruchtung“. Daraus entsteht ein starkes Gefühl der Erniedrigung, auch wenn es im Allgemeinen unbewusst bleibt. Für die erworbenen Bequemlichkeiten akzeptieren wir große, typisch kindliche Abhängigkeiten, besser gesagt: eine gewisse Ohnmacht, und wir finden uns im Zustand der Hilflosigkeit des Neugeborenen wieder, das unfähig ist, ohne die Hilfe eines anderen auch nur einen Tag lang zu überleben. Es ist die Verweigerung der Abhängigkeit, die historisch noch nie dagewesene Anhängigkeiten produziert: Es ist das Phantasma der Omnipotenz, das die Ohnmacht erschafft.



Das fetischistisch-narzisstische Paradigma


Auf der Grundlage der Wertkritik und der Kritik des Warenfetischs kann man schließlich die Bedeutung des neuartigen Narzissmus einschätzen und sogar ein fetischistisch-narzisstisches Paradigma definieren. Es scheint, dass bislang noch niemand versucht hat, die Verbindungen zwischen Narzissmus und Wertlogik auszuleuchten. Dieses Paradigma aber verspricht, zahlreiche, offenbar recht verschiedene Phänomene der zeitgenössischen Welt zu erklären.


Der sekundäre Narzissmus kann als eine richtige Weltabwesenheit betrachtet werden. Das Subjekt, das davon erfasst ist, hat auf einer tieferen Ebene niemals wirklich die Spaltung zwischen seinem Ich und der Welt akzeptiert; oder es tut nur so. Es hat die Welt nicht in sein Ich integriert; die Welt existiert für es nur als Projektionsfläche und momentane Verwirklichung seiner Fantasien. Es kann sich weder gleichrangige Beziehungen mit anderen vorstellen, noch akzeptiert es die Autonomie der Objekte. Darum neigt es dazu, die anderen zu manipulieren und auszunutzen, vor allem mit dem Ziel, sich bewundern zu lassen, während es niemanden wirklich liebt und eher von einer Beziehung zur anderen gleitet. In dieser Hinsicht sind die „Mobile-Datings“, eine Art riesiger Supermärkte amouröser Beziehungen, gleichzeitig Zeuge für einen unerhörten Narzissmus und sein Betätigungsfeld. Für den Narzissten sind, wenigstens auf der unbewussten Ebene, alle Personen gleich und austauschbar. Sie werden nicht als autonome Persönlichkeiten mit jeweils eigenen Geschichten wahrgenommen, die man respektieren muss, um gegenseitige bereichernde Beziehungen aufzubauen, sondern als Komparsen, die dann eine Rolle in der Inszenierung im Inneren des Narzissten spielen sollen. Darum ist die Innenwelt des Narzissten, wie wir schon gesagt haben, so arm; er „investiert“ nichts in diese Beziehungen und erhält darum auch nichts. Er hat einen ähnlichen Bezug auf die Objekte: Er interessiert sich für sie nicht wegen ihrer Unterschiede zu ihm, sondern will sie nur nützen, nicht kennenlernen, nur gebrauchen und beherrschen. Wenn die Objekte zeigen, dass sie dem Subjekt nicht gefügig sind und eine eigene Existenz haben, kann der Narzisst einen Wutanfall bekommen und das störrische Objekt zerschlagen, zum Beispiel eine Maschine, die nicht funktioniert, oder eine Schublade, die sich nicht öffnen lässt. Er handelt genau so, wie er es mit Menschen tut oder gern täte, die sich seiner Macht entziehen oder seine Erwartungen enttäuschen, sei es nun die Liebespartnerin oder ein im Betrieb Untergebener. (Der geeignetste Ort, um „perverse Narzissten“ aufzufinden, sind bekanntlich die oberen Etagen des Managements. Empirische Studien haben sogar ergeben, dass unter den Betriebsleitern die Narzissten stark überrepräsentiert sind. Es scheint, dass eine narzisstische Persönlichkeit zu sein auf der Karriereleiter sehr hilfreich ist.)


Wir haben im ersten Kapitel[3] gezeigt, dass Descartes’ Philosophie eine erste Formulierung des Narzissmus und des Solipsismus enthält, die konstitutiv für die moderne Subjektform ist. Dieser Diskurs kann allgemein auf die kapitalistische Gesellschaft ausgedehnt werden, als eine Gesellschaft, die auf dem Wert und der abstrakten Arbeit, der Ware und dem Geld beruht. Anstatt zu versuchen, eine Ursache-Wirkung-Beziehung zwischen Basis und Überbau oder Wirklichkeit und Erscheinung zu erstellen, empfiehlt es sich, über den Parallelismus oder die Isomorphie zwischen der Struktur des narzisstischen Subjekts und der Struktur des Werts nachzudenken, die als solche eine „totale gesellschaftliche Form“ ist und nicht ein einfacher „ökonomischer“ Faktor. Wenn die Wertform die „Basisform“ oder die „Keimzelle“ der gesamten kapitalistischen Gesellschaft ist, wie wir schon unter Berufung auf die Formulierung von Marx gesagt haben, aber auch ein „soziales Totalphänomen“, wie unter Berufung auf die Formulierung von Marcel Mauss erwähnt, dann bedeutet das, dass auch der Wert als Form gesellschaftlicher Synthese zwei Seiten besitzt, eine „objektive“ und eine „subjektive“, wenngleich diese Begriffe uns zugegebenermaßen vor Probleme stellen. Man kann keiner dieser beiden Seiten den Vorrang über die andere geben, weder kausal noch chronologisch.


Der Warenwert besteht gleichermaßen aus einer Art „Vernichtung der Welt“ (wir sprechen hier nicht über die Auswirkungen, sondern über die zugrunde liegende Logik). Der Wert kennt nur Quantitäten, keine Qualitäten. Die Vielfältigkeit der Welt verschwindet angesichts des Immergleichen des Warenwerts, der von der abstrakten Seite der Arbeit produziert wird. Diese Seite – wir erinnern uns – bedeutet die Auslöschung jeder besonderen Eigenart konkreter Arbeit, die sie auf die simple Verausgabung eines Maßes menschlicher Energie reduziert und ihrer spezifischen Unterschiede beraubt. Vom Blickpunkt der abstrakten Seite aus ist der einzige Unterschied zweier Arbeiten die Menge des Werts und vor allem des Mehrwerts, die sie erzeugen. Ob man produziert, indem man Bomben oder aber Spielsachen herstellt, ist ohne Bedeutung; diese Indifferenz gegenüber dem materiellen „Träger“ des Werts ist ein Strukturgesetz, das von den Absichten der Akteure völlig absieht. So unterscheiden sich die Waren, in denen sich die abstrakte Seite der Arbeit „kristallisiert“, nur durch die Mengen des undifferenzierten Werts, den sie darstellen. Sie müssen irgendeinen Gebrauchswert haben und irgendwelche Bedürfnisse oder Wünsche befriedigen, aber diese Gebrauchswerte sind austauschbar. Die Logik des Werts besteht in einer gigantischen Reductio ad unum, in einem Auslöschen aller Eigenarten, die das wahre Gewebe der Existenz der Menschen und der Natur ausmachen. Die Wertlogik produziert eine strukturelle Gleichgültigkeit gegenüber den Inhalten der Produktion und der Welt ganz allgemein. Der von der abstrakten Arbeit produzierte Wert geht von einem Objekt auf das andere über. Aus Geld wird Ware, dann wieder Geld und so weiter in der Folge; aus dem Kapital wird der Lohn, dann wieder Kapital und so weiter in der Folge. Eine „Essenz“, eine „Substanz“ geht von einem Objekt auf das andere über, ohne sich je mit einem dieser Objekte zu identifizieren.


Wenn Marx den Fetischismus als reales Phänomen beschreibt und nicht als schlichte Bewusstseinstäuschung, deutet er auf dieses Faktum: Das Konkrete verliert seine zentrale Rolle im Leben und sieht sich darauf reduziert, nur eine Phase, ein Träger in der Selbstbewegung einer Abstraktion zu sein – wenn diese auch im Endeffekt aus dem Konkreten gewonnen wurde. Das ist wirklich eine ontologische Verkehrung! Es ist eine Bewegung, die vom Selben zum Selben geht, eine tautologische Bewegung: Das Kapital wächst an, um wieder investiert zu werden, um weiter anzuwachsen und so fort. Die wirkliche und materiale Welt, die Natur, die Menschen und ihre Bedürfnisse und Wünsche kommen hier nur als Reibungskoeffizient vor, oft auch als Hindernisse, die man überwinden oder in die Ferne verschieben muss. Die gewollte Aggression gegenüber der Welt, den Menschen und der Natur, die den Kapitalismus charakterisiert, ist kein Resultat einer Parteinahme für das Böse seitens der Herrschenden – auch wenn das manchmal hinzutritt –, sondern die Folgeerscheinung der zugrunde liegenden Gleichgültigkeit. Vom Standpunkt des Werts aus gesehen, existieren die Welt und ihre Eigenschaften einfach nicht.


Diese Zusammenfassung der Wertlogik erlaubt es, die Ähnlichkeiten mit der narzisstischen Logik zu erkennen. Der (sekundäre) Narzisst reproduziert diese Logik in seiner Beziehung zur Welt. Die einzige Realität ist sein Ich, ein Ich, das (fast) keine eigenen Qualitäten aufweist, weil es sich nicht durch Objektbeziehungen angereichert hat, durch Beziehungen mit dem Anderen. Gleichzeitig neigt dieses Ich dazu, sich auf die ganze Welt auszubreiten, sie zu verschlucken und sie auf eine einfache Repräsentation von sich selbst zu reduzieren, eine Repräsentation, deren Figuren ohne eigenes Wesen, flüchtig und austauschbar sind. Die Außenwelt – angefangen beim eigenen leiblichen Körper – hat für den Narzissten nicht mehr Bestand als der Gebrauchswert für den Wert. In beiden Fällen gibt es keine friedlichen Beziehungen, sondern bloß solche der Herrschaft und der Ausbeutung, um einem gierigen Appetit zu genügen. Er ist gierig, weil er von

Natur aus unersättlich ist – wir kommen auf Erysichthon[4] zurück: Der Wert muss sich unendlich vermehren, denn nichts Konkretes ist sein Ziel. Ein Durst kann gestillt, eine Pyramide schließlich errichtet sein; doch der Prozess, durch den Wert und Kapital sich vermehren, führt zu keinem Ende, keinem Gleichgewicht, keiner stabilen Situation der Befriedigung.


Ebenso wenig ist der Narzisst, wie wir gezeigt haben, jemals befriedigt. Sein Körper und damit seine genitale Befriedigung bleiben ihm fremd. Er lebt in einer Welt der Projektionen und Phantasmen, in der er wie Tantalus die anderen nicht „berühren“ kann. Er kann das als eine Form von Überlegenheit empfinden, die aus der Gleichgültigkeit stammt, als eine Abfolge von Situationen, in denen er mehr nimmt, als er gibt. Doch das Gefühl der „Leere“, das zu den hauptsächlichen Manifestierungen des Narzissmus zählt und das einer der wenigen Momente ist, in denen der Narzisst an seiner Situation leiden kann, zeigt das letztliche Scheitern dieser Strategie. Daraus folgt ein Wiederholungszwang, weil er darauf hofft, trotzdem eines Tags zur fantasierten Befriedigung zu gelangen.


Wenn man sich daran erinnert, dass alle Warenwerte gleich sind, dass sie nur verschiedene Mengen der gleichen phantasmagorischen Substanz – der abstrakten Arbeit – sind, versteht man die Rolle des Unbeschränkten und Tautologischen in der aktuellen Gesellschaft besser. Der ständige Übergang vom Selben zum Selben, ohne jemals eine Andersheit anzutreffen, sodass alles mit allem gleich ist, aber auch die Demolierung der Grenzen zwischen den Generationen und den Geschlechtern, die genetische Manipulation und die assistierte Reproduktion, bis hin zum Wunsch, seinen eigenen Körper wählen zu können: Es ist unmöglich, heute diese Erscheinungen zu untersuchen, ohne gleichzeitig die Wertlogik und die Narzissmuslogik zu berücksichtigen. Was sind zum Beispiel Videospiele anderes als eine körper- und schrankenlose Welt, ohne Grenzen zwischen dem Ich und dem Nicht-Ich?


Dieser Reduktionismus ist einer der ausgeprägtesten Züge der entwickelten Warengesellschaft: Überall ist die Vielfältigkeit der Welt auf dem Rückzug hin zu einer einzigen Substanz. Die Objekte, die ja im Prinzip nicht aufeinander zurückgeführt werden können, sind schließlich nur noch Träger dieser einen Substanz ohne Eigenschaft. Die Strichcodes sind dafür ein Beispiel: Jede Ware kann durch eine einzige, mehr oder weniger große Abfolge von Strichen identifiziert werden. Die flashcodes weiten diesen Vorgang auf jedes Objekt, materiell oder immateriell, aus. Sie sind Teil des Prozesses der „Digitalisierung der Welt“, deren reale Reichweite man gerade erst zu ermessen beginnt. Im binären Code existieren nur zwei Situationen, 0 und 1, geschlossener oder offener Kreislauf. Ihre Kombinationen genügen, um jedes Ens in der Welt zu identifizieren, nicht nur als Art, sondern auch als einzelnes Objekt. Die RFID-Chips (Radio frequency identification) können die Existenz eines jeden Joghurtbechers bis zum Verzehr verfolgen. Das Zusammentreffen von Digitalisierung und Genetik verspricht eine Art Apotheose, die auch eine Apokalypse sein wird. Die DNA kann wie ein binärer Code gelesen werden. Sie besteht nur (richtiger: sie kann so interpretiert werden) aus der Kombination zweier Chromosomen, X und Y, die, so wird behauptet, die Vielfältigkeit des Lebens auf der Erde hervorbringen soll. Offenbar gibt es einen Zusammenhang zwischen der Digitalisierung der Welt im Lauf der letzten Jahre und dem Anstieg der genetischen Forschungen und ihrer praktischen Anwendungen. Die „Entzifferung“ oder genauer gesagt die Decodierung des Genoms lebender Arten, inklusive der Menschen, ist, wenn man auch nicht wirklich weiß, wie weit sie gediehen ist, dank der Datenverarbeitung vorangeschritten, die Gene wie eine Software „lesen“ und dabei spezifische Softwares benutzen. Andererseits hat die Entwicklung der Datenverarbeitung ab einem gewissen Entwicklungsstadium großen Nutzen bei der genetischen Forschung mit sich gebracht. Die Genetik wird wie ein wunderbarer PC oder eine Software mit einer von menschlichen Hervorbringungen noch nie erreichten Komplexität aufgefasst. Die Bioinformatik hat ihre bedenklichsten Ergebnisse mit den genetisch veränderten Organismen (GVO) geliefert. Aber anstatt über ihre ohnehin bekannten Gefahren zu sprechen, wollen wir die Aufmerksamkeit auf die – gleichzeitig epistemologische und ontologische – Grundlage dieses technologischen Orkans von apokalyptischer Geschwindigkeit lenken: die Verleugnung der Vielfalt der Welt, ihre Reduktion auf eine ununterscheidbare Menge, deren einzige Funktion es ist, dem Subjekt zur Verfügung zu stehen und es mit einem Allmachtsgefühl auszustatten.


Eine Frage – ein Einwand – kann sich angesichts der Formulierung des Paradigmas fetischistisch-narzisstischer Verfasstheit ergeben. Diese Frage bezieht sich auf die historische Natur des Narzissmus. Die kapitalistische Gesellschaft basiert seit ihren Anfängen auf dem Wert, dem Geld und der abstrakten Arbeit. Vom vierzehnten Jahrhundert an ist das Geld nach und nach die gesellschaftliche Hauptvermittlung geworden.[5] Eine zweite wichtige Schwelle wurde im siebzehnten Jahrhundert mit der wissenschaftlichen Revolution überschritten, eine dritte dann im achtzehnten mit der industriellen. Wir haben uns auf Descartes konzentriert, weil seine Philosophie dem historischen Moment entspricht, da die Ware und vor allem das Geld begonnen haben, die gesellschaftlichen Beziehungen tatsächlich umzuformen. Entsprechend unserer Argumentation bis hierher scheint es, dass die kapitalistische Gesellschaft (oder die Warengesellschaft oder die Gesellschaft des Werts; die drei Begriffe sind für uns gleichwertig) immer schon narzisstisch war, und zwar nicht akzidentell, sondern ihrem Wesen nach. Wie nun das Überwiegen des Narzissmus als gesellschaftliche Pathologie erst nach dem Zweiten Weltkrieg erklären? Warum dominierte während einer so langen Zeit – einiger Jahrhunderte, wenn wir das Incipit Descartes’, anderthalb Jahrhunderte, wenn wir den voll entwickelten Kapitalismus mit der Bourgeoisie an der Macht betrachten – die Zwangsneurose und haben sich der Analcharakter, die das Individuum bedrückende Gemeinschaft, das institutionalisierte Über-Ich, der Pfarrer, der ohrfeigende Lehrer, Fabrik und Kaserne, die Moral von Sparsamkeit und Aufopferung des Ichs durchgesetzt? Das sind Faktoren, die nicht als sehr narzisstisch gelten. Und warum hat es Freud nicht für notwendig erachtet, dem Narzissmus eine zentrale Bedeutung zuzumessen? Warum musste man bis 1970 warten, um ein starkes Interesse für dieses Phänomen zu bemerken, vonseiten der Forschung wie auch der großen Öffentlichkeit?


Die Antwort ist, dass man zwischen dem begrifflichen „Kern“ eines historischen Phänomens und seiner konkreten Geschichte in der empirischen Realität unterscheiden muss. Die Unterscheidung zwischen einem „exoterischen Marx“ und einem „esoterischen Marx“ beruht auf dieser Tatsache: Marx hatte hinter der bunten Fassade der kapitalistischen Realität „abstrakte“ Faktoren wie den Wert ausgemacht. In „letzter Analyse“ ist es, wie er gezeigt hat, die Anhäufung abstrakter Arbeit in der Wertform und dann in der Geldform, die hinter deren Entwicklung steht und die sichtbaren Phänomene erklärt. Doch rückblickend können wir erkennen, wie die Analyse des „esoterischen“ Marx sich auf den noch halb versteckten Kern dieser gesellschaftlichen Formation bezog. Dieser war weithin von einer gesellschaftlichen Wirklichkeit verdeckt, die noch zahlreiche Züge vorkapitalistischer Gesellschaften bewahrt hatte. Phänomen und Wesen können sich manchmal in entgegengesetzte Richtungen entwickeln. Das Phänomen kann sein Wesen lange verbergen oder für sein Gegenteil ausgeben. So ist, vom Standpunkt der „reinen“ Wertlogik aus betrachtet, der Verkäufer der Arbeitskraft ein Verkäufer wie jeder andere und hat das Recht, alles zu tun, um für seine Waren den besten Preis zu erzielen. Er trägt als lebendiger Träger des variablen Kapitals zur Kapitalakkumulation bei. Er ist also mit derselben „Würde“ ausgestattet wie der Kapitalist, der lebendige Träger des fixen Kapitals. Doch die effektiven Reproduktionsbedingen des Kapitals, die noch stark mit feudalen Elementen durchsetzt waren, führten dazu, dass die Arbeiter und Arbeiterinnen weitgehend rechtlich untergeordnete Subjekte blieben, deren Vereinigungen und Streiks unterdrückt und deren Bestrebungen, sich als Warensubjekte zu verwirklichen, im Vergleich zu denselben Bestrebungen anderer gesellschaftlicher Schichten als ungesetzlich eingestuft wurden. Es war nicht zu vermeiden, dass selbst Marx nicht immer korrekt zwischen der „Essenz“ des Kapitalismus an sich und den kompromisshaften Formen unterscheiden konnte, die zu seiner Zeit zwischen der reinen Logik und dem Überleben anderer Formen gesellschaftlicher Synthesis bestanden, vor allem, weil er dem Klassenkampf die Funktion zuschrieb, das Warensystem als solches zu überwinden. Im Jahrhundert nach seinem Tod konnte man der allmählichen „Integration“ des Proletariats und dem Triumph der „reinen Wertlogik“ beiwohnen. Um es bildhaft auszudrücken: Man hat verstanden, dass ein Arbeiter, der nicht mit der Mütze in der Hand aufsteht, wenn der Chef den Raum betritt, sondern ihn duzt, genauso gut Mehrwert schaffen kann. Auf struktureller Ebene konnte man in den letzten Jahrzehnten sehen, dass ein Mehrwert, der von einer „Multitude“ autonomer Arbeiter ohne Chef und individuelle Ausbeutung produziert wurde, auf dem Markt genauso viel wert sein kann wie ein Mehrwert, der in Indien unter Verhältnissen à la Dickens produziert wurde. Die Arbeiterbewegung hatte ihren anfänglichen „Radikalismus“ aufgegeben, seit die Vertreter des Kapitals sich zu Kompromissen geneigt zeigten und auf gewisse Formen von Herrschaft verzichteten, die vom Standpunkt des Kapitals aus oft sogar irrational und die Frucht einer eher überholten Geisteshaltung waren.


Die Geschichte des Kapitalismus ist also die Geschichte des Prozesses, durch den der Kapitalismus immer mehr dazu kam, „mit seinem Begriff übereinzustimmen“, um es hegelianisch auszudrücken. Dieser „Begriff“, der empirisch nicht beobachtbar ist, sondern sich nur in der Analyse erschließt, wurde zunehmend sichtbarer und hat die Schlacken seines Erbes vorangegangener Epochen abgestreift. Gleichzeitig stellt diese Affirmation der „reinen“ abstrakten Form keinen Triumph dar, sondern verweist auf den Beginn ihrer endgültigen Krise. Und tatsächlich sind diese reinen Formen, die die Unterordnung jedes konkreten Inhalts unter die Akkumulation leerer und abstrakter Formen beinhalten, unvereinbar mit der Weiterführung „eines Lebens auf der Erde“ – sie konnten diese Gesellschaft nur, schlecht und recht, regeln, solange sie noch etwas „Substanz“ aus vorkapitalistischen Formen in sich trugen. Ihr totaler Sieg ist auch ihre Niederlage.


Das „automatische Subjekt“, der sich selbst verwertende Wert als Subjekt, ist schon mit der Existenz der abstrakten Arbeit, des Werts und des Gelds als gesellschaftliche Synthesis gesetzt. Es existiert in nuce seit etwa einem halben Jahrtausend. In seinem tiefsten Wesen ist der Kapitalismus kein Herrschaftsregime, das Personen ausüben – die „Kapitalisten“, die „Bourgeois“ –, sondern ein anonymes und unpersönliches Herrschaftsregime, das von „Funktionären“ der Verwertung, den „Offizieren und Unteroffizieren des Kapitals“, wie Marx sie nennt, geführt wird, von „Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen“.[6] Es handelt sich nach den Worten von Marx um den „Warenfetischismus“. Aber diese fetischistische anonyme Struktur ist durch die Jahrhunderte hindurch im Vergleich zu der Ebene, auf der Menschen aus Fleisch und Blut handeln, nahezu unsichtbar geblieben. Deren Rolle allerdings hat sich im Lauf des zwanzigsten Jahrhunderts ständig abgeschwächt, indem sich die Herrschaft des „automatischen Subjekts“ (das kapitalistische Verhältnis als solches) etabliert hat – auch wenn das viele Menschen nicht immer verstehen wollen und weiterhin alles Übel der Welt dem „einen Prozent“ oder wie früher den „zweihundert Familien“ zuschreiben. […]


Die klassische Neurose war das Ergebnis der Beziehung zu einer Autoritätsfigur, worin sich Angst und Zuneigung, libidinöse und aggressive Triebe mischten – und das brachte ein personales Über-Ich hervor. Der Narzissmus hingegen ist die psychische Form, die dem automatischen Subjekt entspricht. So wie das automatische Subjekt eine sehr lange Inkubationszeit brauchte, um in seiner „reinen“ Form zu erscheinen, die von Anfang an angelegt war, hat auch der Narzissmus viel Zeit gebraucht, um gesellschaftlich in actu zu werden, was er schon in potentia war. Das Geld mit seiner unpersönlichen Kraft der Gleichmacherei war immer ein Träger narzisstischen Geists. Wie man weiß, gründet sich die Herangehensweise von Marx nie auf die Untersuchung der Psychologie ökonomischer Akteure. Doch im letzten Kapitel, „Geld“, der Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahr 1844, die er 26-jährig während seines Paris-Aufenthalts schrieb, analysierte er das Geld, vor allem durch einige Passagen aus Goethes Faust und Shakespeares Timon von Athen als das narzisstische Medium par excellence (natürlich ohne dieses Wort zu verwenden). Geld gibt dem Individuum absolute Macht und alle Vorzüge, es macht Allmacht aus der Ohnmacht, es löscht die spezifischen Eigenschaften von Dingen und Personen aus.[7]




Endnoten


[1] Wäre ich das Feuer, ich verbrennte die Welt. / Wäre ich der Wind, ich peitschte sie mit Stürmen. / Wäre ich das Wasser, ich ertränkte sie. / Wäre ich Gott, ich versenkte sie. / Wäre ich Papst, wäre ich erst zufrieden, / wenn ich alle Christen ins Elend brächte. / Wäre ich Kaiser, weißt du was ich machte? / Ich schlüge allen glatt die Köpfe ab. / Wäre ich der Tod, ich besuchte meinen Vater, / wäre ich das Leben, ich flöhe ihn. / Dasselbe machte ich bei meiner Mutter. / Wäre ich Cecco, der ich ja bin und war, / nähme ich mir die jungen und schönen Frauen / und ließe die alten und hässlichen den anderen.


[2] Wenngleich dieser Begriff, wie Henri Lefebvre in den 1960ern festgestellt hat, nichts aussagt; er schlug vor, von der „bürokratisch gelenkten Konsumgesellschaft“ zu sprechen.


[3] Anm. d. Red.: Siehe das Kapitel Descartes ist schuld (S. 30ff.).

[4] Anm. d. Red.: Erysichthon ist eine mythologische Figur, die durch die Entweihung eines der Göttin Demeter geweihten Ortes mit unstillbarem Hunger bestraft wurde. Egal wie viel Erysichthon aß, der Hunger blieb; er verzehrte daher seinen ganzen Besitz und letztendlich sich selbst. Jappe verwendet den Mythos von Erysichthon im Prolog seines Buches leitmotivisch als frühes literarisches Zeugnis für die Destruktivität und Autodestruktivität unersättlicher Gier (S. 7ff.). 


[5] Siehe Robert Kurz, Geld ohne Wert. Grundrisse zu einer Transformation der Kritik der politischen Ökonomie, Horlemann, Bad Honnef, 2012

[6] Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Band 1, MEW, Band 23, S. VIII

[7] Siehe Karl Marx/Friedrich Engels, Werke. Ergänzungsband, 1. Teil, Dietz Verlag, Berlin, 1981, S. 562ff.